Kolumne Popsplitter
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POP-SPLITTER

Auf Sand aufgebaut: Wenn’s in Songlyrics knirscht

Von Michael Behrendt

Wenn man so will…

„Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist“, schallt es Tag für Tag aus unzähligen Radios und heimischen Hi-Fi-Anlagen, „…und sichergehen, OB du denn dasselbe für mich fühlst.“ Ich weiß nicht, wie es anderen Hörern geht, aber mir sträuben sich spätestens an dieser Stelle des Sportfreunde-Stiller-Hits Ein Kompliment die Nackenhaare. Muss es nicht „sichergehen, DASS“ heißen statt „sichergehen, OB“? Sagt man nicht „ob“ vor allem dann, wenn etwas noch gar nicht sicher ist, wenn es erst noch geklärt werden muss? Und impliziert nicht „sicher“ schon eine ganz bestimmte Sachlage? Man fragt sich oder überprüft, OB etwas so und so ist – aber man geht oder stellt sicher, DASS etwas so und so ist. Da frage ich mich doch, OB die „Sportis“, wie sie distanzlos liebevoll schon auf HR3 und anderen Gute-Laune-Wellen genannt werden, wirklich wissen, was sie tun – oder OB sie hier einfach nur einen kleinen grammatikalischen Hänger haben.

Wäre ich sicher, DASS sie wissen, was sie sprachlich tun, würde ich folgendermaßen argumentieren: Die sprachliche Irritation ist natürlich ganz bewusst auf das Gesamtbild hin eingebaut. Denn in vagen oder verschwurbelten Phrasen wie „Wenn man so will, bist du das Ziel einer langen Reise…“, „die Perfektion der besten Art und Weise“, „die Schaumkrone der Woge der Begeisterung“ und „nur mal eben sagen“ offenbart sich ein reichlich unsicheres Song-Ich, das dem angesprochenen Du „irgendwie“ unbeholfen bis ungelenk pathetisch seine Liebe gesteht. In Verbindung mit dem eckig-naiven Gesangsstil ergibt das einen charmanten Gegenentwurf zu all den zünftig rockenden Macho-Song-Ichs, die voll narzisstischen Selbstbewusstseins ihre Liebe und ihr Begehren in die Welt hinausröhren. Ganz klar, dass das Ich hier auch sprachlich seine Unsicherheit offenbart…
Wäre ich dagegen sicher, DASS die „Sportis“ einen kleinen grammatikalischen Hänger haben, würde ich argumentieren, dass dies die einzige wirkliche Irritation in Ein Kompliment bleibt – sprachliche Unsicherheit als Konzept hätte zu weiteren bewussten Fehlern im Text führen müssen, oder?! Und ich würde auf weitere Songs der Sportfreunde Stiller verweisen, in denen mir das eine oder andere spanisch vorkommt. Zum Beispiel auf Applaus, Applaus, den aktuellen Radiohit der Everybody’s Darlings aus München. Hier machen mich vor allem unsaubere Bilder und Brüche im sprachlichen Code kirre. Applaus, Applaus ist ebenfalls ein Liebeslied. Hier lobt das Song-Ich die Partnerin oder den Partner dafür, dass sie/er mit dem Sprecher wunderbar umgeht, ihn optimal „händelt“: „Ist meine Hand eine Faust, machst du sie wieder auf und legst die deine in meine“, heißt es in der ersten Strophe, und weiter: „Du flüsterst Sätze mit Bedacht durch all den Lärm, als ob sie mein Sextant und Kompass wären.“ Das Du nimmt dem Ich die Aggressionen, macht es ausgeglichener und gibt mit einfühlsamen Worten Orientierung. Sehr schön, das. Doch was die erste Strophe eindrucksvoll formuliert, wird in der zweiten Strophe fahrig fortgeführt, im Ansatz sogar konterkariert: „Ist meine Erde eine Scheibe, machst du sie wieder rund, zeigst mir auf leise Art und Weise, was Weitsicht heißt / Will ich mal wieder mit dem Kopf durch die Wand, legst du mir Helm und Hammer in die Hand.“

