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Wird Syrien bald zu einer erinnerten Vergangenheit – wie Dinosaurier oder Fossilien? Der Autor Khalil Sweilih beschreibt die Verlorenheit, die der Zurückbleibende mitten im schwersten Fluchtstrom der Zeitgeschichte fühlt. Seit März 2011 sind bereits 2,3 Millionen Syrer aus ihrer Heimat geflohen. Jeder von ihnen wird entwurzelt in der Fremde leben und Teil einer »syrischen Diaspora« sein. Wer in der Heimat bleibt, ist zwischen Wachposten wie in einem Ghetto eingesperrt.

aktueller originaltext

Innere Emigration und flüchtige Begegnungen

Von Khalil Sweilih

Ich rufe mir die Dateien ins Gedächtnis, die sich bei mir anhäufen, Dateien von Dinosauriern, Fossilien, Gräbern, Illusionen und Listen von Personen, die in den Nachrichten zu Nummern wurden. Sie stehen für unbekannte Namen oder Pseudonyme von Menschen, die das Ausmaß der Gewalt visuell dokumentieren, welche von »Gott ist groß«-Rufen begleitet wird. Elektronische Dateien, die sich aus dem Maul einer Bestie ergießen und ein Land präsentieren, das sukzessive in den kollektiven Selbstmord abdriftet. Der syrische Schwan begeht täglich Selbstmord, ohne die Gelegenheit für einen letzten Gesang zu haben.

Mein Freund, der das Land gezwungenermaßen verlassen hat, fasst die Situation auf seiner Twitter-Seite in einem Satz zusammen: »Dies sind die typischen Symptome für einen unvermeidlichen Bürgerkrieg, dem niemand entkommen wird.« Ich habe keine endgültige Haltung zu dieser Frage, beziehungsweise ich will nicht in diese Überzeugung abrutschen. Ich merze diesen Gedanken aus meinem Hirn aus. Ich möchte aus diesem Alptraum erwachen, unter einer anderen Sonne, als wäre all das, was bis zu diesem Augenblick geschehen ist, nur ein schrecklicher Traum. Doch der Gedanke daran, dass es mittlerweile eine »syrische Diaspora« gibt, wie mein geflohener Freund in seinen E-Mails während der letzten Monate immer wieder betonte, befällt mich wie ein Fluch.

Ich lebe innerhalb eines kleinen Quadrats, wie in einem Ghetto, überschreite kaum seine Grenzen. Genau wie alle anderen in dieser Stadt. Denn das Durchqueren der von Checkpoints übersäten Stadt, in der es nicht mehr möglich ist, problemlos von einem Punkt zum anderen zu gelangen, gleicht einem beschwerlichen Abenteuer. Der Geheimdienstler prüft meinen Personalausweis, und nur weil ich vom Salihîja-Viertel nach Midân am äußeren Rande der Hauptstadt will, fragt er mich in vorwurfsvollem Ton: »Was machen Sie hier?« Als hätte ich ohne Reisedokumente die Grenze zu einem anderen Staat übertreten.

Was würde wohl geschehen, wenn ich das Risiko einginge, in meine Heimatstadt zu reisen, die tausend Kilometer von Damaskus entfernt liegt? Wie könnte ich wohl die fünfzig Meter ab dem Busbahnhof zurücklegen, wo doch ein Scharfschütze sich dort täglich seine Opfer unter den Reisenden aussucht? Und sollte ich hier den Tod erleiden, würde ich dann in einem anonymen Grab bestattet werden? Es gibt eine Diaspora im Inland und eine weitere in der ganzen Welt verstreut. So wird die imaginäre Heimat in ein Massengrab verwandelt.

(Am 30. Juli 2013 veröffentlichte die hiesige Zeitung Al-Watan folgende Meldung: »Das staatliche Bestattungsbüro hat beschlossen, den Preis für den Bau eines Grabes auf zwölftausend syrische Pfund zu erhöhen. Darin enthalten sind die Gebühren für die Beerdigung, die Bereitstellung eines Autos, das Waschen und Einhüllen des Leichnams in ein Leichentuch, der Transport des Verstorbenen zum Friedhof sowie der Lohn für den Totengräber.« In diesem Beschluss, der von der Provinzverwaltung Damaskus veröffentlicht wurde, wird der Preis für ein normales Grab auf 7.500 syrische Pfund festgesetzt, die Kosten für ein kleines Mosaikgrab mit Grabstein, eine Vase sowie Namen und Daten des Verstorbenen auf 13.000 SYP, der für die mittlere Größe auf 15.000 SYP und für die große Größe auf 17.000 SYP. Die Kosten für ein großes Marmorgrab betragen 18.000 SYP. Zu diesen Kosten kommen noch der Lohn für das Herablassen des Leichnams ins Grab hinzu sowie die Durchführung von Reparaturmaßnahmen am Grab im Wert von 1.000 SYP, die der Totengräber erhält.)

