meinungsfreiheit

Laudatio von Irina Khalip

Verleihung des Hermann Kesten-Preises 2013 an Index on Censorship am 14.11.2013

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

„Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung.” Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Artikel 19.

Dies ist ein Grundwert jeder zivilisierten Gesellschaft. Die Redefreiheit hat denselben Stellenwert wie das Atmen: ohne sie geht es nicht. Beim Atmen denkt man nicht darüber nach, wie kostbar diese Fähigkeit ist. Erst wenn man kurz vor dem Ersticken nach Luft schnappt, begreift man, dass ohne das Atmen kein Leben möglich ist. Das Gleiche gilt für die Redefreiheit: Wer diese Freiheit nicht hat, kann nicht frei atmen. Zensur und Selbstzensur sind wie eine Gasmaske: man kann damit atmen und funktionieren, aber nicht leben. Der Index on Censorship kämpft darum, uns, die wir in totalitären Staaten leben, das Atmen zu ermöglichen.

Der „Index on Censorship”:http://www.indexoncensorship.org/ ist eine internationale Organisation, die die Redefreiheit fördert und verteidigt. Er wurde 1972 auf Anregung des Dichters Stephen Spender gegründet, um die ungehörten Geschichten von Dissidenten hinter dem Eisernen Vorhang zu veröffentlichen.

Auch ich lebte hinter dem Eisernen Vorhang und ich erinnere mich, wie wir alle versuchten, die Stimmen von der anderen Seite zu erlauschen. „Stimmen” im wörtlichen Sinne, im Radio, kaum hörbar dank spezieller Störsender, bei deren Einsatz die Sowjetunion keine Kosten scheute. Während wir also diesen Stimmen zuhörten, ahnten wir nicht, dass der Index on Censorship zur selben Zeit alles dafür tat, jenen Stimmen, die von totalitären Regimes unterdrückt werden sollten, in der westlichen Welt Gehör zu verschaffen. Und dank dem Index on Censorship glückte dies in vielen Fällen.

Zu jener Zeit publizierte der Index on Censorship im Westen selbstverlegte Werke. Ein seltenes Beispiel dafür war ein anonymer 27-seitiger Brief aus der Zeit von November 1976 bis April 1977 mit dem Titel „Brief an einen russischen Freund”, in dem beschrieben wird, was der Autor als „spirituelle Kastration” des weißrussischen Volkes bezeichnet, die unter dem Sowjetregime zum Verlust seiner nationalen und kulturellen Identität führt.

„Was geschieht in der Praxis?”, lautet die rhetorische Frage des Autors.

Nach 400 Jahren der Verfolgung darf unsere Muttersprache endlich neben dem Russischen existieren, jedoch unter Voraussetzungen, die an die Lebensbedingungen einer abhängigen Person (wohlgemerkt im eigenen Haus!) erinnern; sie wurde aus allen Bildungsbereichen getilgt: aus der Vorschule (in den Städten), teilweise aus den Schulen sowie aus der Berufsbildung, insbesondere aus der Sekundar- und der höheren Schulbildung. Im Partei- und Regierungsapparat, der das öffentliche Leben der Republik beherrscht, konnte sie nicht Fuß fassen.

Leider sind die Probleme im heutigen Weißrussland genau dieselben. Deshalb bin ich froh, dass das Magazin auch 40 Jahre später davon erzählt, wie dem weißrussischen Volk der Mund verboten wird.

Im viermal jährlich erscheinenden, preisgekrönten Magazin werden nach wie vor herausragende Artikel und publizistische Werke aus allen Teilen der Welt veröffentlicht. Doch heute verteidigt der Index on Censorship die Redefreiheit auch auf seiner Website, mit Presseberichten und Kommentaren aus der Feder international rennomierter Schriftsteller und eigener Korrespondenten in Brasilien, China, Indien, Mexiko, Russland, Südafrika, Tunesien und der Türkei. Mit seinen Kampagnen übt er Druck auf Regierungen aus, inhaftierte Journalisten, Schriftsteller und Aktivisten freizulassen und Gesetze zu ändern, die die Redefreiheit gefährden. Mit seinen Veranstaltungen macht er auf Verstöße gegen die Redefreiheit aufmerksam und regt Debatten an.

Jedes Jahr ehrt der Index on Censorship im Rahmen einer Preisverleihung Vorbilder der Redefreiheit aus aller Welt – zu den früheren Preisträgern gehören das Schulmädchen Malala Yousafzai, die Journalistin Anna Politkovskaya, die politischen Inhaftierten eißrusslands und der chinesische Dissident Chen Guangcheng.

