Kann ein gesunder, glücklicher Mensch schöpferisch tätig sein? Nein? Aber vorauszusetzen, dass er krank und unglücklich sein muss, ist auch nicht schicklich. Es sei denn, er ist glücklich, weil er fürchtet krank zu sein. Otto A. Böhmer hat sich über das Leidwesen der Dichter und Denker gebeugt.

essay

Das Grab auf meiner Wange

Vom Leidwesen der Dichter und Denker

Von Otto A. Böhmer

Der Schweizer Arzt Samuel Auguste Tissot, dem wir eine berühmte Abhandlung über Onanie und andere Krankheiten der Selbstbefleckung verdanken, kam 1768 zu folgender Erkenntnis: „Die bösen Folgen des Lesens nichtsbedeutender Schriften sind, dass man darüber die Zeit verliert und das Gesicht ermüdet; Bücher hingegen, die durch die Stärke und den Zusammenhang der Ideen die Seele ausser sich selbst erheben und sie zum Nachdenken zwingen, erschöpfen den Geist und entkräften den Leib; und je lebhafter und anhaltender das Vergnügen war, desto schädlicher sind die Folgen davon.“ Egal also, was man liest, man wird es bereuen. Für Tissot ist der Kopf „Schauplatz eines Krieges“, der auf den Leib übergreift und dort Krankheitssymptome hervorbringt, die ihren Ursprung in der Einbildung haben. In der Einbildung aber sind auch die Dichter und Denker zuhause, die einem Berufsstand angehören, der zu produktiver Hypochondrie besonders befähigt ist. Ein Dichter, ein zeitgenössischer zumal, hat sein eigenes Leidwesen; er leidet an sich selbst und an der Welt; beides, sein empfindliches Ich und die Welt gehören für ihn zusammen, ja sind oft untrennbar ineinander verwoben, so dass Verwechslungen möglich werden und sogar erwünscht sind – davon zeugen nicht wenige literarische Werke. Dichter hausen sich gern ein im Bannkreis der Entzweiungen und der Zerrissenheit, wo man von Behaglichkeit, von sich selbst genügenden Gedankenformaten und heiterer Selbstbestätigung allenfalls träumen darf. Literatur, die der Dichter Thomas Bernhard einmal als »Übertreibungskunst« bezeichnet hat, lässt sich daher auch als »Hypochondriekunst« begreifen. In ihr, im wahren Leidwesen der Dichter, kann man auf- und untergehen, was jedoch, will man seinen Platz auf der Warteliste des Ruhmes nicht ganz einbüssen, einer Sicherheitsvorrichtung bedarf: Sie funktioniert über die Apparaturen der Sprache, die Widerreden errichten, kritikdämmend und selbstgesprächsfördernd wirken, aber auch ausbruchsanregend und an­kla­ge­verschärfend sein können. Fehlen ihm die Worte, fehlt dem Dichter alles; er hat seiner Hypochondrie nichts mehr entgegenzusetzen.
         Einer der grossen Hypochondristen der Literaturgeschichte, der klein gewachsene Georg Christoph Lichtenberg, wusste davon sein Lied zu singen. Lichtenberg litt unter seiner unansehnlichen Körperlichkeit; dies zuzugeben und zugleich zu einem philosophischen Argument zu überhöhen, mit dem man jeder anmassenden Erkenntnisleistung den Boden entziehen konnte, war einer seiner Kunstgriffe, der es ihm gestattete, seine Hypochondrie auf ironische Distanz zu halten und ihr zugleich das Gewicht zu belassen, das ihr im Alltagsbetrieb zukam. So kann er getrost davon ausgehen, dass die eigene Mängelliste – sie benennt das jederzeit vorzeigbare Inventar seiner Hypochondrie – längst verinnerlicht worden ist: »Ich habe die Hypochondrie studiert, mich so recht darauf gelegt.« Sie, die Hypochondrie, hat ihm, zum täglichen Nutzen und Ärgernis, die folgenden Gewissheiten hinterlassen: „Meine Hypochondrie ist eigentlich eine Fertigkeit aus jedem Vorfalle des Lebens […] die grösstmögliche Quantität Gift zu eigenem Gebrauch auszusaugen. […] Ich bin mir in allem des Leidens bewusst, alles wird subjektiv bei mir, und zwar bezieht sich alles auf meine Empfindlichkeit und Krankheit. Ich sehe die ganze Welt als eine Maschine an, die da ist, um mich meine Krankheit und mein Leiden auf alle mögliche Weise fühlen zu machen. Ein pathologischer Egoist.“
         Dieser pathologische Egoist bekommt jeden Morgen sein Spiegelbild vorgeführt: »Ich sehe das Grab auf meinen Wangen. […] Wer ist dieser Ich?« Das ist tatsächlich die Frage aller Fragen. Lichtenberg konnte und wollte sie nicht lösen; die Philosophen vor ihm und nach ihm gaben einige brave Lösungsvorschläge ab, die den heutigen Mentaltrainern weitgehend verborgen geblieben sind, so dass das Gewerbe der Sinnsucher und Selbstfinder noch immer blüht und boomt.