In seinem Roman »Die Unwissenheit« beschwor Milan Kundera die Sehnsucht zur imaginären Heimat und ergründete meisterhaft die Bedeutung der Emigration, die einer fortgesetzten Übung gleichkommt, Sehnsucht zu verspüren oder ein Land in der Fantasie zu erfinden. In einer inneren Emigration zu leben, ist jedoch ein Riss, der nur allzu schwer zu kitten ist und genauso wenig erklärt wie interpretiert werden kann.

Wenn man zum Beispiel an einem Checkpoint des Geheimdienstes nur ein paar Meter von seinem Haus entfernt angehalten, nach seinem Ausweis und seinem Ziel gefragt und die Tasche auf ihren Inhalt untersucht wird. Wenn der vertraute Bürgersteig, den man schon Hunderte Male in unterschiedlicher Laune entlanggegangen ist, sich plötzlich in einen feindlichen Bürgersteig verwandelt, der nichts mehr mit den Vorkriegserinnerungen gemein hat, die man in seinem Gedächtnis gespeichert hat. Oder wenn man wie ein Dichter aus der vorislamischen Zeit vor den Überresten seines alten Hauses steht und keinen geeigneten Reim findet, um den Anblick zu beschreiben, dann sind alle Faktoren der Emigration erfüllt, als da sind Flucht, Entwurzelung, Trennung, Vertreibung, Verlust und Sehnsucht. Die eigene Identität wird zu einer gespaltenen, einer zersplitterten, verlorenen, zweideutigen Identität, die im luftleeren Raum schwebt.

Auf dem Bürgersteig des Cafés Kolumbus am Arnous-Platz kehrt in den Damaszener Nächten das pulsierende Leben zurück, als beträfe der Lärm der Raketen, die in Richtung Barseh, Kaboun und des palästinensischen Flüchtlingslagers Yarmouk fliegen, ein anders Land. Einer nickt mit dem Kopf und sagt gleichgültig: »Das ist eine Boden-Boden-Rakete«, während ein anderer kurz darauf eine SMS auf seinem Handy empfängt, in der der Ort des Raketeneinschlags und die Anzahl der Opfer mitgeteilt werden. Nachdem er die SMS zur Kenntnis genommen hat, schlürft er seinen Kaffee weiter, schweigsam und unbeteiligt, weil die Rakete die »Anderen« betrifft. Jene, die ihre Zeit fröhlich in der »Grünen Zone« im Zentrum von Damaskus verbringen, beunruhigt sie nicht.

Ich wartete auf Marjam Y. Das abendliche Rendezvous war das Ergebnis eines ausgedehnten nächtlichen Facebook-Chats. Sie ist Moderatorin einer Radiostation, schreibt amüsante Geschichten auf ihrer Facebook-Seite und zitiert Nietzsche, Kazantzakis, Tajjib Salih und Eduardo Galeano. Was für eine außergewöhnliche Chance!

In Erwartung ihres Kommens hingen meine Augen an den Gesichtern der Passanten auf der linken Seite des Platzes. Ich erkannte sie sofort, noch bevor sie die Straße vom Armitage-Hotel aus in Richtung Café überquerte. Ihr kurzes feuerrotes Haar, das ihr Profilbild auf ihrer Facebook-Seite ziert, war das Erkennungsmerkmal. Sie bestellte eine Limonade und ein Wasser und ich einen Milchkaffee. Ein Bettler näherte sich dem Straßencafé und legte, begleitet von einem Gebet, einen kleinen Koran auf den Tisch, den ich ihm auf der Stelle zurückgab, während Marjam verwundert auf die Massen starrte, die sich im gegenüberliegenden Arnous-Park auf der Wiese oder auf Plastikstühlen niedergelassen hatten. »Das ist das Babel der Dialekte«, sagte ich gestelzt zu ihr. »Der Park ist für Menschen zum Zufluchtsort geworden, die aus ihren Häusern vertrieben wurden.«

