Den Künstlerinnen Ottilie W. Roederstein, Emy Roeder und Maria von Heider-Schweinitz richtet das Frankfurter Museum Giersch (15.9.2013-26.1.2014) eine hervorragende Ausstellung aus. Warum im Besonderen Letztere kaum bekannt ist, begründet Isa Bickmann in ihrer Ausstellungsbesprechung.

ausstellung in frankfurt

Mit Willen und Beharrlichkeit zur Kunst

Von Isa Bickmann

Die Kunstgeschichte ist voll von Künstlerinnen, doch viele haben es kaum zu größerer Bekanntheit gebracht. Zu Lebzeiten oftmals unbeachtet oder spätestens nach ihrem Tod vergessen, das Werk verloren oder in alle Winde verstreut, die Kunst frühzeitig für Ehe und Mutterschaft aufgegeben oder unterbrochen und dann nie wieder den Anschluss gefunden, warten noch viele auf wissenschaftliche Beachtung und öffentliche Präsentation. Freilich holt sich manches Museum lieber einen bekannten Künstler ins Haus, einen sogenannten Blockbuster, damit die Besucherzahlen stimmen und man den notwendigen Geldfluss der Träger und der Sponsoren weiterhin stimulieren kann. So funktioniert das System nun einmal. Ausstellungen im Museum Giersch sind daher etwas Besonderes in der Frankfurter Museumslandschaft, was natürlich auch dem Schwerpunkt des Hauses auf Künstler der Region geschuldet ist. Die aktuelle Ausstellung, die drei Künstlerinnen in den Fokus rückt, ist nicht nur wegen der Qualität der Objekte sehenswert, sondern auch, weil alle drei Biografien die Komplexität von Künstlerinnenvita, Lebenswirklichkeit und Werkrezeption aufzeigen. „Künstlerin sein!“ lässt erkennen, was die kunstwissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der „Gender Studies“ bislang erarbeitet hat und wo sich immer noch große Lücken auftun.

So einfach ist es nicht, Künstlerinnen vor dem Hintergrund der von Männern dominierten Kunstgeschichtsschreibung in den Mittelpunkt zu stellen, ist doch in vielen Fällen erst einmal Grundlagenforschung zu tätigen. Die Idee zur Ausstellung im Museum Giersch entstammt denn auch solch einer elementaren Forschungsleistung, die mit der Ausstellung und Publikation „Expressionismus im Rhein-Main-Gebiet. Künstler – Händler – Sammler“ 2011 im Museum Giersch einherging. In jener Schau hing das Ölgemälde „Kleine Jüdin“ von Maria von Heider-Schweinitz. Es zeigt ein junges Mädchen mit dunklen, verschatteten Augen sitzend, die Arme übereinandergelegt. Die Künstlerin hat es auf den 10. November 1938 datiert, jenen Tag nach der antijüdischen Pogromnacht. Der direkt auf den Betrachter gerichtete Blick aus traurigen Augen, der heftige Pinselstrich, mit dem der Hintergrund gemalt ist und in fragender Kenntnis dessen, was wohl auf das Mädchen noch zukommen sollte, ist dieses Bild, das sich in einer Privatsammlung befindet, ungeheuer bewegend. Man wurde aufmerksamer auf diese Künstlerin, die ihr Leben lang mehr oder weniger privat malte, aber zu anspruchsvollen Ergebnissen kam.

