Vierteljährich erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

In einer Sprache, die auch zwanzig Jahre nach der Erstpublikation des Romans „Die Autobiographie meiner Mutter“ nichts an Kraft verloren hat, beschreibt die karibische Autorin Jamaica Kincaid Mechanismen weiblicher Unterdrückung. Zu Recht, so Anita Djafari, hat der Unionsverlag dieses Werk jetzt neu aufgelegt.

anita djafaris buchtipp

Poetische Schärfe

Jamaica Kincaid »Die Autobiografie meiner Mutter«

Weltempfänger 21 – Platz 3

Ein Frauenleben auf der kleinen Insel Dominica in der Karibik, erzählt von Xuela, der Ich-Erzählerin, nicht zu verwechseln mit der Autorin Jamaica Kincaid, die aber ebenfalls auf einer kleinen Insel in der Karibik, Antigua, aufgewachsen ist, bevor sie mit 16 Jahren als Au-pair-Mädchen in die USA ging, wo sie heute als bedeutende Schriftstellerin lebt und Literatur an der Universität unterrichtet.

Der Roman „Die Autobiografie meiner Mutter“ ist bereits vor knapp 20 Jahren erschienen und wurde jetzt als Taschenbuch wieder neu aufgelegt: also schon eine Art Klassiker. Ob wieder oder neu entdeckt: Die Lektüre lohnt. Xuela, eine alte Frau von 70 Jahren, blickt zurück im Zorn: die Mutter bei der Geburt gestorben, von da an erst in einer lieblosen Pflegefamilie, dann zu einer neuen Familie, von den Ersatzmüttern nie geliebt, zählt sie sich zu den „Besiegten“. Denn so teilt sie die sehr überschaubare Welt ein, in der sie lebt und sich im Laufe ihres Lebens ihren Platz sucht. Zwischen Eroberern, zu denen ihr Vater, Nachkomme eines Schotten und einflussreicher Polizeibeamter, zählt, und ihrer Mutter von der Spezies der Eroberten, deren Vorfahren irgendwann aus Afrika kamen.

Immerhin schickt ihr Vater sie zur Schule, und sie kommt als Kostgängerin in einer Familie unter, in der die Frau, vorzeitig ergraut und „verschrumpelt“, deren Schoß „wie ein Sieb“ kein Kind behält, die formlose Kleider trägt, als würde sie ihr Körper nicht mehr interessieren, die sie aber akzeptiert und einen seltsamen Bund mit ihr schließt. Das Verhältnis von Xuela mit ihrem Mann duldet sie, Xuela entdeckt mit ihm ihren Eros und ihre sexuelle Lust, die sie mit ihm auslebt, ohne zu lieben oder sich geliebt zu fühlen. Sie wird schwanger, aber das Kind treibt sie ab. Und entscheidet sich, niemals Mutter zu werden. Sie heiratet einen Mann, den sie nicht liebt, denn zu lieben, das gestattet sie sich nicht, das gehört nicht in ihre Gewinn- und Verlustrechnung, sie hat nichts davon je bekommen, also kann sie auch nichts davon geben, sie kann dieses Gefühl nicht unterbringen, es macht sie verletzlich, und das lässt sie nicht zu.

Es klingt, als hätte Jamaica Kincaid einen simplen Roman über eine unterdrückte Frau geschrieben, die sich mühsam befreit. Alle Ingredienzen stimmen: Aufwachsen ohne leibliche Mutter, lieblose Stiefmutter, ungeliebter Ehemann, ohne Kinder, Außenseiterin. So weit, so vorhersehbar? Weit gefehlt. Was diesen Roman zu einem besonderen Stück Literatur macht, ist die Sprache. Im Ton durchweg lakonisch distanziert, fast entrückt und gallig bitter wird die Realität unerbittlich benannt. Und das auf hoch poetische Weise. Kincaid findet Worte für die verschiedenen Aggregatzustände eines beschädigten Frauenlebens und webt damit einen Klangteppich, der ihre Stimme unverwechselbar macht.

