Freiheit und Gerechtigkeit, für die die Syrer auf die Straße gingen, scheint der Westen nur sich selbst zuzubilligen, schreibt Fawwaz Haddad in seinem Bericht. Die westlichen Staaten, die die syrische Revolution anfangs mit großen Worten unterstützten, haben das Land jedoch aus Angst vor den Dschihadisten im Stich gelassen. Nun ist die Bevölkerung, so Haddad, dem Regime schutzlos ausgeliefert und hat jegliche Hoffnung auf Hilfe von außen verloren.

Gedanken zur syrischen Tragödie

Ein neuer Blick auf die glücklichen Demokratien

Von Fawwaz Haddad

Dass der Arabische Frühling auch Syrien erreichen würde, dass auch in ihrem Land eine Revolution ausbrechen würde, das erschien den meisten Syrern sehr unwahrscheinlich. Sollte es aber doch zur Revolution kommen, dann würde diese sicher brutal unterdrückt werden, denn schließlich toleriert das Regime weder Widerstand noch Protest.
Wir drängten deshalb zumindest auf die Durchführung von Reformen – und die Hoffnungen waren groß. Unser Optimismus war dabei keineswegs naiv. Wir hatten durchaus davon ausgehen können, dass das Regime sich in naher oder ferner Zukunft zu Reformen bereit erklären würde. Doch entgegen allen Erwartungen entschied es sich dafür, die Krise mithilfe der Sicherheitskräfte und der Armee zu lösen. Daraus entwickelte sich ein umfassender Krieg gegen die Bevölkerung. Nachdem es zu einer Spaltung innerhalb der Bevölkerung gekommen war, wurden Menschen sogar aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit getötet, und nun schien der Bürgerkrieg nicht mehr weit.
Doch weder ich noch andere hatten sich wirklich vorstellen können, dass das Regime tatsächlich keine Gräueltat auslassen würde. Systematisch und willkürlich wurde die Bevölkerung gequält, angefangen von Verhaftungen, Folter und Vergewaltigungen über Vertreibungen, Zerstörung, Hinrichtungen und Massenmord bis zum Beschuss ganzer Städte und Dörfer aus Flugzeugen, mit Panzern und Kanonen. Die begangenen Verbrechen gingen sogar noch über das Töten hinaus. Leichen wurden geschändet und Wirbelstürme des Hasses entfacht. Die Menschen wurden dazu angestachelt, sich gegenseitig umzubringen. Der Hass wächst Tag für Tag, und selbst wenn keine Steigerung mehr möglich scheint, nimmt er immer noch weiter zu.

Ich schreibe diese Worte, weil das nicht Syrien ist.

Mein altes Damaszener Wohnviertel, Bahsa, das gleich an den berühmten Sarudscha-Suk grenzt, entstand zu Beginn des letzten Jahrhunderts zwischen den beiden Moscheen Yalbugha und Tawûsija. Weil es ursprünglich am Stadtrand von Damaskus lag, nahm es viele Neuankömmlinge auf – Muslime und Christen, Armenier, Ismailiten und Schiiten. Viele verschiedene Religionsgemeinschaften und Konfessionen sowie Volksgruppen wie Türken und Tscherkessen lebten in diesem dicht besiedelten Quartier, und auch für Auswanderer aus Weißrussland war es ein Zufluchtsort.
Als unsere Nachbarin mir einmal erzählte, ihr Bruder heiße eigentlich Alexi und sie Natascha, war ich höchst erstaunt, denn wir kannten sie nur unter ihrem arabischen Namen Muntaha. Ihr Vater war während des Bürgerkriegs nach der Russischen Revolution aus Russland geflohen, und das Schicksal hatte ihn von einem Land ins andere geführt, bis er schließlich in Beirut landete. Dort lernte er eine Damaszenerin kennen und lieben, die beiden heirateten, und gemeinsam gingen sie nach Syrien, wo die Frau einen Sohn und fünf Töchter zur Welt brachte. Und allen gaben sie zwei Namen, einen arabischen und einen russischen.

