Wo fällt man gleich über »Spitzbrüste voller Ungedeih«? Klar, in »Tina oder über die Unsterblichkeit«. So beginnt nämlich für Arno Schmidt der Weg ins Elysium. Was »Tina« darüber hinaus anrichten kann, schildert Gregor Szyndler in seinem rezensierenden Erlebnisbericht.

Autorenplakat des Verlags
Ein rezensierender Erlebnisbericht zu Arno Schmidt

«Tina oder über die Unsterblichkeit»

Von Gregor Szyndler

Eine Gruppe Betrunkener stieg in den Zug. Sie tranken, grölten, polterten. Ich versuchte, für einen Freund einen Text zu Hemingway gegenzulesen. Es klappte nicht. Ich drehte Nick Cave auf, bis die Kopfhörer schepperten. Bevor der Zug abfuhr, stieg ein Amerikaner ein. Er starrte zu den Grölenden. Er wusste nicht, ob er sich setzen sollte. Er tat es. Lesen konnte ich noch immer nicht: nassforsche Fangesänge in stechendem Ostschweizer Dialekt. Nicht lange, und der Amerikaner sprach mich an. Ich dachte, worum kann es gehen, Zigaretten, Feuer, ein, zwei Franken; ich ließ mir Zeit, die Stöpsel aus den Ohren zu pulen.
Der Amerikaner lachte:
«No! I wonder if you can give me something to read. It’s too hard to bear this noise!»
Darum hatte mich noch nie jemand angegangen.
Als Rollkoffergänger hatte ich Lektüren dabei.
So kam es, dass ich dem Amerikaner,
«It’s a bit ––– tricky» murmelnd, mein Inselbändchen von Arno Schmidt, «Tina oder über die Unsterblichkeit», auslieh. Der Amerikaner dankte, setzte sich, blätterte, steckte dem Buch (druckfrisch; Rezensionsexemplar) die Nase zwischen die gespreizten Schenkel. Plötzlich stand mir der Amerikaner im Augenwinkel. Er gab mir sein Mobiltelefon:
«I go to a quiet compartment. It’s too loud to read. I leave you a depot!»
Ich, in der Euphorie der ersten Lektüre, wo Sätze Goldwert haben; Übermut, der denken lässt, ein Mobiltelefon sei der mindeste Preis für eine bibliophile Perle wie «Tina oder über die Unsterblichkeit» aus dem Inselverlag. Ach! diese kleinkarierte, immer wieder frisch sich eingeredete Furcht vor dem Eigenleben der Bücher, vor ihrem Animismus und Vitalismus, der sie, aus der Hand gegeben, auf Nimmerwiedersehens-Walz gehen lässt. Was, wenn beim nächsten Halt der Amerikaner auf dem Perron steht, düster glimmend, heidenfroh, Arno Schmidts «Tina» um einen so moderaten Preis in die Finger bekommen zu haben? Büchernarren-Gewissensbisse: was der wohl noch alles vorhat mit «Tina», nun, wo die Nase schon einmal zwischen ihren Schenkeln stak? Über den eigenen Schatten springen; ich sagte:
«No, it’s not necessary. Just bring me back my book.»
Der Amerikaner steckte sein Mobiltelefon ein und verschwand. Ein seltsames Gefühl, große Literatur zu teilen, Noch-Fremdes mit Wildfremden – «Tina oder über die Unsterblichkeit» – Abrechnung mit Schreibwunsch und Eitelkeit, Skizze einer Dichterhölle, aus der nur erlöst wird, wer nicht mehr gelesen oder gedruckt, wer nicht mehr zitiert, nur noch plagiiert wird: Eine Welt, in der der Bibliotheksbrandstifter von Alexandria ein Denkmal kriegt und Gutenberg ein Paria ist.

