Alexis Martinez und Gunther Brodhecker debütierten mit ihrem Comic „Das Tagebuch des Ricardo Castillo“ nicht nur im Feuilleton der F.A.Z., sondern auch im Stil der „ligne claire“. Diese ist nicht nur per se dem Genre der Abenteuergeschichte verbunden, sondern auch die Paradedisziplin franko-belgischer Comickunst. Martinez und Brodhecker knüpfen wie selbstverständlich an diese Tradition an.

graphic novel

Auf zu neuen Territorien

Von Thomas Scholz

Es begann in einer Feuersbrunst. Und vor einem Kaffeeautomaten. An dem weniger dramatischen Ort begegneten sich vor fast zehn Jahren der Mediengestalter Alexis Martinez und der Werbetexter Gunther Brodhecker. Aus der Begegnung entstand einer Freundschaft und aus dieser ein Comicprojekt, dass 2011 als „Das Tagebuch des Ricardo Castillo“ im Feuilleton der F.A.Z. veröffentlicht wurde. Der Anfang des Tagebuchs ist die besagte Feuersbrunst, in welcher der spanische Jude Ricardo Castillo Frau und Sohn verliert. Obwohl sie eigens zu ihrer Sicherheit und vor den Gefahren durch den Antisemitismus des 18. Jahrhunderts und die spanische Inquisition nach Neu-Frankreich, ins heutige Kanada, geflohen waren, stirbt Ricardos Familie beim Brand des Farmhauses in Nordamerika. Ohne Angehörige und auf einem fremden Kontinent ergreift er den Beruf des Kartografen, um auf den Reisen durch die eisigen Landstriche nördlich von Quebec ein neues Leben zu beginnen.
         Hier erlebt er Abenteuer der klassischen Comic-Art. Die Bedrohung ist stets eindeutig, der Held stellt sich ihr und besteht dank seiner Tugenden. Er ist nicht gebrochen, wie es in vielen aktuellen Helden-Geschichten in- und außerhalb des Comics der Fall ist, sondern vielmehr der Prototyp des bescheidenen Heroen, der nach eigener Auffassung nur „das Richtige“ tut. Trotz gefährlicher Situationen bleibt meistens Zeit für einen humorvollen Dialog oder eine Prise Slapstick. Archetypen wie der schrullige Gelehrte, der einfacher, aber treue Gehilfe und nicht zuletzt der böse Wolf gehören ebenso selbstverständlich zum Repertoire von Brodhecker und Martinez wie die schneebedeckten Hänge zu Neu-Frankreich und machen es ihren Vätern offensichtlich leicht, in einem Tonfall mit Augenzwinkern zu erzählen. Daher haben am Ende jeder Abenteuer-Episode die Guten alle Hindernisse überwunden und es gibt Gelegenheit für einen Lacher. Nur Ricardo Castillo selbst will sich nicht in dieses vermeintlich simple Schema fügen.
         Seine psychische Verfasstheit verbietet es ihm, sich anstandslos in eine heile Abenteuerwelt einzupassen. Zwar ist er einerseits der prototypische Held, der ein gutes Abenteuer schätzt und es in bester Tradition von Tim (aus „Tim und Struppi“) besteht, doch gleichzeitig ist er der aus der Heimat vertriebene Jude, der vor den radikalen Katholiken floh, und der frühe Witwer, der seinen Sohn überlebte. Diese düsteren Momente manifestieren sich für den Leser in Ricardos Träumen, in denen seine Nachbarn ihn als Sephardim, als heimlichen Juden, enttarnen, in denen das Haus mit seiner Familie wieder und wieder in Flammen aufgeht, und in Tagträumen, wenn sich die Gesichter seiner Frau und seines Sohnes über die der Lebenden legen. Aus dieser episodischen Psychologisierung der Figur erschließt sich seine Motivation, „das Richtige zu tun“, der Wunsch nach Wiedergutmachung für die Schuld, die er sich am Tod seiner Familie gibt, und die Bereitschaft, sich Lebensgefahren auszusetzen, um dieses Ziel zu erreichen.
         Mit Leichtigkeit verschmilzt das Duo Brodhecker/Martinez in den drei vorliegenden Kurzgeschichten diese Leidensgeschichte mit dem leichten Abenteuer und gießt sie kunstvoll in den Zeichenstil der „ligne claire“, der „klare Linie“, den hierzulande „Tim und Struppi“ berühmt machten. Vor der Veröffentlichung als Buch überarbeitete Alexis Martinez die Zeichnungen, arrangierte Seiten neu und entfernte gestalterische Kunstgriffe, die der klassischen „ligne claire“ entgegen standen, sodass nun ein Zeitungsstrip-Comic in Buchform vorliegt, der sich sehen lassen kann. Trotz aller Liebe zur klassischen Abenteuergeschichte und echten Helden haben sich Gunther Brodhecker und Alexis Martinez den Spaß am postmodernen Verweis nicht nehmen lassen. Wer dem sterbenden Felljäger auf Seite 30 ins Gesicht schaut, wird unweigerlich eine frappierende Ähnlichkeit mit Andreas Platthaus, Redakteur im Feuilleton der F.A.Z. und Comic-Experte, feststellen. Nicht nur holte Platthaus die beiden Künstler mit ihrem Erstlingswerk gleich zur F.A.Z., sondern er gab auch den entscheidenden Ratschlag in Sachen Stil. Als „Ricardo Castillo“ in einer sehr frühen Phase seiner Entstehung begriffen war, arbeitete Martinez an Kupferstich-artigen Zeichnungen, in denen er die Abenteuer Ricardos erzählen wollte. Andreas Platthaus habe damals angemerkt, erzählt Martinez, dass für eine richtige Abenteuer-Geschichte auch nur ein richtiger Abenteuer-Stil, die „ligne claire“, passend sei. Er hatte Recht. „Das Tagebuch des Ricardo Castillo“ beweist es mustergültig.

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erstellt am 14.12.2013

Abb. aus: Alexis Martinez und Gunther Brodhecker: Das Tagebuch des Ricardo Castillo

Alexis Martinez und Gunther Brodhecker
Das Tagebuch des Ricardo Castillo
Hardcover, 48 Seiten, schwarzweiß
ISBN: 9783000422379
Martinez & Brodhecker Verlag, 2013

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Abb. aus: Alexis Martinez und Gunther Brodhecker: Das Tagebuch des Ricardo Castillo

Abb. aus: Alexis Martinez und Gunther Brodhecker: Das Tagebuch des Ricardo Castillo