Einst galt er als weltbester Oboist, dann als genau arbeitender, einfühlsamer Dirigent, schließlich und zeitgleich als wundersam undogmatischer Komponist. Heinz Holliger, der auch ein großer Musikvermittler ist, hat eine CD mit eigener Kammer- und Vokalmusik veröffentlicht und eine, auf der er Schumanns „Frühlingssymphonie“ dirigiert. Hans-Klaus Jungheinrich stellt sie vor.

Heinz Holliger (Screenshot)
Der Schweizer Heinz Holliger: Komponist und Dirigent

Das Nahe und die Welt

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Immer gibt es bei Heinz Holliger diese Spannung zwischen dem Mikrokosmischen, Mikrologischen und der „großen Welt“. Insofern ist er ganz genau ein Repräsentant der Schweiz – natürlich fände er diese Bezeichnung für sich abscheulich. Affirmative Einpassungen sind ihm fremd; er siedelt im Nichtidentischen. Das aber ist ja auch bestens schweizerisch: den Querkopf behalten im vollen Blick auf die Globalisierung. Die Schweiz lehrt monolinguale Nachbarländer, wie weit sich das Bewusstsein öffnet gerade mittels Dialekt-Beharrlichkeit und Vielsprachigkeit: im Beharren auf dem Unterschied der Ausdrücke, im Anerkennen der anderen Wörter in jedem Tal. In diesem linguistischen Wunder blühen polyglotte Eloquenz und Kompetenz. Der Turmbau von Babel lässt sich auch anders als biblisch interpretieren: nicht als katastrophische Sprachverwirrung, sondern als Gründungslegende einer gesegnet vielsträhnig sich ausdifferenzierenden conditio humana.

Der Komponist Heinz Holliger bearbeitet Schweizerthemen und Weltthemen. Alles das gleiche? Fast, aber nicht ganz. Schon ein Unterschied, sich ebenso den endspielhaften Obsessionen Samuel Becketts und den Scardanelli-Botschaften Hölderlins anzuverwandeln wie den walserdeutschen Dichtungen Anna Maria Bachers und den brienzerdeutschen Versen von Albert Streich. Dort wird kanonisierte Modernität (oder deren Stifterfigur) beschworen, hier die Fremdheit, Abgeschlossenheit einer minimierten, marginalisierten Sprach-„Gemeinschaft“. In beidem spiegelt sich freilich die erkannte Fragwürdigkeit eines verbindlichen Allgemeinen, auch die Ablehnung einer begradigten Kommunikation, in letzter Instanz wohl die sich anbahnende Idiosynkrasie vor dem digitalen Denken. Robert Walser, mit dem sich der vielfach von Sprache beeinflusste Holliger intensiv beschäftigte (auch sein singuläres, noch längst nicht hinlänglich gewürdigtes Bühnenwerk „Schneewittchen“ geht auf Walser zurück), war für derlei ein unübertroffenes Medium und ein präziser Seismograph. Allerdings unterlief er alle Versuche, ihn für irgend eine „Tendenz“ haftbar zu machen – eine Unabhängigkeits-, ja Unverantwortlichkeitshaltung, der sich Holliger verbunden fühlen mag.

Die vorliegende CD bringt die beiden von kleinen Kammerensembles begleiteten Vokalzyklen „Puneigä“ (Bacher) und „Induuchlen“ (Streich) und stellt sie den Instrumentalensemblestücken „Toronto-Exercises“ und „Ma’mounia“ gegenüber; alle vier Werke stammen aus den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts und zeigen eine ebenso tüftlige wie rabiate Schreibweise; eine Poetik, die den abenteuerlichen Impetus der „Avantgarde“ weiterträgt und sich niemals im Abgegriffenen, unverbindlich Konversationshaften verliert. Fein austariert die Balance der sprachgenerierten Sätze und der instrumentalen Zwischenspiele im Bacher-Stück; ähnlich wie Lachenmann, realisiert auch Holliger kompositorische Freiheit innerhalb einer geradezu altmeisterlich subtilen Satztechnik. Klanglich ungemein evokativ in der Beschränkung auf den Dialog zwischen Countertenor (virtuos und somnambul zugleich: Kai Wessel) und Naturhorn (Olivier Darbellay) der kleine Zyklus „Induuchlen“ („Eindunkeln). Eine schöne editorische Pointe – mehr noch: ein essentielles Moment der Gesamtinterpretation – die von den Autoren selbst ohne professionelle Routine rezitierten Dialektgedichte. Bei den Ensemblestücken teilt sich Holligers musikalische Direktion als wohltuend unaufdringliches persönliches Zeichen mit.