         Wer also ist das Ich, das nach seinem Ich fragt und in jedem Augenblick eine andere Antwort erfährt, aber kein dauerhaftes Identitätssiegel erhält, welches man nach Art eines inneren Personalausweises mit sich herumführen könnte? Da gibt es leider keine Gewissheit, auf die sich bauen ließe: »Was für ein unermesslicher Sprung von der Oberfläche des Leibes zum Innern der Seele!« Nichts ist abgetan: Im Wissen-von-sich, zu dem das Leiden drängt, kann auftauchen und wiederkehren was eigentlich, meint die leise Stimme der Vernunft, dort nichts mehr zu suchen hat: »In meinem Kopf leben noch Eindrücke längst ausgeschiedener Ursachen.« Lichtenberg notiert, dass ihm sein ärmlicher Körper im Sitzen andere Gedanken aufsteigen liess als im Liegen oder Stehen; er erörtert die Möglichkeit, dass die ganze Welt auch das Werk eines mittelmässigen, ja eines »untergeordneten« Geistes sein könne, dem der Mensch, in Ermangelung eines Besseren, nacheifert.
         Den wohl berühmtesten Hypochonder der Literaturgeschichte hat Molière erfunden: Der eingebildete Kranke, den er sich ausdachte und auf die Bühne brachte, blieb bis in die Risiken und Nebenwirkungen hinein seinem gern kränkelnden Autor verbunden, der als Schauspieler die Rolle des Argan, seines eingebildeten Kranken, selbst übernahm und dabei, eine feine Pointe, am 17. Februar 1673 auf der Bühne von einem nicht eingebildeten Schwächeanfall heimgesucht wurde, dem er wenig später erlag. Argan ist als Hypochonder ein Sammler seiner Krankheiten, wobei er längst den Überblick verloren hat. Allenfalls die Rechnungen, die ihm Ärzte und Apotheker stellen, kann er noch zählen; ansonsten aber verkörpert er eine auf die Spitze getriebene Leidensbereitschaft, die vor allem deswegen so erheiternd wirkt, weil sie inzwischen jeglicher Grundlage entbehrt. Dass der Hypochonder zur komischen Nummer wird, tut seiner Würde keinen Abbruch, im Gegenteil; er geniesst es, alleingelassen zu werden: „Da ist niemand. Ich kann sagen, was ich will, sie lassen mich immer allein. Um nichts in der Welt wollen sie hier bleiben. (Er klingelt mit einer Glocke, um seine Leute herbeizurufen.) Die hören nicht, und meine Glocke ist nicht laut genug. Klingling, klingling, klingling. (Nachdem er zum zweiten Mal geläutet hat.) Da rührt sich nichts. Klingling, klingling, klingling. Die sind taub. […] Klingling, klingling, klingling. (Nachdem er mit aller Kraft geklingelt hat.) Das ist ja so, als ob ich überhaupt nicht klingelte. […] Ich werde rasend. […] Ist denn das die Möglichkeit? Einen armen Kranken so allein zu lassen! Klingling, klingling, klingling. Das schreit doch zum Him­mel! Klingling, klingling, klingling. O mein Gott, die lassen mich hier sterben.“
         Die Malaisen, die der eingebildete Kranke in sich versammelt wähnt, gehören zu seiner ärgerlichen, weil nicht zu umgehenden Körperlichkeit, die nicht so recht zu durchschauen ist. Auch die Ärzte, denen ohnehin vorsorglich misstraut werden sollte, können nicht weiterhelfen, denn den grossen Zusammenhang, das Abschnurren einer von Geist und Gespür in Gang gehaltenen, individuellen Lebensmaschine, begreifen sie nur, wenn Annäherungswerte an selbst ausgegebene Erklärungsmuster zu erkennen sind.
