Mitten in Deutschland liegt das Biosphärenreservat Rhön, in dessen Mitte sich der Ort Setzelbach – heute Teil der Gemeinde Rasdorf – befindet: Ein Tatort mit Grenztoten. Mit einem komplizierten und spannenden Fall, dessen Aufklärung an Grenzen geraten ist. Johannes Winter ist den Spuren gefolgt.

reportage

Zwischen Dählersgraben und Herbertsdelle

Wie aus einem deutsch-deutschen Grenzfall ein Krimi ohne Ende wurde

Von Johannes Winter

Jeder starb für sich allein. Beide durch eine Kugel. Der eine durch die des Anderen. Der Andere durch die eines Unbekannten. Deshalb leben sie weiter, als öffentliche Figuren im Netz von Geschichten und Gerüchten, Legenden und Ermittlungen. In einer Welt von Wahrheiten, Lügen und Irrtümern. Die Frage, ob zusammengehört, was irgendwie zusammenhängt, ist gut 50 Jahre alt. Jede Antwort hat auch damit zu tun, wo jemand zu Hause ist.
         Ein heller Sommertag, wie damals. Konrad Hahn war noch ein junger Mann, als es geschah, kurz vor der Ernte, Sommergetreide hatte der Vater ausgesät, Hafer und Gerste standen hoch. Mit lebhaften Gesten erzählte Hahn, als sei es gestern gewesen. Die Glocken hatten geläutet in Setzelbach und Rasdorf und Grüsselbach, entlang der Zonengrenze wie überall in der Bundesrepublik, zum ersten Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 1962.
         Am Tag darauf war viel los an der Grenze. Einheiten der DDR-Grenztruppen standen Patrouillen des Bundesgrenzschutzes gegenüber. Auf Thüringer Seite waren Pioniere der Volksarmee dabei, Pfähle in die Erde zu versenken. Eine doppelte Reihe Stacheldraht sollten sie ziehen, um anschließend Minen zu verlegen. Damals hatte die deutsch-deutsche Grenze das hessische Dorf von den Nachbarn in Thüringen abgeschnitten, von Feldern und Eltern, von Vettern und Kneipen. Es lag dicht an dem, was im Westen Demarkationslinie hieß oder Zonengrenze oder Todesstreifen und im Osten Staatsgrenze West oder antifaschistischer Schutzwall. Das war zu der Zeit, als der Eiserne Vorhang herunterging, Anfang der sechziger Jahre.
         An den Hauptmann des Bundesgrenzschutzes, Meißner, erinnerte sich Konrad Hahn noch gut, ein Hüne von Gestalt sei der gewesen. Von zwei Posten begleitet, bewegte sich der BGS-Offizier an jenem Tag den Trampelpfad an der ominösen Linie entlang. Meißner habe seine Grenze gekannt. Auf DDR-Seite beobachtete ein Hauptmann der Grenztruppen das Trio beim Kontrollgang.
         Zwischen ihnen zog sich der Zehnmeterstreifen hin, der geeggt war wie ein Acker im Frühling. Alltag im Kalten Krieg. Irgendwann, sagt Hahn, habe er beobachtet, wie Meißner seinem Gegenüber einen Vogel zeigte.
         Um es kurz zu machen: erst gab es einen Wort-, dann einen Schusswechsel, und als die Waffen schwiegen, lag der DDR-Hauptmann Rudi Arnstadt tot im Gras.
         Die westlichen Behörden attestierten dem Todesschützen, einem Grenzoberjäger des Bundesgrenzschutzes namens Hans Plüschke, Notwehr und stellten die Ermittlungen ein. Die DDR erklärte den Mann zum Mörder und soll ihn in Abwesenheit zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt haben. Das Opfer, den Hauptmann Arnstadt, erhob sie zum Volkshelden.
         Für Konrad Hahn war die Sache klar. Schließlich war Setzelbach seine Heimat. Bis zum Fall der Mauer vor zwanzig Jahren schnitt die deutsch-deutsche Grenze das hessische Dorf von den Nachbarn in Thüringen ab, von Feldern und Verwandten, von Festen und Kneipen. Setzelbach lag dicht an dem, was man im Westen Demarkationslinie nannte oder Zonengrenze oder Todesstreifen und im Osten Staatsgrenze West oder antifaschistischer Schutzwall. Diese Welt war zwar untergegangen, aber in manchem Kopf lebte sie weiter.