Der Grad der Verbundenheit unter den Nachbarn ging so weit, dass die Christen mit uns den Ramadan begingen, mit uns fasteten und das Fasten brachen, während die Muslime bei der Jungfrau in der Kirche von Saidnaja Gelöbnisse ablegten. Manchmal ließen wir uns auch bei Doktor Tautah im jüdischen Viertel behandeln. Das Nebeneinander dieser verschiedenen Glaubensrichtungen entzweite die Menschen nicht. Sie wussten auch ohne Bildung und ohne verordnete Regelungen, dass jede dieser unterschiedlichen Religionen oder Konfessionen, denen sie anhingen, am Ende zu Gott führte. Dabei stellte mein Viertel keine Ausnahme dar, denn dieses Phänomen war in fast ganz Syrien zu beobachten.

Ist dieses Syrien aus einer vergangenen Zeit für immer verloren?

Die Syrer wurden betrogen, denn die unvorhergesehene Revolution, die die Länder der sogenannten freien Welt in Erstaunen versetzte, erntete zunächst einmal international viel Sympathie, und die Regierungen beeilten sich, sie zu unterstützen. Die meisten Staaten der Welt wurden zu »Freunden Syriens« und sagten dem Land Hilfe zu. Doch sie zögerten zu lange, eine Lösung für die Krise zu finden, und begannen alsbald nach Vorwänden zu suchen, um ihre Verpflichtungen nicht einlösen zu müssen. So zogen sie ihr Versprechen, die Zivilisten durch die Einrichtung einer Flugverbotszone und humanitärer Korridore zu schützen, zurück. Und sie stellten in diesem Streit das Regime auf eine Stufe mit der Opposition, als handele es sich um zwei ebenbürtige Gegner mit gleichermaßen zu berücksichtigenden Rechten.
Darüber hinaus machten sich diese Staaten die verlogene Version des Regimes zu eigen, die da lautet: Der Krieg, den das Regime gegen die Bevölkerung führt, sei nichts anderes als die Ausrottung von islamistisch-terroristischen Bewegungen, die mit Al-Kaida verbunden seien. Behauptet wurde dies bereits zu einer Zeit, als es im Land weder Terror noch Al-Kaida gab. Das syrische Volk wurde dem Tod ausgeliefert in Gestalt der Kugeln von Scharfschützen und ballistischer Raketen, Vakuumbomben, explodierender Fässerbomben und Chemiewaffen … und sogar von Messerklingen.

Wer nicht getötet wurde, lebt unter den schrecklichsten Umständen. Glücklich schätzen kann sich, wer Zuflucht fand in einer Grotte oder Höhle, in einer Schule oder einem verlassenen Gebäude. Tausende hausen unter freiem Himmel ohne Dach über dem Kopf. Wir sehen sie in Damaskus und in anderen Städten. Sie tragen bei sich, was sie mitnehmen konnten – Geschirr, eine Matratze, eine Zudecke, ein wenig trockenes Brot und Decken, die sie auf dem Boden ausbreiten, um auf dem Bürgersteig und in den Parks zu schlafen.

Vom Glück begünstigt ist, wer auf Gottes weiter Welt vertrieben ist, aber die Welt um uns ist eng geworden; Gottes weite Welt ist nicht mehr weit.

Glücklich ist der, dem es gelang, die Grenze zu überqueren und eines der Flüchtlingslager zu erreichen, Lager auf ausgedorrtem Boden, in denen die Menschen weder vor der beißenden Kälte des Winters noch vor der glühenden Hitze des Sommers Schutz finden. In diese Lager fallen Abgesandte der internationalen Gemeinschaft ein, begleitet von Journalisten, Fotografen und Delegierten der internationalen Organisationen. Sie inspizieren den Zustand der barfüßigen Kinder mit ihren sonnenversengten Gesichtern und aufgesprungenen Lippen, verteilen Bonbons und Stifte (…), schießen ein paar Fotos und machen sich wieder davon.

Eine Regierung nach der anderen lässt den krisengeschüttelten syrischen Freund im Stich, obwohl die Freundschaft im Licht internationaler Konferenzen geschlossen und im Namen der »Freunde Syriens« seliggesprochen wurde. Die Folge ist eine Situation, in der es weder Sieger noch Besiegte gibt. Stattdessen wird an allen Fronten ein grausamer und zermürbender Krieg geführt, dessen Opfer bei internationalen Organisationen nur noch als Zahlen in Statistiken auftauchen, mit einem steten Trend nach oben. Dies stellt für die in Sicherheit lebende westliche Welt den einzigen Makel dieses Kriegs dar.
Der Westen weiß nur allzu gut, warum die Revolution sich erhob, kennt er das Regime doch besser als das Regime sich selbst. Der Westen ist ebenso darüber informiert, unter welcher Art von Misshandlung und Demütigung das syrische Volk über vierzig Jahre lang litt, welche Massaker während der Revolution verübt und welche enormen Zerstörungen angerichtet wurden, denn westliche Experten und Kommentatoren beschrieben die syrische Katastrophe als die größte Tragödie im 21. Jahrhundert.