Ich wünsche mir, dass viele sie hören und möchte nicht versäumen, auch auf den Roman hinzuweisen, der ganz neu erschienen ist: „Damals, jetzt und überhaupt“. Darin treibt sie diesen, ihren unverwechselbaren Sound so auf die Spitze, dass er zuweilen unerträglich scheint. Diesmal spielt die Geschichte in den USA, mit deutlich autobiografischen Zügen, aber wiederum keineswegs eins zu eins gleichzusetzen mit der Geschichte der Autorin. Eine (mittelständische) Familie zerbricht, der mit sich und seiner Karriere (als Musiker) unzufriedene Ehemann, Mr. Sweet, verlässt Mrs. Sweet wegen einer Jüngeren. Die Kinder, Sohn und Tochter, leiden. Mrs. Sweet jongliert zwischen der Liebe zu ihren Kindern, die ihr bisweilen im Weg stehen, weil sie nicht genug Zeit findet, um sich (als Autorin) zu verwirklichen und kommt ihren Aufgaben als Familienmutter nach, sie kocht, strickt, gärtnert und hört sich an, dass sie nicht mehr begehrenswert ist und eigentlich auch nie gewesen sein kann – die ganz normalen Gemeinheiten einer sich auflösenden Ehe. Wahrlich nichts Besonderes, sollte man meinen, wäre da nicht wieder die berauschende Sprache und der (zuweilen enervierend repetetive) Stil, der genau der zermürbenden Situation, in der sich Mr. und Mrs. Sweet finden, entspricht. Das mag man oder man mag es nicht. Ich bewundere es.

romanauszug

»Die Autobiografie meiner Mutter«

Meine Mutter starb in dem Augenblick, als ich geboren wurde, und so stand mein ganzes Leben lang nichts zwischen mir und der Ewigkeit; in meinem Rücken war immer ein kalter, schwarzer Wind. Zu Beginn meines Lebens habe ich nicht wissen können, dass dies so sein würde; ich habe es erst in der Mitte meines Lebens begriffen, genau zu dem Zeitpunkt, als ich nicht mehr jung war und feststellte, dass ich von manchen Dingen, die ich bisher im Überfluss besessen hatte, weniger besaß und von manchen Dingen, die ich kaum je besessen hatte, mehr. Und diese Erkenntnis von Verlust und Gewinn ließ mich zurück und nach vorne schauen: An meinem Anfang war diese Frau mit einem Gesicht, das ich nie gesehen hatte, aber an meinem Ende war nichts, es war niemand zwischen mir und dem schwarzen Raum der Welt. Mir wurde nun klar, dass ich mein Leben lang an einem Abgrund gestanden hatte, dass mein Verlust mich verletzlich, hart und hilflos gemacht hatte; als ich dies begriff, wurde ich überwältigt von Traurigkeit und Scham und Selbstmitleid.

Als meine Mutter starb und mich als kleines Kind dem Angriff der ganzen Welt überließ, nahm mein Vater mich und gab mich in die Obhut der Frau, die er auch dafür bezahlte, dass sie ihm seine Wäsche wusch. Es ist möglich, dass er sie auf den Unterschied zwischen den beiden Bündeln hinwies: Das eine war sein Kind, nicht sein ein und jener Berge, beide so mitleidlos, weinte ich bis zur Erschöpfung.

Ma Eunice war nicht unfreundlich: Sie behandelte mich genauso, wie sie ihre eigenen Kinder behandelte – was aber nicht heißt, dass sie zu ihren eigenen Kindern freundlich war. An einem Ort wie diesem ist Brutalität die einzig wirkliche Erbschaft, und Grausamkeit ist manchmal das Einzige, was freigebig ausgeteilt wird. Ich mochte sie nicht, und ich vermisste das Gesicht, das ich nie gesehen hatte; ich schaute über meine Schulter, um zu sehen, ob jemand kam, so als ob ich erwartete, dass jemand käme, und Ma Eunice fragte mich, wonach ich denn Ausschau hielt, anfangs meinte sie es als Scherz, aber als ich nach einiger Zeit immer noch nicht damit aufhörte, glaubte sie, ich könne Geister sehen. Ich konnte ganz und gar keine Geister sehen, ich hielt einfach nur Ausschau nach jenem Gesicht, dem Gesicht, das ich nie sehen würde, selbst wenn ich unsterblich wäre.