Ich erinnere mich, dass vor vier Jahren die weißrussische Journalistin Natalia Radzina und ihre Website charter97.org für den vom Index on Censorship ausgelobten Preis für Redefreiheit nominiert wurden. Bei der Preisverleihung fand John Kampfner, der ehemalige Generaldirektor des Index on Censorship, sehr eindrucksvolle und treffende Worte:

„Die Zensur konfrontiert uns mit immer vielfältigeren Herausforderungen. So traurig es ist – in verschiedenen Ländern haben die herkömmlichen Offensiven ein enormes Ausmaß erreicht: Schikanierung, Inhaftierung, Tötung von Schriftstellern und Aktivisten, weil diese versuchen, ihrem Recht auf Redefreiheit nachzugehen. Zensur und Selbstzensur haben viele Gewänder: Das Spektrum reicht von Internetangriffen auf Websites bis hin zum Verbot von Protestveranstaltungen. Mit unserem Preis ehren wir Menschen, die gegen Zensur kämpfen. Diese Menschen haben weitaus mehr Talent als diejenigen, die sie zum Schweigen bringen wollen.”

Diese Worte stammen aus dem Jahr 2010. Anfang September reiste Mike Harris vom Index on Censorship nach Minsk, um sich Aufführungen des Freien Theaters Weißrusslands anzusehen; tatsächlich wohnte er dann der Beerdigung des Journalisten und Gründers der Website „Charter97” Oleg Bebenin bei. Mike traf sich mit meinem Mann Andrei in dessen Büro und nahm Zeugenaussagen von Opfern des weißrussischen Regimes zu Protokoll, die anschließend vom Index on Censorship auf dessen Website und in den Medien der Weltöffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Im Dezember desselben Jahres wurde die für den Preis für Redefreiheit nominierte Natalia Radzina verhaftet und die Büroräume von Charter97 wurden zerstört.

Auch ich wurde verhaftet, ebenso wie mein Mann Andrei Sannikov, der bei den so genannten Präsidentschaftswahlen gegen die Diktatur aufbegehrte.

Während unserer Haft wussten Natalia und ich nicht, dass uns und allen politischen Inhaftierten Weißrusslands im Jahr 2011 ein besonderer Preis für Redefreiheit verliehen worden war. Der Index on Censorship tat alles dafür, dass wir im Gefängnis nicht vergessen und so schnell wie möglich entlassen wurden. So überzeugte er beispielsweise gemeinsam mit “Free Belarus Now” und dem Freien Theater Weißrusslands verschiedene europäische Banken, den Handel mit weißrussischen Staatsanleihen auszusetzen, um Handelsbeziehungen Europas mit dem Diktator die Grundlage zu entziehen. Das führte beim Regime zu der Einsicht, dass es dem internationalen Druck nicht ewig würde standhalten können.

Der Index on Censorship engagiert sich weiterhin für die Freilassung aller politischen Gefangenen, die im autoritären Regime unter Lukashenko noch immer hinter Gittern sind, darunter der berühmte Menschenrechtskämpfer Ales Bialiatski, der im vergangenen Jahr für den Preis für Redefreiheit nominiert wurde.

Es ist nur folgerichtig: Wer talentierter ist als seine Zensoren, landet irgendwann im Gefängnis oder muss im Exil leben, wenn er nicht umgebracht wird wie Anna Politkovskaya. Der Index on Censorship kämpft dafür, dass wir nicht aus unseren Ländern verbannt werden, nicht ins Gefängnis geworfen und umgebracht werden. Dafür sind wir zutiefst dankbar. Wir kennen den Wert der Redefreiheit und wissen, dass der Index on Censorship nichts unversucht lässt, um diese Freiheit weltweit als Norm zu etablieren. Der Kampf gegen Diktaturen ist schwierig; manchmal erscheint die Lage aussichtslos. Dann ist man versucht, sich auf die schnellen Lösungen zu verlegen. Doch der Index on Censorship gibt nicht so einfach auf. Diesen Menschen ist die Lage in den Ländern, die durch eine Diktatur von der zivilisierten Welt getrennt und manchmal in Europa unbekannt sind, nicht gleichgültig. Dank dem Index on Censorship haben viele Menschen im Westen die Wahrheit über Weißrussland, Aserbaidschan, Bahrein, Myanmar und andere Länder erfahren.