An jenem Abend offenbarte mir Marjam, was sie beim Facebook-Chat bisher nicht erzählt hatte: Sie berichtete ab dem Zeitpunkt, als sie ihr an einem Grenzort zum Libanon liegendes Elternhaus verlassen hatte, um gegen ihren Willen einen Betonbauern zu heiraten; wie sie nach Damaskus floh und man ihren Namen, weil sie gesucht wurde, an allen Polizeidienststellen kannte; wie ihr Ehemann sie Kraft Gesetz wieder zurückholte und sie täglicher Quälerei aussetzte. Ich versuchte mir ein Bild von jener Frau vorzustellen, die ein Kopftuch getragen, tagsüber den Kuhstall sauber gemacht und nachts lustlos diesem Mann, der ihr sogar noch nach der Geburt ihrer ersten Tochter fremd geblieben war, ihren Körper gegeben hatte.

In Damaskus jobbte Marjam als Kellnerin in einem Café neben dem Kolumbus, bevor es abgerissen wurde und an seiner Stelle ein Parkplatz entstand. Dann arbeitete sie als Ausruferin in einer Mall, bevor sie zur Radiostation »f-m« wechselte, wo sie ihren Part für das morgendliche Programm selbst vorbereitete. »Ich erzählte den Hörern auf eine mutige und unverblümte Art und Weise über mein Leben, wie man es vorher nicht gewohnt war. Außerdem ließ ich das Publikum an den Romanen und Philosophiebüchern teilhaben, die ich gerade las, sowie an Gedichten aus aller Welt und an Diskussionen über Fragen der Sexualität, der Religion und der Frauenrechte. Als Belohnung wurde ich entlassen.«

Auf dem Weg zu ihrem gemieteten Zimmer im Muhadschirîn-Viertel erinnerte sie mich an einen Satz, den ich ihr in einem nächtlichen Chat geschrieben hatte: »Eine attraktive Frau wie du sollte nicht allein sein.« »Aber ich habe es wirklich so gemeint«, entgegnete ich ihr. Sie und ich, wir offenbarten bei unserer ersten Begegnung, was wir in unseren aus Andeutungen bestehenden Chats nicht ausgesprochen hatten. Sie glich einer appetitlichen Frucht, es musste nur jemand kommen und den Ast schütteln, an dem sie hing, damit sie mit all ihrer Begierde zu Boden fiel. In einem dunklen Raum – wir hatten vor lauter Ungeduld kein Licht angeschaltet – glitten wir gemeinsam auf einen Perserteppich aus flammender Leidenschaft, angeheizt durch aufrichtige und sinnliche Geständnisse, gefolgt von einem Rausch.

Klammerten wir uns inmitten des Chaos und der Kriegshölle an einen Rest von Leben? Wahrscheinlich wollten wir in einer Zeit, die dem aufgeschobenen Tod abgetrotzt ist, mittels intimer Umarmungen und sinnlicher Beredsamkeit, die sich nach der Befreiung von allen alten Sünden sehnte, ins Unbekannte flüchten. Mit einer irren Begierde und begleitet vom Geheul eines verwundeten Raubtiers versuchte Marjam ihren alten Körper abzulegen und die Schmerzen der Haut und der Seele mit dem Kraut der Lust zu heilen: Sie schnüffelte und leckte an mir und umarmte mich, ganz so, wie sie mir in den Chats zuvor gedroht hatte. Falls die Mauer ihres Alleinseins fallen sollte, werde sie mich in eine Höhle der Lüste stürzen, wie ich sie noch nie erlebt hätte und aus der ich nicht als der Mensch herauskommen werde, der ich gewesen war, bevor sie in mein Leben trat.

Nach und nach entdeckte ich, dass sie die Schichten ihrer Verletzungen abschälte, eine nach der anderen, bis ihre bronzene Haut eine andere Luft atmete und mir in meiner Einsamkeit eine unbändige Lüsternheit und ein unheimlicher Duft entgegenwehte. Ich erinnere mich an ihre Verrücktheit, als sie beschloss, sich eine Glatze zu schneiden. Es hatte den Anschein, als wolle sie alles ausmerzen, was sie mit ihrem früheren Leben verband, als schneide sie die Finger ihres Mannes ab, während sie mit aller Gewalt an ihrem langen Haar zerrte, so dass ihr Kopf gegen die Wand prallte.

