Die Mutter ist Japanerin, der Vater Deutscher, die Tochter Pianistin: Alice Sara Ott versucht, die Musik auf dem Klavier zu orchestrieren. Mit dieser hohen Kunst hat sie in der Stuttgarter Liederhalle Thomas Rothschild überzeugt.

Alice Sara Ott (Screenshot)
Alice Sara Ott
Klavierkonzert

Alice Sara Ott in der Stuttgarter Liederhalle

Von Thomas Rothschild

Das sind die subtilen Unterschiede: Die ältere Schwester darf, im Zyklus mit dem nichtssagend großsprecherischen Titel „Meister-Pianisten“, im, wenn auch nur halbvollen, Beethoven-Saal auftreten, die jüngere Schwester muss drei Tage später, im kleineren Mozart-Saal, ohne Zyklus-Veredelung auskommen. Dafür kosten bei Mona Asuka Ott die Karten nur halb soviel. Dabei ist Alice Sara, die Ältere, auch erst gerade 25 Jahre alt. Immerhin: Büchner war in dem Alter schon tot, Mozart hatte noch zehn Jahre zu leben und Schubert, der ebenso wie Mozart bei der älteren Ott auf dem Programm steht, gar nur noch sechs. Bei Genies gibt es keine Jugend.
Bei Puristen stößt die so genannte Programmmusik oder auch Tonmalerei oder Tondichtung gemeinhin auf Verachtung. Dabei hat das Genre immerhin so angesehene Advokaten wie Beethovens 6. Symphonie oder „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss. Die wohl populärste Programmmusik – vielleicht neben Smetanas „Moldau“ – sind die „Bilder einer Ausstellung“. Modest Mussorgsky hat sie für Klavier komponiert, aber ihren großen Erfolg verdankten sie der Instrumentierung durch Maurice Ravel oder auch, seltener gespielt, durch Rimski-Korsakow. So haben wir den effektsicheren Zyklus im Ohr. Und auch wenn man ihn in der Originalfassung hört, kann man nicht umhin, an manchen Stellen an die Bearbeitung, an den scharfen Klang der Trompete im Disput der beiden Juden „Samuel Goldenberg und Schmuyle“ oder den samtenen Sound des in der E-Musik exotischen Saxophons im „Alten Schloss“ zu denken.
          Und doch hat die ursprüngliche Klavierfassung ihren ganz eigenen Reiz. Die farbenreiche, so differenzierte Folge von Stücken, die durch die „Promenade“ verbunden sind, gibt Alice Sara Ott Gelegenheit, zwischen kraftvollem und lyrischem Anschlag zu wechseln. Sie liebt den fast perkussiven Akzent und setzt das Legato vorsichtig ein, nutzt das Pedal sparsam. Deutlich unterscheidet sie die einzelnen Stimmen, kontrastiert sie, etwa in der „Hütte der Baba Jaga“, die linke gegen die rechte Hand. Erst im „Großen Tor von Kiew“ wagt sie sich zu jenem Pathos vor, das auch Mussorgskys „Boris Godunow“ kennzeichnet. Hier allerdings fehlen einem dann doch Ravels Glocken.
          Pianistinnen müssen ja längst nicht mehr nur Klavier spielen können. Was mit den Opernsängerinnen – in Nachahmung des Popbetriebs – begann, haben die Plattenfirmen längst auch den Instrumentalistinnen der „Klassik“ aufgezwungen: Sie müssen aussehen wie Models. Alice Sara Ott, Tochter einer japanischen Mutter und eines deutschen Vaters, erfüllt diese Bedingung. Aber sie zieht keine Schau ab. Weder gestisch, noch musikalisch. Schon bei Mozarts „9 Variationen über ein Menuett von Duport“ und bei Schuberts Sonate D-Dur, opus 53, im ersten Teil des Konzerts wirkt ihre Interpretation eher trocken, nüchtern – bei Mozart jedoch tänzerisch leicht, bei Schubert im ersten Satz eher dramatisch, aber nicht auftrumpfend, um dann im zweiten Satz in einen wie gesungenen Klang zu wechseln. Im Schlusssatz darf die Pianistin, wie später bei Mussorgsky, ihre Intelligenz bei der Konturierung der einzelnen Motive beweisen.
          Eine Meisterpianistin ist sie, mit ihren 25 Jahren. Auch ohne entsprechend benannten Konzertzyklus.

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erstellt am 22.11.2013