Natürlich dient das Reichen von Helm und Hammer auch dem Schutz des Song-Ichs, keine Frage. Und doch steht dieses Bild im Widerspruch zur gelösten Faust aus der ersten Strophe. Statt auf Ausgeglichenheit hinzuwirken, unterstützt das Du den Sprecher jetzt dabei, mit allen Mitteln durch die Wand zu brechen. Das klingt für mich nicht nach inhaltlicher Geschlossenheit. Noch offensichtlicher missglückt scheint mir der Vers rund um die „Erde“ und die „Scheibe“: Klar versteht man, was gemeint ist – es geht um Engstirnigkeit und den Blick fürs Ganze, versinnbildlicht durch den Konflikt zwischen der archaischen Haltung, die Erde sei flach, und der neuzeitlichen Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel ist. Aber: „Ist meine Erde eine Scheibe, machst du sie wieder rund“ bringt die angestrebte Aussage letztlich nicht sauber auf den Punkt, denn auch eine Scheibe kann rund sein! Die „Sportis“ formulieren also nicht wirklich den Gegensatz zwischen einer flachen Erde und einer Welt in Kugelform, sondern erzwingen die Aussage mit Blick auf den Zeilenrhythmus. Eher ungelenk, wenn man so will.

Schluffi-Blender

Den Vogel aber schießen für mich die Refrainverse ab: „Applaus, Applaus, für deine Art, mich zu begeistern / Hör niemals damit auf! / Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf / Applaus, Applaus für deine Worte / Mein Herz geht auf, wenn du lachst / Applaus, Applaus für deine Art, mich zu begeistern / Hör niemals damit auf! / Ich wünsch mir so sehr, du hörst niemals damit auf.“
Mal ehrlich: Welcher und welche Liebende würde der geliebten Peson APPLAUS spenden für ihre Art, mit ihm/ihr umzugehen? Na? Wohl niemand. Applaus spendet man doch für eine Darbietung von Fremden – als Anerkennung einer Leistung –im Zirkus, im Fußballstadion, auf der politischen Bühne. Aber doch nicht in einer Liebesbeziehung! Sollten Liebesbeziehungen nicht frei vom Leistungsgedanken sein? Was mich irritiert: So kann sich eigentlich nur ein minderbemitteltes Song-Ich äußern, das egoistisch und auf Kosten anderer seine Bedürfnisse und Triebe auslebt, das seine sämtlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten pflegt und das sich zufrieden im Sessel zurücklehnt, um genüsslich die Bemühungen der Partnerin oder des Partners zu bewerten. Das aber passt so gar nicht zu den alles andere als sarkastischen, sondern im Gegenteil betont gefühlvollen Strophenversen und der romantisch hymnenhaften musikalischen Inszenierung. Der Impuls, das Song-Ich als reichlich gestörten Beziehungskasper und damit als sich selbst entlarvendes Rollen-Ich zu interpretieren, wird durch ebenso unscharfe wie widersprüchliche Bilder und die angenehme musikalsische Gesamtstimmung im Keim erstickt. Je öfter ich Applaus, Applaus höre, desto weniger scheint mir in den Lyrics zusammenzupassen, der Text wirkt ungeduldig dahingeworfen, nicht zu Ende gedacht. Als hätte der Dichter die Verse unter Zeitdruck geschrieben und als wäre er schnell dem Rausch der einen oder anderen gelungenen Zeile erlegen. Vielleicht ist der Sportfreund Stiller an sich ja einfach nur ein Schluffi-Blender?

