Internet-Trailer

Mash me up!

Von Kai Mihm

Die Spielzeuge der Toy Story auf Drogen, Leonardo DiCaprio als melancholischer alter Mann oder Mel Gibsons Passion Christi auf Tarantino-Speed – die im Internet kursierenden Trailer-Mash-ups deuten durch Collage das herkömmliche Filmverständnis um.

Was hat Christopher Nolans Science-Fiction-Thriller „Inception” mit Pixars Animations-Hit „Up!” gemeinsam? Vom großen Erfolg bei Kritik und Publikum einmal abgesehen, eigentlich nicht viel – sollte man meinen. Bis man im Internet den Trailer zu „Upception” gesehen hat: Unterlegt mit Zack Hemseys so ungeheuer einprägsamem „Mind Heist”-Stück erklärt da der alte Mann aus „Up!” etwas über Traumwelten, Geheimnisse, Sehnsüchte und letzte Chancen – mit der Stimme von Leonardo DiCaprio. Das Ganze soll vielleicht nicht mehr sein als der Gag eines Fans. Aber der fiktive Trailer ist nicht nur sehr amüsant und ausgesprochen mitreißend, er verändert auch den Blick auf die beiden Filme, die er so geschickt miteinander verknüpft: Das surreal Traumhafte und der melancholische, sehr erwachsene Existenzialismus von „Up!” werden da noch einmal sehr pointiert herausgearbeitet, und auf der anderen Seite merkt man, dass „Inception” eigentlich doch ein ziemlicher Kinderkram ist.

„Mash-up” nennt sich diese Form spielerischer Trailer-Vermischungen, die man im Internet mittlerweile zu Hunderten findet – nicht zu verwechseln mit den „Re-Cut-Trailern”, die lediglich das Genre eines Films -verändern und etwa aus „Shining” eine Liebeskomödie machen. Die Vorgehensweise bei Mash-ups ist fast immer gleich: Die Tonspur und die Schriftzüge eines Trailers werden mit Bildern aus einem anderen Film unterlegt. So treffen die „Watchmen” auf „Wall-E”, die „Transformers” auf den „Terminator” oder „Requiem for a Dream” auf „Toy Story 2”. Der Begriff „Mash-up” ist der Musikwelt entlehnt, wo es diese Form der Neuarrangierung und Collagierung schon lange gibt; 2004 rief David Bowie seine Fans im Rahmen eines hochdotierten Wettbewerbs sogar offiziell dazu auf, Mash-ups aus seinen Songs zu kreieren.

In der Literatur kennt man das Prinzip seit dem Dadaismus, aber erst William S. Burroughs machte es mit seinen „Cut-ups” in den fünfziger Jahren populär. Von solchem Kunst-willen sind die meisten Trailer-Mash-ups freilich weit entfernt. Bei der großen Mehrheit der Clips handelt es sich um wenig originelle, handwerklich stümperhafte Montagen, deren Macher versuchen, den betreffenden Film zu veralbern – wobei sie meist der Illusion erliegen, es genüge schon, einen existierenden Trailer ungeachtet der Schnittfolgen mit der Musik eines anderen Films zu unterlegen, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Dabei ist gerade bei so grotesken Verbindungen wie „Wallace & Gromit” und „Saw” die technisch perfekte Umsetzung von entscheidender Bedeutung, um die Illusion für die zwei Trailer-Minuten aufrechtzuerhalten.

Manchmal regt auch die Ausgangsidee stärker zur Reflexion an als der fertige Clip: Als erster Trailer-Mash gilt beispielsweise „Kill Christ” aus dem Jahr 2003, eine Verquickung von „Kill Bill” und Mel Gibsons „Die Passion Christi”. Der fertige Clip ist nicht sonderlich gut gemacht und endet mit dem irritierenden Satz: „In the year 2004… the Jews… will Kill Christ”, aber allein schon die Idee dieser Verbindung bringt sowohl den quasireligiösen Kult der Tarantino-Anhänger als auch die fetischisierte, letztlich aber triviale Gewaltobsession beider Regisseure auf den Punkt. In jedem Fall löste „Kill Christ“ eine erste Welle an Mash-up-Trailern aus.