In Darmstadt geboren als Johanna Maria Lina Gräfin von Schweinitz (1894-1974) und in Berlin aufgewachsen, erhält sie eine künstlerische Ausbildung bei dem deutsch-französischen Spätimpressionisten George Mosson. Sie heiratet mit 21 Jahren Karl von Heider, der nach seiner Offizierszeit 1920 eine Stelle bei der Chemischen Fabrik Griesheim-Elektron A.G., der späteren I. G. Farben, antritt. Sie bringt drei Kinder zur Welt und steigt erst Ende der zwanziger Jahre wieder in die Kunst ein. Von Heider-Schweinitz nimmt Bildhauerunterricht an der Städelschule bei Richard Scheibe. 1932 beginnt die lebenslange Freundschaft mit Karl Schmidt-Rottluff. Gerhard Marcks und Richard Scheibe gehören ebenfalls zum engeren Freundeskreis. Sie unterhält bis 1943 ein Atelier an der Städelschule. Da ihre Kunst sich an einem ungestümen Expressionismus orientiert, der beim Regime verpönt ist, arbeitet sie im Privaten. Ihr Mann wird Parteimitglied und nimmt eine leitende Position bei der I. G. Farben ein. Das malerische Werk seiner Frau scheint dagegen die Konflikte der Zeit zu reflektieren. Sie verlieren bereits am 2. Kriegstag den Schwiegersohn, ein Sohn wird schwer verwundet und erkrankt psychisch. Dieser begeht später Selbstmord. Der jüngste Sohn stirbt ebenfalls nach einer Verwundung. Nach dem Krieg, der den Verlust von 300 Gemälden mit sich bringt, muss das Ehepaar das Entnazifizierungsverfahren durchlaufen. Schmidt-Rottluff, der Städeldirektor Holzinger und Gerhard Marcks schreiben ihnen positive Bescheinigungen über ihre Gesinnung zur Nazizeit.

Nach 1946 ergeben sich einige Ausstellungsbeteiligungen und eine erste Einzelausstellung 1949 im Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath. Ingrid von der Dollen bezeichnet von Heider-Schweinitz als „doppelt verschollen“: Nicht nur gehöre sie zu der zweiten Expressionistengeneration, deren Werk in der Nazizeit stark eingeschränkt war und die es nach 1945 aufgrund der Änderung des Kunstgeschmacks nicht mehr zu größerer Beachtung brachte, bei Heider-Schweinitz komme noch das Geschlecht hinzu. (vgl. den Aufsatz von Susanne Wartenberg im Kat. S. 154). Damit teilt sie das Schicksal mit vielen Künstlerinnen der um 1900 geborenen Generation. Von Heider-Schweinitz starb 1974 in Frankfurt, nachdem sie 1950 ihren Mann verloren hatte und 1963 auch ihr letztes Kind, die Tochter, Selbstmord begangen hatte. Ihr Ringen um öffentliche Anerkennung ihrer Kunst gelingt nicht.

Doch nicht allein die Erfüllung gesellschaftlich bedingter Korsetts wie Ehe und Mutterschaft behinderten Frauen in der Ausübung eines künstlerischen Berufes. „Man verwies auf sie [die Frauen] auf die Mutterschaft und – falls sich darüber hinaus Interesse regte – nicht auf künstlerische Arbeit selbst, sondern auf dilettantische Teilnahme an der Kunst.“, schrieb Renate Berger in „Malerinnen auf dem Weg ins 20. Jahrhundert“ (1982). Der um sich greifende Dilettantismus infolge gleichfalls fehlender Ausbildungsmöglichkeiten sowie abseits des Kunstbetriebs betriebene Einrichtungen wie „Damenateliers“ boten im 19. Jahrhundert kaum eine Möglichkeit zur Professionalisierung, da die Akademien lange Zeit keine Frauen zuließen. Der abschätzig gebrauchte Begriff „Malweiber“ fasst alle Vorurteile und Diskreditierungen zusammen. Und als dann der Zutritt zu den Akademien endlich für Frauen gestattet war, wurde das wichtige Feld des Aktstudiums ausgespart. Um ohne Familie einer künstlerischen Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, war ein ungeheuer starker Wille und ungemeine Beharrlichkeit notwendig.

Die Ausstellung steigt mit Ottilie Wilhelmine Roederstein (1859-1937) ein, die, einer anderen Generation angehörend, einen völlig anderen Lebensentwurf als Heider-Schweinitz verfolgte und die mit jenem starken Kunstwollen ausgestattet war. In Zürich von deutschen Eltern geboren, musste sie ihren Herzenswunsch, Künstlerin zu werden, vor allem gegen die Mutter durchsetzen. Sie ging 1882 nach Paris, erlernte im „Damenatelier“ von Jean-Jacques Henner (1829-1905), einem idealistischer Maler, bekannt für seine Idyllen mit Akten, und im Studio des dem Realismus zugeordneten Carolus Duran (1837-1917) ihr Handwerkszeug. 1883 stellt sie bereits im Salon aus, ein „Befreiungsschlag“, wie sie es selbst beschrieb. Die Teilnahme an weiteren Salons in der Schweizer Sektion mündet in die Silbermedaille 1889 für „Miß Mosher oder Fin d’été”.