Zaudernder Zausel von Zauber-Erzähler

Es beginnt so harm- wie schlaflos. Einem Grüppchen Schulmädchen («Spitzbrüste voller Ungedeih») nachblickend, betritt der – arg vereinfachender Begriff! – Erzähler (Single offenkundig: Autor) eine Apotheke. Er verlangt ein Barbiturat, hoffend, sein uraltes Rezept werde noch akzeptiert. Ebenfalls schlaflos zur selben Zeit, ein Untoter, lodengrün gewandet, neben dem Erzähler, was zum Schlafen verlangend auch er. Der Untote wird vom Schriftsteller nicht sofort als solcher erkannt, es könnte ein Kollege sein, einer von der Schreibenden (Literatur!), vielleicht einer von der Holzverarbeitenden (Journalist!), oder einer der Holzkopfbearbeitenden (PR-Mensch!): «entweder Schwätzer oder Kollege, also halb Deubel halb Satan.»

Erzähler und Lodengrüner im Gespräch. Allwissend – teuflischer Begriff! –, wie er ist, sieht der Lodengrüne dem Autor den Autor umgehend an: Lieber würde er, baunzt der Nichttote, «zeitlebens Scheiße schippen !», als daran zu glauben, dass auch nur ein einziger Schreiberling gerne schreibe. Der Erzähler sieht es anders. Der Teufel bietet dem Erzähler eine Stippvisite in der Unterwelt an: dort könne er sich ein Bild von der wahren Natur des Schreibwunsches machen. Es gelingt dem Teufel, den zaudernden Zausel von Zauber-Erzähler – «ich» könnte man sagen. Vereinfachung abermals! – zu einem 36 Stunden langen Besuch in den Gefilden der Dichterunsterblichkeit zu überreden. Sie treffen sich mit Tina (Dichterin,150 Jahre; verführerisch: « : nein ! : sie fühlte sich gar nicht an wie eine 154jährige ! Hier nicht. Und da nicht. Und dort erst recht nicht ! : »), fahren mit ihr hinab in die Hölle (ihr Zugang verbirgt sich in einer Litfasssäule). Angekommen in der Hölle, Tacheles:

»Jeder ist so lange zum Leben hier unten verdammt, wie sein Name noch akustisch oder optisch auf Erden erscheint. […] : bis er weder genannt wird, noch irgendwo mehr gedruckt oder geschrieben vorkommt – […]«

Angesichts dieser Regeln wundert es nicht, dass Zynismus um sich greift, Wut auf Biografen, Anthologien-Verleger, Gutenberg. Keiner kann sich noch mit den Anmaßungen des Schreibwunsches anfreunden. Besonders arg steht es um Goethe: der Armtropf von Geheimem Rat wird auch Hunderte Jahre nach seinem Tod noch viel zu oft zitiert (Zeitschriften, Bücher, Rundfunk), als Rattenfänger auf Plakate gehievt (Veranstaltungen von Volkshochschulen), in Briefen und Gesprächen erwähnt und zitiert (meist falsch, dafür mit bildungsbeflissener Namensnennung). So kommt man nicht aus der Dichterhölle heraus.

Schrecklich wiedererkennbar mutet einiges an: Zu Zeiten der Frankfurter Buchmesse etwa werden die Barackenlager aufgestockt, um die vielen Tausend jährlich auf den Markt geschmissenen neuen AutorInnen zu beherbergen. Auch ihnen allen steht es noch bevor: Man fühlt sich beklemmt, es legt sich, Herz stellt Arbeit ein, Geist verlässt Gastgeber; Tod. Aufwachen, in einer Halle, in den Verwaltungstrakten des Dichter-Elysiums. Es heißt, wie im echten Leben: Schlange stehen. Alles fein säuberlich verwaltet hier unten. Die meisten Neuankömmlinge beginnen zu saufen, toben, die Vermessenheit der eigenen Welt zu verfluchen. Wenigstens gibt es hier unten kaum einen, der älter ist als ein-, zweitausend Jahre. Tröstlicher Gedanke an die Vergänglichkeit des eigenen Schreibwerks.