Der Index on Censorship unterstützt auch Künstler wie etwa den myanmarischen Dichter Zarganar, der mehrmals von der Militärjunta seines Landes inhaftiert wurde und für dessen Feilassung im Jahr 2011 der Index on Censorship mitverantwortlich war.

In der jüngeren Vergangenheit hat der Index on Censorship eine von rund 7.000 Menschen unterschriebene Petition eingereicht, die von über 40 Organisationen für die Stärkung der Redefreiheit unterstützt wurde und in der die europäischen Staats- und Regierungschefs aufgefordert wurden, die Massenüberwachung durch die Regierungen der USA, Großbritanniens und anderer Regierungen zu beenden.

Die Redefreiheit ist von existentieller Bedeutung für die Menschheit und ist die Grundlage einer freien Gesellschaft. Ohne Redefreiheit können Gedanken und Ideen nicht hinterfragt werden. Erst die Redefreiheit schafft Raum für den Gedankenaustausch in Kunst, Literatur, Religion, Geistes- und Naturwissenschaften und Politik und ist der Ausgangspunkt für weitere Rechte wie die Gewissens- und Versammlungsfreiheit. Ohne sie kann der Einzelne keine fundierten Entscheidungen treffen und in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Die ursprünglichen Gründungsprinzipien des Index on Censorship lauten:

“Zensur wird weltweit als Regierungsinstrument eingesetzt … Redefreiheit ist kein Selbstläufer, sondern muss von denen, die sie schätzen, ständig überwacht werden.”

- Magazin des Index on Censorship, 1972

Ich weiß nicht, ob es eher ein Glück oder ein Unglück ist, in einem unfreien Land frei zu bleiben und durch Äußern seiner Meinung zu riskieren, umgebracht, inhaftiert oder exiliert zu werden. Doch ich weiß sicher, dass unsere Stimmen trotz des Eisernen Vorhangs des 21. Jahrhunderts, der die Zivilisation von Diktaturen trennt, gehört werden. Dies verdanken wird dem Index on Censorship, der die Stimme jedes Einzelnen und des ganzen Landes zugleich repräsentiert. Manchmal habe ich den Eindruck, der Index on Censorship erhielte seine Informationen über besondere, unsichtbare Radargeräte, die den Gesetzen der Physik zuwiderlaufen, weil jeder Fall einer Verletzung der Redefreiheit dem Index on Censorship bekannt wird und neue gemeinnützige Arbeit nach sich zieht. Ich weiß, dass niemand vergessen wird, selbst wenn wir völlig isoliert werden sollten. Der Index on Censorship wird das nicht zulassen und die Welt daran erinnern. Und er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit wir gehört werden.

Die Welt wird immer schnelllebiger, und da sich in totalitäten Staaten nichts ändert, geben jahrhundertealte Diktaturen keinen Stoff mehr für Nachrichten her. Die einzige Ausnahme bilden hier die Namen politischer Gefangener. Es ist zu großen Teilen dem Index on Censorship zu verdanken, dass die Welt weiter über den Status der Redefreiheit in unseren Ländern informiert bleibt. Dem Index on Censorship ist es zu verdanken, dass Versuche der Einführung von Zensurmaßnahmen in demokratischen Ländern ins Leere laufen. Da möchte keine Regierung allzu detailliert beschrieben werden. Dank dem Index on Censorship fühlen sich Schriftsteller, Journalisten und Wissenschaftler, Politiker und Blogger geschützt, wenn auch nicht im absoluten Sinne. Der Index on Censorship unternimmt alles ihm Mögliche und geht noch weiter, um die Redefreiheit zu schützen.

Ich würde mir wirklich wünschen, dass der Index on Censorship eines Tages die Arbeit niederlegt – und zwar, weil es auf der Welt keine Zensur mehr gibt. Natürlich ist mir klar, dass das nicht passieren wird. Solange die Welt sich dreht, wird es Zensurmaßnahmen geben. Solange die Welt existiert, wird es Versuche geben, die Redefreiheit zu beschneiden. Ich wünsche mir aber, dass der Index on Censorship in Zukunft weniger Arbeit hat. Das würde bedeuten, dass es mehr Freiheit gibt auf der Welt. So aber arbeitet der Index on Censorship rund um die Uhr, und zwar in Dauerschicht.

Ich möchte dem PEN-Zentrum Deutschland dafür danken, dass es den Index on Censorship nominiert hat; dem Index on Censorship möchte ich für alles danken, was er für uns tut.

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erstellt am 19.11.2013