Heinz Holliger wurde auch als „praktischer“ Musiker hochberühmt – als mit vielen Preisen bedachter Oboist wie auch als Dirigent. Was dabei auffällt: Niemals scheint die musikalische Praxis das Freiheitspotential des Holliger’schen Komponierens beschädigt oder infiziert zu haben. Dirigierende Komponisten und komponierende Dirigenten wissen, was „gut klingt“; aus solch pragmatisch gerichteter Professionalität entsteht oft „Kapellmeistermusik“, ein Phänomen, mit dem Holliger nicht das geringste zu tun hat. Dessen praktische Kompetenz dient eher dazu, die utopische Komponier-Intention zu schützen und vor den Versuchungen des musikalischen common sense zu bewahren. In diesem Kontext ist auch Holligers inniger Umgang mit älterer Musik zu sehen. Er dient nicht der eigenen Absicherung mithilfe der Tradition. Im Gegenteil. Er möchte zeigen, wie wenig Vergangenheit als fester Besitz zu werten ist, wie fremd das scheinbar Vertraute aus einer veränderten (etwa: künstlerisch radikalen) Perspektive anmuten muss. Viele Komponisten (darunter Wilhelm Killmayer, Wolfgang Rihm, Jörg Widmann) beschäftigten sich neuerlich mit Robert Schumann; für Holliger ist er auf jeden Fall alles andere als ein Kulturheld (wie Beethoven im 19. Jahrhundert) oder ein Leitbild (die von Adorno kritisierte Figur nachgeborener Verehrung); eher ein Focus jener Beschädigtheit und Nichtvollendung, die zu den bezeichnenden Impulsen der Moderne wurden.

Heinz Holliger spielt mit dem WDR Sinfonieorchester Köln das symphonische Gesamtwerk von Schumann ein – ein spektakuläres Unterfangen, gerade in seiner Abkehr von „philharmonischer“ Perfektion. Der Dirigent Holliger hat natürlich nichts im Sinn mit Kraftgebärden à la Beethoven-Tradition oder Schicksals-Aufwölbungen in der Art von Furtwängler. Die drei Werke des eben erschienenen Vol. 1 – die „Frühlingssymphonie“, der Dreisätzer Ouvertüre, Scherzo und Finale op.52 und die d-Moll-Symphonie in der Urfassung von 1841 – klingen unprätentiös, ungeschönt, gelegentlich rau, tendenziell ungelenk. Man könnte daran denken, dass Schumann sich vom anders begabten Felix Mendelssohn-Bartholdy kompositionstechnisch „verbessern“ ließ. Seine Instrumentationstechnik fand den Beifall der hochromantisch orientierten Rezipienten ohnedies nicht – Holliger lässt die Sprödigkeiten hervortreten, scheut sich auch vor clair obscure und Motivgestrüpp nicht. Geradezu traumwandlerisch trifft Holliger den Kreisleriana-Ton des Opus 52, gewissermaßen einer Symphonie ohne langsamen Satz. Wohlweislich wählte Holliger die Urfassung der d-Moll-Symphonie (die in der endgültigen Zählung als „Vierte“ firmiert), die in einigen entscheidenden Details von der monumentalisierten, als Reflex auf Beethovens „Fünfte“ erscheinenden Letztfassung abweicht. Die Strettas der beiden Ecksätze geht Holliger beherzt, ja rücksichtslos an; die allerletzte Temposteigerung im Finale (nach der Fermate) wird dann aber doch beinahe wieder um eine Spur ausgebremst, als rangiere Deutlichkeit schließlich doch vor dem entgrenzten Furor. Eine Schweizerqualität? Sicher ein integraler Holliger-Wesenszug. Bei ihm bleiben die Extreme nie unvermittelt: das Nahe und die Welt, Klein und Groß, Alt und Neu; so denn auch das Sich-Verlieren und die Gesammeltheit.

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erstellt am 26.11.2013

Heinz Holliger
Induuchlen (Vokalwerke, Kammermusik)
Anna Maria Bacher und Albert Streich, Rezitation; Sylvia Nopper, Sopran, Kai Wessel, Countertenor, Olivier Darbellay, Horn, Matthias Würsch, Schlagzeug, Swiss Chamber Soloists, Leitung: Heinz Holliger
ECM New Series 2201

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Robert Schumann
Complete Symphonic Works, Vol.1
WDR Sinfonieorchester Köln, Leitung: Heinz Holliger
audite 97.677

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