         Wir waren auf Hahns Acker gefahren. Der alte Bauer wollte mir zeigen, was die Grenze eigentlich ausgemacht hatte. Die Lerchen schwiegen, am Feldrand ragte ein Stein aus der Erde. Auf seiner westlichen Seite las ich eingemeißelt die Initialen „KP“ – für Königreich Preußen. Auf der östlichen steht „SW“ – für Sachsen Weimar: alte deutsche Geschichte. In die Oberseite des Steins war ein rechter Winkel eingekerbt. So verlief die Grenze am Dählersgraben seit eh und je, im Zickzack, sie knickte ab. Den Hang hinab wucherte undurchdringliches Gestrüpp aus Heckenrosen, Weißdorn und Schlehen. Einige Meter weiter zeigte mir Hahn unterm Busch den nächsten Stein. Er lüftete das Unterholz, kratzte Moos ab, bis auf der östlichen Seite die Inschrift „DDR“ zum Vorschein kam: jüngere deutsche Vergangenheit. Hier irgendwo, da war sich der Bauer sicher, starb der Grenzoffizier.
         Der tödliche Zwischenfall geschah beinahe in Sichtweite von Point Alpha, damals ein US-amerikanischer Grenzposten. Historiker bezeichnen ihn als „heißesten Ort des Kalten Krieges“. In jener Zeit lag er mitten im „Fulda Gap“, der legendären Einfallschneise, in der die USA sich mit Hilfe der BRD auf ihren Atomkrieg gegen den Osten vorbereiteten. Denn es standen sich in Hessen und Thüringen zwei Blöcke wie Todfeinde gegenüber, der Warschauer Pakt und die Nato, in der Sprache der gegenseitigen Propaganda das – östliche – Gespenst der Weltrevolution und die – westliche – Hyäne des Wallstreet-Kapitalismus. Keine verwackelten Bilder, eine schwarz-weiße Welt. Von Paranoia geprägt war die Politik, war die – behauptete bzw. dementierte – Grenzverletzung des BGS-Mannes Meissner, der Auslöser der Schießerei. Heute ist Point Alpha mit seinem „Haus auf der Grenze“ eine Mahn- und Gedenkstätte. Und Ausbildungsstätte für Grenzführer.

Die von Drüben waren Konrad Hahn gut in Erinnerung geblieben. Einmal, beim Pflügen, sei er mit der ausgefahrenen Pflugschar wohl über die Grenzlinie geraten. Da kam von jenseits eine Stimme in schönstem Sächsisch, das der Bauer schmunzelnd nachmacht: „Sie befinden sich auf dem Territorium der DDR“. Unbeirrt lenkte er seinen Traktor zurück auf den Acker. Auch so ließ sich das DDR-Delikt ´Grenzverletzung` beilegen.
         Inzwischen bietet sich die Landschaft als Idylle dar, es ist das bewegte Bild der Kuppen-Rhön, aus der sich auf thüringischer Seite der Rockenstuhl hervortut, auf hessischer Seite heißt sie Kegelspiel. Der alte Horror der Grenze aus Stacheldraht, Metallzaun, Minen und Schießbefehl, all dies ist längst verschwunden, bis auf einen Wachturm, der wie ein Ausrufungszeichen im Gelände steht. Der ehemalige Todesstreifen, sich selbst überlassen, ist zum Biotop geworden. Wildkirschen und Weidenkätzchen, Stechginster und Wacholder haben ihn erobert. Ökologen feiern die Schneise als Lebenslinie. Für sie ist aus dem Eisernen Vorhang das Grüne Band geworden – die Natur als große Heilerin, die keine Grenze kennt. Der Kolonnenweg aus Lochbetonplatten wurde eine beliebte Wanderroute, auf der Orchideen gedeihen und Hasen hoppeln. Zur Folge hat dies aber auch: die Geschichte wird zugedeckt, sie ist unsichtbar geworden. Wer die menschenverachtenden Sperranlagen noch erlebt hat, den befallen gemischte Gefühle.
         Ich wandte mich ins Tal, schlug den nächsten Feldweg ein und befand mich auf dem Holzweg, so hieß die holperige Straße nach Wiesenfeld. Im ersten – oder auch letzten – thüringischen Dorf an der ehemaligen Grenze war der DDR-Grenzoffizier Arnstadt stationiert gewesen.