Ich habe diese Frau, der mein Vater mich überließ, nie lieben können, diese Frau, die nicht unfreundlich zu mir war, die aber nicht freundlich sein konnte, weil sie nicht wusste, wie – und vielleicht konnte ich sie nicht lieben, weil auch ich nicht wusste, wie. Als ich ihre Milch nicht trinken wollte und noch keine Zähne hatte, fütterte sie mich mit fester Nahrung, die durch ein Sieb gestrichen war; als ich Zähne hatte, war das Erste, was ich tat, sie ihr beim Füttern in die Hand zu graben. Es entschlüpfte ihr ein leises Geräusch, eher überrascht als vor Schmerz und sie verstand mein Tun als das, was es war – mein erster Akt der Undankbarkeit –, und die restliche Zeit, einziges Kind auf der Welt, aber das einzige Kind mit der einzigen Frau, die er bis dahin geheiratet hatte; das andere war seine schmutzige Wäsche. Er wird das eine wohl vorsichtiger behandelt haben als das andere, er wird für den Umgang mit dem einen wohl sorgfältigere Anweisungen gegeben haben als für den mit dem anderen, er wird für das eine wohl aufmerksamere Pflege erwartet haben als für das andere, aber für welches, das weiß ich nicht, denn er war ein sehr eitler Mann, sein Äußeres war ihm sehr wichtig. Dass ich eine Last für ihn war, weiß ich; dass seine schmutzige Wäsche eine Last für ihn war, weiß ich; dass er nicht wusste, wie er selbst für mich sorgen sollte oder wie er selbst seine Wäsche waschen sollte, weiß ich. Er hatte mit meiner Mutter in einem sehr kleinen Haus gelebt. Er war arm, aber nicht, weil er gut war; er hatte noch nicht genügend schlimme Dinge getan, um reich zu werden. Dieses Haus stand auf einem Hügel, und er war den Hügel hinabgestiegen und hatte in der einen Hand sein Kind, in der anderen seine Wäsche balanciert, und er hatte beides, Bündel und Kind, einer Frau übergeben. Sie war nicht verwandt mit ihm oder mit meiner Mutter; sie hieß Eunice Paul, und sie hatte schon sechs Kinder, das jüngste war noch ein Baby. Deshalb hatte sie in ihren Brüsten noch Milch für mich, aber in meinem Mund schmeckte sie sauer, und ich wollte sie nicht trinken.

Ma Eunice wohnte in einem Haus, das weit entfernt von anderen Häusern lag, und von dort hatte man einen freien Blick auf das Meer und die Berge, und wenn ich unruhig war und keinen Trost fand, setzte sie mich in den Schatten eines Baums, und beim Anblick jenes Meeres glaubte, ich verstünde nichts anderes. Aber niemand bemerkte etwas; sie staunten nur über die Tatsache, dass ich schließlich gesprochen und mich nach dem Fernbleiben meines Vaters erkundigt hatte. Dass ich meine allerersten Worte in der Sprache eines Volkes geäußert hatte, das ich nie mögen oder lieben würde, ist mir heute kein Rätsel; fast alles in meinem Leben, an das ich unauflöslich gebunden bin, ist eine Quelle des Schmerzes.

Ich war damals vier Jahre alt und sah die Welt als eine Reihe miteinander verbundener weicher Linien – wie eine Kohlezeichnung; und so sah ich, wenn mein Vater kam, um seine Wäsche abzuholen, nur, dass er plötzlich auf dem schmalen Pfad auftauchte, der von der Hauptstraße zur Tür des Hauses führte, in dem ich wohnte, und dass er, wenn er seine Angelegenheiten erledigt hatte, wieder verschwand, indem er dort, wo der Pfad mündete, in die Straße einbog. Ich wusste nicht, was jenseits des Pfades lag, ich wusste nicht, ob er, wenn er aus meinem Blickfeld verschwand, noch mein Vater war oder ob er sich danach in etwas völlig anderes verwandelte und ich ihn nie mehr in der Gestalt meines Vaters wiedersehen würde. Ich hätte das in Ordnung gefunden. Ich wäre überzeugt gewesen, dass dies der Lauf der Welt ist. Ich sprach nicht, und ich wollte nicht sprechen.

