Die prekäre Lage der Kunstkritik in der Gegenwart diskutieren namhafte Philosophen und Kunsthistoriker in einer beim Kulturverlag Kadmos Berlin erschienenen Aufsatzsammlung. Stefan Hetzel hat den Band mit Gewinn gelesen.

buchkritik

Kunstkritik auf dem Prüfstand

Von Stefan Hetzel

Große Teile der professionellen Kunstkritik sind heutzutage schlicht dysfunktional – zu diesem Urteil kann man nach der Lektüre der Aufsatzsammlung “Autonome Kunstkritik” kommen, die 2012 im Kulturverlag Kadmos Berlin erschien. Ausgehend von den “Zehn Thesen zur Kunstkritik” des Berliner Philosophen Harry Lehmann gehen Wolfgang Ullrich und Hanno Rauterberg mit ihrem eigenen Metier hart ins Gericht. Ergänzt werden ihre streitbaren Beiträge durch eher informativ orientierte Überblicke zur Geschichte der Literatur- , Musik- und Kunstkritik von Peter Bürger, Jörn Peter Hiekel und Christian Demand.

Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der ZEIT, polemisiert gegen seine Kollegin Isabelle Graw von TEXTE ZUR KUNST. Diese habe zwar geholfen, im Jahre 2003 ein an die Frankfurter Städelschule angegliedertes “Institut für Kunstkritik” zu begründen. Die selbstverschuldete Unfreiheit bzw. Verfilzung des Kunstkritikers mit dem Kunstbetrieb – bei Lehmann “Heteronomie zweiter Ordnung” genannt – habe sie außerdem in ihrem Buch “Der große Preis” von 2009 sehr treffend beschrieben. Graw gehöre jedoch schlicht “selbst zu den multiplen Persönlichkeiten, die sie kritisiert”. Wie fast schon zu erwarten, fordert Rauterberg die Gründung eines Konkurrenzunternehmens ein: einer unabhängigen “Akademie für Kunstkritik”. Mit Rauterberg als Präsident?, fragt sich der Rezensent da unwillkürlich.

Der in Karlsruhe lehrende Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich beklagt eine zunehmende “Mono-Nomie” der Kunst und ihrer Protagonisten, die die Maßstäbe, nach denen sie beurteilt werden möchten, am liebsten gleich selbst dekretierten. Urteile ein Kunstkritiker dagegen nach selbstbestimmten Kriterien, werde dies reflexhaft als Einschränkung der Kunstautonomie oder gleich als Spießertum abgelehnt. Damit aber, so Ullrich, verwechselten die Künstler schlicht den Schaffens- mit dem Rezeptionsprozess. Wenn sich die Kunstkritik auf derlei übergriffiges Gebaren einlasse, verkümmere sie zwangsläufig zu einer Art assistierendem Durchlauferhitzer und verwirke – ohne Not – ihre institutionelle Daseinsberechtigung.

Einen systemtheoretisch inspirierten Gegenentwurf zu dieser Malaise bietet Harry Lehmann in seinen “Zehn Thesen zur Kunstkritik” an. Sein Argumentationsgang überrascht: Gerade weil sich die Neuheit von Kunst in postmodernen Zeiten nicht mehr an ihrem Materialstand ablesen lasse, liege ihr größtes Innovationspotential heute bei einer unabhängigen Kunstkritik. Deren Aufgabe sei es, sprachliche Brücken zwischen Zentrum und Peripherie des kulturellen Selbstverständnisses zu schlagen. Die Kunstkritik soll so für den ausbleibenden Materialfortschritt in der Kunst selbst einspringen. Dabei habe der Kunstkritiker eigentlich immer nur die eine Frage zu beantworten: Schafft es das Kunstwerk, dass in ihm ästhetische in lebensweltliche Erfahrung umschlägt? Wenn ja, wie genau gelingt ihm das? Wenn nein, warum nicht?

“Autonome Kunstkritik” bringt die zunehmend prekäre Lage der Kunstkritik heute auf den Punkt. Als Teil eines irritationsresistenten Kunstsystems verliert diese über dessen Macht- und Verteilungskämpfen ihre Eigenwerte mehr und mehr aus dem Auge. Oberflächlich geht es ihr zwar weiterhin um Inhalte, “letztendlich”, so Harry Lehmann bündig, “breiten sich aber Tauschverhältnisse in den sozialen Subsystemen aus, unter denen nur noch mit der kleinen Münze persönlicher Vorteile gehandelt wird.”

Das Buch ist eine gewinnbringende Lektüre nicht nur für Insider, sondern für jeden, der tiefere Einsicht in die schwierige Lage der Kunstkritik heute gewinnen will.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 23.12.2013

Harry Lehmann (Hrsg.)
Autonome Kunstkritik
Broschiert, 155 Seiten
ISBN: 978-3-86599-158-4
Kulturverlag Kadmos, Berlin 2012

Buch bestellen