Kann man die Wahrheit sprachlich fassen? Um diese Frage dreht sich Oliver Reeses Inszenierung von Thomas Bernhards Autobiographie am Schauspiel Frankfurt. Martin Lüdke über einen mächtig beeindruckenden Theater-Abend bei der Frankfurter Uraufführung.

theaterkritik

Die Wahrheit, immer in der »entgegengesetzten Richtung«

Oliver Reeses grandioses Kunststück, den Übertreibungskünstler Thomas Bernhard zu überbieten, und zwar allein mit – Thomas Bernhard

Von Martin Lüdke

Literatur beginne, sagte einmal Octavio Paz, wenn einer sich fragt, wer spricht in mir, wenn ich spreche. Diese Frage zieht sich, breiter als der Nil durch Ägypten, durch das gesamte Werk von Thomas Bernhard, von den frühen pathosbeschwerten Gedichten über die radikal-rigorosen frühen Romane bis hin zu der großen „Auslöschung“, seinem letzten, umfangreichsten und vielleicht auch besten Roman. Und, naturgemäß, wie er es nennen würde, auch durch seine sogenannte Autobiographie.

Fünf Bände, „Die Ursache. Eine Andeutung“ (1975), „Der Keller. Eine Entziehung“ (1976), „Der Atem. Eine Entscheidung“, (1978), „Die Kälte. Eine Isolation“ (1981), und zum Abschluss, in Umkehrung der Chronologie, „Ein Kind“ (1982). Von der „Ursache“ abgesehen, behandelt jedes der Bücher im Grunde jeweils nur eine in sich (weitgehend) abgeschlossene Episode aus dem Leben Thomas Bernhards. Allerdings ist in diesen Episoden nicht mehr unbedingt viel von dem übrig geblieben, was unsereins so Leben nennt. Katastrophen, Krisen, Demütigungen und Pannen, das Leben als Folge von Krisen, die Lebensgeschichte als einen einzigen großen Krisenzusammenhang. Bernhard blickt zurück. Er schreibt aus der Distanz einer Reflexion, die ihren Gegenstand erst selbst erzeugt, indem sie die vermeintliche Evidenz des Erlebten bricht und damit das Geschehen in seiner Erfahrung aufhebt. Bernhards Autobiographie, besser gesagt: die Bruchstücke seiner Lebensgeschichte, zielen von vornherein auf ein Kunst-Stück (Dichtung UND Wahrheit), damit nicht auf die künstlich-kunstvolle Überhöhung des Lebens, sondern auf seine, ihm zugrundeliegende Wahrheit, die sich in den jeweiligen Episoden kristallisiert.

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Erst vor wenigen Tagen war der letzte Versuch, ein Epos zu dramatisieren, am Frankfurter Schauspielhaus sozusagen redlich gescheitert. Stefan Kimmig hatte seine eigene Bearbeitung von Dostojewskis „Idiot“ auf die Bühne gebracht. Die Verkürzung der Vorlage wurde sichtbar, der Grund der Inszenierung nicht. Dieses Problem stellt sich bei vielen, wenn nicht den meisten der gegenwärtig üppig ins Kraut schießenden Versuche, erfolgreiche Romane und Erzählungen in dünnflüssiger Dramatisierung aufzulösen. Anders, hier und jetzt, bei Oliver Reeses Versuch, die Bernhardsche Autobiographie auf die Bühne zu bringen. Die Struktur von Bernhards Texten lässt ihre weitere Verkürzung, das heißt Verdichtung zu, und das meint eben auch eine Radikalisierung. Vielleicht ließe sich sogar behaupten: Bernhards Autobiographie, die natürlich keine ist, verlangt die Forcierung ihrer Wahrheit. Es ist tatsächlich der Wille zur Wahrheit, der Bernhard antreibt, und den Reese, dank der episodischen Grundstruktur dieser Texte, aufnehmen kann, ohne die Bernhardschen Absichten zu verwässern. Bernhard denkt stets in Gegensätzen, auch wenn sie oft nur rhetorischer Natur sind. Er denkt nicht im Sinne der traditionellen Dialektik. Wenn schon, dann eher in der Richtung von Adornos, erst wenige Jahre zuvor entwickelten, „Negativen Dialektik“. Die Welt erscheint Bernhard, ebenso wie Adorno, als universeller Verblendungszusammenhang, die Geschichte als eine Folge von Katastrophen, und seine eigene Lebensgeschichte damit als eine einzige Katastrophe.

Bernhard hat sich selbst einmal als „alpenländischer Beckett“ verspottet. Das sollte wohl auch darauf hindeuten, dass er Becketts verspielten Witz und dessen grundlosen Humor zu schätzen wusste. Auch Bernhard hat, wie Beckett, am Schrecken immer die komischen Momente und in der Komik immer auch den Schrecken entdecken und goutieren können. Das Frankfurter Publikum wagte, anfangs noch unsicher, angesichts der Schrecknisse, kaum zu lachen. Doch spätestens bei der Beerdigung von Bernhards Mutter, als Bernhard selber gestand, dass er seinen Lachzwang nicht länger unterdrücken konnte, war dieser Bann gebrochen.

