Er hätte mehrere Leben gebraucht, um das Wichtigste seines Lebens zu erzählen. Der Schriftsteller Peter Kurzeck ist aus der unentwegten Verwandlung der Erinnerung in Literatur gerissen worden. Björn Jager hat ihm einen Nachruf geschrieben.

Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert
Peter Kurzeck, Foto: Alexander Paul Englert
Zum Tod von Peter Kurzeck

Der Chronist des vergangenen Jahrhunderts

Von Björn Jager

Als Peter Kurzeck am 10. Juni dieses Jahres seinen 70. Geburtstag feierte, schrieb Andreas Platthaus in der FAZ, dass auch der 16. Juli 1946 durchaus als Geburtstag Kurzecks bezeichnet werden könnte. Es war der Tag, an dem der Dreijährige mit seiner Mutter und seiner Schwester eine neue Heimat fand – die Familie war aus Böhmen vertrieben worden und ließ sich schließlich im hessischen Stauffenberg nieder. Ist man vertraut mit dem großen Werk dieses Schriftstellers, versteht man, warum Platthaus jenes Datum als eine der Geburtsstunden des eigenwilligen Autors beschrieb: Heimat ist der innerste Kern der Romane Kurzecks, der Fixstern, um den die Textwelten ihre Laufbahnen ziehen. Die Vertreibung aus Böhmen spielte dabei natürlich ebenfalls eine zentrale Rolle für das spezifisch Kurzeck'sche Schreiben: Es basierte auf einer Poetik der Erinnerung, dessen Grundlage die Annahme, die Überzeugung, ist, dass nur Dinge, die erinnert und dann auf dem Papier festgehalten werden, vor dem Verlust gerettet werden können. Kurzeck hatte einmal, als Kind, alles verloren, und so kämpfte er in seinen Romanen darum, den Rest seines Lebens und Erlebens sprachlich zu fixieren.

Dass vereinzelt von Kritikern der Vorwurf an ihn herangetragen wurde, seine Schreibhaltung sei nostalgisch oder rückwärtsgewandt, war – mit Verlaub – natürlich Unfug: Seine Bücher glichen zwar einem Archivierungsprozess, es wurden die Dinge benannt, die einmal waren und die es bisweilen in unserer Gegenwart eben nicht mehr gab. Peter Kurzeck ging es jedoch nie um das bloße Aufzählen dessen, was war. Es ging ihm um den Blick auf die Lücke, die entstand, wenn man Text und Realität verglich und feststellen musste, dass das Archivierte in der Wirklichkeit nicht mehr existierte, dass zum Beispiel ein beschriebenes Haus längst abgerissen worden war und erst durch das Fehlen dieses Hauses die Gewalt unseres Fortschrittswahnes evident wurde. Er nannte die Dinge beim Namen, die wir längst zerstört hatten, weil es weitergehen musste, immer weiter, weil immer alles besser werden musste und die Gesellschaft es dafür in Kauf nahm, sich von ihrer identitätsstiftenden Vergangenheit zu trennen. Diese Haltung war nicht nostalgisch – es war eine dezidiert politische Haltung – Peter Kurzeck war Zeit seines Lebens ein Chronist von Verlusterfahrung, gerade weil es ihm wie keinem anderen gelang, Vergangenheit – seine eigene Vergangenheit – so lebendig heraufzubeschwören.

Und genau darum war es ihm immer gegangen: Die eigenen Vergangenheitserfahrungen niederzuschreiben. Kaum ein anderes Werk der deutschen Gegenwartsliteratur ist so von der Biographie seines Autors geprägt wie jenes von Peter Kurzeck. Dennoch bestand er darauf, dass es sich bei seinen Büchern um Romane, um Fiktionen, handelte. Der Schriftsteller müsse „jede Szene, auch wenn es die wirklich gegeben hat, um sie für sich selbst gültig erzählen zu können, im Grunde noch einmal neu erfinden”. Perfektioniert hat er dieses Verfahren, das eigene Leben zur Literatur zu machen, in seinem Romanprojekt „Das alte Jahrhundert”. In zwölf Büchern wollte Kurzeck ein umfassendes Bild der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnen – Vorabend, der 2011 erschienene fünfte Teil der Reihe, sollte schließlich sein letztes Buch werden.

Am 25. November 2013 starb Peter Kurzeck, der wichtigste Chronist des vergangenen Jahrhunderts, in Frankfurt am Main.

FaustVideo

Peter Kurzeck diktiert seinen Roman »Vorabend«

Im Literaturhaus Frankfurt diktierte Peter Kurzeck im September 2010 seinen neuen Roman, der im Stroemfeld Verlag erschienen ist.

Regie: Harald Ortlieb

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erstellt am 27.11.2013

Siehe auch:

Interview mit Peter Kurzeck

Der Bibliotheksbus, ein eigenartiges Bett, die RAF

Der Wunsch, Lyrik zu einem Moment der Prosa zu machen, kennzeichnete die Ambition des großen Erzählers Peter Kurzeck. Im Gespräch mit Achim Stanislawski bündelte er einst seine eigenen Lese- und Schreiberfahrungen zu anekdotischen Glanzlichtern. mehr

Frankfurt am Main, 10. Juni 2013

Lieber Peter,

Jemand anderen zu finden, dem das Gedächtnis so dicht auf der Zunge sitzt, dürfte schwer sein. Peter Kurzecks Hirnspeicher scheint sich dennoch nie zu leeren, sondern reproduziert sich offenbar permanent in neuen Erzählvarianten, pausenlos, endlos, Geschichtenkerne einkreisend, insistierend. Zum 70. Geburtstag gratulierte ihm Harry Oberländer. mehr

Peter Kurzeck, Foto: Harald Schröder
Peter Kurzeck, Foto: Harald Schröder