Immer noch gilt John. F. Kennedy als eine der glamourösen Gestalten des 20. Jahrhunderts. Die Geschichte seiner kurzen politischen Karriere und seiner romantischen Abenteuer ist in unzähligen Dokumentationen und Fiktionen beschrieben und bearbeitet worden. Aber auch fünfzig Jahre nach seiner Ermordung bleibt John F. Kennedy schwer zu fassen.

50. Jahrestag der Ermordung von John F. Kennedy

Eine der besten amerikanischen Geschichten

Von Stefana Sabin

Zu Beginn der weltumspannenden medialen Berichterstattung hat er Maßstäbe gesetzt: John F. Kennedy war die erste internationale Polit-Berühmtheit. Entsprechend haben die Medien aus seiner tragischen Lebensgeschichte jeden nur erdenklichen Klatsch herausdestilliert. 50 Jahre nach Kennedys Ermordung bleiben Historiker und die öffentliche Meinung uneinig über die Hintergründe der Tat, die die USA am 22. November 1963 erschütterte.

Die Bilder, die damals schon um die Welt gingen, stammten aus einem Amateurfilm von 26 Sekunden Länge, den ein Geschäftsmann mit einer Handkamera gedreht hatte: Abraham Zapruders Film, den Richard Stolley am Tag nach der Ermordung für LIFE für 50.000 Dollar kaufte, war der einzige Augenzeugenbericht – und eine wichtige Grundlage für die offizielle Untersuchung und für die vielen sich daran anschließenden Spekulationen.

Fünfzig Jahre nach seiner Ermordung bleibt John F. Kennedy schwer zu fassen. Ob er ein großer Macht-Politiker oder eher ein Politstar war; ob er tatsächlich in der Kubakrise den Weltfrieden bewahrt oder ihn vielmehr in Vietnam dramatisch gefährdet hat; ob er fällige Zivilrechte durchgesetzt oder eher ihre Implementierung verschleppt hat – und vor allem: inwieweit sein inzwischen durchleuchtetes Privatleben die Einschätzung seiner kurzen Präsidentschaft beeinträchtigen darf, sind Fragen, die immer noch ergiebigen Gesprächsstoff liefern und sich nicht wirklich klären lassen. Tatsächlich ist die Kennedy-Geschichte – sein Leben und sein Tod – „one of the great American stories“, wie der renommierte Historiker Robert Caro sagt. Im vierten Band seiner Mammutbiographie über Lyndon B. Johnson, beschreibt Caro die Kennedy-Präsidentschaft, die Ermordung und den Machtwechsel („The Passage of Power“ – Der Machtwechsel). Mit vielen Preisen ausgezeichnet hatte Caros Buch, 2012 erschienen, den Medienrummel um den 50. Jahrestag der Kennedy-Ermordung eingeläutet.

Im Allgemeinen schrecken Profihistoriker vor der medial induzierten Neugier und dem Druck, sie mit ständig neuem Klatsch zu befriedigen, eher zurück und tendieren dazu, Kennedy mehr als eine Berühmtheit zu sehen als eine historisch relevante Gestalt. Dennoch kommen stets neue Studien heraus. Es sind, stellte gerade die Herausgeberin der New York Times, Jill Abramson, fest, schon etwa 40.000 Bücher über Kennedy erschienen, und in diesem Herbst rollt eine neue Bücherwelle auf die Buchhandlungen zu.

Zwar ist historischer Konsens, dass Lee Harvey Oswald allein gehandelt hat, als er Kennedy erschoss, aber die Spekulationen und die Verschwörungstheorien florieren ungebrochen. Einer neuen Umfrage zufolge sind sich die Amerikaner immer noch uneinig darüber, wer der Mörder war. 59 % glaubt an eine Verschwörung, während 24 % der Schlussfolgerung des offiziellen Berichts, der Warren-Kommission, folgt, dass Lee Harvey Oswald der Mörder des Präsidenten ist und dass er alleine agiert hat. Weitere 16 % sind sich nicht sicher. (1 % gibt die Schuld Bill Clinton oder George W. Bush, je nach politischer Orientierung!)