         Künstlerische Hypochondrie, die, wohlwollend betrachtet, ein überfein gestimmtes Erkenntnisinstrument ist, das uns zu ungeahnten Einsichten und einem anderen Blick auf die Dinge verhelfen kann, ist, weniger wohlwollend betrachtet, eine durchschaute Abhängigkeit, an die man sich auch deswegen gewöhnt, weil sie eine besondere, aus privilegierter Weltsicht ab­gezogene Produktivität verspricht, die nicht jedermanns Sache ist. Die Abhängigkeit wird der eigenen Leiblichkeit geschuldet – ein Vorgang, der den gewöhnlichen Bürger nur noch dann stört, wenn er ernstliche Erkrankungen fürchten muss. So gesehen ist es besser, weniger bis nichts zu wissen und nur noch dann entschlossen zu leiden, wenn es wirklich etwas zu leiden gibt. „Betrachtet die Herde, die an dir vorüberweidet“, schrieb Nietzsche, „sie weiss nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zur Nacht, und von Tage zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt.“
         Manchmal macht erst die Krankheit zum Tode deutlich, was das eingeschliffene Zusammenspiel von Körper und Geist, dem mit der Bezeichnung Gesundheit nur sehr unzureichend beizukommen ist, für ein wundersames, ja wunderbares Geschenk bedeutet. Wenn es ernst wird für den Dichter, der ein Mensch ist, lernt er schätzen, was er gehabt hat, aber er ahnt, dass es zu spät sein könnte. Seinen Leib sieht er mit einem Mal nicht mehr als launischen, zu oft aufmuckenden Diener, sondern als treuen, unverzichtbaren Gefährten. Der Dichter Rainer Maria Rilke hat seinem Körper noch zu Leb­zeiten, ein halbes Jahr vor seinem Tod, ein Leiblied gewidmet, das ergreifendes Loblied und wehmütige Liebeserklärung in einem ist: „So innig mein; Freund, wirklich mein Träger, der Halter meines Herzens; fähig aller meiner Freuden, keine herabsetzend, jede mir eigentümlicher aneignend; sie mir schenkend genau im Durchschnittspunkt meiner Sinne. Als mein Geschöpf mir bereit und aufgedient zu meinem Gebrauch; als Vorgeschöpf mich überwiegend mit aller Sicherheit und Herrlichkeit der Herkunft. Genial, von Jahrhunderten erzogen, grossartig in der heiteren Unschuld seines Nicht-Ichs, rührend in seiner Lust, dem ‚Ich’ in allen seinen Übergängen und Schwankungen treu zu sein. Einfältig und weise. Was verdank ich ihm, der mich, auf Grund meiner Wesenheit, bestärkt hat im Entzücken an einer Frucht, am Wind, am Hingehen übers Gras. Ihm, durch den ich verwandt mit dem Undurchdringlichen, in das ich nicht einbrechen kann, und mit dem Strömenden, das abfliesst von mir. Und noch durch sein Schwersein, sternkundig. Also: ein Kummer, dieses Zerwürfnis mit ihm, und ein zu neuer Kummer, um darin schon versöhnlich zu sein. Und der Arzt kann nicht verstehen, was mich in diesen Hemmungen, die ja, ob sie gleich durch den ganzen Körper ihre Filialen haben, erträglich sind, so wesentlich, so central betrübt.“
         Mag sein, dass die literarische und künstlerische Hypochondrie eine postmoderne Errungenschaft ist. In vergangenen Zeiten, denen man, mit wohlwollendem Blick zurück und ohne Gewähr, noch immer das deutlich bessere Selbstverständnis, nämlich eine fortwährende, von Kopf und Herz gleichermassen befeuerte Aufbruchstimmung unterstellen kann, galt der Hypochondrist als Sonderling, als Mensch mit Macken, die er, je eher, desto besser, ablegen sollte, weil sie zu nichts nutze sind und niemandem etwas bringen, am wenigsten dem Kränkelnden selbst.
