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Gäbe es die Bezeichnung ›darstellende Schriftstellerin‹, träfe sie früh auf Ginka Steinwachs zu, die sich aber auch mit Theaterstücken und Hörspielen hervortat. Was es mit ihrer Wiederentdeckung der Sinnlichkeit auf sich hat, erklärt Martin Lüdke anhand ihres Buches »Bilderbuch einer StadtstreichLerin«.

Porträt einer darstellenden Schriftstellerin

Das verrückte Huhn

Ein verwackeltes Bild der Dichterin Ginka Steinwachs, die, nach eigener Aussage, immer in Fahrrichtung schreibt, auch viel UN-Sinn aus NY

Von Martin Lüdke

Es gibt einige, wenige Leser, die sich daran erfreuen, dass die Worte auseinander- und übereinander herfallen und krachend zerbersten oder wimmernd verklingen; Leser, die gerne zusehen, wenn Worte seziert, be- und verkehrt werden, wenn sie ihre Spitzen verlieren und, stumpf geworden, dumpfe Klänge von sich geben, plattgeschlagen lauthals klagen. Leser, die beim Lesen Spaß haben können und einem Vorgang mit weitem Herz und großen Augen bewundernd zusehen, bei dem mitten in Manhattan eine Frau, allerdings nicht mit Presslufthammer und Spitzhacke, den Beton zerschlägt, sondern mit (wie man einst sagte) leichter Feder den betonhart gewordenen Boden der Sprache aufgräbt, lockert, durchschüttelt und in der Folge viele, kleine, zarte Sprach-Pflänzchen zum Blühen bringt.
          Es gibt aber nach wie vor, das wollen wir nicht vergessen, viele, sehr viele Leser mit vorwiegend fester Anstellung, die sich – genau! – darüber mächtig ärgern und in der Folge kräftig aufregen können.

Also: „Noch eine Stunde: dann wieder in der Reihenfolge der Folge: Lampe Dusa, Lampe Diva, Lampe Dandy, Lampe Dante!“ Und: „Aus diesem Bleistift, der genausogut ein Luftballon sein könnte, ersieht man wieder: meine Literatur hat unbezwinglich die Tendenz, zu fliegen.“ Der Schriftsteller, Verlegersohn und Verleger Otto F. Walter, einer der bedeutendsten Schweizer Erzähler des letzten Jahrhunderts, erzählte mir einmal von den Schwierigkeiten, die er als junger Lektor im streng konservativen und stockkatholischen Verlag seiner Familie, dem Walter Verlag, Olten und Freiburg, mit seinem weltoffenen und politisch progressiven Programm bekommen hatte. Dauernd gab es Konflikte. Endgültig überspannt war der Bogen, als er von dem österreichischem Dichter Ernst Jandl das kleine Büchlein „Laut und Luise“ veröffentlicht hatte. Da hörte alles Verständnis auf. Der Vater, die Geschäftsleitung und mit ihnen das (klein-&großbürgerliche) Schweizer Publikum sahen sich nicht nur auf den Arm genommen, sondern maßlos provoziert. Das bald darauf schon berühmt gewordene Gedicht aus der Sammlung „laut und luise“ mit dem schlichten Titel „lichtung“ erschien als Beleg für den nicht tolerierbaren Unsinn.: „manche meinen lechts und rinks kann man nicht velwechsern. werch ein illtum!“. Dieser Konflikt veranlasste die (Familien-)Besitzer, Buch, Autor, Lektor und Jungverleger aus dem Unternehmen rauszuschmeißen. Otto F. Walter ging zu Luchterhand und verlegte dort Ernst Jandl und Peter Bichsel. Und daneben Grass, Heißenbüttel, Christa Wolf, Oskar Pastior und schließlich auch Ginka Steinwachs. Die experimentelle Literatur, wie man sie nannte, war auf dem Höhepunkt ihrer öffentlichen Aufmerksamkeit angekommen, wiewohl sich, dessen ungeachtet, die (klein-bürgerlichen) Leser nach wie vor, von den Sprachspielereien provoziert fühlten und sich nicht etwa gleichgültig abgewendet haben, sondern mit Schaum vor dem Mund gegen den ersichtlichen Widersinn wüteten. Es gibt bis heute keine einleuchtende Erklärung dafür, warum auch alle totalitären Systeme von Stalin über die Nazis bis hin zu den griechischen Obristen und den Spießern der SED stets zu Beginn ihrer Herrschaft solche Literatur ausnahmslos zu verbieten suchten. Auch wenn diese Gründe im Dunkeln bleiben – sie geben ein prächtiges Motiv für Leute wie Herbert Schuldt oder Ginka Steinwachs, ihre unverantwortlichen Versuche bis heute fortzuführen.
          Die Situation heute hat sich dabei schon etwas verändert. Die Avantgarde ist ins Glied zurückgetreten. Der provokative Gehalt ist schwächer geworden. Einige der Experimentellen, die weiter ‚experimentieren‘, von Ror Wolf bis zu Franz Mon, oder zu Ginka Steinwachs mögen nach wie vor schreiben, wie sie vormals schrieben. Die Aufregung, die sie erzeugen, hält sich in Grenzen. Die Gleichgültigkeit ist gestiegen. Sie werden als Denkmäler (aus ihrer Sicht: denk mal!) wahrgenommen und daher meist übersehen.
          Und trotzdem fühlt sich der gesunde Menschenverstand provoziert und reagiert aggressiv, wenn man ihn mit dem Sprachwitz und den Sprachspielen einer Ginka Steinwachs konfrontiert. Das allein schon rechtfertigt ihre oft lustigen, manchmal komischen und meist kuriosen Kunstanstrengungen, die sich eben leicht und locker und spielerisch geben.

