Gerhard Fritsch war ein Freund, der Thomas Bernhard früh zur Seite stand und ihm eine öffentliche Bühne verschaffte, von der ihn später Theaterdirektoren und Verleger abholen konnten. Bernhard verabschiedete ihn nach seinem frühen Freitod mit den Worten: „Sein von ihm selbst verpfuschtes Leben war ihm über den Kopf gewachsen und hatte ihn ausgelöscht.“ Alexandru Bulucz hat den Briefwechsel der seltsamen Freunde gelesen.

buchkritik

Thomas Bernhard und Gerhard Fritsch: Der Briefwechsel

›…jemandem unter die literarischen Arme greifen‹

Von Alexandru Bulucz

Literarischer Erfolg ist zweifelsohne nicht ohne eine literarische Anlage möglich, aber ebenso wenig ist er ohne fremdes Zutun möglich. Von Letzterem hat jeder, der sich nicht nur für Publikationen, sondern auch für die vielschichtige Werkstatt interessiert, aus der sie hervorgehen, eine ungefähre Vorstellung. Durch den jüngst im österreichischen Korrektur Verlag erschienenen Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und Gerhard Fritsch wird diese Vorstellung endgültig dem Ungefähren entrissen.
          Der Band, der achtundvierzig Korrespondenzen versammelt – Briefe und Karten, die zum Teil farbig abgebildet werden und die überwiegend von Bernhard stammen –, dokumentiert die Beziehung zweier Männer, die sich, beide literarisch hochbegabt, gänzlich der Literatur verschrieben haben. Die wenigen Schreiben, die erhalten blieben, genügen, um zu konstatieren, dass der darin enthaltene Dialog zwischen Bernhard und Fritsch einen dramatischen Bogen spannt: Was 1956 mit der typisch österreichischen brieflichen Distanz beginnt („Lieber Gerhard Fritsch“), in herzliche Freundschaft übergeht, zwei Preisverleihungen an Bernhard übersteht, deren eine (die Anton-Wildgans-Preisverleihung 1968) Fritsch als Jurymitglied mitverantwortet und die beide für das damalige im Denken provinzielle Österreich katastrophal ausgehen, endet im August 1968 mit einem deshalb symbolischen Brief, da es ein unverbindlicher Rundbrief Fritschs ist, den auch Bernhard unter anderen erhält.
          Fünf Monate früher, in einem Brief an Bernhard vom 20. März 1968, dem auch die allgemeine Absage der feierlichen Übergabe des Anton Wildgans-Preises durch die österreichische Industriellenvereinigung beigegeben ist, lässt sich der Juror und Freund Fritsch nichts von diesem Eklat anmerken. Der Festakt hätte ein Tag später stattfinden müssen. Der Grund für die Absage: Die Staatspreis-Verleihung an Bernhard vom 4. März steckt den Verantwortlichen noch in den Knochen. Dem Preisträger wird das Preisgeld einfach überwiesen. Bedenkt man, dass Fritsch den Präsidenten der Industriellenvereinigung vergeblich noch ersucht, die Ausladung zu überdenken, erscheint Bernhards Ultimatum an Fritsch, er möge aus der zuständigen Jury austreten, umso unfeiner. Fritsch tut es nicht. Ihre Wege trennen sich.
          Der erste abgedruckte Brief stammt aus dem Jahr 1956, Bernhard und Fritsch begegnen einander aber vermutlich schon früher. Bis Ende der fünfziger Jahre zeichnen sich ihre beruflichen Wege immer deutlicher ab: Der Germanist Fritsch (geb. 1924) arbeitet trotz literarischem Erfolg (Moos auf den Steinen) verstärkt als Redakteur von Literaturzeitschriften (so zum Beispiel von Wort in der Zeit und der bis heute uns erhaltenen Literatur und Kritik) und als Lektor für verschiedene Verlage. Bernhard (geb. 