Das Zitat und der Füfzger fürs Kaffikässeli

Bei Licht betrachtet, sind die Abläufe in Arno Schmidts Jenseits nicht gross anders, als man es sich vom Diesseits gewohnt ist: da gibt es das beklemmende Gefühl des Wartens auf den Pöstler. Anders als im echten Leben (Rechnung? Zahlungszwang? Manuskripte?), erkennt man im Elysium die Botschaft des Pöstlers an der Farbe der Uniform. Der Pöstler ist schwarz oder grün gekleidet. Bringt er schlechte Nachrichten, Berichte von neuen Zitierungen, Neudrucken und dergleichen (alles, was das Warten in der Unsterblichkeit verlängert), trägt er schwarz. Geht es ums Verschwinden und Tilgen von Dichternamen auf Erden, Grün. Nicht selten folgt auf die Lektüre der schwarzen Post eine Tirade, ein Ritual:

«(Die Fluchviertelstunde : Jeder muss täglich 15 Minuten lang seinem Biografen fluchen; Rezensenten; […] sämtliche Auflagen des Brockhaus, […] Leser und Heimatforscher, I love a good hater).»

Den umgekehrten Fall gibt es auch: so werden wir Augenzeugen, wie, nach bloß 400 Jahren Wartezeit, ein toter Dichter Post vom grünen Pöstler bekommt: bereits vergessen als Verfasser von Schriften, weste der Fragliche noch ein Weilchen vor sich hin im Dichterelysium, bis endlich ein Kind, beim Spielen mit offnem Feuer aufm Dachboden, die letzte Nennung seiner Wenigkeit anzündete (ein Kaufvertrag, kein literarisches Werk). Freude herrscht für einmal in Arno Schmidts Elysium. Nun ist es nur mehr ein Verwaltungsakt, bevor der Betreffende eingeht ins Nichts: Er muss nur noch die eigene Karteikarte (wo alle Nennungen, Zitate et cetera seiner Werke und Wenigkeit verzeichnet sind), diese allerletzte Verschriftlichung seines zu tilgenden Namens, verbrennen. Dann geht’s ab ins Nichts. Mit dem eigenen Namen schwindet die ungesunde Illusion eines Spracharbeiters, durch die Kombination seines Namens mit Schriftstellereien Ansprüche auf das in und an Sprache festgemachte geltend machen zu können. Kein Zufall, dass in Arno Schmidts Unterwelt das Plagiat einen so viel besseren Ruf hat als das Zitat. In den allgemeinen Sprachgebrauch abzusinken, Labsal, in Wahrheit höchste Stufe; denn: wie prägnant und bestechend kann ein Gedanke schon sein, so lange man bei jeder einzelnen Verwendung Urhebername und Seiten- und Zeilenzahl angeben und den Erben einen Füfzger ins Kaffikässeli werfen muss?

Nacht, Nacht, Morgen, kleinste Stunden

Tina hatte mich in ihren Netzen. Verzaubert hatte sie mich sosehr, dass es mich als Rezensenten disqualifizieren müsste. Nur mit Mühe erinnerte ich mich, je gelesen, noch mühsamer nur daran, je geschrieben zu haben.
Kurz vor Basel brachte der Amerikaner mir «Tina oder über die Unsterblichkeit» zurück. Er sah geschafft aus. Er sagte:
«When I read the first page, I thought, I can do that myself, but then …»
Seine Worte hatten Unterton.
Er machte Gesten.
Ich sagte Sätze.
«It’s about dead poets that aren’t dead until …»
Er rollte die Augen:
«I need a beer.»
Er verschwand bei den Betrunkenen, hinten im Waggon. Nicht lange, und der Amerikaner hielt ein Bier in der Hand.
«I am so drunk, I even asked for a book. I am so bored!»
Seine Zuhörer zögerten eine Sekunde, bevor sie krachend das Thema wechselten.
Ich packte Hemingway und Tina ein und rollkoffergängerte zum Perron.
Auf der Rolltreppe sagte der Amerikaner:
«Thank you. You helped me a lot. I need to get out of my head sometimes.»
Es war Nacht geworden, Nacht, Nacht, Morgen, zu den kleinsten Stunden des Tages war’s gekommen. Um 01:13 Uhr trennten sich unsere Wege. Der Amerikaner verschwand in der Nacht. Er hat die Literatur begriffen: Sie ist Zuflucht, wenn es laut wird, Vorwand zur Flucht, wenn es laut bleibt, Grund zur Rückkehr, wenn es zu still war und alleweil ein Grund, etwas zu trinken: dem Kopf zu entkommen, in der Nacht zu verschwinden. «Tina oder über die Unsterblichkeit» ganz besonders. Ein Buch, ein Abenteuer!