Sinnstiftendes Chaos

Von literarischen Texten, von in Stein, in Vinyl und in Bits gehauenen Versen erwartet man eigentlich sprachliche Korrektheit. Eine Ausnahme macht man vielleicht bei kaum merklichen Unsauberkeiten wie dem Fehlen des Konjunktivs am Ende der Refrainverse „Es ist nicht Deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist / Es wär nur Deine Schuld, wenn Sie so BLEIBT“ (Die Ärzte, Deine Schuld, 2003). Eine weitere Ausnahme macht man ganz bestimmt, wenn Lyrics sehr bewusst mit ungewöhnlichen Jargons und Ungereimtheiten spielen, um bestimmte Aussagen zu erzielen. Der beste Rapper Deutschlands ist offensichtlich ich heißt beispielsweise ein Song von Fettes Brot aus dem Jahr 2008, und wer entrüstet meint, es müsse doch „BIN offensichtlich ich“ heißen, braucht nicht am scheinbar dramatisch nachlassenden Sprachvermögen deutscher Hip-Hop-Künstler zu verzweifeln, sondern darf sich letztlich daran freuen, wie humorvoll und elegant Fettes Brot das großspurige Rap-Ich an sich auf die Schippe nehmen. (Siehe Faust Kultur, „What have they done to my song?“, Folge 8: „Phatte Ich-Strategien“.)

Ähnlich sinnstiftend scheinen mir Tomte in New York zu Werke zu gehen, einem Song aus dem Jahr 2006, der gleich mehrere sprachliche Ungereimtheiten aufweist. Das Song-Ich berichtet von einem Besuch in der „Stadt mit Loch“, was in Chatforen nachvollziehbar und nahezu einstimmig als Anspielung auf „Ground Zero“, also auf das New York nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, gedeutet wird. Es ist ein Besuch in einem verstörten Land, der dennoch etwas Schönes für das Song-Ich mit sich bringt, nämlich die von Verliebtheit geprägte Begegnung mit einem nicht näher charakterisierten Du: „In der Stadt mit Loch / passierten wir das berühmteste Hotel der Welt / ich sang dir ein Lied von ihm / in der Stadt mit Loch / in einem verwirrten Land / mit gekränktem Herz / über das jeder lacht oder hasst.“ Dass es statt „mit gekränktem Herzen“ nur „mit gekränktem Herz“ heißt, lässt man vielleicht noch als nachlässig oder umgangssprachlich durchgehen, aber spätestens bei „über das jeder lacht oder hasst“ horcht man auf: Müsste es nicht „über das jeder lacht oder das jeder hasst“ heißen? Und wäre „über das MAN lacht oder das MAN hasst“ nicht vielleicht noch plausibler, als dass JEDER entweder lacht oder hasst…? So unmöglich, so unwirklich diese Formulierung klingt, so nachvollziehbar spiegelt sie letztlich das Unfassbare der Anschläge vom 11. September und die Rätselhaftigkeit der amerikanischen Seele wider. Das Land ist erschüttert, man möchte mit ihm trauern und ist doch immer wieder irritiert durch seine gnadenlose Selbstüberschätzung, seine irrationalen Reaktionen. Dabei laufen Außenstehende, die auf Amerika schauen, stets auch Gefahr, eine gewisse Arroganz an den Tag zu legen: Wenn Tomte „über Amerika lachen“ und „über Amerika hassen“ suggerieren, dann klingt darin auch ein nicht akzeptables Sich-über-andere-Erheben an.
Dass das sprachliche Durcheinander Methode hat, zeigt die folgende Textpassage. Diesmal ist es das zeitliche Gefüge das verwirrt, der Wechsel zwischen Vergangenheits- und Gegenwartsform: „und wir STANDEN / am Reservoir / das gleißende Licht VERWANDELTE alles / in einen perfekten Tag / (…) / wäre das hier alles / es würde mir genügen / weißt du wie schön / die Liebe negiert / mit falscher Strophe und richtigem Refrain / SANG ich nur für dich / während wir GEHEN.“
Hatte man anfangs beim Hören den Eindruck, das Song-Ich berichte über ein vergangenes Erlebnis, ist man sich hier nicht mehr sicher, ob der Sprecher sich nicht doch noch mitten drin im Erleben befindet. Ob in der Rückschau oder in der momentanen Empfindung, das Song-Ich scheint beeindruckt von der gewaltigen Metropole New York und berauscht von der Liebe. Verständlich, dass da das Zeitgefühl verschwindet – oder die Zeit einfach stehen bleibt. Der Text bleibt anschließend ganz der Gegenwart verhaftet und weist am Ende weit in die Zukunft – in der Hoffnung auf eine weitere innige Begegnung am Reservoir. Dieses Reservoir kann einer der New Yorker Wasserspeicher sein, ist aber auch der Name einer Bar: „oh ein Kuss auf die Stirn / und danke für die Stunden / man fühlt sich als habe man die Liebe erfunden / ich will dich treffen, wo es am schönsten war / ich will dich treffen in zehntausend Jahren / am Reservoir.“ Auch in seinen langgezogenen Sinneinheiten, die oft erst nachträglich erkennen lassen, welcher Satzteil wozu gehört (etwa: „weißt du wie schön / die Liebe negiert / mit falscher Strophe und richtigem Refrain / sang ich nur für dich“) erweist sich der Text zu New York als sprachlich uneinheitlich, fehlerhaft, irritierend. Es sind jedoch Irritationen, die ganz bewusst so angelegt erscheinen, um die komplexe Gefühlslage des Song-Ichs zum Ausdruck zu bringen.