1931), noch Student und schon damals ein besessener Österreich-Kontrastierer, reist viel; seine Schriftstellerei: eine Bewegung zwischen Burn-out und manischem Schreiben. In der Wiener Städtischen Bücherei hält er unter Fritschs Schirmherrschschaft erste Autorenlesungen und in dessen Literaturzeitschriften darf er erste Texte veröffentlichen. Publikationen, die Anlass sind für erste Bernhardsche Widersprüche: „Für die Verse in W.i.d.Zt. dank ich Dir, ich bin nie glücklich, wenn was erscheint, aber ich freu mich doch sehr, das ist eine unbegreifliche, komische, desparate Mischung“; Gespräche, die Anlass sind für Universalien: „Wie rasch doch das, was man gerade noch geschrieben und durchdacht hat, langweilig wird.“
          Im Weiteren erleben wir einen nach literarischer Anerkennung und finanzieller Sorglosigkeit dürstenden Bernhard, der, abgesichert durch sein literarisches Talent, sich ohne Umwege seinem fast sieben Jahre älteren Freund und Förderer Fritsch öffnen kann: „Ich möchte so gern ein Ziel erreichen. Im Grunde bedeutet es gar nichts, Autor, oder so ein Mann zu sein, der seine Schreibereien auf den Markt trägt.“ Auf Bernhards Versuche, sich diese Anerkennung offensiv zu erheischen, ist Fritsch gewiss nicht reingefallen, denn sie sind zu naiv, zu ausdrücklich: „Jetzt bräuchte ich die Lehren eines ausgereiften alten Mannes […]. Sie haben so schöne gute Verse im ‚W.i.d.Zeit‘ veröffentlicht. Ich freu‘ mich, sie sind ganz außer-gewöhnlich.“ Und weiter: „Ich beneide Dich, denn du kannst Prosa schreiben – ich kann es nicht.“ Wer Bernhards Werk kennt, weiß, dass er sich bei seinen Lesern nicht einschmeichelt: vielleicht weil er es nicht kann. Aber hier zählen seine Versuche, die deshalb bemerkenswert sind, da er einsieht, dass der Literat (also Bernhard selbst) gleichsam nur als wohlwollender Mitmensch in den Literaturbetrieb eingehen kann. Dass Fritsch nicht auf Bernhards zum Literaturbetrieb wesentlich mitgehörenden literarischen Smalltalk reingefallen ist, sondern um dessen Charakter weiß, der zugleich der Charakter seiner Literatur ist; dass er ihn aus dem literaturbetrieblichen „Wirrwarr […] heraussehen“ kann, weisen auch seine Notizen, die neben seinen zwei Verlagsgutachten zu Bernhards lyrischen Werken Das Mysterium der Karwoche und Frost dem Anhang des Briefwechsels beigefügt sind: „Was den Gedichten fehlt, ist im Geistigen die Du-Beziehung und das Wir-Gefühl (Gemeinschaft erscheint bei ihm stets verhöhnt oder als Verdammnis)“.
          Die Hervorhebung dieses in der Öffentlichkeit kaum bekannten Bernhard, könnte den Anschein erwecken, als ob Fritsch nur ein vorsichtiger und rücksichtsvoller Bernhard gewährt wurde. Keineswegs. In mehreren Briefen, aber am deutlichsten im Brief vom 1. Mai 1957, da ist Bernhard erst 26 Jahre alt, ist ihm alle Diskretion wieder abhanden gekommen, ist er wieder er selbst, wieder der Literarische, radikal wie eh und je, nichts aber, was Fritsch nicht schon kennen würde: „Eins ist sicher: ich habe nie schreiben wollen! Ich beneide jeden, der neben mir – in unwiederbringlicher Ruhe – Schuhe macht, oder Käse glatt stampft. Aber, ich kann nicht mehr zu den Schuhen zurück. Die teuflischen Verse werden mich vernichten!