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Das Motto der „Ursache“ ist eine Notiz aus den Salzburger Nachrichten vom 6. Mai 1975 über die Selbstmordrate im österreichischen Bundesland Salzburg. Die Botschaft des Buches wird schon nach wenigen Seiten klar. Es gibt in Salzburg eigentlich keine Alternative zum Selbstmord. Die Stadt ist eine „Todeskrankheit“. Das Leben ist die Hölle. Das Leben in dem erst nationalsozialistischen, dann wieder katholischen Internat, in dem der junge Thomas Bernhard drei Jahre verbringen musste, in dieser, wie er sagt, „katastrophalen Verstümmelungsmaschinerie“, die stets die gleichen „Erziehungsverbrechen“, wenn auch unter geänderten Kennzeichen, nämlich erst im Namen des Führers, dann wieder im Namen des lieben Herrn Jesus vollzog, dieses Leben, in dem sich die Grausamkeit zum System entfaltete, wurde von Bernhard als Vorschule des Lebens überhaupt begriffen, als Ausblick auf die ihn erwartende „vollkommene Aussichts- und Hoffnungslosigkeit“, eben die Hölle. Doch anders als in den folgenden Bänden ist „Die Ursache“ noch nicht enggeführt auf eine zentrale Episode. Eher wird, oft eben nur angedeutet, der ganze Fächer der Schrecknisse entfaltet. Zudem setzten sich die Grausamkeiten des Internats draußen, in der bombardierten Stadt, fort. „Auf dem Weg in die Gstättengasse war ich auf dem Gehsteig vor der Bürgerspitalskirche auf einen weichen Gegenstand getreten, und ich glaubte, es handle sich, wie ich auf den Gegenstand schaute, um eine Puppenhand, auch meine Mitschüler hatten geglaubt, es handle sich um eine Puppenhand, aber es war eine von einem Kind abgerissene Kinderhand gewesen.“ Tod, Elend, Leiden konzentriert sich noch nicht allein auf den Jungen. Das macht die große Schwierigkeit des ersten Teil von Reeses Bühnenfassung aus. Wenn Bettina Hoppe, im dunklen, leicht glitzernden Anzug, mit offenem weißen Hemd, halb dandy-, halb geckenhaft gekleidet, sich langsam aus der Kulisse tastet, mit klarer Stimme, dem Rhythmus der Bernhardschen Satzkaskaden und damit den Übertreibungen Bernhards Stufe um Stufe folgend, die Jugend des Jungen vor uns ausbreitet, dann muss sie erst einmal das Terrain ebnen, auf dem dann die folgenden Episoden entfaltet werden können. Allein, nichts in der Hand, nur ihren Text im Kopf, steht sie vor dem Publikum. Jedes Wort, das sie spricht, hat Bernhard geschrieben. Sie spricht seine weit ausschwingenden, in einem großen Bogen auf den Ausgangspunkt zurückkehrenden Sätze so, dass der Zuhörer in diesen Strudel des Entsetzens hineingerissen wird. Sie macht, was nicht leicht ist, Pausen, an den richtigen Stellen. Sie bietet keine Verkörperung des Textes, eher seine Beseelung. Die „Andeutung“, wie „Die Ursache“ im Untertitel heißt, gelingt. Die freundlichen Fratzen, die Bettina Hoppe dabei dem Publikum schneidet, sind ein Nebeneffekt der Bernharschen Wut auf die Welt. (Bernhards Boshaftigkeit, die sich allein schon darin ausgedrückt hat, dass er diese Autobiographie nicht bei seinem Verlag, Suhrkamp, sondern im Salzburger Residenz-Verlag veröffentlicht hat, wird in ihnen als Reflex erkennbar. In Bernhards Briefwechsel mit seinem Verleger Unseld nachzulesen.)