Reim dich, oder ich fress dich

Ebenfalls bewusst, aber vor allem in spielerischer Absicht und zum Teil auf Reim und Versmaß hin installiert scheinen mir falsche Konjugationsformen, wie sie immer wieder in den unterschiedlichsten Songs auftauchen: „Song she sang to me, song she BRANG to me“, heißt es 1972 etwas albern im Neil-Diamond-Hit Play Me, wo es korrekt hätte „…song she BROUGHT to me“ lauten müssen. „When you cheated, girl, my heart BLEEDED, girl“, lässt Justin Timberlake 2006 in What Goes Around Comes Around sein Song-Ich klagen und ignoriert mit einem Augenzwinkern, dass „my heart BLED“ die richtige Konjugationsform gewesen wäre. Na, und was englische oder amerikanische Interpreten können, das können deutsche schon lange. So mag sich Xavier Naidoo gedacht haben, als er 2005 etwas prätentiös dichtete: „Ich schreib dir Zeilen aus Gold, schreib aus meiner Seele / Ich hab nur zeigen GEWOLLT, was hier passiert.“ – „Ich hab nur zeigen WOLLEN“ wäre natürlich richtig gewesen, aber das hätte Reim und Versmaß empfindlich gestört. Weder Albernheit noch ein Augenzwinkern noch ein gewisses Maß an „pretentiousness“ spürt man dagegen im folgenden Auszug aus Wenn Worte meine Sprache wären, einem Song von Tim Bendzko, veröffentlicht im Jahr 2011: „Wenn Worte meine Sprache wären, / ich hätt dir schon gesagt / in all den schönen Worten, / wie viel mir an dir LAG. / Ich kann dich nur ansehen, / weil ich dich wie eine Königin verehr. / Doch ich kann nicht auf dich zugehen, / weil meine Angst den Weg versperrt.“ Der gesamte Text ist im Präsens gehalten, das Song-Ich ist nach wie vor in ein unerreichbares Du verliebt – da wirkt die wohl ausschließlich dem Reim geschuldete Vergangenheitsform in „wie viel mir an dir lag“ komplett daneben, fast schon kontraproduktiv. Ganz abgesehen davon, dass sich die im ersten Moment arg „poetisch“ klingende Phrase „Wenn Worte meine Sprache wären“ schnell als larmoyanter Unsinn erweist. Denn erstens führt sie sich selbst ad absurdum, weil sie ohne Worte gar nicht existieren würde, und zweitens ist sie unsauber formuliert: weil Worte an sich keine Sprache sein können, sondern immer nur Bestandteile, Strukturelemente einer Sprache sind. Aber das nur nebenbei.
Dass dem Versmaß und dem Reim nicht nur Verbformen, sondern auch Redewendungen und der übliche sprachliche Ausdruck geopfert werden, zeigt ein Beispiel aus dem 2009 veröffentlichten Song Ich bereue nichts von Silbermond. Im Text geht es offenbar um eine zerbrochene Beziehung, die das Song-Ich trotz aller Seelenpein als bereichernd empfindet: „Denn ich bereue nichts / Nicht einen Schritt, nicht einen Augenblick davon / Auch wenn es verloren ist / Auch wenn es für uns nicht reicht / Es war doch nichts umsonst / Nicht umsonst.“