         Für ihn wurde am Ortsrand ein Ehrenhain eingerichtet, zwischen Hecken und Bäumen steht der Gedenkstein. Zum Jahrestag seines Todes wurde er mit frischen Blumen geschmückt. Der Nachbar gönnte sich zum Feierabend eine Flasche Bier und bemerkte in stillem Groll, dass das Mahnmal nach mindestens vier anonymen Schändungen endlich in Ruhe gelassen werde. Ursprünglich hieß es auf der Tafel, der DDR-Hauptmann sei „von Gangstern des BGS ermordet“ worden. Ich lernte, hier war der Krieg um die richtige Erinnerung beendet.
         Stationiert ist an der Grenze auch Herbert Wagner gewesen. Der Rentner, Jahrgang 1932, wohnte im nahen Geisa und hatte es bis zum Major der DDR-Grenztruppen gebracht: dreißig Jahre im Dienste der Nationalen Volksarmee und ebenso im Dienste des MfS. Auf höhere Dienstränge, deutete Wagner beiläufig an, wollte die Stasi nicht verzichten. An der Grenze arbeitete ihr ohnehin jeder Fünfte zu. Wagner kannte den Kompaniechef Rudi Arnstadt (IM „Walter Saal“), in der Truppe waren sie nicht Kameraden, sondern Genossen. Ein Leben für Militär und Geheimdienst, das prägte. Es schloss Zweifel aus. Bis heute hielt sein Weltbild, das Wagner auf einem Notizzettel, Marke PDS, skizzierte: der Zickzack-Verlauf der Grenze als Beweis für die Grenzübertretung des BGS-Hauptmanns, mithin für Schuld und Verantwortung des Westens. Auch fast fünfzig Jahre nach der „Provokation“ war für ihn unbestritten, wer sie ausgelöst hatte.
         Herbert Wagner stellte zwei Flaschen Thüringer Bier auf den Tisch. In diesem Punkt hatte er sich Humor bewahrt. Dass, wie DDR-Medien damals vermeldeten, beim BGS an jenem Tag Alkohol an die Truppe ausgegeben worden sei, solle man mit Vorsicht genießen. Meinte er grinsend. Es waren Zeiten, in denen man sich nichts schenkte.
         Hinüber nach Hessen. In Burghaun, einige Kilometer westlich, war ich mit Wolfgang Christmann verabredet. Irgendwann nach dem Fall der Mauer war er Herbert Wagner begegnet, als beide in der nahen Mahn- und Gedenkstätte Point Alpha einen Kurs als Grenzführer absolvierten. Der Pensionär Christmann hatte einen seiner früheren Berufe zum Hobby gemacht. Sein gutes Gedächtnis machte ihn zu einer zeitgeschichtlichen Quelle ersten Ranges.
         Das Mittagessen musste er an jenem 14. 8. 62 drangeben, weil in der Kaserne des Bundesgrenzschutzes in Hünfeld Alarm ausgerufen wurde. Für einen Einsatz an der Grenze wurden Waffen, Munition und Stahlhelme ausgegeben. Etwa zwanzig Minuten nach dem Schusswechsel war der BGS-Oberwachtmeister Christmann am Tatort, über dem gespenstische Ruhe lag. Durch Bauer Hahns Getreidefeld rückte er mit seinen Kameraden gegen die Grenze vor, ein leichtes Maschinengewehr im Anschlag.
         Gemeinsam suchten wir an den Tatort auf, ein prachtvoller Sommerhimmel wölbte sich über der Landschaft. Christmann stand am Ackerrand und erinnerte sich, dass seine Truppe bis zum Abend in Stellung lag, nur wenige Meter vor der Demarkationslinie, die für die Bundesrepublik keine Grenze im völkerrechtlichen Sinne war.
         Auch den BGS-Oberjäger Plüschke, der den DDR-Offizier Arnstadt erschoss, hatte er in Erinnerung behalten – wer von beiden damals unbesonnener handelte, dazu wollte er sich nicht äußern. Noch immer konnte Christmann vormachen, wie sein Kollege in einer vielfach trainierten Bewegungsfolge von seiner Waffe Gebrauch gemacht hatte, als Sicherungsposten, dessen Aufgabe es war, seinen Vorgesetzten zu schützen.