Ihre Lebensgefährtin Elisabeth H. Winterhalter (1856-1952) übernimmt als erste weibliche Gynäkologin in Frankfurt eine Praxis. Das Paar zieht 1891 in die Bleichstraße 60, später in den Oeder Weg 7.
Roedersteins Könnerschaft wird schnell in der Frankfurter Gesellschaft anerkannt. Sie erhält Porträtaufträge, was ihr Auskommen sichert, keineswegs probiert sie allerdings Neues, sondern sie passt sich dem konservativen Kunstgeschmack ihrer Umgebung im Stil der Pariser Salonmalerei an. Karl von Pidoll (1847-1901) ist geschätzter Kollege, ihr Vorbild Hans von Marées. In den zwanziger Jahren nähert sie sich der Neuen Sachlichkeit an. Dass sie aber sehr wohl jüngere, expressive Strömungen der Kunst schätzte, zeigt ihre Sammlung mit Werken von u.a. Cuno Amiet, Paul Ranson, Felix Vallotton oder Marie Laurencin. Roederstein, die sich auf vielen Selbstbildnissen stets mit kritisch gewölbter Stirnfalte darstellt – und 1936 Zigarillo rauchend, einer von den Nazis bei Frauen höchst ungern gesehenen Aktivität -, trug Männerkleidung und lebt ein selbstbestimmtes Leben. Sie unterrichtet das Aktstudium, was zeigt, dass sie solche Tabus nicht für Frauen gelten ließ.

1907 wird von den beiden Frauen ein Grundstück am Hofheimer Kapellenberg erworben (seit 1938 gibt es dort den Roedersteinweg), bis zum Bau des Ateliers unterhält sie Räume in der Städelschule. Ihr Werk ist von hoher malerischer Qualität, was Auswahl und Platzierung im Museum Giersch sehr schön unter Beweis stellen.

Die dritte im Bunde ist eine Bildhauerin: Emy Roeder (1890-1971) wird in Würzburg geboren und lässt sich von Bernhard Hoetger, dem Gestalter des Platanenhains auf der Darmstädter Mathildenhöhe, unterrichten. Sie wendet sich dem Expressionismus zu. Seit 1914/15 lebt sie in Berlin. Nach dem Krieg wird sie Mitglied der Berliner Secession, der Freien Secession und der revolutionären Novembergruppe. Ihr Thema ist u.a. die Mutterschaft; sie fertigt Tierplastiken – typisch weiblich könnte man sagen, doch ihre Umsetzung setzt sich von Werken Matarés oder Sintensis ab: Empathie steht über allem, wenn Form und Aussage verschmelzen.

1920 heiratet sie den Bildhauer Herbert Garbe, der sie als ebenbürtig betrachtet. Sie schließt ein Studium an der preußischen Akademie der Künste bei Hugo Lederer an. Sie wird expressiver, naturalistischer, 1930 beginnt die Freundschaft mit Hanna Bekker vom Rath, die ein Leben lang andauern sollte.

Garbe tritt schon 1933 der NSDAP bei, nach dem gemeinsam verlebten Jahr anlässlich seines Villa-Massimo-Stipendiums in Rom kommt es zur Trennung und 1935 zur Scheidung. Er übernimmt 1936 die Leitung der Bildhauerklasse der Frankfurter Städelschule.
Roeder erhält im gleichen Jahr das Stipendium der Villa Romana in Florenz. Sie verlängert ihren Aufenthalt bis 1944. Hans Purrmann, der Leiter der Villa Romana, die zum Hort der deutschen Emigranten wurde, erinnert sich 1950: „Die Florentiner Jahre, Atelier an Atelier mit Emy Roeder verlebt, waren doch auch voller Ungemach, Unterdrückung und Bedrohungen. Aber welche Unbeirrbarkeit, Unbestechlichkeit und moralische Stütze in allem, was menschlich und künstlerisch unser Leben bewegte. Die Beharrlichkeit neben mir gefühlt zu haben, gibt der Erinnerung an die trübsten Tage noch Glanz.“ (Zit. nach Beate Reese im Kat., S. 83) Die Bildhauerin lernt Bronzeguss im Wachsausschmelzverfahren. Ihre Plastik „Schwangere“ wird 1937 auf der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt, 1944 kommt sie in Padula für ein Jahr ins Internierungslager. Nach dem Krieg versuchen Schmidt-Rottluff und Purrmann gemeinsam mit Wolfgang Fritz Volbach sie zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. 1949 zieht sie nach Mainz. Sie ist Teilnehmerin der Documenta I 1955. 1964 wird sie Ehrenmitglied der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf, der Nachlass geht an die Stadt Würzburg.

