Kettly Mars – Poète intimiste

Haitianische Schriftstellerin rührt an postkoloniale Tabuthemen

Kettly Mars zählt zu den wenigen Schriftstellerinnen, die ihr Leben bis heute ganz in Haiti verbringen, deren Bücher jedoch weit über die Karibikinsel hinaus Bedeutung erlangt haben. In Frankreich erscheint in diesem Frühjahr bereits ihr vierter Roman „Saisons sauvages (Mercure 2010), zur Buchmesse wird im Litradukt Verlag mit „Fado“ (Mercure 2008) erstmals ein Buch von ihr auch in deutscher Sprache zugänglich gemacht.

Aufmerksamkeit erregte die zur Bourgeoisie von Port-au-Prince zählende Autorin durch ihre überraschend direkte Beschreibung gesellschaftlicher Tabuzonen. Zwar sucht sie im Schreiben nicht gezielt Skandalwelten auf, meidet sie jedoch auch nicht. Wer Kettly Mars begegnet, begreift: hier hat sich eine selbstbewusste, kraftvolle Frau entschieden, ohne Scheu das Wort zu ergreifen und ihrer Umgebung einen Spiegel entgegen zu halten. 2006 erhielt sie für diesen Mut erstmals international Anerkennung. Ihr Roman „L´Heure hybride“, (Zwielicht, Vents d´Ailleurs, 2005) wurde mit dem Prix Senghor de la Création littéraire ausgezeichnet.
In dem Roman „L´Heure hybride“ beschreibt Kettly Mars vier Stunden im Leben des Gigolos Rico, der sich nach einer exzessiven Nacht am Wendepunkt seines Lebens befindet. Aus der Perspektive des rund 40jährigen Mannes beschreibt die Autorin mit feinem Gespür das Psychogramm eines Menschen, dessen einzige Liebe seiner Mutter gilt. Die Hingabe, mit der sie als Prostituierte allein für ihren Lebensunterhalt kämpfte, verweist auf ein menschliches Idealbild, dessen lebensbejahende Kraft jenseits dominierender, gesellschaftlicher Normen liegt.

„Ich möchte den gesellschaftlichen Druck, der Rico umgibt, spürbar machen“ erklärt Kettly Mars in einem 2006 am Rande des Salon du Livre dem Magazin „Evene“ gegebenen Interview. Immer noch ziehe Haiti das koloniale Erbe als Last hinter sich her. Dieses Erbe habe zu einer starken gesellschaftlichen Spaltung geführt, die das Leben eines jeden Haitianers bestimmt. Das zeige sich schon an der Art, wie Französisch als Sprache genutzt werde. „Französisch sprechen ist ein Zeichen des sozialen Aufstiegs. Man lebt ein doppeltes Leben. Viele Menschen leben von „bluff“ und Äußerlichkeiten, weil das Elend so überwältigend groß und abschreckend ist.“
Kettly Mars hat es sich zur Aufgabe gemacht, an diese Lügen zu erinnern. Sie ist überzeugt, dass die bestehenden Widersprüche in der haitianischen Kultur ein wesentlicher Grund dafür sind, dass Haiti heute unterentwickelt ist. Noch immer gebe es gesellschaftliches Kastendenken und spirituelle Ambivalenzen. „Ich habe mich sehr spät entschieden, Bücher zu schreiben“, erzählt die 1958 in Port-au-Prince geborene Autorin. Erst mit dreißig Jahren, habe sie versucht, schreibend zunächst sich selbst zu verstehen. „Mit Dreißig ist eine Frau schon reif, man beginnt, über sich nachzudenken.“ In dieser Phase veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Eine innere Kraft drängte sie zum Schreiben. Fünf Titel bringt sie auf eigene Initiative heraus, Druck, Publikation und Vertrieb finanziert sie eigenständig. 1996 schließlich kommt der Durchbruch. Sie nimmt am Jacques-Stephen Alexis-Wettbewerb teil und erzielt für ihre Erzählung „Soleils Contraires“ (Entgegengesetzte Sonnen) den 1. Preis.

„15.000 Gourdes habe ich damals für diesen Preis erhalten“, erzählt Kettly Mars bei einer Begegnung in Pétionville im Sommer 2008. „Die Anerkennung hat mir das nötige Selbstvertrauen gegeben, weiter zu machen. Ich habe damals nicht geahnt, dass Schreiben mein Leben einmal so stark bestimmen würde.“ Kettly Mars gehört heute fest zur literarischen Szene Haitis. Schreiben ist für sie Lebenselixier. Dennoch arbeitet sie weiterhin in ihrem ursprünglichen Beruf als Verwaltungsangestellte der japanischen Botschaft in Port-au-Prince. Um dieser Verankerung willen stellt sie Sonderaktivitäten, die das Leben eines Schriftstellers bereichern, noch zurück. Angebote, an längeren Auslandsaufenthalten, Reisestipendien und Internationalen Symposien teilzunehmen, bleiben bislang eine ungenutzte Chance, sich im Ausland bekannt zu machen.

Bewusst bekennt sich Kettly Mars dazu, an Haiti als ihrem Lebensmittelpunkt festzuhalten. Je schwieriger die Lebensumstände dort werden, umso eindeutiger scheint diese Haltung zu sein. Auch nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 schreibt sie in einem in der Wochenzeitung „Die Zeit“ publizierten Augenzeugenbericht: „Wir befinden uns in einem Moment unserer Biografie, in dem uns nur der Glaube aufrecht hält. Der Glaube an ein Land das Haiti heißt und das trotz aller Schläge, dies es einstecken musste, nicht verenden darf.“ (Zeit, 21.1.2010)

Die Orientierung an den eigenen Wurzeln zeigt sich immer wieder in ihrem literarischen Werk. Von sich selbst, ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen ausgehend, beschreibt sie das Leben der Frau in Haiti. Sie macht die Fesseln fühlbar, die eine verkrustete, kolonial geprägte Gesellschaft weiblichen Bedürfnissen und Hoffnungen überstülpt. Mit kompromisslos analytischem Blick streift Kettly Mars durch diese Welt, öffnet unbegangen alle Türen und leuchtet die intimsten Winkel der Wohnung und der eigenen Seele aus. „Ich bin ein „poète intimiste“, eine Dichterin der intimen Details“, sagt sie über sich selbst. „Das ist ein ganz natürlicher Prozess, ich habe gar keine andere Wahl.“ Zugleich falle es ihr schwer, sich mit intimen, poetischen Bildern zu offenbaren. Von Natur aus sei sie eine scheue, ängstliche Person, doch habe sie im Älterwerden gelernt, diese Scheu zu überwinden. „Meine Texte waren zu jener Zeit für eine Frau sehr mutig, vor allem für eine verheiratete Frau.“

Aber die reservierten Reaktionen und ersten Schocks, die sie mit ihren zuerst veröffentlichten Gedichten auslöste, endeten damit, dass man, so Kettly Mars, schließlich Schönes in ihren Beschreibungen entdecken konnte und sie der haitianischen Poesie etwas Neues hinzugefügt hatte. „Was mich wirklich interessiert ist das Innere des Menschen. Ich erzähle von Haiti, ich spreche vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen, die ich in der haitianischen Gesellschaft gemacht habe. Gleichzeitig spreche ich jedoch vom Menschen an sich. Unabhängig wie warm oder kalt es draußen ist, welche Hautfarbe jemand hat, im Innern sind Menschen einander alle gleich.“

Erschienen bei litprom in den LiteraturNachrichten Nr. 104.
Litprom

erstellt am 19.11.2010

Kettly Mars
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