Die exemplarische Bestrafung der jugendlichen Demonstranten durch das Regime trieb diese jungen Leute im Laufe der Zeit in die Arme der bewaffneten Revolutionäre. Unter Artilleriebombardement hatten die jungen Männer den Geschmack der Freiheit gekostet, und nun gab es für sie kein Zurück mehr. Doch weil sie keinen Beistand fanden außer Gott, ist immer und überall ein Satz zu vernehmen, der auf den Demonstrationen gerufen wird und sich seinen Weg kraftvoll in den tiefschwarzen Himmel bahnt: »O Gott, wir haben niemanden außer dir … O Gott!«

Ein junger Mann schrieb einen Brief an seine Familie. Darin verabredete er mit ihr einen Termin, in der Hoffnung, sich im Paradies wiederzusehen. Im selben Brief legte er seiner Familie ans Herz, an Gott zu glauben und zu beten. Er aber werde diese düstere und ungerechte Welt bald verlassen. Und er habe nur eine Bitte an Gott, den er niemals gesehen, der ihm aber etwas versprochen habe: das Paradies, wie es in seinem wertvollen Buch, dem Koran, glaubhaft verheißen werde. Er tat, was er tun musste, und opferte sein Leben für die Freiheit, die sein Volk erlangen wird.

In Wahrheit können die Religionen ihren Gläubigen nichts anderes bieten als das fiktive Paradies, das das Regime den Märtyrern vorenthalten will. Und weil niemand dieses Paradieses jemals ansichtig wurde, kennt die religiöse Fantasie in seiner Beschreibung keine Grenzen, um es den Menschen schmackhaft zu machen. Was sie im Diesseits vermissen, werden sie im Jenseits finden. Für die Gläubigen ist das Paradies indes ein wirklicher Ort, mehr noch als die reale Welt. Das Jenseits ist das »Haus des Verweilens«, während die irdische Welt das »Haus der Vergänglichkeit« ist. Die Mudschâhidîn, die ihr Leben opfern, sind indes nicht anspruchsvoll, sie sehnen sich nur danach, nach ihrem Erwachen vom Tod mit dem Propheten Muhammad das Mahl einzunehmen und im Monat Ramadan mit ihm das Fasten zu brechen.

Der Glaube, der die Syrer zu Gottesfurcht und hohen Moralvorstellungen anspornt, ruft bei ihnen die Sehnsucht nach dem Märtyrertum hervor. Denn in der Konfrontation mit dem Tod ist der Dschihad ihre Brücke zum Jenseits oder zur Freiheit.
Die bisher schlichte, aber tiefe Religiosität nimmt allmählich Züge von Unerbittlichkeit an, die sich im vertrauten Umgang mit dem Tod zeigt. Der Tod ist ein enger Begleiter der Menschen geworden und kann sich jeden Augenblick einstellen. Ein junger Mann, der seinen toten Bruder begraben und anschließend an dessen Seite ein Grab für sich selbst ausgehoben hatte, beerdigte einige Tage später einen anderen Toten darin. Ein Kind aus dem Viertel Baba Amru in Homs schenkte während der Belagerung seinem Bruder ein weißes Leichentuch zum Geburtstag. Der Tod scheint keiner Familie den Verlust eines oder zweier Menschen zu ersparen. Und wenn eine Granate ein Haus trifft, wird gar eine ganze Familie getötet. Nur wer gerade nicht zu Hause war, bleibt verschont – wie der Vater, der von der Suche nach Brot heimkam. Seine gesamte Familie hatte unter den Trümmern ihr Leben verloren, und der Tod schien ihm nun erträglicher zu sein als das Leben. Dieses weit verbreitete Todes-Szenario hindert die Syrer indes nicht daran, sich dem Leben zuzuwenden. Täglich werden Hunderte Witze in den sozialen Netzwerken verbreitet, selbst mitten aus den am schlimmsten betroffenen Regionen wie der belagerten und unter Bombardierung leidenden Stadt Homs. Ganz abgesehen von den Karikaturen und den witzigen Spruchbändern, durch die unbekannte Künstler aus Kafranbel hier berühmt wurden. Selbst als in Douma Zivilisten von Flugzeugen aus bombardiert wurden und täglich schwere Verluste mit Dutzenden Toten zu beklagen waren, gingen die Frauen in dieser traditionalistisch geprägten Ortschaft auf die Straße und riefen: »Kein Donnerstagsbad bis zum Sturz des Regimes!«, ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Frauen ihren Männern verweigern, bis der Präsident gestürzt ist – was uns das Stück »Die Weibervolksversammlung« von Aristophanes in Erinnerung ruft.