         Ihm war im Gedächtnis geblieben, dass seine Truppe bis zum Abend in Stellung blieb, nur wenige Meter vor der Demarkationslinie, die für die BRD keine Grenze im völkerrechtlichen Sinne gewesen sei. Christmann war mit der Sprache jener Jahre vertraut. Der BGS galt der DDR als Adenauers Schlägerbande oder als Truppe von Banditen-Gangstern-Söldnern. Im Westen schrieb man die DDR in Anführungszeichen, sprach von der Zone oder Ostzone oder SBZ, und an der Grenze stand man Volkspolizisten gegenüber, Vopos.
         Christmann hatte auch parat, wie die offizielle Version vom Ablauf des Geschehens lautete, die bis heute im Westen gilt. NVA-Offizier Arnstadt habe eine Scharte auszuwetzen gehabt. Nicht nur, um sich wegen des verlorenen Armeeschleppers zu rehabilitieren.
         Auch eine doppelte Fahnenflucht – zwei höherrangige DDR-Grenzer waren einige Zeit vorher getürmt – habe ihm zu schaffen gemacht. Und über allem die Angst, degradiert zu werden. In der Diktion des Kalten Krieges hieß das, Arnstadt habe auf die Chance gelauert, einen möglichst hochrangigen BGS-Offizier wegen Grenzverletzung festzunehmen, als Geisel – Hauptmann Meißner als Austauschobjekt. Dies habe er mit dem Leben bezahlt.
         Da es beim BGS nur wenige Beamtenstellungen gab, wechselte Christmann irgendwann den Arbeitsplatz. Bis zur Pensionierung arbeitete er noch dreißig Jahre bei der Kriminalpolizei Fulda, zuletzt als Leitender Polizei-Offizier. Eines Nachts wurde er zu einem Ort gerufen, an dem ein anderer Toter lag, nur wenige Kilometer entfernt vom Schauplatz seines Grenzeinsatzes über drei Jahrzehnte früher. Schlechtes Wetter herrschte, es regnete, was von Nachteil war für die Spurenermittlung.
         In einer Senke der Bundesstraße 84, der uralten Ostwest-Magistrale, die Jahrhunderte als Handelsstraße zwischen Frankfurt und Leipzig diente, lag Hans Plüschke, einst beim BGS, inzwischen Taxifahrer, tot auf dem Asphalt, erschossen an einem frühen Sonntag im März 1998. Die Stelle heißt bei den Einheimischen Herbertsdelle. Der pensionierte Kommissar hatte einen Favoriten, einen anonymen Anhalter. Zeugen, die die Straße passierten, erinnerten sich an einen Mann, der in der Dunkelheit mit einem Feuerzeug auf sich aufmerksam gemacht habe. Könnte doch sein, dass Plüschke und der Unbekannte einen Wortwechsel hatten, der eskalierte und für den Taxichauffeur, kein Absolvent einer Diplomatenschule, tödlich endete.
         Die letzte Nacht, die letzten Worte ihres Mannes, das alles hatte die Witwe im Gedächtnis bewahrt. „Taxi-Else“, wie sie in ihrer Heimatstadt Hünfeld genannt wird, meinte sich genau zu erinnern. Schon nach Mitternacht war es und sie im Bett, als Hans, der lieber nachts fuhr, in die Diskothek Confetti gerufen wurde, per Funk war er mit der Tanzbar verbunden. Brachte zunächst zwei Pärchen in ihre Dörfer, nach Kirchhasel und Großentaft. Dann sei ein Anruf aus der Telefonzelle am Border Saloon in Rasdorf eingegangen, es gebe Kundschaft. Als die Kellnerin vom Confetti bei ihm anfragte, wo er denn bleibe, bei ihr warteten die letzten Gäste, habe er gesagt: „Bin gleich da, ich fahr noch schnell einen heim.“ Alltag im Disco-Leben auf dem Land.
         Die beiden Todesfälle – ob da zusammen gehört, was irgendwie zusammen hängt, ist eine bis heute ungelöste Frage. An einer Grenze, auch wenn sie nur noch in der Erinnerung fortwirkt, hängt die Antwort davon ab, auf welcher Seite jemand lebte und lebt. Für die Witwe des Taxifahrers, für Else Plüschke war die Sache klar. Ungeduldig wartete sie seit Jahren darauf, dass einer von Drüben, aus der, wie sie es nennt, „Stasi-Mafia“ bzw. den „alten Seilschaften“ als Täter überführt und festgenommen wurde. Denn dem Mord an ihrem Mann, darauf bestand sie, liege nichts anderes zu Grunde als eine Rache-Aktion. Und stellte mir einen Kaffee auf den Küchentisch.