“ Der Lektor Fritsch in seinen schon erwähnten Notizen zu den Versen Bernhards: „Sie besingen […] jene seltsame Stimmung der Sehnsucht einer Heimkehr bei der Einfachheit“. Der Grund, weshalb Fritsch Bernhard immer wieder „unter die ‚literarischen Arme‘“ greift, liegt nicht in dessen literaturbetrieblicher Verstellung, sondern daran, dass Bernhard kompromisslos nicht zwischen persönlichem Leben und Literatur scheidet: „Ich quäle Dich, das ist nicht meine Absicht. Ich möchte allen Freuden bringen, aber das ist das Schwerste, dazu bin ich nicht fähig – ich zerschlage immer den Leuten den Sonnentag – und bin am Ende selber zerschlagen. / Meine Zuneigung zu Menschen und Literaten ist beständig – auch wenn ich für sie lange Zeit tot bin – soll ich Dir das sagen?“
          Einer der schönsten – weil aufrichtigsten und rührendsten – Briefe Bernhards folgt auf einen Brief, in dem Fritsch verärgert auf ein Gerücht reagiert: „In Salzburg wurde mir neulich – brühwarm – erzählt, du hättest meine Auswahl Deiner Gedichte in „Wort in der Zeit“ blöd gefunden und das Heft wütend an den Verlag zurückgeschickt. Ich weiß nun nicht, ob das wahr ist. Wenn ja, find ich es etwas komisch, da ich diese Gedichte mit Dir gemeinsam ausgesucht habe. / Laß bald von Dir hören und sei herzlich gegrüßt / vom Gerhard F.“ Nachdem Bernhard in seiner Antwort das Missverständnis aufklärt, bittet er: „Nimm mir nicht Deine Freundschaft und radier auch das F. nach deinem Gerhard aus!“ In der Freundschaft, wie jeder Beziehung vielleicht, wird jede noch so kleine Schwankung, jede noch so unscheinbare Hinzufügung wahrgenommen: Freundschaft ist eine Frage von Buchstaben, von Ausradierung, von Auslöschung: Weniger ist mehr!
          Nun war viel die Rede von Thomas Bernhard. Aber, wie schon angedeutet, nur etwa ein Drittel der Schreiben stammt von Gerhard Fritsch. Dennoch: Wo bleibt er – er, Gerhard Fritsch? Der Briefwechsel muss interpretiert werden, er muss ausgelegt werden. Wie Fritsch Bernhard aus allem und trotz allem heraussehen konnte, muss Fritsch, der nicht da steht, herausgestellt werden. Und so muss man schließlich sagen, dass dieser Band, dessen Tragender nichtsdestoweniger im höchsten Maße Fritsch ist, ein symbolischer Band ist, ein Denkstein, ein Denkband: eine späte Würdigung Gerhard Fritschs, vielleicht die würdigste Würdigung dieser Ausnahmeerscheinung der deutschsprachigen Literatur.
          Möglich gemacht hat dies der neugegründete Korrektur Verlag im österreichischen Mattighofen, dessen Name sich dem Roman Korrektur von Thomas Bernhard verdankt und dem sich das Verlagsprogramm verpflichtet fühlt. Den beiden Herausgebern des Briefwechsels, Raimund Fellinger, dem Lektor Thomas Bernhards, und Martin Huber, dem Leiter des Thomas-Bernhard-Archivs, ist in Zusammenarbeit mit dem Buchhändler und Antiquar Georg Fritsch und mit der Universität Salzburg und der Wienbibliothek eine Überraschung von literarischem Wert gelungen, die in Anbetracht der zahlreichen Abbildungen, der in Leinen gebundenen Aufmachung des Briefwechsels, des gründlichen und ergänzenden Kommentars der Briefe und des einführenden und luziden Nachworts der Herausgeber preiswert ist.

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erstellt am 21.11.2013

Thomas Bernhard – Gerhard Fritsch
Der Briefwechsel
Mit zahlreichen Abbildungen und einem Nachwort der Herausgeber Raimund Fellinger und Martin Huber
Gebunden, 108 Seiten
ISBN 978-3-9503318-1-3
Korrektur Verlag, Mattighofen, 2013

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