Unermüdlich schrieb er, unermüdlich vermittelte er Literatur. Peter Härtling konnte jahrelang über literarische Positionen sprechen, in seiner Erinnerung ist das Beziehungsnetz der schreibenden Personen und ihrer Ideen fest installiert. Zu seinem 80. Geburtstag gratulierte ihm Martin Lüdke.

Anm. d. Red. Peter Härtling ist am 10. Juli 2017 gestorben.

Peter Härtling zum Achtzigsten

Dichter, Erzähler, Zeitgenosse

Vor einigen Jahren, 2005, erschien ein kleines, schmales Buch „Die Lebenslinie. Eine Erfahrung“.

„Der Schmerz, der mich weckte, drehte sich aus dem linken Handgelenk, fräste sich durch den Arm, der schwer und heiß wurde, erreichte die Schulter, lief auseinander, breitete sich als Gitter über die Brust aus, er lastete mit jedem Atemzug mehr und mehr, ein Panzer, der mir die Luft raubte, der mich zunehmend einschnürte und mir Angst machte. Ich lag auf dem Rücken, starrte in die Dunkelheit, Wörter sausten mit einer solchen Geschwindigkeit durch meinen Kopf, dass sie ihren Sinn verloren. Ich fürchtete zu sterben. (…)
Mein Bewusstsein bereitet mich darauf vor, meinen ganzen Körper. Ich hocke, kaure und spüre, wie sich eine Haut zwischen draußen und mir bildet, dafür sorgt, dass ich mit meiner Angst für mich bin.“

Peter Härtling hat, auch zum Glück für seine Leser, überlebt. Und auch weiter geschrieben. Immer von seinen, wie hier, ganz konkreten Erfahrungen ausgehend. Es sind private, gesellschaftliche, historische, politische Erfahrungen. Und immer ist eins zum anderen hinzu zu denken. Und immer, fast immer, durch Lebensgeschichten, auch seine eigene, hindurch. Das fing an, 1964, mit „Niembsch oder der Stillstand“.

Und seitdem ist er da, Peter Härtling, in dieser Republik, im literarischen Leben, in der keineswegs nur literarischen Öffentlichkeit, als Erzähler, Romancier und Biograph, als Lyriker und Publizist, auch als Verleger, und dann als Kinderbuchautor und Literaturgeschichtler, der wie kein zweiter seine schwäbischen Dichter kennt (und nicht nur die).

Ein engagierter Zeitgenosse, der sich eingemischt, der mitgeredet, widersprochen hat.
Aber wo immer, wann immer, wie immer Härtling sich zu Wort gemeldet hat, blieb er stets an seiner Erfahrung orientiert, ist er Schriftsteller geblieben.

„Ich zitiere Welten, die scheinbar vergangen sind, ich hole sie mir zurück, ich räume Schutt beiseite, und was ich finde, ist das entstellte, aufgerissene Gesicht des Menschen, der auf der Suche nach seiner Wirklichkeit war, die ihm eingeredet wurde und die ihn, am Ende, ausstieß.“

Diese Worte lassen sich als Leitmotiv seiner Arbeit, überhaupt seiner vielfältigen Aktivitäten, seiner öffentlichen Präsenz begreifen. Härtling akzeptierte nie die Trennung von Literatur und Politik, und damit auch zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Das hängt mit seinem Geschichtsverständnis zusammen und mit seinem geschichtlich bestimmten Verhältnis von Literatur.

Härtling wusste aber stets: „Die Literatur trägt nach, sie eilt selten voran.“ Sie trägt Schuld nach und klagt, wenn möglich, Schulden ein. So begreift er sich als nachtragend, zuletzt in seinen wahrlich großartigen Erinnerungen „Leben lernen“. Meine Generation, ein Jahrzehnt jünger als er, ist vielleicht die letzte, die noch aus eigener Anschauung die von ihm beschriebene Möglichkeit kannte: aus der Literatur, durch sie, für die Literatur zu leben (und nicht, wie heute vertrauter, von ihr!). Wer später einmal wissen will, was wir mit dem letzten Jahrhundert hinter uns gelassen haben, ein für allemal, der muss nur seine „Erinnerungen“ lesen. Sie enthalten, nicht episch ausgebreitet, sondern essentiell verdichtet, seine Romane, seine Gedichte, seine Geschichten und Stücke. Deshalb als Essenz – weil Härtling vor allem die erste Hälfte seines Lebens darin beschreibt. Die Zeit von 1933, seinem Geburtsjahr, bis 1974, dem Zeitpunkt, an dem er sich in Walldorf, dicht am Frankfurter Flughafen, als freier Schriftsteller an seinen Schreibtisch setzte. Es ist, keineswegs blasphemisch gemeint, eher mit einiger Bitterkeit gesagt, ein christlicher Lebenslauf: eine Leidensgeschichte, dazu geschaffen, an Gott und der Welt zu verzweifeln. Flucht und Vertreibung. Tod des Vaters. Vergewaltigung, Depression und schließlich Selbstmord der Mutter. Da war der Junge dreizehn Jahre alt. Ein Flüchtlingskind unter den Schwaben. Vollwaise. Damit noch nicht genug: ein alter Nazi, damals keine Seltenheit an deutschen Schulen, jagte ihn nur wenig später auch noch von der Schule. Von dem Leiden und Unglück, das dem 20. Jahrhundert zur Verfügung stand, hat Härtling wahrlich seinen Teil abbekommen.