Im Rauda-Café sprach Marjam an einem lauen Freitagmorgen beiläufig von einem ihrer Lieblingsromane. Sie kannte ganze Abschnitte auswendig, weil sie, obwohl sie vom Krieg erzählten, so poetisch seien. Es handelte sich um den Roman »Der Bleistift des Zimmermanns« des spanischen Autors Manuel Rivas. Ich hatte den Roman zwar vor Jahren gelesen, konnte mich jedoch an keine Zeile erinnern. Zuhause suchte ich nach dem Buch und fand es nicht. Am Samstagmorgen besorgte ich mir in einer Buchhandlung ein neues Exemplar und vertiefte mich auf der Stelle darin.

Marjam weiß nicht, dass sie mir einen Schatz vermacht hat. Damals hatte ich über das Entflammen der Lust in Zeiten des Krieges nachgedacht. In einem früheren Gespräch über die Rechtfertigung unserer fieberhaften Beziehung teilte sie meine Ansichten. Der Roman zeichnete ein erstaunliches Bild des spanischen Bürgerkriegs. Er handelte von Gefangenen in einem der Gefängnisse von General Franko, von Geschichten der Liebe, die über den Tod trotzt, und von den Seelen der Opfer, die wie ein ewiger Fluch in der Erinnerung des Gefängniswärters auftauchen.

Einer der Gefangenen ist ein Maler, der sich einen Zimmermannsbleistift hinters Ohr zu stecken pflegt und der beim Zeichnen der gegenüberliegenden Kathedrale den Propheten und Heiligen die Gesichter seiner Gefängniskameraden verleiht. Er wird bei einem der täglichen Hofgänge vom Gefängniswärter mit Kopfschuss hingerichtet. Als er stürzt, fällt auch der Bleistift des Zimmermanns zu Boden. Der Wärter bewahrt ihn auf, und so leuchtet der Stift die Tragödie des Malers im Gedächtnis des Wärters aus, der sein Leben nach dem Krieg als Wachmann eines Eroscenters verbringt, ohne dass ihn der Fluch des Zimmermanns je verlassen wird.

Der Satz, den Marjam aus dem Roman zitiert hatte, klang mir wie das Lied einer verkratzten Schallplatte den ganzen Tag in den Ohren nach: »Alle Menschen taugen für den Krieg. Wenn nicht zum Töten, dann zum Sterben.« Und obwohl sie, um die Härte der Worte abzumildern, noch einen Satz hinzufügte, der nicht im Roman stand – »Aber wir werden gerettet werden, und wir werden diejenigen sein, die bezeugen, was in diesem Schlachthaus geschieht« -, war ich doch vollkommen niedergedrückt.

Der Tod ist die einzige Wahrheit, die immer heller strahlt, vom Süden des Landes bis zum Norden. Die – je nach Anzahl der Massaker – höheren oder niedrigeren Opferzahlen werden mit der gleichen Sachlichkeit vorgetragen wie der Wetterbericht. Kein Licht leuchtet auf in diesem Abgrund bodenloser Verzweiflung, in die wir versunken sind und in die wir wie in einem Morast Tag für Tag tiefer versinken.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

siehe auch:

Schwerpunkt Syrien

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erstellt am 09.12.2013

Khalil Sweilih. Foto: privat
Khalil Sweilih. Foto: privat
porträt

Khalil Sweilih

Der Lyriker und Romancier Khalil Sweilih wurde 1959 in Hassakeh im Norden Syriens geboren und studierte Geschichte in Damaskus. Er arbeitet für das Feuilleton verschiedener arabischer Zeitungen.

Er veröffentlichte drei Gedichtbände und fünf Romane. Für seinen Roman »Der Kopist der Liebe« erhielt er 2009 die Naguib-Mahfouz-Medaille für Literatur der Amerikanischen Universität. Der Roman wurde unter dem Titel »Writing Love« ins Englische übersetzt.

Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem neuen Romanmanuskript mit dem Titel »Paradies der Barbaren«.

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