Im Katalog schreibt Beate Reese einen Satz, der für viele Bildhauer jener Generation gilt: „Die fehlende Außenperspektive jener Jahre wirkte sich bis weit in die Nachkriegszeit als verspäteter Anschluss an eine internationale Moderne und als ein Festhalten an überkommenen Motiv- und Formvorstellungen aus.“ (S. 83) Das gilt auch für Emy Roeder, wenngleich ihre Werke durchaus bei den Sammlern begehrt waren. Ihre reduziert-kompakten Porträts und Figuren wie auch die entsprechenden Zeichnungen beeindrucken in einer Einfachheit. „Mein ganzes Leben und Arbeiten galt der künstlerischen Straffung“, schrieb sie. Emy Roeder ist aber auch ein Beispiel für die voreingenommene Werk-Interpretation durch männliche Kunsthistoriker, die Kinderlosigkeit und das Geschiedensein auf das Werk hin ausdeuten.

Die Ausstellung im Museum Giersch ist ein weiteres Stückchen auf dem langen Weg der quasi zementierten Dominanz männlicher Kunstproduktion. Blickt man auf die Werke dieser drei Künstlerinnen, mag man fragen, ob sich nach dem feministischen Aufbruch in der Kunstgeschichte vor 40 Jahren wirklich Wesentliches geändert hat. Heute gehören Künstlerinnen ohne jegliche Beschränkung dazu. Nur unter den Top-Verdienern sind sie noch in der Minderheit, wenn man das überhaupt als ein Kriterium gelten lassen will. Aber nein, so hoffnungslos ist der Fall nicht! Eine Vielzahl von Ausstellungen weiblicher Künstler stürmt die Agenda. Das Georg-Kolbe-Museum in Berlin widmet der deutschen Bildhauerin Renée Sintenis eine Retrospektive (24. November 2013 – 23. März 2014). In der Hamburger Kunsthalle zeigt man Eva Hesse, ebendort auch Gego (Gertrud Goldschmidt), beide 29.11.13-2.3.14, im Kunstmuseum Bern die Bildhauerin Germaine Richier (29.11.13-6.4.2014) und in der Schirn Kunsthalle Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet zeigt Roni Horn vielfach das Gesicht der Schauspielerin Isabelle Huppert (12.12.13-26.1.14).

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erstellt am 17.12.2013

Maria von Heider-Schweinitz, Selbstbildnis, 1939, Öl auf Leinwand, 70 × 50,5 cm, Privatbesitz

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Künstlerin sein!

Ottilie W. Roederstein. Emy Roeder. Maria von Heider-Schweinitz

Museum Giersch
15.9.2013.-26.1.2014

Maria von Heider-Schweinitz, Zwiegespräch, 1938, Öl auf Leinwand, 60,5 × 84 cm, Privatbesitz

Maria von Heider-Schweinitz, Gezeichnete Generation, 1951, Öl auf Hartfaser, 79,8 × 60,2 cm, Privatbesitz

Ottilie W. Roederstein, Selbstbildnis mit Zigarillo, 1936, Öl auf Leinwand, 46 × 33 cm, Privatbesitz

Ottilie W. Roederstein, Miß Mosher oder Fin d´Eté, um 1887, Öl auf Leinwand, 201 × 80 cm, Privatbesitz

Ottilie W. Roederstein, Der kleine Sieger, 1896, Öl und Tempera auf Malkarton, 27 × 24 cm, Kunsthandlung J. P. Schneider jr., Frankfurt a. M.

Emy Roeder, Selbstbildnis, um 1960, Gips mit Schellack überzogen, 37 × 20 × 16,5 cm, Winfried Flammann, Karlsruhe

Emy Roeder, Jüdische Flüchtlinge, 1924 Bronze, H. 26,5 cm, Museum im Kulturspeicher Würzburg

Emy Roeder, Wasservögel (Kleine Fassung), 1960, Bronze, H. 37 cm, Museum im Kulturspeicher Würzburg