Vielleicht weil Kennedy als Berühmtheit gilt, wird seine Geschichte vermehrt von Berühmtheiten aus Politik, Medien oder Unterhaltung nacherzählt – die „celebrity books“, die in diesem Jahr erschienen sind, geben die geteilte Meinung der Öffentlichkeit zur Täterfrage wider: In “Killing Kennedy” rekapituliert der konservative Fernsehmoderator Bill O’Reilly (mit Hilfe von Martin Dugard) die Ergebnisse der Warren-Kommission und vertritt deren These über den alleinigen Schützen. In „They Killed Our President“ vertritt der frühere Wrestler und Gouverneur Jesse Ventura (mit Schreibhilfe von Dick Russell und David Wayne) die Verschwörungsthese, nach der „verärgerte CIA-Agenten, Anti-Castro-Fanatiker und die Mafia“ die Ermordung geplant und mit Hilfe des US-Militärs durchgeführt haben. O’Reillys Buch steht seit Monaten auf der Sachbuch-Bestsellerliste der New York Times – inzwischen auf Platz 24. Venturas Buch landete Mitte Oktober auf Platz 14, ist allerdings inzwischen weit nach unten gerutscht.

Dennoch ist der Erfolg dieser beider Bücher geringer als der des ursprünglichen Berichts, des Warren-Berichts. Anfang November 1964 landete „The Warren Report“ auf Platz 7 der New York Times Bestsellerliste und wurde zum drittgrößten Verkaufsschlager des Jahres – und begründete jenen verlegerischen Aktionismus, durch den ein offizieller Bericht in kürzester Zeit zum Sachbuch gemacht wird: die sogenannte „report-to-book transition“.

Kennedys Ermordung scheint geradezu für Fiktionalisierungen geschneidert zu sein und tatsächlich wurde sie immer wieder als Handlungsrahmen in Romanen und Filmen verwendet. 1988 – zum 25. Jahrestag der Ermordung – erschien Don DeLillos Roman „Libra“, in dem Einzelheiten aus dem Warren Report mit einer fiktionalen Handlung zu einem straffen Erzählgewebe verbunden sind. DeLillos Originaltitel suggeriert einen Roman über den Kennedy-Mörder Oswald, dessen Sternzeichen Waage – eng. Libra – war, während der Titel der deutschen Übersetzung „Sieben Sekunden“ das Attentat in den Mittelpunkt rückt. Zwei parallele, aber nicht gleichzeitige Handlungsstränge – einerseits Oswalds Lebensweg, andererseits die Machenschaften der Dunkelmänner und Agenten – werden durch die Figur eines Historikers zusammengehalten: Der (fiktive) Historikerbericht ist der Roman, der dadurch eine postmodern-ironische Doppelbödigkeit erhält.

DeLillos Roman ist nicht historisch, sondern vielmehr ein Versuch, mit erzählerischen Mitteln die Wirklichkeit zu durchleuchten. Das war erklärtermaßen auch die erzählerische Bemühung von Norman Mailer in seinem Roman von 1995 „Oswald’s Tale“, einem Werk des Neuen Journalismus, also ein Hybrid aus dokumentierten Fakten und ihrer romanhafter Ausschmückung. Wie DeLillo konzentriert sich auch Mailer – wie sein Titel ankündigt – auf Oswalds Leben, rekonstruiert seine russische Vergangenheit und sein Eheleben und kann, trotz einer mühevollen Recherche und einer darauf gründenden kräftigen Handlung, keine neuen Erkenntnisse herausholen.

Auch der Megaroman (800 Seiten!) von Stephen King, „11/22/63“, der 2011 erschienen ist, bringt keine Einsichten über die Kennedys Ermordung. King inszenierte eine Zeitreise um einen Englischlehrer, der in Texas ein romantisches Abenteuer erlebt, während er Oswalds Spur folgt.

Diese Romane erleben jetzt – wie viele historische Studien, Biographien und sogar Kinderbücher über die Kennedy-Ermordung – üppige Neuauflagen, die zusammen mit den vielen Neuerscheinungen die Buchhandlungen füllen. Darunter ist die Dokumentation der Zeitschrift LIFE „The Day Kennedy Died“ eine der einfachsten und informativsten Überblicke über den Präsidenten und jene Sekunden in Dallas, die das Ende seiner Präsidentschaft besiegelten.

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erstellt am 16.11.2013

John F. Kennedy bei seiner Rede in Berlin am 26. Juni 1963
John F. Kennedy bei seiner Rede in Berlin am 26. Juni 1963

Don DeLillo
Libra
Paperback, 480 Seiten
ISBN: 9780140156041
Penguin, 1991

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Norman Mailer
Oswald's Tale
Paperback, 864 Seiten
ISBN: 978-0-345-40437-4
Random House Trade Paperbacks, 1996

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Stephen King
11/22/63
Hardcover, 864 Seiten
ISBN-13: 9781451627282
Scribner, 2011

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Nachrichtensendung des amerikanischen Fernsehens mit der Nachricht von der Ermordung Kennedys am 22. November 1963

Jahresrückblick 1963 der ARD – mit Berichten zu Kennedys Berlin-Besuch (zu Beginn) und zu seiner Ermordung (bei ca. Min. 48)