Angesichts dieser modernen Form der schwarzen Komödie – wenn auch auf niedrigerem Niveau – zeigt sich der Umgang der Syrer mit der Tragödie in ihrer Ironie. (…) Auf niedrigerem Niveau, weil hier die Getöteten beschuldigt und den Mördern verziehen wird. Während der Westen die Syrer aufgegeben hat, haben Russland und Iran das Regime nicht im Stich gelassen. Nun warten die Syrer nicht mehr auf den amerikanischen Godot, der nicht kommen wird, und von Europa erhoffen sie sich gleichfalls nichts mehr (…)

Verallgemeinernd lässt sich konstatieren, dass sich die öffentliche Meinung im Westen dazu entschieden hat, die syrische Tragödie aus der Perspektive ihrer Regierungen zu betrachten. Damit hat sie sich auf die Seite der Mörder gestellt. Die Ermordeten hingegen verdienen nach Meinung des Westens den Tod, weil sie Muslime sind, selbstmörderisch veranlagt, oder ganz einfach, weil sie einen Bart tragen. Es ist einer der seltenen Fälle, in denen die Völker im Westen mit ihren Führungen übereinstimmen, ohne dass der Anblick Hunderter getöteter Kinder und zu Tode gefolterter Menschen sie irgendwie berührt.

Die Syrer sind gereift, ohne älter geworden zu sein. Sie lernten die Welt kennen und verloren ihre Illusionen, denn durch die Revolution entdeckten sie das andere Gesicht der glücklichen Demokratien. Wenn diese freie Welt Freiheit und Gerechtigkeit heiligt, sie aber für sich selbst monopolisiert, dann klagen genau diese Werte sie an, solange ein mörderisches Regime ignoriert wird, das mit seiner Militärmaschinerie täglich Menschen mordet und Häuser dem Erdboden gleichmacht. Die Welt ist weder vernünftig noch menschlich, wie wir angenommen hatten. Doch nur die Syrer leben in dieser grauenhaften Realität. Aber werden die Mörder mit ihren Verbrechen davonkommen?
Die Syrer bewegen sich innerhalb unsichtbarer Systeme. Genauso wenig wie sie Gott sahen oder das Paradies oder die Engel, genauso wenig begegneten sie der Gerechtigkeit. Weder waren sie vom Glück begünstigt, noch machte der Ort ihrer Geburt oder die Herrschaftsform sie glücklich, indem es ihnen vergönnt war, der Gerechtigkeit auf Erden zu begegnen. Was sie aber aus nächster Nähe erfuhren und mit eigenen Augen sahen, das sind die Unterdrückung, die Geheimdienste, die Spitzel und die Gefängnisse. Und was sie ganz konkret erleben, sind Folter und Tod – und eine egoistische Welt, die sich nur von ihren engstirnigen Interessen leiten lässt. Diese Interessen fügen sich einer abscheulichen Vernunft, welche sich ausschließlich ums Öl schert, nicht aber um die Menschen.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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erstellt am 25.11.2013

Fawwaz Haddad. Foto: Larissa Bender

»Die bisher schlichte, aber tiefe Religiosität nimmt allmählich Züge von Unerbittlichkeit an, die sich im vertrauten Umgang mit dem Tod zeigt.«

»Verallgemeinernd lässt sich konstatieren, dass sich die öffentliche Meinung im Westen dazu entschieden hat, die syrische Tragödie aus der Perspektive ihrer Regierungen zu betrachten. Damit hat sie sich auf die Seite des Mörders gestellt.«