Und wenn sich die Popularität, oder sagen wir: der Fan-Appeal eines Schauspielers an der Summe der ihm gewidmeten Websites messen lässt, dann steht das Kultpotenzial eines Films möglicherweise in direktem Verhältnis zur Anzahl der Mash-up-Trailer. Anhänger von „Matrix”, „Herr der Ringe”, „Brokeback Mountain” oder jetzt „Inception” werden verstehen, was gemeint ist – zu wenig anderen Filmen finden sich im Netz mehr Trailer-Mashs.

Aus Angst vor Urheberrechtsklagen durch die Filmstudios wurden die Mash-ups zunächst anonym über private Blogs oder Youtube verbreitet. Mittlerweile bündeln Websites wie thetrailermash.com die Clips und kategorisieren sie nach Genres und Nutzerbewertungen. Sogar die Studios versuchten zwischenzeitlich, das Mashup-Phänomen als Marketinginstrument zu nutzen: 2006 richtete Warner Bros. vor dem Start von Darren Aronofskys Sci-Fi-Romanze „The Fountain” eine Website ein, auf der die Nutzer aufgefordert wurden, aus dem bereitgestellten Bild- und Tonmaterial eigene Trailer zu basteln. Fan-Trailer, so der Gedanke, verbreiten sich gerade in der Sci-Fi-Szene wesentlich schneller und effektiver als „offizielles” Werbematerial. Durchgesetzt hat sich dieses Konzept nicht – denn der Reiz eines selbst gebastelten Clips besteht ja gerade im Gefühl der Subversion und dem Spiel mit der Grauzone zwischen künstlerischer Freiheit und Copyright-Verletzung. „Wir gehören zwar nicht zur Filmindustrie“, erzählte ein Mash-up-Artist der „London Times“, „aber die Mash-ups sind ein Weg, sich in die Geschichte eines Films einzuschreiben.“

Für viele Macher scheint die etwas pubertäre Lust an der Verulkung leider der primäre Anreiz zu sein, andere begnügen sich damit, erfolgreiche Mash-up-Verbindungen auf dilettantische Weise zu kopieren – mit dem Ergebnis, dass man in der Flut der schlechten Imitationen oftmals das Original nicht mehr findet. Immer wieder aber nutzen clevere Köpfe das Format, um ihre Gedanken zu einem bestimmten Film zu visualisieren: Der Mash-up-Trailer „Ferris Club” zum Beispiel funktioniert als brillanter Mini-Essay über die Vorstellung, dass in „Ferris macht blau” eigentlich der Charakter des melancholischen Cameron im Mittelpunkt steht, der sich das subversive Alter Ego Ferris Bueller nur erschaffen hat, um aus seiner bürgerlichen Enge auszubrechen – genau wie Edward Norton in „Fight Club”. Auch der Mash-up-Trailer „Toy Story 2 Requiem”, der den Pixar-Klassiker mit der Tonspur von „Requiem for a Dream” unterlegt, gibt der Geschichte von Woody, Buzz und dem Cowgirl Jessie eine verstörende existenzialistische Abgründigkeit. Und der vielleicht lustigste Mash-up bringt die Teenage-Romanze „10 Dinge, die ich an Dir hasse” (selbst schon ein Mash-up von Shakespeare und College-Komödie) mit De Milles „Die 10 Gebote” zusammen – und auf einmal erkennt man, dass Charlton Heston als Moses und Yul Brynner als Pharao Ramses sich auch nicht anders aufführen als zwei rivalisierende Highschool-Mädchenschwärme. Wenn man so will, schreiben Mash-up-Macher sich also nicht nur in die Geschichte eines Films ein – im besten Fall schreiben sie die (Rezeptions-)Geschichte eines Films auch ein kleines bisschen um.

erstellt am 20.11.2010

Upception

Ferris Club

Toy Story 2 Requiem