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Die Dichtungsfans beim ersten Treffen
Die Dichtungsfans beim ersten Treffen

Die jüngst von Jannis Plastargias sowie Sandra Klose, Martin Piekar, Julia Mantel und Marcus Roloff in Frankfurt initiierte Reihe „Dichtungsfans“ versteht sich als Dialog und Werkstattgespräch zwischen Lyrikern und Lesern. Gleich beim ersten Treffen der Gruppe ging es lustig, lyrisch und lebendig zur Sache, berichtet Alexandru Bulucz.

lyrik

Die Frankfurter Dichtungsfans tagen zum ersten Mal

Von Alexandru Bulucz

Der 14. November 2013 ist ein Datum zum Erinnern. Im kleinen, aber feinen Ausstellungsraum Eulengasse haben zum ersten Mal die Frankfurter Dichtungsfans getagt.
          Dichtungsfans, so heißt die neue literarische Maßnahme (wofür oder wogegen wird man gleich erfahren), die von dem unermüdlichen Blogger und Kulturaktivist Jannis Plastargias (*1975) und den talentierten Lyrikern Sandra Klose (*1994), Martin Piekar (*1990), Julia Mantel (*1974) und Marcus Roloff (*1973) gemeinsam ins Leben gerufen wurde. Dass dem Frankfurter Leser diese Namen unter Umständen schon bekannt sind, liegt einerseits daran, dass sie bereits einigen literarischen Erfolg zu verzeichnen haben, und andererseits liegt es daran, dass sie nicht zum ersten Mal gemeinsam auftreten, um dem Bedarf nach literarischem Austausch zu entsprechen. Erst am 24. Oktober sind diese Lyriker ans Niederräder Ufer ins Blaue Haus zusammengekommen, um, unter der Moderation von Jannis Plastargias, Gedichte zeitgenössischer Autoren „undercover“ vorzutragen. Der Clou dabei: Die Autoren, die sich hinter den jeweiligen Gedichten verbergen, werden erst am Ende der Veranstaltung kundgetan, nachdem das Publikum sein Lieblingsgedicht gewählt hat. Den Versuch, Literatur durch bestimmte Formen der Interaktion zwischen Literat und seiner Hörerschaft zu vermitteln, unternehmen auch die Dichtungsfans, wenngleich sie dies in einer viel radikaleren Weise tun: Denn dadurch, dass in dieser Gesprächsrunde die Texte (meistens sind es Gedichte) der Teilnehmer nicht nur von Lyrikern besprochen werden, sondern von einer bunten Mischung aus Künstlern verschiedener Medien und Lesern, die einfach mehr erfahren wollen, ergeben sich Synergien, die unter Umständen in die noch nicht veröffentlichten Texte zurückfließen.
          Nach der Vorstellungsrunde bei Bier und Salzstangen, die man sich aus dem Nebenraum holen darf, und nach kurzer Raucherpause oder kurzweiliger Verlagerung des Gesprächs auf den Bürgersteig, geht es dann bei Bier und Salzstangen (Die sympathische und einladende Atmosphäre muss man hervorheben, denn auch darauf kommt es an!) mit einer allgemeinen Unterhaltung über Dichtung weiter. Aus dieser Unterhaltung hört man recht einstimmig heraus, dass der Name Dichtungsfans, der von Sandra Klose stammt, „eine Art Werkstattgedanke“ ist. Direkter formuliert: Die Dichtungsfans fühlen, denken und arbeiten in einer Werkstatt, die allen auf Literatur und Kunst bezogenen Fragen Raum gibt. Sie versuchen zwar diese Fragen zu beantworten, beanspruchen aber keine endgültigen Antworten darauf. Mit Fanatismus hat diese Runde nichts zu tun: Jede Ästhetik darf zu Wort kommen, keine aber postuliert werden, so Martin Piekar. Und so beginnen die Dichtungsfans, sich zu definieren, indem sie sich entgrenzen. (Aber darauf kommt es in der Literatur und der Kunst ja an: auf Entgrenzung!) Grundsätzliche Fragen werden glücklicherweise auch hier wieder gestellt: Was bedeutet Lyrik? Was ist ein Gedicht, was lyrische Prosa? Wie geht man miteinander um, wenn man über Literatur spricht? Der Enthusiasmus und die Inspiration, mit denen die Dichtungsfans auf diese elementaren Fragen antworten, sind in diesem Augenblick fast wichtiger als die Antworten selbst, und obwohl die Dichtungsfans wissen, dass die Lyrik es schwer in der Welt hat, sind ihnen diese literarischen Triebe nicht abhandengekommen. Im Gegenteil, die Begeisterung für ihr Metier bringt die Frankfurter Dichtungsfans erst recht zusammen und macht sie so zu einer literarischen Ballung, die in Zukunft hoffentlich eine Alternative zu Berlin, Hildesheim und Leipzig darstellen kann.