         Immanuel Kant etwa hatte für die Hypochondrie wenig Sympathien. Er bezeichnet sie als »Grillenkrankheit«, von deren Symptomen „sich der Patient bewusst ist, dass es Einbildungen sind, von Zeit zu Zeit sich aber nicht entbrechen kann, sie für etwas Wirkliches zu halten (…).“ Wenn eingebildetes Leid überhand nimmt, hilft nur noch das echte Leid: „Der Hypochonder ist bald kuriert, wenn euch das Leben recht kujoniert“, schrieb Goethe, der, gerade weil ihm hypochondrische Anwandlungen nicht fremd waren, die „Grillenkrankheit“ noch aus einem anderen Grund für gefährlich hielt: Sie nimmt dem Menschen, der, ohne es immer wahrhaben zu wollen, von der Neugier auf Welt lebt, die Möglichkeit, sich als Ich in einem Objekt wiederzufinden, das nicht er selbst ist. Sein Erkenntnisfluss gerät ins Stocken, er verfällt in ungutes Brüten. Am 3. Mai 1814 notiert Goethe: „Hypochondrisch sein heisst nichts anderes, als ins Subjekt versinken. Wenn ich die Objekte aufgebe, kann ich nicht glauben, dass sie mich für ein Objekt gelten lassen; und ich gebe sie auf, weil ich glaube, sie hielten mich für kein Objekt.“
         Als Goethe im Jahre 1823 seinen letzten grossen Liebeskummer hat, welcher der jungen Ulrike von Levetzow gilt, die in Marienbad – wohl weil sie gar nicht anders kann und auch, weil es eine weise und für alle Beteiligten nutzbringende Entscheidung ist – einen Heiratsantrag des unwesentlich, gerade mal 56 Jahre älteren Dichters ablehnt, kehrt er nach Weimar zurück und flüchtet sich ins Bett. Er ist unpässlich, sein Herz schlägt nur noch matt, eigentlich könnte er jetzt sterben. Doch da bekommt er am eigenen Leib eine Therapie gegen künstlich gesteigertes Herzeleid vorgeführt, die auch von ihm selbst stammen könnte: Aus Berlin eilt sein Freund Zelter herbei, zu dem Goethe auch deswegen eine lebenslange Freundschaft bewahren konnte, weil Zelter ein Mann klarer Sprache ist, der, wenn es ihm angebracht erscheint, lieber ein derbes Wort als einfühlsames Gesäusel anzubringen weiss. In seinem Tagebuch berichtet Zelter: „Ich stehe noch an der Haustür; soll man etwa wieder gehen? Wohnt hier der Tod? Wo ist der Herr? – Trübe Augen. – Wo ist Ottilie? – Nach Dessau. – Wo ist Ulrike? – Im Bett. – August kommt: Vater ist nicht wohl, krank, recht krank. – Er ist tot!? – Nein, nicht tot, aber sehr krank. – Ich trete näher, und Marmorbilder stehn und sehn mich an. So steig ich auf. Die bequemen Stufen scheinen sich zurückzuziehn. Was werde ich finden? Was finde ich? Einen, der aussieht, als hätte er Liebe, die ganze Liebe mit aller Qual der Jugend im Leibe. Nun, wenn das so ist, er soll davonkommen. Nein! er soll sie behalten, er soll glühen wie Austernkalk!“
         Kurz entschlossen liest Zelter seinem Freund, der darniederliegt und sich nicht wehren kann, die Marienbader Elegie vor, die Goethe geschrieben hatte, um seiner Liebe zu Ulrike von Levetzow Herr zu werden. Diese Liebe war gross, und das Gedicht ist lang, und Zelter liest es dreimal hintereinander vor, was Goethe, der ja nur krank ist, weil er krank sein will, dazu veranlasst, wieder gesund zu werden.
         Zurück in die Gegenwart. Die Aufbruchstimmung, die das Ich seiner Zeit noch beherrschte, so dass es in seiner selbst zugeteilten Kraft, seinem Weltenmut, seinem Drang nach dem ausgewählt Höheren und Besseren, seiner Sehnsucht nach grundlegender Übereinstimmung von Idealem und Realem keine rechte Gelegenheit fand, sich zu bekümmern und zu bemitleiden – diese Aufbruchstimmung ist verflogen. Der Zeit-Geist ist fahrig und unzufrieden – trotz oder gerade wegen der immensen Erkenntnisleistungen, zu denen er sich hinreissen liess. Alles ist schwieriger geworden, hektischer, lauter, durchtriebener, flüchtiger. Und: unüberschaubar. Aus den Ordnungen sind die Spielarten des Chaos hervorgegangen, sie lassen sich nicht wieder in Ordnung zurückführen; das Schöne, Wahre und Gute wurde in Erinnerungswerte zerlegt und dient darüber hinaus nur noch als Ansichtssache. In ungeordneten und ungezogenen Zeiten, in denen die Verfallsdaten der unangefochtenen Werte überschritten sind, hat es auch der Dichter, sehr zum Leidwesen seiner selbst, wieder schwerer. Seine Tatkraft sieht er nicht mehr gefragt, sein ästhetischer Eigensinn taugt nicht für eine gesamtgesellschaftliche Nutzung. Alles, was ist, macht ihm zu schaffen; vor die Freude hat sich, so als ginge das gar nicht mehr anders, eine allgegenwärtige Misslichkeit gestellt.