Ginka Steinwachs, die vom Surrealismus her kam, und übrigens mit einer der ersten lesenswerten deutschen Analysen der französischen Surrealisten promoviert wurde, hat sich stets am Rand dieser und jeder ‚Bewegung‘ gehalten. Mit ihren „Tränenden Herzen“ (1970) oder „Marylinparis“ (1978) entwickelte sie eine eigene Position, die sie bis heute, bis zu ihrem (vorläufig) letzten Buch „Bilderbuch einer StadtstreichLerin“ ebenso konsequent wie vor allem konsequent verspielt durchgehalten hat. Sie schreibt zwar, wie sie offen zugibt, immer in Fahrtrichtung, ihr ist es aber völlig egal, wohin die Fahrt geht. Jedes Fortschrittsdenken, das sich noch in ihrer Dissertation nicht nur verdeckt gezeigt hat, hat sich auf ihrem Weg ins Offene restlos verflüchtigt. Ihre Ambitionen sind dadurch allerdings kaum beeinträchtigt worden. Dieses Bilder-Buch einer StadtstreichLerin, schon der Titel zeigt mehr Zärtlichkeit als es die prüden New Yorker Behörden selbst am Strand von Long Island erlauben, enthält die Beobachtungen und Erfahrung einer sprach-fixierten Autorin, die es für einige Zeit in einen der beiden Wohn-Türme der New York University, nahe dem Washington Square in Manhattan, verschlagen hatte. Ihre Absicht ist es, ohne Kamera zu fotografieren, allein mit dem „Objektiv der Sprache“, wiewohl das Buch viele schöne, schräge, befremdende, nie illustrierende Bilder enthält, abgesehen von dem Harlekin mit schwarzem Hut und weißer Katze auf der ersten Seite. Hier zeigt die Autorin, wie ernst sie es meint. Sie nennt ihre Dichtung deshalb auch eine Art von „BeLichterstattung“ und spricht, wenngleich nur selten, auch in New York katalanisch. Jedenfalls benutzt sie diese Sprache sogar im Süden von Manhattan. Ob es ihr genutzt hat, bleibt, u.a. wegen des „Gelehrten“ E.L. Doctorow, der offenbar mitten in einen ihren Sprach-An- oder Ausfälle geraten war, offen. „Benvingut“, sagte sie. Warum auch nicht?
          „Es gibt viele Möglichkeiten: schreiben, wie Welt ist (1), und schreiben, wie Welt geschrieben ist (2). Ich schreibe, wie die Welt geschrieben ist und buchstabiere die Stadt, an deren Schriftzüge wir uns verlieren.“ Mit solchen Sprach-Lockerungs-Übungen lassen sich sicher keine Fördergelder locker machen, und sicher nicht nur Spießer verärgern, sondern auch einige Liebhaber (vor allem) der Sprache erfreuen. Weiter so, Ginka! Wir brauchen nicht nur gebratene Hähnchen, sondern auch verrückte Hühner.

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erstellt am 04.12.2013

Ginka Steinwachs
Ginka Steinwachs

Ginka Steinwachs
Bilderbuch einer StadtstreichLerin
Wo-manhattan, New York
160 Seiten
ISBN: 9783709200247
Passagen Verlag, Wien 2012

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Eine Performance von Ginka Steinwachs in New York

Eine Performance von Ginka Steinwachs in New York