„Out of the Box“ heißt Eric Gauthiers experimentelles Programm am Theaterhaus Stuttgart, bei dem er den Tänzerinnen und Tänzern seiner Compagnie ermöglicht, sich als Choreographen auszuprobieren. Thomas Rothschild hat sich die vierte Ausgabe dieses Programms angeschaut.

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Der Versuchung widerstehen

Von Thomas Rothschild

Bereits zum vierten Mal hat Eric Gauthier zu einem Programm „Out of the Box“ im Stuttgarter Theaterhaus eingeladen, in dem er den Tänzerinnen und Tänzern seiner Compagnie Gelegenheit anbietet, sich als Choreographen auszuprobieren. Derlei Konsequenz zeugt von einer Haltung: Die Pflege des Nachwuchses anstelle der Wette auf das risikolose Bewährte ermöglicht Überraschungen, stellt aber vor allem den schöpferischen Menschen über das Ergebnis. Darin liegt eine humanistische Kraft. Ob Gauthiers Ensemblemitglieder die Choreographen von morgen sind, wie der Chef, stets gut gelaunt, zu Beginn von einem Monitor herab verkündet, sei dahingestellt. Darauf kommt es auch nicht an. Dass aber das Experiment ins Zentrum der Arbeit gestellt und nicht an den Rand gerückt wird, ist verdienstvoll. Selbst wenn einmal etwas daneben geht.

Die Versuchung, in die zehn bis fünfzehn Minuten, die zur Verfügung stehen, möglichst viel hineinzupacken, möglichst viele Einfälle zu stopfen, ist für Anfänger groß. Dass es ein Gewinn sein kann, wenn man sich zurücknimmt, wenn man nicht alles ausstellt, was man zu besitzen meint, lernt man wohl erst mit der Zeit. Auch an diesem Abend leiden einige Beiträge an einer Überfülle, an einer Hektik, die keinem Gedanken erlaubt, auszuklingen, weil gleich der nächste auf den Fuß (und hier, im Tanztheater, tatsächlich auf den Fuß) folgt. So kam denn die schönste Choreographie kurz vor Schluss. Sebastian Kloborgs „Ways to Go“ spielt das Motiv der Ausgrenzung, des Gegensatzes von Individuum und Kollektiv durch, zunächst komisch, am Ende erschreckend. Einfache Tableaus und Gänge erzählen nicht so sehr eine Geschichte, wie eine paradigmatische Situation und sind zugleich formal von einer zwingenden Schönheit.

Am nächsten kommt der Stringenz von Kloborgs Choreographie „A Thousand Silver Drops“ von Garazi Perez Oloriz inmitten von zahllosen durchsichtigen Plastikbechern (das Bühnenbild hat die Choreographin selbst entworfen). Wichtig ist beim Ballett die Auswahl der Musik. Fast alle Choreographen des Abends geben an, dass sie ihre Inspiration einem Musikstück verdanken. Garazi Perez Oloriz benützt alte Blues-Aufnahmen, wobei insbesondere bei Ma Rainey die technischen Mängel, das Rauschen der Schallplatte einen zusätzlichen Reiz ausmachen (und wenn junge Besucher auf diesem Umweg Ma Rainey für sich entdecken, hat der Gang ins Theaterhaus schon gelohnt). Überhaupt: die Wirkung der Musik sollte man nicht unterschätzen. Allein die Lautstärke aus erstklassigen Boxen („Out of the Box“!), die man daheim den Nachbarn nicht zumuten mag, ist nicht nur für die Ohren, sondern auch für die mitschwingenden Knochen ein Erlebnis. An diesem Tanzabend reicht das Repertoire von Michael Nyman bis Krzysztof Penderecki, von Freddy Quinn bis Tom Waits.

Aber nicht nur Musik, auch Rhythmus, Melodie und Klang der Poesie können Tanz inspirieren. So geht Miriam Gronwald in ihrem Pas de deux „The Side of the Truth“ von einem pathetisch rezitierten Gedicht von Dylan Thomas aus. Auch sie widersteht der Verführung zur Überhäufung.

Florian Lochners „wan | del | bar“ nutzt als einzige Choreographie des Abends ausgiebig ein Requisit: tatsächlich eine Box, deren Stoffwand durch einen Spalt Tänzer auftreten und verschwinden oder auch nur einzelne Körperteile auftauchen lässt. Ein Spiel, das zwischen Tanz und asiatischem Theater changiert.

Ist es die äußerste Reduktion oder doch eher Narzissmus, wenn sich Maria Prat Balasch das Solostück „Veste'n“ auf den Leib geschrieben hat? Gauthier hat acht Schöpfer von Uraufführungen eingeladen. Es ist schön, wenn diese ihrerseits die Kolleginnen und Kollegen einladen, ihre Choreographien tänzerisch zu realisieren. Einige kamen ohnedies zu kurz. Länger als zweieinhalb Stunden darf so ein Tanzabend nicht dauern.

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erstellt am 20.12.2013

Szenenfoto: Regina Brocke

GAUTHIER DANCE
Out of the box IV

Theaterhaus Stuttgart

Szenenfoto: Regina Brocke

Szenenfoto: Regina Brocke

Szenenfoto: Regina Brocke