Die Klavierschule tastsinn basiert auf einem neuen pädagogischen und gewissermaßen musikalisch-kulturellen Ansatz. Der Autor, der Pianist und Klavierpädagoge Eike Wernhard, erklärt im Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Daniela Philippi wie er vorgegangen ist und was er anders gemacht hat.

interview

Man soll Klavier spielen können…

Eike Wernhard im Gespräch mit Daniela Philippi

Daniela Philippi: Schon im Titel Ihrer Klavierschule weisen Sie auf die Adressatengruppen hin, für die Sie mit tastsinn ein neues Konzept erarbeitet haben. Was ist das Besondere Ihrer Klavierschule?

Eike Wernhard: Sie fasst die Erfahrungen vieler Jahre des eigenen Unterrichtens zusammen und verrät sozusagen mein persönliches Erfolgsrezept. Gerade bei Jugendlichen und Erwachsenen, die sich für Musik interessieren, aber noch keinen oder wenig Klavierunterricht genossen haben, ist ein Zugriff, der das musikalische Umfeld mitberücksichtigt meiner Meinung nach zwingend erforderlich. Durch Hinweise sowohl auf den Komponisten als auch auf die musikalischen Grundelemente des gespielten Stückes gebe ich den Lernenden Informationen an die Hand, die ihr musikalisches Tun in einen Kontext einbetten.

Sie haben in Ihre Klavierschule also auch Erläuterungen integriert.

Ja, in kleiner, aber systematischer Dosierung sind leicht verständliche Texte eingestreut, die musikhistorische Informationen liefern oder Begriffe, wie Spielanweisungen und Satzbezeichnungen, erklären. Zudem gibt es Erläuterungen zu den wichtigsten musiktheoretischen Grundlagen, wie den Klangphänomenen der Obertonreihe und natürlich auch zur Harmonielehre.

Aber musiktheoretische Sachverhalte sind für Lernende oftmals schwer zu verstehen und außerdem begegnen in der Musikgeschichte abhängig vom jeweiligen Stil ganz unterschiedliche Prinzipien…

Selbstverständlich, deswegen habe ich die musiktheoretischen Erklärungen so einfach und klar wie möglich gehalten, sie immer mit Beispielen, das heißt konkreten Musikstücken verbunden und in der Konzeption der verschiedenen Kapitel ganz unterschiedliche Stile mitberücksichtigt. So gibt es im zweiten Band sowohl sehr bekannte Klavierstücke aus dem klassisch-romantischen Repertoire als auch Beispiele der Klaviermusik von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Da finden sich also frühe Tanzformen, wie ein Corranto aus dem Fitzwilliam Virginal Book, das während der elisabethanischen Zeit in England entstanden ist, und eine Sarabande von Georg Friedrich Händel, ebenso wie ein Charakterstück von Edvard Grieg oder eine ironische Studie von Eric Satie.

Und unter den sogenannten Klassikern der Klaviermusik finden sich Komponisten wie Carl Philipp Emanuel Bach, Ludwig van Beethoven, Robert Schumann, Frédéric Chopin oder Béla Bartók. Beim Durchblättern ist mir aufgefallen, dass auch zahlreiche Stücke von Ihnen selbst komponiert sind, besonders schön finde ich beispielweise die Variationen Dilmano Dilbero über ein bulgarisches Thema oder den Marche grotesque.

In den von mir komponierten Stücken habe ich die jeweils thematisierten stilistischen oder spielpraktischen Aspekte exemplarisch umgesetzt, und zwar dann, wenn in der Musikliteratur kein passendes Stück in dem zu berücksichtigenden Schwierigkeitsgrad zu finden war. Gleiches gilt auch für die Stücke einiger Kollegen, insbesondere in dem Kapitel zu Blues und Jazz. Darüber hinaus habe ich geeignete Stücke von weniger bekannten Komponisten ausgewählt, um das Repertoire zu erweitern; hierzu zählen etwa Cornelius Gurlitt, Mátyás Seiber oder Friedrich Burgmüller. Der zweite tastsinn-Band richtet sich ja an Lernende mit Vorkenntnissen und natürlich auch an die, die den ersten tastsinn-Band bereits durchgearbeitet haben, also im zweiten bis dritten Klavierjahr sind. Da können wir bei den ausgewählten Beispielen schon von Musikliteratur sprechen.

