Von einer Annäherung zweier israelischer Generationen an ihre verdrängte europäische Herkunft erzählt Rutu Modans Graphic Novel „Das Erbe“. Eugen El hat den kürzlich auf Deutsch erschienenen Band gelesen.

graphic novel

Fremde Heimat

Rutu Modans Graphic Novel „Das Erbe“

Von Eugen El

Auszuwandern und in einem anderen Land neu zu beginnen, heißt immer auch, ein Stück seiner Herkunft aufzugeben. So haben beispielsweise viele europäische Juden nach ihrer Einwanderung nach Israel die Verbindung zu den Herkunftsländern gekappt, was sicher auch an den traumatischen Erfahrungen des Holocaust lag. Erst die nachfolgenden Generationen beginnen, sich wieder für ihre Wurzeln zu interessieren. Die beständig wachsende Gemeinde junger Israelis in Berlin ist ein Beleg dafür. Aber auch Osteuropa und insbesondere Polen ist in dieser Hinsicht von Interesse, denn nicht wenige Israelis haben ihre Wurzeln dort.

Vor einer solchen Reise nach Polen auf den Spuren der Familiengeschichte erzählt Rutu Modans im Jahr 2013 erschienene Graphic Novel „Das Erbe“. Modan, 1966 in Tel Aviv geboren, zählt zu den bekanntesten israelischen Comic-Autoren. Mit dem „Erbe“ vermag sie den Leser zu packen, so dass man den Band förmlich verschlingt. Die klar gezeichneten und kolorierten Panels erheben keinen übersteigerten Kunstanspruch und sorgen für bestes Kopfkino.

Die Handlung entfaltet sich an sieben Tagen, die zugleich als Kapitel dienen. Regina Segal und ihre Enkelin Mika fliegen nach Warschau, nachdem Reginas Sohn (und Mikas Vater) verstorben ist. Regina, die gebürtig aus Warschau stammt, möchte die Rechte an dem Haus, das ihren Eltern vor dem Krieg gehört hat, wiedererlangen. Dass sie noch Polnisch spricht, kommt ihr zu Hilfe und so kann sie einige Schauplätze ihrer Jugend neu entdecken. Mika hingegen war noch nie in Polen und hegt einige Vorurteile gegenüber dem Land und den Leuten. Als sie auf den jungen Tomasz trifft, der Stadtführungen durch das jüdische Warschau anbietet, entwickelt sich zwischen den beiden eine nicht immer einfache Beziehung. Für komische Momente sorgt außerdem der tollpatschige Afram, der mit Mikas Schwester liiert ist. Überhaupt ist Modans Graphic Novel voll mit augenzwinkernden Seitenhieben auf das schrullige Verhalten ihrer israelischen Landsleute.

Die Handlung um das Erbe der Segals nimmt einige unerwartete Wendungen. Es stellt sich heraus, dass Regina wegen eines ganz persönlichen Geheimnisses, einer alten Liebe, nach Warschau gereist ist. Trotz der sich auftuenden Konflikte zwischen Israelis und Polen kommt es zu einem versöhnlichen, wenn nicht gar romantischen Schluss. So erzählt Rutu Modans „Das Erbe“ vor allem von einer Annäherung zweier Generationen an ihre verdrängte europäische Herkunft.

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erstellt am 09.12.2013

Rutu Modan

Rutu Modan
Das Erbe
Hardcover, 224 Seiten
ISBN: 978-3-551-78576-3
Carlsen Verlag, Hamburg 2013

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Abb. aus: Rutu Modan: Das Erbe. Carlsen Verlag, Hamburg

Abb. aus: Rutu Modan: Das Erbe. Carlsen Verlag, Hamburg