          Ja, herzlich, mit Begeisterung und zuweilen ernsthaft-humorvoll reden die Dichtungsfans über das Problem ‚Schreiben‘: „Das Herz lässt sich nicht reglementieren.“ „Mach ein EKG!“ Ein Dialogauszug, aus dem nicht nur die Entzweiung der Lyrik herauszuhören ist, sondern die Entzweiung jeglicher literarischen Gattung überhaupt: Schreiben, das ist ein Pendeln zwischen Technik und Intuition, Messbarem und Nicht-messbarem, Denken und Fühlen, Verstand und Sinnlichkeit, die einander durchdringen und voneinander nicht zu trennen sind. Aber eins steht, für Martin Piekar zumindest, fest: „Das Unbewusste ist das Wichtigste an der Literatur.“ Für Marcus Roloff ist das Gedicht „ein Verhältnis zur Welt auf kleinstem Raum“. Schreiben heißt für ihn „mit der Welt, wie sie ist, etwas machen“. Dieser nervösen Gelassenheit kann man auch in seinen Gedichten nachspüren. Wie ernst es den Dichtungsfans dabei ums Schreiben ist, verstehen wir durch folgende Fragen z. B.: „Ist es möglich in der Depression zu schreiben?“ „Gibt es eine Traurigkeit im Zustand des Glücklichseins?“ Geantwortet wird zuweilen mit einem Verweis: so z. B. auf Hans Mayers Außenseiter aus Das unglückliche Bewusstsein. Die Dichtungsfans, das kann man jetzt sagen, sind Außenseiter, aber dann wiederum ist jeder Literat ein Außenseiter. Und die Literatur, in diesem Fall die Lyrik, ein universaler Ort: Das beweist Timon Seibel, der auf die Frage, warum er hier unter den Dichtungsfans sei, antwortet, er möchte wissen, „wie der literarischen Bär steppt“. Antwortend fragt er nicht, wo der Bär steppt, sondern nach der Art und Weise, wie er steppt. Das zeigt, dass die Frankfurter Dichtungsfans nicht in Opposition zu irgendeiner literarischen Gruppierung oder literarischeren Stadt stehen. Vielmehr sprechen sie sich für jeden aus, der für Literatur und ihre Vermittlung sorgt.
          So ist der Abend auch ein Abend mit Abwesenden: Herbeizitiert werden Dürs Grünbein, Oleg Jurjew, Sarah Kirsch, Adam Zagajewski, um nur einige zu nennen. Martin Piekar liest aus Czesław Miłosz, Sandra Klose aus Charles Bukowski. Kurz vor dem Schlafengehen haben einige vielleicht noch Oleg Jurjews Satz („Ich schreibe Gedichte, weil ich wissen will, wovon sie handeln.“) im Kopf oder das Bild des Gedichts als Tropfen am Ausgang des Wasserhahns, wobei der Tropfen, der nicht fällt, das gelungene Gedicht sei (Marcus Roloff frei nach Essenzen aus Gesprächen mit seinem früheren Lektor).
          Darüber hinaus wird auch Technisches besprochen: Man tauscht sich über Stipendien und Fördermöglichkeiten aus, man knüpft Kontakte und schafft Netzwerke, man überlegt sogar, einen fiktiven Literaturpreis zu gründen.
          Inzwischen sind die Dichtungsfans längst in die Diskussion ihrer eigenen Texte übergegangen. Auf dem heißen Stuhl gesessen (diese Redewendung ist in der Tat gefallen) haben vier Gedichte und ihre zwei Autoren: Timon Seibel und Marcus Roloff. Bevor die Gedichte, die als erste Entwürfe zu lesen sind, selbst für sich sprechen dürfen, sollte man vorausschicken, dass die psychotherapeutische Wendung ‚auf dem heißen Stuhl sitzen‘ während der Gedichtbesprechungen zunehmend ihre Bedeutung verlor. Denn das Verhältnis zwischen Autor und Kritiker, das selbstverständlich nie von Spannungen frei ist, war in der Runde der Dichtungsfans zu keinem Zeitpunkt von Gefällen gezeichnet, sondern war stets wie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Autor und Lektor. Und das hängt im höchsten Maße mit dem Begriff Dichtungsfans zusammen, was ein Für – die Dichtung meint: für das, was in der Mitte liegt, für die Literatur, deren Autoren, im Fall der Dichtungsfans, die Notwendigkeit einer Werkstatt als eines Vor der endgültigen Fassung eines Gedichts eingesehen haben:

