In einer Gesellschaft, in der Geld alle menschlichen Beziehungen beherrscht, bleibt Sergej Prokofjews Oper „Der Spieler“ nach Dostojewskis gleichnamigem Roman notwendigerweise aktuell. Andrea Breth hat den „Spieler“ nun in Amsterdam inszeniert. Thomas Rothschild berichtet von der Premiere.

opernkritik

Erbschleicher

Andrea Breth inszeniert Prokofjews „Spieler“

Von Thomas Rothschild

In ihrer Rede bei einem Jubiläumskongress des Burgtheaters sagte Andrea Breth im Oktober: „Man meint, das Publikum langweile sich mit den bekannten Stoffen, es brauche dramatisierte Roman-Adaptionen oder Drehbücher, beides egoistische Wünsche der Inszenatoren, die sich sehr vermessen an Stoffe heran machen, die definitiv nicht für die Bühne gemacht worden sind. Ein Roman ist nun einmal eine eigene Kunstgattung, die in keiner Weise verunstaltet werden kann und darf, weil die Erzählung auf der Bühne völlig anderen Gesetzen unterliegt. Eine Roman-Dramatisierung beschädigt den Roman und die Sprache der Bühne.“ Das ist zwar keine neue Erkenntnis, aber richtig ist sie allemal. In der selben Rede ergänzte die große Regisseurin: „Ganz anders im Musiktheater. Niemand wird sich fragen, warum man ohne Einschübe, ohne persönliche, rein private Worte 'Don Giovanni' musiziert und inszeniert. Das Meisterwerk wird respektiert, kein Dirigent wäre so vermessen, ein solches Werk zu dekonstruieren.“

Nun hat Andrea Breth bekanntlich Dostojewskis „Verbrechen und Strafe“ in einer eigenen Fassung auf die Bühne gebracht, was in Widerspruch zu ihrem Statement steht. Es blieb eine Ausnahme. Unter ihren Musiktheaterarbeiten aber basieren gleich mehrere auf erzählenden Werken: „Eugen Onegin“ auf einer Verserzählung, „La Traviata“ und jetzt „Der Spieler“ jeweils auf einem Roman. Grund genug, sich zu fragen, ob für die Oper andere Gesetzmäßigkeiten in Bezug auf epische Vorlagen gelten als für das Sprechtheater. So könnte man argumentieren, dass die Arie, die innerhalb des Musiktheaters merklich bühnenwirksamer ist als der Monolog im Schauspiel, eine Entsprechung zum inneren Monolog oder der Erzählung ermöglicht. Gerade die von Andrea Breth gewählten Opern von Tschaikowski, Verdi und Prokofjew liefern ja äußerst überzeugende Beispiele für eine gelungene Gattungstransformation.

Zur Einordnung: „Der Spieler“ entstand 1917, im selben Jahr wie Strawinskis „Geschichte vom Soldaten“, zwei Jahre nach der allerdings erst 1919 uraufgeführten „Frau ohne Schatten“, ein Jahr vor Puccinis „Il trittico“, wenige Jahre vor „Katja Kabanowa“, konnte aber wegen des Ausbruchs der Revolution erst zwölf Jahre später, in Brüssel, aufgeführt werden. Arien gibt es im „Spieler“ nicht. Es ist dies eine durchkomponierte Oper, deren Musik der Sprache des von Prokofjew selbst verfassten Librettos bis ins Detail folgt. In einem Zwischenspiel im vierten Akt gibt es allerdings eine gegen alle Konventionen verstoßende Choreinlage, die wie eine Kantate wirkt. Prokofjew schlägt vor, den Chor hinter dem Vorhang, im Orchestergraben oder hinter dem Theater zu positionieren. Gelegentlich wird er dennoch auf der Bühne gezeigt. Andrea Breth lässt ihn, in Abendkleidung, also ohne Kostüme, links und rechts neben der Bühne auf dem Balkon, im Halbdunkel, auftreten.