Eines Tages zerbrach ich, ohne es zu wollen, einen Teller, den einzigen Teller seiner Art, den Eunice jemals besessen hatte, einen Teller aus Knochenporzellan, und die Worte »es tut mir leid« wollten nicht über meine Lippen. Die Traurigkeit, die sie bei diesem Verlust zeigte, faszinierte die wir noch zusammen waren, blieb sie auf der Hut vor mir.

Bis zu meinem vierten Lebensjahr sprach ich nicht.

Das machte niemanden auch nur eine Minute weniger glücklich; ohnehin gab es niemanden, der sich deswegen hätte beunruhigen können. Ich wusste, dass ich sprechen konnte, doch ich wollte nicht. Ich sah meinen Vater alle vierzehn Tage, wenn er seine saubere Wäsche abholte. Er war für mich nie jemand, der meinetwegen zu Besuch kam; für mich war er jemand, der seine saubere Wäsche abholte. Wenn er kam, wurde ich zu ihm gebracht, und er fragte mich dann, wie es mir ging, aber das war eine Formalität; er rührte mich nie an und sah mir nie in die Augen. Was gab es in meinen Augen zu sehen? Eunice wusch und bügelte und faltete seine Wäsche; wie ein Geschenk war sie dann in zwei saubere Baumwolltücher eingeschlagen und lag auf einem Tisch, dem einzigen Tisch im Haus, und wartete darauf, dass er kam und sie holte. Seine Besuche waren sehr regelmäßig, und als er einmal nicht zur üblichen Zeit erschien, da fiel es mir auf. Ich sagte: »Wo ist mein Vater?«

Ich sagte das in Englisch – nicht in französischem Patois oder in englischem Patois, sondern in normalem Englisch –, und das hätte das Überraschende sein sollen: nicht, dass ich sprach, sondern dass ich Englisch sprach, eine Sprache, die ich nie jemanden hatte sprechen hören. Ma Eunice und ihre Kinder sprachen die Sprache von Dominica, und das ist französisches Patois, und mein Vater benutzte, wenn er zu mir sprach, auch diese Sprache, nicht weil er keine Rücksicht auf mich nahm, sondern weil er weinen musste, tat es mir nicht sofort leid, es tat mir auch nicht kurz danach leid, es tat mir erst sehr viel später leid, und da war es längst zu spät, ihr das zu sagen, sie war gestorben; vielleicht ist sie in den Himmel gekommen, und die Verheißung auf jenem Teller hat sich erfüllt. Als ich den Teller zerbrach und nicht sagen wollte, dass es mir leid tat, verfluchte sie meine tote Mutter, sie verfluchte meinen Vater, und sie verfluchte mich. Die Worte, die sie benutzte, waren ohne Bedeutung; ich verstand sie, aber sie taten mir nicht weh, denn ich liebte sie nicht. Und sie liebte mich nicht. Sie zwang mich, mit den Händen über dem Kopf und einem großen Stein in jeder Hand, auf ihrem Steinhaufen niederzuknien, der, wie es sich fügte, an einer Stelle lag, die den ganzen Tag Sonne bekam. Sie wollte, dass ich so lange in dieser Haltung aushielt, bis ich die Worte »es tut mir leid« sagte, aber ich wollte sie nicht sagen, ich konnte sie nicht sagen. Es hatte nichts mit meinem Willen zu tun; jene Worte konnten nicht über meine Lippen kommen. Ich blieb so lange in dieser Haltung, bis sie völlig erschöpft war und aufhörte, mich und all die zu verfluchen, von denen ich abstammte.

Mit freundlicher Genehmigung © Unionsverlag, Zürich 2013

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erstellt am 02.12.2013

Weltempfänger 21

Komplette Liste hier

Jamaica Kincaid
Jamaica Kincaid

Jamaica Kincaid
Die Autobiografie meiner Mutter
Roman
Broschiert, 224 Seiten
ISBN: 3-293-20627-1
Unionsverlag, Zürich 2013

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Vorstellung der Bestenliste

Weltempfänger-Salon

Am Donnerstag, 5. Dezember, 19.30 Uhr im Haus des Buches, Braubachstraße 16, Frankfurt am Main

Am 5. Dezember stellen die Jurymitglieder Anita Djafari und Ruthard Stäblein im Frankfurter Haus des Buches wieder ihre Favoriten der neuen LITPROM-Bestenliste Weltempfänger vor, die am 1. Dezember erscheint.

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