Schon der erste Roman der brasilianischen Autorin Andréa del Fuego gewann den Prémio José Saramago. Inzwischen erschien ihr zweiter Roman: »As Miniaturas«. Sie greift darin auf den Legendenschatz des Hinterlandes zurück und überdreht diese Geschichten zu einer Art magischem Hyperrealismus, meint Michael Kegler.

porträt

Andréa del Fuego

Von Michael Kegler

Die Serra Morena ist steil, feucht und fruchtbar.
Am Fuße des Gebirges leben die Malaquias, das Fenster ihres Hauses ist groß wie eine Tür, die Tür von der Gravität dunklen Holzes.

Dann schlägt der Blitz in das Haus ein und tötet die Eltern. Die Kinder überleben, denn das Herz der Kinder, aller drei, befand sich in der diastolischen Phase, die Schnellstraße des Blutes war frei. Das geweitete Gefäß behinderte nicht den Stromfluss, und der Blitz schoss durch den Aortenbogen, ohne das Organ zu schädigen. Die drei erlitten nur kleine, fast unmerkliche Verbrennungen.

Man möchte aus diesem Buch endlos zitieren, denn die Sprache, in der Andréa del Fuego schreibt (so behutsam wie präzise übersetzt von Marianne Gareis) ist so besonders wie der Roman selbst. Manchmal wie überbelichtet, als sei jedes Detail von besagtem Blitz getroffen worden, mal sarkastisch und knapp, geradezu wortkarg, wie die Protagonisten in ihrem Tal am Fuße der Serra Morena.

Die drei Kinder, nun plötzlich zu Waisen geworden, verstreut es in alle Winde. Nico, der Älteste wird vom Großgrundbesitzer als Knecht aufgenommen und bleibt in der Gegend. Die beiden anderen werden von französischen Ordensschwestern in Obhut genommen, das Mädchen später von einer Familie in die Stadt adoptiert und als billige Arbeitskraft missbraucht, der Jüngste, ein kleinwüchsiger „Zwerg“, bleibt bei den Ordensschwestern und wird später zu einer zentralen Figur des Romans, in den sich ganz allmählich und wie nebenbei, recht wundersame, fantastische Dinge einschleichen.

Denn in das Tal zieht der „Fortschritt“ ein in Gestalt eines Stausees, der Elektrizität produzieren wird. Und während die einen Bewohner vor dem steigenden Wasser fliehen, andere sich schlicht überfluten lassen, erwacht Geraldina, die verstorbene Mutter des Großgrundbesitzers zu neuem Leben, heftet sich als Substanz wie ein Schutzengel an das Schicksal der Protagonisten. Und auf der anderen Seite des Tals wartet in einer Höhle ein Schiff …

Als Andréa del Fuego 2011 für den Roman den José Saramago-Preis bekam, war sie auch in der portugiesischsprachigen Welt noch so gut wie unbekannt. Der nach dem ersten portugiesischsprachigen Literaturnobelpreisträger benannte Preis zeichnet alle zwei Jahre eine portugiesischsprachige Literaturhoffnung unter 35 Jahren aus. In letzter Minute sozusagen für die 1975 geborene Schriftstellerin aus São Paulo, die ihre literarische Karriere mit dem Beantworten von Leserfragen zu Sex-Themen begonnen hatte und sich dafür bei einer brasilianischen Tänzerin das exotische Pseudonum „del Fuego“ auslieh, das wiederum auf eine argentinische Lippenstiftmarke zurückgeht … Eine schillernde Figur, möchte man glauben; ihre ersten drei Erzählbände heißen denn auch: „Minto enquanto posso“ (2004; dt: Ich lüge, solange ich kann), „Nego tudo“ (2005; dt: Ich leugne alles) und „Engano seu“ (2008; dt.: Du täuschst dich). Daneben hatte sie aber auch schon vier Jugendbücher verfasst, bevor sie mit ihrem ersten Roman über Nacht bekannt wurde.

