»How does change happen?« – Wie entsteht Veränderung? Mit diesem Thema hat die amerikanische Bürgerrechtlerin und Sozialwissenschaftlerin Angela Davis die neu begründete Gastprofessur für internationale Gender und Diversity Studies an der Goethe-Universität Frankfurt eröffnet. Bevor sie ihren eigenen Vortrag begann, würdigte die einst selbst zu Unrecht Inhaftierte Nelson Mandela, dessen Tod im Zeitraum dieser Professur bekannt wurde. Während man in der westlichen Welt vor allem Trauer zeige, habe es in Südafrika Reaktionen voll Hoffnung gegeben. Denn, so Davis, zentrale politische Errungenschaften Mandelas seien nicht mehr rückgängig zu machen. (pol)

Angela Davis zum Tod von Nelson Mandela

Es lebe Mandela!

1985, fünf Jahre bevor Nelson Mandela spätestens aus dem Gefängnis hätte entlassen werden sollen, bot das Apartheid-Regime Nelson Mandela unter der Bedingung die Freiheit an, dass er bereit wäre, der Gewalt zu entsagen. Mandela wies dieses Angebot mit der von seiner Tochter übermittelten Begründung zurück: Die Apartheid-Regierung sei diejenige Partei, die sich gegen die Anwendung von Gewalt aussprechen müsse. Zudem könne man nur verhandeln, wenn man frei sei, Gefangene seien in Verträge nicht eingebunden.

Oft wurde Mandela als eine Person beschrieben, die bereit sei zu vergeben und zu vergessen: zu vergeben und zu vergessen. Seine Beziehung zu Willem de Klerk, seine Freundschaft mit einem der Wächter von Robben Island, den er zu seiner Hochzeit mit Graça Machel eingeladen hat – in all diesen Beziehungen erzwang er Veränderung.
Ja, er bot ihnen die Hand, aber er forderte auch eine Gegenleistung ein, sie konnten nicht die gleichen Befürworter oder Nutznießer der Apartheid bleiben. Sie hatten sofort mit dem Prozess zu beginnen, der die eigene Person und die Gesellschaft von Rassismus, Ausbeutung und Gewalt befreit.

Hierin lag die Bedeutung des Friedens- und des Annäherungsprozesses. Es ging nicht einfach um Vergeben und Vergessen, sondern um Wandlung, revolutionäre Wandlung des Einzelnen und Wandlung der sozialen Beziehungen.

Ich werde mich an Nelson Mandela oder Madiba, wie wir ihn zu nennen lernten, erinnern, weil er ein wahrhafter Revolutionär war: Er und seine Kameraden forderten die Niederwerfung des Apartheid-Staates. Doch auch wenn das Post-Apartheid-Südafrika weiterhin von einem Haufen Probleme geplagt wird, negiert dieser Zustand nicht die außerordentlichen Erfolge, die erzielt worden sind. Mit Hilfe der weltweiten Solidarität – sogar zu einem Zeitpunkt, als die US-Regierung Mandela als einen Geächteten und Terroristen behandelte – war die Bewegung siegreich. Mandela wird auch in Zukunft ein Versprechen repräsentieren, das Versprechen von Revolution und Wandlung der Gegenwart. Er war für mich, solange ich zurückdenken kann, eine zentrale Quelle der Inspiration.

Auszug aus dem Vortrag vom 7.12.2013 in der Goethe-Universität Frankfurt, übersetzt von Andrea Pollmeier

In 1985, five years before he was ultimately released, the Apartheid regime offered Mandela his freedom if only he would renounce violence and, declining this offer, Mandela said in a statement his daughter issued that the Apartheid government was the party that needed to renounce violence. Besides, he says, one can only negotiate if one is free; prisoners are not entered into contracts. Mandela is often portrayed as one who was willing to forgive and forget, forgive and forget: his relationship with Willem de Klerk, his friendship with one of the guards from Robben Island who was invited to attend his wedding to Graça Machel; in all these relationships he compelled transformation. Yes, he did offer his hand to them but he also called for something in return: they could not remain the same proponents or beneficiaries of apartheid, they were now to begin the process of purging themselves and the society of racism, exploitation and violence. This was the meaning of the peace and reconciliation process: not simple forgiveness, not forgetfulness, but transformation, revolutionary transformation of self and transformation of social relations.

I will remember Nelson Mandela, Madiba as we learned to call him, because he was a true revolutionary, he, and his comrades demanded the overthrow of the apartheid state. And while post apartheid South Africa continues to be plagued with a host of problems, that does not negate their extraordinary achievements. With solidarity from all over the world, even when the US government treated Mandela as a pariah and as a terrorist, they were victorious. And Mandela continues to represent a promise, a promise of revolution and transformation, today. He has been a major inspiration for me as long as I can remember.

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erstellt am 09.12.2013

Nelson Mandela, 2008
Nelson Mandela, 2008

Interview mit Angela Davis (3Sat): Überwachung, Engagement und Rassismus [05.12.2013]

Angela Davis zählt in den USA zu den wichtigsten Vorkämpferinnen der schwarzen Befreiungsbewegung, deren Vertreter Malcolm X oder Martin Luther King ermordet wurden. Zwei Jahre war Davis unschuldig in Haft. In dieser Zeit setzten sich weltweit Millionen Menschen unter dem Motto Free Angela für ihre Freilassung ein. Bis heute ist sie eine bedeutende Symbolfigur des Feminismus und eine Wegbereiterin interdisziplinärer Diskurse innerhalb der Gender und Diversity Studies.

Angela Davis wurde 1944 in Birmingham, Alabama, geboren, einem Zentrum der Segregation und der rassistisch motivierten Attentate des Ku-Klux-Klans. Die Kindheitserinnerung an stete Explosionen in Bombingham und das Attentat auf die 16th Street Baptist Church (1963), das vier schwarze Mädchen tötete, haben Davis´ politisches Denken geprägt. Zwar verlässt sie die USA, um in Paris und Frankfurt Literatur und Philosophie zu studieren, doch unterbricht sie 1967 ihre unter Theodor W. Adorno begonnene Dissertation, um sich der neu gegründeten Black Panther Party in ihrer Heimat anzuschließen.
Neben politischem Aktivismus gelingt es Davis, die u.a. auch bei Herbert Marcuse, Max Horkheimer und Oskar Negt studiert hat, eine wissenschaftliche Karriere aufzubauen. Mehr als 20 Jahre lehrte Angela Davis an verschiedenen Universitäten in Kalifornien, zuletzt von 1991 bis 2008 am Lehrstuhl für African-American und Feminist Studies der University of California, Santa Cruz (UCSC).