James Matthew Barries „Peter Pan“ wurde vor allem als Disney-Zeichentrickfilm bekannt. Die Oper Stuttgart hat diesen Stoff nun auf die Bühne gebracht. Mit Erfolg, wie Thomas Rothschild berichtet.

junge oper

Peter Pan und der singende Hund

Von Thomas Rothschild

Auf nachtkritik.de wunderte sich kürzlich ein Kritiker über die Großeltern, die sich noch 55 Minuten auf ein Hörspiel von Alfred Andersch konzentrieren konnten. Wenn es die Enkel nicht mehr können, so hat das weder mit einer Veränderung der Gene zu tun noch mit verhängnisvollen Strahlen aus dem Weltraum. Es ist ein Produkt einer nun schon Jahrzehnte anhaltenden Erziehung durch die Medien. Konzentration muss man üben wie Kopfrechnen oder Auswendiglernen (es sei denn, man hielte sie für überflüssig). Die Medien haben das konzentrierte Zuhören stattdessen im Gegenteil vernichtet, und zwar systematisch und mit Absicht. Und die Absicht wurde ausgeführt von Komplizen, die sich dumm stellten, weil sie davon Vorteile hatten, oder tatsächlich so dumm sind, dass sie nicht durchschauten, was da gespielt wird.

Konzentration auf den langen, den komplexen Text ist erforderlich, wenn nicht nur Fragmente, nicht nur Schnäppchen, sondern Zusammenhänge, Strukturen vermittelt werden sollen. Und genau dies, das Erkennen von Zusammenhängen, ist nicht erwünscht, wo die Interessen der Herrschenden, des Status quo verteidigt werden müssen. Denn wer die Zusammenhänge begreift, könnte auf den Gedanken kommen, sie zum Besseren zu verändern. Die Zerstörung der Konzentration durch die kontinuierliche und zunehmende Zerstückelung von Wortbeiträgen ist ein krimineller Anschlag auf das menschliche Gehirn wie ein Hieb mit einem Beil. Und die mit aggressiver Selbstgefälligkeit behaupteten, die Hörer wollten das so, und jeden Kritiker ausschalteten, der daran Zweifel anmeldete, haben nun jene Zombies geschaffen, die sie als Ausrede für ihre Untaten imaginiert haben: Enkel, die sich keine 55 Minuten konzentrieren können und die Großeltern wie ein Phantom bestaunen, die das noch konnten.

Dass Kinder, entgegen allen Klischees, so nicht auf die Welt kommen, dass sie erst durch die Medien zu konzentrationsunfähigen Wesen erzogen werden – die Metapher „Gehirnwäsche“ ist hier begründet –, bewies vor fast vier Jahren eine Kinderoper in Stuttgart: Jonathan Doves „Pinocchio“ bietet keine eingängigen Melodien an, sie entspricht nicht den Pädagogenbehauptungen vom „Kindgemäßen“. Und doch hörten Kinder, sogar im Vorschulalter, nicht 55 Minuten, sondern mehrere Stunden mucksmäuschenstill zu. Wer das miterlebt hat, kann nur wütend sein auf jene Mächte, die diese Anlage vernichten. Welches Glückspotential fürs Leben wird doch da mutwillig zertrümmert.

An den fulminanten künstlerischen Erfolg von „Pinocchio“ kann „Peter Pan“ von Richard Ayres nicht anschließen. Gemeinsam haben beide Opern, dass sie sich die Bekanntheit des Stoffes in der fragwürdigen Vermittlung durch Walt Disney zunutze machen. Über deren Vorstellung von Fantasie und Putzigkeit kann man gewiss streiten. Bei „Pinocchio“ ging die Rechnung vielleicht auf, weil die Vorlage mehr hergibt, als Disney daraus gemacht hat. James Matthew Barries „Peter Pan“ ist dagegen doch um einiges schlichter und auch stärker an die Zeit der Entstehung vor mehr als 100 Jahren gebunden als der zwei Jahrzehnte ältere Text von Carlo Collodi.

Nach einem Vorspiel sieht man auf der Bühne der Stuttgarter Oper eine überdimensionierte dottergelbe Dachkammer mit drei Betten für Wendy, Michael und John Darling – und Bühnenbild von Kostüme von Duncan Hayler sind auch schon das Einfallsreichste an dieser Inszenierung. Der Regisseur Frank Hilbrich hat für die „Familienoper“ nicht die Fantasie entwickelt, die sie benötigt, und stattdessen viel Leerlauf erzeugt. Dazu mag auch das unproportionierte Libretto von Lavinia Greenlaw genötigt haben, dessen Text man im übrigen so schlecht versteht, dass die Lektüre der Übertitel unbedingt notwendig ist. Ob Kinder damit nicht überfordert sind oder zumindest versäumen, was derweil auf der Bühne passiert?

Was passiert: es wird viel geflogen. Das ist bekanntlich ein Kernmotiv von „Peter Pan“, und man kann nur hoffen, dass eine freudianische Interpretation hier fehl am Platze ist. Als Bühnenereignis aber erschöpft sich die Faszination von fliegenden Kindern an stets sichtbaren Seilen im Zeitalter der Computeranimation schnell. Da wird man im Zirkus besser bedient. Auch von den Viechern hat man dort gemeinhin mehr. In der Oper gibt es nur einen singenden Hund und ein faul die Rampe entlang kriechendes Krokodil. Ganz am Schluss öffnet sich ein die Bühne ausfüllendes Krokodilsmaul wie der Eingang zur Grottenbahn im Prater, um den gar nicht grauslichen Käptn Hook und seine Schiffsmannschaft zu verschlingen.

Aber auch die Musik bietet wenig Anlass zu szenischer Umsetzung. Häufige Rhythmus- und Tempowechsel zwischen tonalen Fetzen, zu deren Durchführung der Komponist offenbar nicht das Vermögen oder keine Lust hatte, täuschen Bewegung vor, wo Stillstand herrscht. Für fehlende musikalische Einfälle muss eine effektbewusste Instrumentation einspringen.

Ein Erfolg wurde es dennoch. Der Schlussapplaus wollte nicht enden, die Beteiligten waren offensichtlich beglückt, und Skeptiker konnten registrieren: bei Kindern sind weit mehr als 55 Minuten Konzentration sogar dort abrufbar, wo ihr wenig geboten wird – weniger jedenfalls als bei „Pinocchio“.

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erstellt am 21.12.2013

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Peter Pan
Von Richard Ayres
Familienoper ab 8 Jahren
In deutscher Sprache mit Übertiteln

Oper Stuttgart

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Szenenfoto: A.T. Schaefer

Szenenfoto: A.T. Schaefer