Zu dieser Zeit hatte sich allerdings endlich durchgesetzt, dass die neue brasilianische Literatur vor allem urban sei, dass man aufhören solle, von ihr permanent Magischen Realismus zu erwarten, der schließlich eine eher lateinamerikanische Angelegenheit der achtziger Jahre sei und mit dem Brasilien von heute schon einmal überhaupt nichts zu tun habe. Da musste ein Buch wie „Os Malaquias“ unweigerlich einschlagen wie der eingangs zitierte Blitz. Denn der Roman knüpft nicht nur an den Regionalismus aus der Mitte des 20. Jahrhunderts an, sondern bedient sich geradezu unverschämt aus dem Legendenschatz eines als Sujet fast abhanden gekommenen Hinterlandes, überdreht diese Geschichten zu einer Art magischem Hyperrealismus. Es seien Geschichten, die sie von ihrer Großmutter gehört habe, und den Blitzeinschlag habe es wirklich gegeben, behauptet die Autorin in Interviews und verweist damit verschmitzt auf eine Realität neben der offiziellen Realität des boomenden, modernen, hektischen und urbanen Brasiliens: Wo ihr Roman spielt, sind auch heute noch nicht alle Straßen asphaltiert, Pferdekarren durchaus ein normales Transportmittel, und dass jemand behauptet, Dinge erlebt zu haben, die jedweder nüchternen Logik widersprechen, nicht außergewöhnlich. Nur als Schauplatz der Literatur war diese Region des brasilianischen Imaginariums für eine Weile abhanden gekommen.

Der neue Roman, den Andréa del Fuego soeben auf Portugiesisch vorgelegt hat, bewegt sich dann wieder in einem ganz anderen Milieu. „As Miniaturas“ (Die Miniaturen) heißt er und spielt in der Warteschlange vor dem Aufzug in einem imposanten Hochhaus. Doch ja, auch hier treffen Traumwelten auf Realität. Es gibt Träumende und Traumverwalter. Nur anders. Auf die Marke des Magischen Realismus lässt sich Andréa del Fuego nicht reduzieren. Was man sieht und was man zu wissen glaubt, sind gleichwertige Realitäten. Doch warum eigentlich nur im brasilianischen Hinterland? Warum nicht auch in brasilianischen Städten? Warum eigentlich nur in Brasilien?

Bekannt wurde Andréa del Fuego seinerzeit über Nacht. Eine der spannendsten brasilianischen Stimmen war sie da (weitgehend unbemerkt) schon seit einiger Zeit. Und sie wird es bleiben. Soviel ist sicher, denn auch für ihr neuestes Buch findet die brasilianische Kritik ähnliche Worte wie die, mit denen Niklas Bender in der FAZ die Übersetzung von „Geschwister des Wassers“ lobte: „Man meint, Worte und Sätze unter der Hand zu spüren“.

Interview mit Andréa del Fuego (In portugiesischer Sprache)

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 17.12.2013

Andréa del Fuego
Andréa del Fuego

Andréa del Fuego (eigentl. Andréa Fátima dos Santos) wurde 1975 in São Paulo geboren, arbeitete zunächst in der Werbung, schrieb dann Kolumnen und Kurzgeschichten sowie Kinder- und Jugendliteratur. Ihr erster Roman „Os Malaquias“ wurde 2011 mit dem Prémio José Saramago ausgezeichnet und dadurch international bekannt. Inzwischen erschien ihr zweiter Roman „As Miniaturas“.

Andréa del Fuego
Geschwister des Wassers
Übersetzt aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis
Fester Einband, 204 Seiten
ISBN: 978-3-446-24331-6
Hanser Verlag, München 2013

Buch bestellen

schwerpunkt

Lusophone Literatur

Michael Kegler betreut auf Faust-Kultur den Schwerpunkt: Lusophone Literatur und stellt in loser Folge Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor.

mehr