         Nietzsche, der von vielem, wenn nicht gar von allem eine Ahnung hatte, sah auch das bereits kommen. In seiner Fröhlichen Wissenschaft heisst es: „Wir denken zu rasch, und unterwegs, und mitten im Gehen, mitten in Geschäften aller Art, selbst wenn wir an das Ernsthafteste denken; wir brauchen wenig Vorbereitung, selbst wenig Stille; – es ist, als ob wir eine unaufhaltsam rollende Maschine im Kopfe herumtrügen, welche selbst unter den ungünstigsten Umständen noch arbeitet.“
         Die »rollende Maschine im Kopf« lässt heutige Dichter und Denker gern leiden; es ist ein Leidwesen, das von abgründigem Wohlbehagen nicht weit entfernt ist. In ihm werden die Erkenntnisleistungen des Einzelnen, die bemerkenswert sind, in verschärfter Form ruhig gestellt; die private Leidensbereitschaft korrespondiert mit den unentwegt eingehenden Belegen objektivierter Machtlosigkeit, die förderlich sind für die Einsicht in das Unvermeidliche, für stillen Zorn und einen sich hamsterhaft abarbeitenden Widerspruchsgeist, der längst Selbstzweckqualitäten gewonnen hat. Insgesamt verheisst das nichts Gutes. Noch einmal Nietzsche: „Wer sich das Problem der Kultur klar gemacht hat, leidet an einem ähnlichen Gefühl wie der, welcher einen durch unrechtmässige Mittel erworbenen Reichtum ererbt hat, oder wie der Fürst, der durch Gewalttaten seiner Vorfahren regiert. Er denkt mit Trauer an seinen Ursprung und ist oft beschämt, oft reizbar. Die ganze Summe von Kraft, Lebenswillen, Freude, welche er seinem Besitze zuwendet, balanciert sich oft mit einer tiefen Müdigkeit: er kann seinen Ursprung nicht vergessen. Die Zukunft sieht er wehmütig an, seine Nachkommen, er weiss es voraus, werden an der Vergangenheit leiden wie er.“
         Der Kulturpessimismus, den nicht nur Nietzsche vorhergesehen hat, ist weit verbreitet. Botho Strauss etwa, ein leidender Dichter mit Sehergestus, der seinen Groll pflegt und schon 1972 ein erstes Theaterstück mit dem programmatischen Titel Die Hypochonder zur Uraufführung brachte, konstatiert die Verausgabung des Menschen: Er bleibt allein, auch wenn er massenhaft ausschwärmt und seine Gemeinschaftsevents feiert; sein eigenes Geschwätz wird ihm zum Verhängnis: „Das viele Reden, das langsam versiegt. Sie haben sich um Seele und Sehen geredet. Sie haben den ganzen Atem der Sprache ausgehaucht, sie haben ihn verbraucht. Der Hauch gottgegeben, Menschensprache, verbraucht, verpufft, vergeudet. Nach der Beschwörung wurde das Wort Gesetz. Nach dem Gesetz wurde das Wort Gespräch. Nach dem Gespräch wurde das Wort Kommunikation. Nach der Kommunikation wurde das Wort – ausgestossen aus der menschlichen Gemeinschaft. Sinnlos irrt es nun von Mund zu Mund und lässt uns zurück in einer unberufenen Welt. Ewiger, armer Wanderer. […] Wir vergehen in Ausgesprochenheit.“
         Am Ende geht es den Dichtern und Denkern nicht viel anders als uns Normalsterblichen: Sie werden alt und älter, und den überanstrengten Kopf plagt ein hinfälliger Körper. Erfreulich ist das nicht, wie schon unser wachsamer Intellektuellenarzt Tissot wusste, aber es muss auszuhalten sein, so wie das ganze schöne Leben auszuhalten sein muss; wir sollten uns also, bitte schön, zusammennehmen und – nicht unnötig beklagen: „Der ganze Mensch erhartet im Alter, und das Alter ist ein allgemeines Zusammenschrumpeln; den Handwerkern werden die Teile, welche arbeiten, kallös; den Gelehrten wird es das Gehirn selbst, und öftermal werden sie unfähig, Ideen aneinander zu hängen. […] Bei Kindern ist das Gehirn zu weich, bei Alten ist es zu hart. […] Das Gedächtnis wankt und ist ein Vorbote abnehmender Vernunft.“

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erstellt am 16.12.2013

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