Wer Gedichte liest – vermutet man – möchte Vertrautes wiedererkennen, – aber mit einem fremden Blick. Er möchte lesen, was er immer schon dachte, – aber so eben nicht. Tristan Marquardt hat sich diesem Leser mit seinem Band »das amortisiert sich nicht« gestellt und Malte Abraham zeigt sich davon begeistert.

lyrik

»Du musst das System nicht checken, um es zu hacken«

Tristan Marquardts Gedichtband »das amortisiert sich nicht«

Von Malte Abraham

1. Experimentelle Laborstudie: Die Kataloge

Was „das amortisiert sich nicht“ ausmacht, ist seine Struktur: Sieben Gedichtzyklen wechseln sich ab mit Schatten-, Spuren-, Tunnel-, Griff-, Blick- und Grenzkatalogen. Und damit sind wir auch schon beim Kern des Heftes, dem Versuchslabor, bei den Katalogen.

In ihrer Erscheinung sind sie am ehesten mit einem Fremdwörterbuch vergleichbar, arbeiten dann aber doch ganz anders. Diese Kataloge sind keine Lesehilfen und bieten keine Codes zur Dechiffrierung. Wörter werden zerlegt und geöffnet, verschiedene Begriffsfamilien untersucht und Bedeutungsabgründe freigelegt.

Betrachten wir zum Beispiel den Schattenkatalog. Darin wird weniger erklärt, was ein Schatten ist, als vielmehr, was er aus anderer Perspektive sein könnte. Für Tristan Marquardt ist ein Schatten nicht bloß ein Schatten, sondern ein „ab- hub-, deck- oder kehrschatten.“ Der Kehrschatten ist bei ihm die „rückseite eines schattens, die nur von jenen (dingen) wahrgenommen werden kann, auf die der schatten fällt.“ Hier findet also eine Umkehrung des Blickes statt. Wir werden gewissermaßen hinters Licht geführt, um es von dort aus zu betrachten. Das kann keine Wissenschaft, das kann nur Science-Fiction, die Wissenschaft des Fiktiven: sprachliche Orte entdecken, die keinen physikalischen Gesetzen gehorchen.

2. Experimentelle Feldstudie: Die Gedichte

Ist man erstmal durch die Marquardtsche Schule der Begriffskataloge gegangen, wird man misstrauisch gegenüber der Einfachheit der Wörter. Heißt es zum Beispiel in einem Gedicht „war es absicht, von oben, / oder was ist das heute,“ stellt sich die Frage: war es absicht oder ab-sicht und man wünscht sich einen Katalogeintrag zu diesem Begriff. Scheinbar alltägliche Worte werden in ihrer Folge zu einem dichten Geflecht. Marquardts Sprache inszeniert sich nicht und verzichtet auf große Metaphern. Zugleich wechseln ständig die Kontexte, und es ergibt sich ein Lesefluss, der sich eigentlich an der rücksichtslosen Verkettung stoßen müsste. Wer nach Halt sucht, wird beim Lesen oft zu schnell durch die Gedichte getragen. Glaubt man sich eben noch in einem Gespräch mit den Eltern zu finden, ist man im nächsten Moment mitten im Tisch oder „im bad, es war so wasserscheu wie ich, [dort] wurde die Verantwortung trocken gerieben.“

Verschiedene Bilder streifen vorbei: nächtliche Begegnungen, historische Einschnitte und Nahaufnahmen des Waldes. Einen roten Faden bildet höchstens die Beschäftigung mit Räumen, Koordinaten und Lagerungen. Dabei wird um exakte Verortung gerungen, die nie nur eine kartografische, sondern immer zugleich auch eine soziale ist. Zum Beispiel wenn es heißt: „koordinaten einer suchfunktion, wohin einen die beine tragen. […] beim abendessen im sandkasten, ich hatte den wunsch geäußert, am sonnenstand einen weiteren norden zu ermitteln, meine eltern machten eine ausnahme. das war der dritte körper, das zelt. unten gruppierte ich namen, lagen meine meist kommentierten tagebucheinträge formiert zur ersten ernst gemeinten phase: landschaft mit angelpunkten / garantierten karussells.“

Hier wird nicht nur außerhalb der Welt der Eltern, sondern auch außerhalb der Regeln der Physik nach einem Standpunkt gesucht, der allzuoft nur in der Sprache selbst gefunden werden kann. Es ist oft ein rückblickendes, aber junges lyrisches Ich, das dort spricht und eine noch nicht abgeschlossene Suche beschreibt. Eine Suche nach Orientierung, deren Richtungslosigkeit und Vorläufigkeit den eigentlichen Reiz ausmacht. So rasch wie die Worte ineinandergreifen, wir durch Sätze, Orte und Situationen getrieben werden, wechseln auch die Positionen, werden verworfen: „ich wähnte imbissbuden als ende der nahrungskette und war glücklich damit. ich trieb den standpunkt zum äußersten, fasste fallhöhen in den blick, die zu halten wären, heute noch, ruderte, ab und zurück.“

Gerade darum ist wohl die Sprache ebenso dicht wie das Netz der Themen des Gedichtbands. Wirken die Kataloge ein wenig unterkühlt, so gestaltet sich das Lesen der Gedichte fiebrig. Wo den Punkt setzen, wo Atem holen, wenn man, wie bei einer DIA-Vorführung, Bilder gezeigt bekommt, alle gleichzeitig, übereinander? Wenn man eigentlich alle Bilder gesehen hat und man weiß, dass es schön war, aber nicht, wo der Urlaub eigentlich war. Marquardts Lyrik amortisiert sich nicht in der Alltagssprache, doch darum geht es auch gar nicht. Es geht auch nicht um das Aufgeben und Lösen von Rätseln, sondern um die Möglichkeiten von Sprache. Und das ist vielleicht schon viel zu explizit. Bedeutungen sollen nicht durch etwas Vorgeschobenes generiert werden, sondern die Bedeutungen der Worte sind diskursiv, liegen also im Gebrauch des Wortes. Es ist nicht gesagt, dass Marquardt seine Gedichte selbst versteht und erklären könnte. Ebensowenig sollen sie auf eine bestimmte Weise verstanden und erklärt werden. Die Offenheit, mit der er schreibt, schenkt er auch dem Lesenden. So nimmt der Gedichtband eben viele Perspektiven ein, und vielleicht braucht es auch ebenso viele, um ihn sich ganz zu erschließen. Wir hatten sechs und sind bis hierhin gekommen.

(Wir, das sind: Chris Möller, Clara Sondermann, Katrin von Boltenstern, Malte Abraham, Pouyan Zachar, Sven Schaub)

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erstellt am 25.11.2013

Tristan Marquardt
das amortisiert sich nicht
Gedichte
Broschur, 80 Seiten
ISBN: 9783937445564
kookbooks, Berlin 2013

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Tristan Marquardt
Tristan Marquardt

Tristan Marquardt, geboren 1987, lebt in München und Zürich. Sein Debütband „das amortisiert sich nicht“ erschien im Frühjahr 2013 bei kookbooks. Außerdem ist er Mitbegründer des Lyrikkollektivs G13. Die bisherigen Veröffentlichungen des Lyrikkollektivs sind die Anthologie ”40 % Paradies” (2012) und der gemeinsame Text: ”G13, das war absicht” (2013).