Else Plüschke hatte für ihre Vermutung einiges zu bieten. Eine Sache war das Wegkreuz, das ein Kollege ihres Mannes am Tatort neben der Straße aufgestellt hatte. Sie zog die Reste aus dem stillgelegten Taubenschlag neben der Garage. Dreimal sei es von Unbekannt zerstört worden, ´Unbekannt` sei für sie jemand „von Drüben“. Kein Zweifel, auch an diesem Mahnmal tobte ein verdeckter Krieg um die richtige Erinnerung. Er war entschieden. Die Witwe hatte kapituliert.
         Der Tod des Hans Plüschke, West, hatte den Tod von Rudi Arnstadt, Ost, zurück ins Licht geholt. Mehr noch, ihr gewaltsames Ende hatte die beiden nach Jahren und Jahrzehnten wieder zusammengeführt. Seit jener Nacht waren Plüschke und Arnstadt unauflöslich aneinander gekettet. Nicht dass sie in den Dörfern noch Tagesgespräch wären. Doch wenn es um die beiden Toten ging, war die Grenze wieder gegenwärtig. Sie spaltete. Das konnte man im Haus des toten Taxifahrers ebenso erfahren wie in der Kneipe.
         Ob das Bier im Weißen Ross im hessischen Rasdorf fließt oder im Goldenen Stern im thüringischen Geisa, von keinem Tresen ist es weit bis in die alten Schützengräben. Eigentlich schienen sie zugeschüttet, aber es hebt offenbar die Laune, für einen Abend darin zu verharren und dort auf dem je eigenen Toten als Opfer der anderen Seite zu beharren. Eine Gelegenheit, sich noch mal so richtig als Ossi oder Wessi zu fühlen. Für Ossis wurde Arnstadt von drüben ermordet, für sie heißt der Täter Plüschke, ist ein Westler, der skandalöser Weise davon kam, freigesprochen wurde. Zu dessen Tod zuckt man mit den Schultern, etwas wie „gerechte Strafe“ klingt an. Im Internet haben sich ehemalige NVA-Genossen auf eine „feige und ungesühnte Tat“ verständigt.
         Wessis, und mancher Wirt vorneweg, bestehen hingegen darauf, Arnstadt sei selbst schuld, habe er doch den BGS-Offizier als Geisel nehmen wollen. Dies zu verhindern, habe Plüschke geschossen, in Notwehr also, und sei also unschuldig. Heimlicher Stolz auf den Scharfschützen ist nicht zu überhören. Aus Rache, so geht die Rede, habe ihn jemand von Drüben ermordet.
         Tief in den Köpfen hatten alte Feindbilder überlebt, wirkten wie blank geputzt, man gab sich nichts und hielt den Kalten Krieg am Köcheln: Sieger gegen Besiegte. Selbstgewissheit wirft Blasen, Schuldvorwürfe fliegen hin und her, Gut und Böse sind eindeutig verteilt. Da gibt es kein Vertun.
         Doch so hitzig es zuging, manchmal kam es mir vor, als ob die alten Geschichten bloß dazu nutze waren, die Pause vor der nächsten Skatrunde zu füllen. Denn längst teilte man die gleiche Abgeschiedenheit, das Überschaubare, die gleichen Supermärkte, Fußgängerzonen, Eissalons, ob sie in Hessen oder Thüringen waren. Und längst war die Einheit auch im privaten Recycling des alten Grenzzauns verwirklicht. Die kommunistischen Platten aus Streckmetall ließen sich ebenso gut für den Komposthaufen im thüringischen Garten verwenden wie für den Hasenstall hinterm Haus in Hessen.

Else Plüschkes „Seilschaft im Osten“ hatte einen Namen: Florian Geyer. So hieß die Kameradschaft ehemaliger DDR-Grenzer. Herbert Wagner aus Geisa war Mitglied, und auch der Vorsitzende war ein Genosse Major im Ruhestand. Auf nach Thüringen, nach Langenfeld, wo Gerhard Lehmann zuhause war. Sein Händedruck fühlte sich an wie ein Markenzeichen ehemaliger Militärs. Am Schuppen hinterm Haus fiel eine makabre DDR-Reliquie ins Auge, das Schild mit der Aufschrift „Achtung Minen! Gesperrt! Lebensgefahr!“
         Lehmann, Jahrgang 1932, war vierzig Jahre bei den Grenztruppen. Von der Stasi nicht zu reden. Wie Wagner hatte er seine Lektion gelernt. Auch er verfügte über ein wohl sortiertes Privatarchiv, aus dem ich Kostproben erhielt. Auch er hatte eine Skizze vom Verlauf der ehemaligen Grenze angefertigt, von der Stelle, wo der Genosse Arnstadt ums Leben kam. Es fiel mir auf, wie unnachgiebig er nach beinah fünfzig Jahren auf der korrekten Grenzlinie beharrte. Aber sonst kamen wir miteinander aus.