Es ist so ein anregendes Spiel, das Arno Schmidt in «Tina oder über die Unsterblichkeit» beginnt. Es heißt: «Zuletzt berührt, mach nicht mehr mit!». Der Text kommt in kleinen Abschnitte, es erinnert von Fern an einen Theatertext. Es ist eine Stafette, von Verstand zu Verstand zu «Gastverstand» (überhaupt das zentrale Wort der «Tina»!), Metempsychose, Psycho-Chose – eine Psychokolchose, hochgradige Arbeitsteiligkeit zwischen Arno Schmidt und seinen Lesern: er bringt dies und dies und dies zu Papier, die Geschichte aber entsteht im Kopf, beim Lesen. Arno Schmidt bricht die Krume, mit seinem Wendepflug, mal fadengeradeaus, mal – fast möchte man’s schwören! – ein wenig besoffen hin und her; Düngen, Wässern, Ernte einfahren, das liegt aufseiten der Lesenden.

Kunststück in Wort und Bild

«Tina oder über die Unsterblichkeit» ist ein magisches Buch, auf einen Schlag ist es immer schon dagewesen, ein Buch, das Beigen von Artenvertretern, singend, lachend, frotzelnd, in die Tonne kloppt. «Tina oder über die Unsterblichkeit» ist ein provozierendes, humorvolles, stellenweise verächtliches, auf jeden Fall ungeheuer lesenswertes Buch über die, Gänsefüßchen, Absurdität des Wunsches, zu schreiben (wo sollen die Gänsefüßchen enden?). Gründlicher als Arno Schmidt auf geradezu winzigen 46 Seiten kann man den Schreibwunsch nicht demontieren. Begriffe scheitern an «Tina», es ist eine Vivisektion, eine explorierende Operation am lebendigen Organismus. Zynisch kommt das stellenweise daher, stimmt, oder so, dass man es ab und an wirr nennen mag – was aber wäre die Reflexion über Last und Lust literarischen Schreibens ohne Schnitte ins Fleisch?

Der vorliegende Insel-Band wird stimmungsvoll mit wundersamen Radierungen von Eberhard Schlotter begleitet (sogar bei den Figuren der Erzählung hängen Werke Schlotters herum). Sie zeigen nächtliche Fassaden, solche von Häusern, solche von Menschen, Spiegelungen und Überlagerungen sind ein wiederkehrendes Thema, während immer wieder dieser verdächtig spitznasige Schattenriss zu sehen ist – Szenen verlieren sich, werden vom Vordergrund überdeckt, ehe, wenige Radierungen später, der Hintergrund Überhand gewinnt, Innen und Außen sich überlagern, immer rätselhaftere Illustrationen, bis auf dem letzten Bild nur noch ein hängender, auf die eigenen Hände gebetteter Kopf zu sehen ist, umringt vom geheimnisvollen Nichts der Nacht, darin, schraffiert, angedeutet, Gesichter, Geschlechtsorgane, Versatzstücke des Alltags. Es gelingt dem schmalen Band mit Text und Bild ein Kunststück: einem nach langer Lektüre (circa seit Don Quijote) wieder das Lesen zu lehren. Lesen zu lassen wie zum ersten Mal. «Tina oder über die Unsterblichkeit» lotst über unbekannte Ozeane zu einem Kontinent des Namens Arno Schmidt.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 26.11.2013

Arno Schmidt
Tina oder über die Unsterblichkeit
87 Seiten
ISBN: 978-3-458-19387-6
Insel Verlag, Berlin 2013

Buch bestellen