das halbe wort

Lydia Daher

Ich bin neidisch auf sie. Das darf ich, glaube ich, offen zugeben. Neidisch. Nicht missgünstig. Ich gönne ihr jeden Erfolg, jeden! Aber dass sie eine so wunderbare Stimme hat, das lässt mich neidisch werden. Wenn ich singen könnte, würde ich vielleicht sogar dichten. Um solch anspruchsvolle und dichte Texte zu singen. „In meinem Kopf ist eine Großstadt / In meinem Kopf ist eine Autobahn / In meinem Kopf können alle meine Freunde / Mit mir Karussell fahr'n / In meinem Kopf dreht sich alles / Nur um alles in der Welt / In meinem Kopf ist soviel Krach und Kram / Der legt das ganze System langsam lahm / Ich weiß nicht mehr was ich machen soll / Mein Kopf ist viel zu voll / Und dann das ganze Bonusmaterial“ (Aus: „Gott wohnt hinter meinem linken Ohr“). Eine Dichterin und Sängerin, die etwas zu sagen hat, und die jede_r in Deutschland kennen sollte – bitteschön!

texte

Von Lydia Daher

november

der regen fällt
dieser tage wie ein überflüssiges
statement
wahrscheinlich
um dem grau einen
grund zu geben
sich darin noch ein mal
zu spiegeln
da schleiche ich also
um novemberpfützen
zusammen mit dem licht
eines gebrochenen
mondes und finde
rein gar nichts daran
von mir aus
nennt mich artemis arthritis
ein stich in die ferse
und zwei drei ins herz
verhindern mich
derzeit

nur noch
58 tage bis jahresende
und alles will sich
durch verklärungen
nenn ihn windmond
wintermonat
schlachtmond
nebelungen
es ist und bleibt november
an dessen ende sich
skorpione in schützen
verwandeln

ohne worte

so spazierend
die sterne
im nacken tragend
wie geliehenen schmuck
mit sanftem wind
als rückantrieb
als gäbe es was abzustauben
vorne in der ferne
manchmal ist es schön
sich etwas einzubilden
dass wahrheit
keine worte braucht
zum beispiel
oder dass wir uns durch
nichts auszeichnen
als durch uns vereint
in diesem schattenriss
so spazierend
die sterne
im nacken tragend
wie geliehenen schmuck

was ich malen würde

dahinter:
bäume
die über bäume stürzen
häuser
die über häuser stürzen
menschen
die über menschen stürzen

davor:

zwei graue tauben
zwischen
zwei gelben autos

mehr nicht

siehe auch

Das halbe Wort

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erstellt am 17.11.2013

Lydia Daher
Lydia Daher

Lydia Daher, geboren 1980 in Berlin, lebt in Augsburg. Studium der Psychologie, Soziologie, Medienpädagogik. Freie Lyrikerin und Musikerin. Seit 2003 Auftritte im In- und Ausland auf Poesiefestivals, in Theaterhäusern, Kneipen, Clubs und Literaturhäusern. Auf Einladung des Goethe Instituts u.a. in Prag, Warschau, Moskau und Algier. Veröffentlichungen in Anthologien, Zeitschriften und Schulbüchern, u.a. Reclam Verlag, Cornelsen, dtv, Bella triste, Das Gedicht. Ausgezeichnet mit Preisen und Stipendien, zuletzt Bayerischer Kunstförderpreis in der Sparte Literatur. Seit 2005 Leitung von Schreibwerkstätten, u.a. für Deutschlandfunk, Schauburg Theater, Münchner Kammerspiele, H2 – Museum für Gegenwartskunst, Lyrikkabinett München. Kuratorin für Veranstaltungsformate an der Schnittstelle von sog. Hoch- und Populärkultur, z.B. »Brecht Festival Augsburg« und »Die kleine Volksrevue« im Münchner Volkstheater, zuletzt erschienen der Lyrikband »Insgesamt so, diese Welt« und das Musikalbum »Flüchtige Bürger«.

Lydia Daher
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