Die Gesamtkonzeption von Breths Inszenierung beruht auf einem Wechsel von quirligen „öffentlichen“ und fast intimen „privaten“ Szenen. Wo die Gesellschaft (im doppelten Wortsinn) ins Spiel kommt, lässt die Regisseurin Nebenfiguren, auch Statisten in ständiger Bewegung Atmosphäre und einen Hintergrund bilden, vor dem sich die Dialoge und Konflikte entwickeln. Dabei kommt ihr das Ambiente des Hotels und des einem Hotel ähnelnden Kasinos entgegen. Es ermöglicht eine Konstellation, die auch Arthur Schnitzler in seinem „Weiten Land“ nützt, das Andrea Breth in Salzburg inszeniert hat: Hier treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft auf einander, um später wieder ihre Wege zu gehen. Dabei bewährt sich einmal mehr die Zusammenarbeit mit dem Bühnenbildner Martin Zehetgruber, der für Andrea Breth ein ähnlich kongenialer Partner ist wie Anna Viebrock für Christoph Marthaler oder für Jossi Wieler. Breth und Zehetgruber verbindet die Vorliebe für einen detailverliebten Realismus, der als altmodisch gelten könnte, wenn er nicht vor dem Hintergrund der immer gleichen aktuellen Moden schon wieder avantgardistisch wirkte.

So sehr Breth auf Bewegung setzt, so musikalisch sind doch die gleitenden Übergänge der Arrangements und Gruppierungen. Die Regisseurin entwickelt eine Choreographie des Sitzens, Stehens und Gehens. Innerhalb dieses Rahmens werden die Figuren charakterisiert. Polina (Sara Jakubiak) erscheint zunächst als kokette femme fatale, um zum Ende hin als die leidende Frau zu erstarren, die sie in Wahrheit ist. Die Babulenka, die jene enttäuscht, die auf ihren Tod und ihr Geld warten, ist mit Renate Behle fast zu jung besetzt. In knallroter Perücke erinnert sie mit ihrer Boshaftigkeit an die geizigen Großmütter in Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder in Elias Canettis „Hochzeit“ oder auch an Dürrenmatts alte Dame.

Nicht so recht einleuchtend ist eine Szene, in der Breth den General sich buchstäblich in seine Gier nach Geld verstricken lässt. Wüsste man es aus Breths Wiener Einaktercollage „Zwischenfälle“ nicht besser, müsste man meinen, dass Komik ihre Sache nicht sei.

Sängerisch enttäuscht in der Amsterdamer Aufführung lediglich Pavlo Hunka in der Rolle des Generals, der vergeblich hofft, mit dem Erbe seiner Tante seine Schulden begleichen und die Lebedame Blanche (Kai Rüütel) kaufen zu können. Seiner Stimme fehlt einfach die Kraft, die seine, wenn auch nur vorgetäuschte Würde glaubhaft machte. Er steht nicht nur finanziell, sondern auch stimmlich im Schatten des Marquis (Gordon Gietz).

In jeder Hinsicht überzeugt dafür John Daszak in der Titelrolle. Er trifft den zugleich aufgeregten und verzweifelten Ton des hörigen Liebhabers, der schließlich der Spielleidenschaft verfällt. Aber Andrea Breth interpretiert Dostojewskis Roman nicht, nach einem geläufigen Muster, als Studie eines Süchtigen, sondern als Kritik an einer Gesellschaft, in der Geld alle menschlichen Beziehungen beherrscht. Prokofjews Oper wirkt hier kein bisschen überholt. Diese Welt der Erbschleicher und Heuchler ist unsere Welt.

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erstellt am 08.12.2013

oper

Sergej Prokofjew: Der Spieler

Regie Andrea Breth
Musikalische Leitung Marc Albrecht
Orchester Residentie Orkest
Chor Koor van De Nederlandse Opera

Het Muziektheater Amsterdam