ZEITALTER EINTRETEN 6

Von Timon Seibel

SECHS oder sieben Mal glückliche Wiederkehr
von diesem klaren Gestirn und viel glücklicher noch
wenn mit Anschauen sein Aug mich zu beehren pflegt
Jetzt langt mich an seine Hand und repariert mich unwiederbringlich

In diesem klaren Gestirn hing ich am Leben
und verschmierte morgens auf mir eine chemische Substanz
um Liebe für meine Kinder und Mitmenschen zu empfinden

Bin ich in Berlin nehme ich keine Chemie
und weiß nicht mehr ob ich heulen oder heilen soll
Bin ich bei mir wandern Sichaufrichtende an mir vorüber
und befreien ihre Hände vom Laufen auf allen Vieren
Bin ich bei ihm langt seine Hand mich wieder an

Sechs oder sieben Mal glückliche Wiederkehr von diesem kalten Gestirn
und viel glücklicher noch wenn ich keine Nahrung ergreife
mit meinem Gesicht
Jetzt langt er mich wieder an mit seiner Hand
und repariert mich unwiederbringlich

Kapitel 11

Von Timon Seibel

Der Garten ist voller amouröser Pflanzen Lilien dornenlose
Rosen Aloen und eine Passionsfeige bekieseln fruchtbar
Gartengrund und Boden Ganz in Beschäftigung miteinander
vertieft schwelgen Rottanne und Distelfink

Mit anmutigen Bewegungen in Zeitlupe weichen Sich-Beliebende
den fliegenden Pfeilen der Liebe aus Überschäumen
alle Herzen und Hirne jeder Mund und jede Öffnung
eines göttlichen körperlichen Spalts von der lieben Liebe

Maria und das Kind Der Hirte und seine Herde Die Bundeskanzlerin
und ihr Volk in Block 24a Wir liegen verwirrt vom Tag
An den Wänden hängen Tapeten von der Familie ein Strauß

Plastikblumen und Sprüche aus Asche auf dem Nachtschränkchen
und kein Pfleger kein pneumatischer Arm eines Roboters
kühlt unsere Zunge mit der Spitze eines Fingers

Timon Seibel, Lyriker, Maler, Zeichner, lebt in Kambodscha

epigrammat. nach trude krakauer

Von Marcus Roloff

netzmaschinen entronnen
nach sand und nebel nach
tagen und wochen im drehkreuz
zwischen angel & flappe
gesichtet?
man schleppt mich zum mond
versteift mich in einem
hundepanzer wir haben
auf uns gewartet und
grasen den horizont ab
nach lücken im fell oder furchen

(Das Gedicht epigrammat wurde als Gegenentwurf auf eine unbehagliche Lektüre von Trude Krakauers Emigrant verfasst:

Emigrant

Netzmaschinen entronnen,
Jappend im Sand,
Noch spür ich im Wind
Salzigkühl-tiefgrün-schützende Flut.
Gerettet?
Die Brüder schleppt man zum Mord.
Gerettet?
Allein. Jappend im Sand.
Salzbitter wehen die Tränen im Wind.
Fluch-Flucht-Frucht furchen die Dunkelflut.
Am Strand sitzt der Tod.)

bodo

Von Marcus Roloff

der äthiopier ent-
beint / -fleischt in
heidelberg unter der
stirn grübeln die augen
sechshunderttausend
jahre und hinterher wird es
heißen das feuer das wir
kannten das rad die lampe
die lippen das adrenalin in
meinem wie federn ausgestellten
schädel scheint mir die
sonne von unten durch die
ritzen die berge gebirge

an die wände geschriebenes
augenhöhlenmalerei

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erstellt am 03.12.2013

Jannis Plastargias
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Sandra Klose
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Martin Piekar
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Julia Mantel
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Marcus Roloff
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