Die fünf Bücher sind auf fünf verschiedene Darsteller, drei Männer, zwei Frauen aufgeteilt. Alle Fünf, virtuos, nur mit ihrem Text ausgestattet, füllen die leere Bühne. Der sichtbar Älteste von ihnen, Peter Schröder, hat, so überzeugend wie berührend vorgeführt, den Part des Jüngsten übernommen:, „Das Kind“. Das heißt: er steht für die missglückte Fahrradtour des achtjährigen Jungen, der sich mit dem Rad seines „Vormunds“ auf den langen Weg nach Salzburg gemacht hatte, aber auf halber Strecke, gestürzt, mit gerissener Kette, schließlich im strömenden Regen, das kaputte Rad schiebend, und in sicherer Erwartung der furchtbaren Folgen dieses Abenteuers, den langen und mühsamen Rückweg antreten musste. Schröder, der sich, wie seine vier Vorgänger, durch die schmale Öffnung der beiden spitz aufeinander zulaufenden Stellwände, die aus der großen Bühne des Schauspielhauses eine kleine Spielfläche machen, herausgezwängt hat, strahlt über das ganze Gesicht. Er strahlt vor Glück, ganzkörperhaft. Er, das Kind, kann Fahrrad fahren. Selbst beigebracht. Und jetzt fährt er, fährt durch die Straßen, um die Plätze herum, fährt und fährt – bis nach Salzburg, zu seiner Tante, will er fahren. Die Fahrt endet, siehe oben, wie alles im Leben des Thomas Bernhard, in der Katastrophe. Von der „Ursache“ an verengt sich der Lebensraum des Jungen. Ein uneheliches Kind, die Schande seiner Mutter. Nur beim Großvater, dem Schriftsteller Freumbichler (einem Freund Zuckmayers) findet er gelegentlich Halt.

„Der Keller“ führt ihn vom Gymnasium in die „entgegengesetzte Richtung“, den Lebensmittelladen in der Scherzhauserfeldsiedlung. Viktor Tremmel, in kurzen Hosen, zeigt überzeugend, dass die Lehrjahre bei einer Krämerseele nur andere Formen der Bosheit offenbaren. Josefin Platt, als Harlekin verkleidet, führt am „Atem“ jene Kernszene vor, in der, weil die Leine gerissen war, im Badezimmer, in das die Patienten zum Sterben abgestellt werden, die nasse Wäsche auf den Jungen fällt und er sich entschließt: Jetzt will ich leben. Das Unglück, das den Jungen trifft, erscheint nur noch als Groteske. Und Vincent Glander demonstriert schließlich die Folgen. Krankenhaus, Lungenheilanstalt. Fünf Schauspieler, im Grunde immer allein auf der Bühne. Nur mit ihrem Text. Das Risiko war nicht gering. Reese hat aber nicht nur, zu Recht, seinen Schauspielern vertraut. Er vertraute auch ihrem, von ihm aus der Vorlage konsequent verdichteten, Text. Der Wille zur Wahrheit, so der Titel, hat sich gegen alle äußerlichen Widrigkeiten imponierend durchgesetzt. Die Frage von Octavio Paz, wer spricht in mir, wenn ich spreche, wird hier überzeugend beantwortet. Das Unglück eines Menschen, der nicht nur vom Schicksal geschlagen wurde.

Thomas Bernhards literarische Selbstinszenierung entfernt sich in dem Maße von der eigenen Biographie, in dem er sich auf Erlebtes und Erlittenes stützt. Es wird, im Wechsel der Akteure, der identische Kern sichtbar: die Wahrheit, die sich nicht im Gegensatz von Fakten und Fiktion fixieren lässt (das im Programmheft abgedruckte Gespräch von Bernhards Halbbruder macht das an der „entgegengesetzten Richtung“ schön sichtbar), sondern selber den Prozess beschreibt, in dem sich Fakten und Fiktionen in der Erfahrung aufheben. Bernhard zweifelte daran, dass die Sprache tauglich sei, die Wahrheit zu sagen. Deshalb musste einer kommen, der es ihm zeigt, dass es geht und wie es geht. Durch fortschreitende Radikalisierung seiner Vorlage. Die Folge: Bravo-Rufe, prasselnder, langanhaltender Beifall für einen mächtig beeindruckenden Theater-Abend.

Kommentare


Marion Hinz - ( 21-11-2013 05:26:11 )
Vielen Dank für die wunderbare Besprechung! Sieht so aus, als ob es sich lohnt von Norddeutschland aufzubrechen zum Schauspiel Frankfurt, zu Thomas Bernhard!

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erstellt am 19.11.2013

Szenenfoto “Wille zur Wahrheit” am Schauspiel Frankfurt. © Birgit Hupfeld

Thomas Bernhard
Wille zur Wahrheit. Bestandsaufnahme von mir

Regie Oliver Reese
Bühne Hansjörg Hartung
Kostüme Elina Schnizler
Dramaturgie Michael Billenkamp
Besetzung Bettina Hoppe, Viktor Tremmel, Josefin Platt, Vincent Glander, Peter Schröder

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto “Wille zur Wahrheit” am Schauspiel Frankfurt. © Birgit Hupfeld

Szenenfoto “Wille zur Wahrheit” am Schauspiel Frankfurt. © Birgit Hupfeld

Szenenfoto “Wille zur Wahrheit” am Schauspiel Frankfurt. © Birgit Hupfeld

Szenenfoto “Wille zur Wahrheit” am Schauspiel Frankfurt. © Birgit Hupfeld