In den Strophen knirscht es aber trotzdem schon mal im Versgebälk, wie das folgende Beispiel zeigt: „Wir haben auf Sand aufgebaut, das hat uns viel Kraft gebraucht…“ Ja, natürlich kann man auf Sand aufbauen, aber in meinen Augen nur in einem anderen Kontext als diesem: zum Beispiel dann, wenn man als Bauunternehmen mit dem Baustoff Sand handelt. Dann baut man sein Geschäft tatsächlich auf Sand auf. Bei Silbermond aber geht es darum, dass eine Liebesbeziehung keine stabile Grundlage hatte, dass es dieser Beziehung den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Und die übliche bildhafte Redewendung hierfür lautet „auf Sand gebaut“ – „auf Sand aufgebaut“ ergibt einfach keinen Sinn. Ganz offenbar hat sich der Sand hier auch im sprachlichen Getriebe breitgemacht. Ebenso würde man korrekt eher sagen: „Das hat uns viel Kraft gekostet“ oder: Wir haben viel Kraft gebraucht“ als: „Das hat uns viel Kraft gebraucht.“ Beim Hören des Songs fallen diese Schwächen erst mal gar nicht oder nur wenig auf, weil der Vers nicht nur einen Binnenreim erzeugt („aufgebaut“ / „gebraucht“), sondern sich auch rhythmisch angenehm in den Fluss der Musik einfügt. Die lyrische Sprache wirkt an die Komposition angepasst und dabei etwas unschön zurechtgebogen – ein Phänomen, das man auch aus dem einen oder anderen Opernlibretto kennt.

My mother learned me the life…

Von da ist es nicht mehr weit bis zur bloßen Unfähigkeit, sprachlich korrekt zu texten. Sie ist am offenkundigsten, wenn man sich in einer anderen als der Muttersprache versucht. Stellvertretend für viele Bands seien hier The Lords aus Berlin genannt, in den 1960er Jahren eine der erfolgreichsten deutschen Antworten auf die Beatles. Die Lords coverten viele britische Originalhits, versuchten sich aber immer wieder auch an Eigenkompositionen. Dabei gingen sie musikalisch gar nicht mal schlecht zu Werke, bewiesen ein feines Gefühl für beattypische Riffs, Akkordwechsel und Melodien. Aber was sie textlich ablieferten, war oft nur aus Versatzstücken zusammengestoppelt, und das nicht selten in fehlerhaftem Englisch. Ein einschlägiges Beispiel ist ihr Hit Poor Boy aus dem Jahr 1965. Die Phrase „She learned me to say“, die eine Mutter an ihren Sohn richtet, ist wunderbares Denglisch, übersetzt heißt sie: „Sie lernte mich zu sagen“, wo doch „Sie lehrte mich zu sagen“, englisch: „She taught me to say“, korrekt gewesen wäre. „The life is hard to go“ ist eine weitere herrlich verhunzte Phrase, zum einen weil hier „life“ fälschlicherweise mit dem Artikel „the“ versehen ist, zum anderen weil „life is hard to go“ kaum Sinn ergibt. Vielleicht ging es darum, dass der Weg des Lebens nicht leicht zu gehen ist, aber das hätte man auch so oder ähnlich ausdrücken können. „Armer Junge, das Leben ist hart“, scheinen uns die Lords im Großen und Ganzen vermitteln zu wollen, doch verstellen sie diese Aussage zusätzlich durch banalste Feststellungen wie: „Als ich geboren wurde, konnte ich weder sprechen noch gehen“ (in den englischsprachigen Lyrics „I couldn’t speak and go“, wo „talk or walk“ angebrachter gewesen wäre) und groteske Einschübe à la: „Mutter, Vater, Sohn, Schwester und Onkel haben Spaß.“