         Hinüber nach Hessen. Der Kriminalhauptkommissar, der auch schon bei den Herren Wagner und Lehmann im Wohnzimmer saß, hieß Thomas Langer und war bei der Kripo in Fulda Sachbearbeiter beim “Mord zum Nachteil Hans Plüschke“. Nach über zehn Jahren war dies zwar ein Altfall. Da Mord aber nicht verjährt, war Langer verpflichtet, jeden neuen Hinweis aufzugreifen. Das tote Duo heißt bei ihm Spur 1, sie war ziemlich breit, aber nicht heiß. Es war die „Spur Arnstadt“. Insgesamt hatte die Sonderkommission bislang 103 Spuren verfolgt.
         Inzwischen, so Langer, hätten sich die Spezialisten des Landeskriminalamtes auch noch einmal der waffentechnischen Seite des Falles zugewandt. Um das Kaliber des Projektils ging es, das im Kopf des Erschossenen gefunden wurde, allerdings „zerlegt“: Kaliber 22, so genanntes Kleinkaliber. Das benutzten eher Sportschützen, nicht die Killer der Mafia. Ein Umstand, der für den Ermittler gegen ein geplantes Verbrechen sprach.
         DNA-Spuren gerieten ins Visier der Fahnder, Fremdspuren aus dem Taxi, so genannte Abriebe, die als Asservate aufbewahrt wurden. Dazu gehörte auch die Kleidung des Toten. Die Untersuchungsmethoden auf diesem Feld waren verfeinert, die Auswertung von Spuren wesentlich weiter als zur Tatzeit. Genetische Daten waren abgeglichen worden, ohne Erfolg. Die Hoffnung der Fahnder war, dass eines Tages eine Spur auftauchen würde, die sich einem Täter zuordnen ließe.
         Der Katalog der ungelösten Fragen war lang. Wer war der letzte Fahrgast? Kam der Anhalter in Frage, der mit seinem Feuerzeug winkte? Einen solchen wollten die ersten Zeugen in der Mordnacht an der Bundesstraße gesehen haben. Warum blieb die Geldbörse des Opfers in seinem Wagen zurück? Und überhaupt: woher sollte der Täter wissen, wann Plüschke wo entlang fuhr?

Verbindung habe er nur mit der häuslichen Zentrale gehabt, die ihm Anrufe übers C-Netz ins Funkgerät im Auto weitergab. „Viel Zufall“, stellte Langer fest. Und spekulierte. Hatte der Taxichauffeur Streit mit einem Fahrgast? Etwa mit dem Anhalter? Zu bedenken sei schließlich auch: „Man kann Kaliber 22 überleben“ – was gegen einen geplanten Mord sprach.
         Arnstadt und Plüschke kamen, darin war sich auch der Kripomann gewiß, durch Kopfschuss zu Tode. Aber Langer wusste auch, dass das Detail zum beliebten Stoff west-östlicher Abrechnungen geworden war. Manche hitzige Debatte in der Kneipe drehte sich – noch enger – um den Einschusskanal. Hüben wie Drüben wurde er jeweils unter dem rechten Auge verortet.
         Dahinter stand die verlockende Vorstellung von Original und Kopie, ein Bild, das, im Fall Plüschke, den eiskalten Killer wachrief, mithin eine klassische Krimi-Fantasie bediente. Inzwischen schreiben alt gewordene ex-BGSler auf, was sie in ihrer Erinnerung zusammengeklaubt haben, und lesen im Point Alpha daraus vor. Aber: im Westen nichts Neues. Vom Osten ganz zu schweigen. Für den Ermittler war dies alles nichts als Einbildung. Wenn es nach ihm ging, stimmten die beiden Todesfälle eher darin überein, dass weder Kaltblütigkeit noch Hass waltete, sondern Hysterie und Zufall. Würde dies bewiesen, könnte auch der letzte Rest von Beton in den Köpfen zerbröseln.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 30.11.2013