Zum Stichwort Repertoireerweiterung, Sie haben den beiden Bänden jeweils eine CD beigefügt, auf der alle Musikstücke eingespielt sind. Diese von Ihnen selbst vorgenommene Einspielung soll sicher nicht nur eine Übe-Hilfe sein, sondern auch einen klingenden Eindruck der vorgelegten Beispiele geben.

Richtig, daher habe ich mich auch entschlossen, möglichst professionell zu interpretieren und mich nicht auf eine wenig gestaltete Wiedergabe des Notentextes zu beschränken. Und nicht zuletzt sollen die Tonbeispiele die Erarbeitung derjenigen Stücke erleichtern, die sich mit zeitgenössischen Kompositionstechniken auseinandersetzen, indem sie eine Klangvorstellung von einer für viele Schüler eher ungewohnten Musik vermitteln. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass mein Kollege Axel Gremmelspacher so freundlich war, die beiden vierhändigen Tänze, Tango und Cha-Cha-Cha, am Schluss des Bandes, mit mir gemeinsam einzuspielen.

Ein wichtiges Merkmal Ihrer Klavierschule ist auch, dass darin viele Übe-Methoden aufgezeigt werden. Da gibt es beispielsweise das wohlbekannte Zerlegen schwieriger Kombinationen, seien sie rhythmischer oder grifftechnischer Art, es begegnen aber auch Methoden, die sich von einer Fokussierung auf die Finger- und Handmechanik lösen. Der Titel tastsinn legt nahe, dass Sie hierbei auch neurobiologische und kognitionspsychologische Aspekte des Musiklernens berücksichtigen…

Gemäß solcher Erkenntnisse der Hirnforschung aus jüngerer Zeit nutze ich Arbeitstechniken, die ein bewusstes Üben fördern; der Lernende soll aufmerksam bleiben während er übend musikalische und motorische Aktionen miteinander verbindet. Deswegen sollte sinnvolles, effektives Üben im Unterricht regelmäßig thematisiert werden, damit der Schüler dann zuhause alleine das Üben üben kann.

Die spieltechnischen Aspekte reichen von der Unabhängigkeit der Finger bis zur Pedaltechnik, vom Üben mit Metronom sowie von Taktwechseln bis zu verschiedenen Verzierungsformen.

Und bei aller Spieltechnik ist immer auch ihre Einbindung in den jeweiligen musikalischen Stil und auch in die musikalische Gestaltung wichtig. Es werden nicht nur Übe-Strategien zur Entwicklung eines klaren und technisch „sauberen“ Klavierspiels, sondern auch zur Entwicklung eines klanglich differenzierten Klavierspiels vermittelt. Hinweisen möchte ich schließlich noch darauf, dass es ein frei zugängliches digitales Kapitel zu tastsinn gibt, das Tonleitern und Arpeggien in allen Dur- und Molltonarten mit dazugehörigen Fingersätzen zusammenstellt und ein Glossar der verwendeten Fachbegriffe beifügt.

Die Breite des Angebots Ihrer Klavierschule macht sie zweifelsohne für die angesprochene Adressatengruppe, das heißt Erwachsene und Jugendliche sehr attraktiv!

Darüber hinaus sind Studierende oder Jungstudenten anderer Instrumente eine Zielgruppe,

– oder auch Studierende der Musikwissenschaft, die vielleicht nur ein Melodieinstrument gründlich erlernt haben –,

…da tastsinn eine Klavierschule und zugleich ein Kompendium zur Musiklehre ist.

Ich wünsche tastsinn eine große Verbreitung und danke Ihnen für das Interview.

Daniela Philippi ist Professorin für Musikwissenschaft an der Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Eike Wernhard war Dozent für Klavier und Klaviermethodik an der Akademie für Tonkunst in Darmstadt und ist seit 2004 Professor für Klavier an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a. M.

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erstellt am 14.12.2013

Eike Wernhard
Eike Wernhard

Eike Wernhard
tastsinn, Band 1
Klavierschule für jugendliche und erwachsene Anfänger
Kartoniert, 145 Seiten
ISBN: 9790006538157
Bärenreiter Verlag, Kassel 2012

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Eike Wernhard
tastsinn, Band 2
Klavierschule für jugendliche und erwachsene Anfänger
Kartoniert, 126 Seiten
ISBN: 9790006538164
Bärenreiter Verlag, Kassel 2013

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