Die erste Strophe und der Refrain von Poor Boy lauten dann: When I was born, you know / I couldn’t speak and go / My mother worked each day / And she learned me to say / Mother and father and son, / Sister and uncle have fun / And she learned me to say / Life is so hard each day // Poor boy, you must know / Poor boy the life is hard to go / Poor boy, poor boy, you might say / Life is very hard to stay.“ Ja, das Leben ist hart zu bleiben – dieser sinnfreie Schlusssatz setzt dem textlich sowieso schon verhunzten Refrain noch die Krone auf. Angesichts solcher sprachlicher Klöpse wundert man sich nicht, wenn man bei Wikipedia liest, dass Klaus-Peter „Lord Leo“ Lietz den Song in gerade mal drei Stunden zusammengefrickelt haben soll.

Brüche in der Illusion

Apropos Lord: Kurios in diesem Zusammenhang ist eine andere berühmte deutsche Band von damals, die Hamburger Gruppe The Rattles, die in den 1960er Jahren eine Coverversion des Rockklassikers I Fought The Law von den Crickets veröffentlichte. In den Lyrics blickt ein Sträfling reuevoll auf seine Vergehen und sein Mädchen zurück, das er wohl niemals wiedersehen wird. Die Rattles übernehmen den Originaltext der Strophen, doch aus der Refrainzeile „I fought the law and the law won“ („Ich habe gegen das Gesetz gekämpft, und das Gesetz hat gewonnen“) machen sie „I fought the Lord“ („Ich habe gegen den Herrn gekämpft“) und im Anschluss etwas undefinierbar Grummeliges wie „… and now on“, oder so ähnlich. Tatsächlich heißt der Song bei den Rattles dann Fought The Lord. Ob es sich hier um einen hintersinnigen Scherz handelt, ob es gar einen christlichen Hintergrund gibt oder ob die Rattles lediglich Probleme beim Raushören des Textes hatten, weil ihnen weder eine Schallplatte des Originals mit Titelaufdruck noch irgendwelche Songverzeichnisse vorlagen, kann ich nicht sagen. Ich würde Letzteres aber keinesfalls ausschließen.
Was lässt sich nun aus diesen Betrachtungen über sprachliche Irritationen, Unsauberkeiten und Ungereimtheiten in Songtexten mitnehmen? Ob echte Patzer oder bewusstes Stilmittel – für mich verfestigen sie die Erkenntnis, dass Lyrics nicht etwa unmittelbarer Ausdruck der Gefühle einer Autorin oder eines Autors, sondern etwas Künstliches, Konstruiertes sind. Wie im Kino, wenn der Ton zu leise, das Bild unscharf ist oder der Filmstreifen reißt, wird auch in Lyrics durch grobe sprachliche Unregelmäßigkeiten die Illusion gestört. Man wird aus der Gedanken- und Gefühlswelt, in die man gerade eingetaucht war, mehr oder minder unsanft herausgerissen. Und das sagt gleichzeitig etwas über das Verhältnis zwischen dem Song-Ich und dem biografischen Ich der Autorin oder des Autors aus. Selbstverständlich kann es eine große Nähe zwischen beiden Polen geben, aber die künstlerische Überformung mit all ihren Verfremdungseffekten und Fallstricken sorgt auch für eine grundsätzliche Distanz.

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erstellt am 20.11.2013

Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur. Unkonventionell. Leidenschaftlich. Subjektiv.

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