„aber des herzens verbrannte mühle / tröstet ein vers“ (Jakob Haringer)

Nicht wie Hiob im unerschütterlichen Glauben, sondern in der Dichtung, in der Literatur fand Härtling Zuflucht und Halt.
Haringers Verse stehen als Motto über einem schmalen Bändchen, mit dem 1953, zwanzig Jahre jung, der Dichter Härtling in die Öffentlichkeit trat. „Poeme und Songs“. Anders als Haringer, der von sich sagte: „Ich habe all mein Leid, mein Unglück in meine Dichtung gepresst“, hat Härtling aber in der Literatur das Glück, zumindest die Bilder des möglichen Glücks gesucht – und gefunden. „Welten, die scheinbar vergangen sind“. In dieser Folge von Katastrophen, die wir Geschichte nennen und die, wie Benjamin einst schrieb, unablässig Trümmer auf Trümmer häuft, sucht Härtling unter dem Schutt nach Spuren einer anderen Geschichte, die sich in der Literatur bewahrt haben. Er sucht das entstellte, aufgerissene Gesicht des Menschen, im Moment seiner Erstarrung, um wenigstens den Augenblick auf Hoffnung, der vorausgegangen war, festzuhalten und in unsere Gegenwart hinüberzuretten. Er sucht die Erinnerung festzuhalten an das, was, wenn es einmal dazu werden würde, Heimat genannt werden könnte. Das fing an mit Niembsch, dem Edlen von Strehlenau, besser bekannt als Lenau, geht über „Hölderlin“, bis hin zu E.T.A. Hoffmann. Literatur ist für Härtling stets auch eine Möglichkeit des Über-Lebens geblieben.

Seine Absicht ist es, mit den Mittel der Sprache, den Spielraum auszumessen, in dem die Phantasie eintreten kann, um unterhalb der Kette von Katastrophen die kurzen Augenblicke möglichen Glücks sichtbar zu machen.

„Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn das, was erinnert wird, ist gewesen, wird nur nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert wird.“ Dieses Motto von „Niembsch“, eine Kierkegaard-Zitat, könnte auch über Härtlings eigenen Erinnerungen „Leben lernen“ stehen. Diese Einsicht ist seiner Generation von der Geschichte regelrecht eingebrannt worden. Härtling war zwölf Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. Er hat die Schrecken jener Jahre bewusst erlebt. Er und seinesgleichen ist, wenn ich das so schlicht sagen darf, mit Tränen in den Augen aufgewachsen. Er musste lernen, wieder zu lächeln. Er musste lernen, wieder zu lachen. Deshalb war es für ihn, wie für viele seiner Generation, der Zusammenhang von Literatur und Moral nicht fraglich geworden. Er fühlte sich stets verpflichtet, die schrecklichen Erfahrungen, die er und seine Generation machen mussten, weiter zu tragen, und nicht zuletzt, daraus Konsequenzen zu ziehen. Schon wir, die nur zehn Jahre Jüngeren, haben das manchmal als lästig empfunden. Die Generation, die nach uns kam, schien der Mahnungen vollends überdrüssig.

Peter Härtlings Lebenslauf beschreibt einen weiten Bogen. Den Weg vom Hilfsarbeiter bis zum Hölderlin-Preis, von der Vertreibung bis zur Ehrenbürgerschaft. Man könnte vermuten, Härtling sei nun endlich bei sich angekommen. Ich fürchte aber, dass ihm das nie gelingen wird. Ich einem frühen Gedicht aus der Sammlung „Vorwarnung“ heißt es:

„Ich lege meinen Kopf
auf die Brust meiner Tochter
der jüngsten.
Mein Kopf ist beinahe
so groß
wie ihr Leib.
Sie sagt:
Es ist schön so,
so nah
bist du jetzt.
Ich höre ihr Herz.
Sie sagt:
Du kannst noch eine Weile
bleiben,
und atmet tief ein.
Welche Angst
hat
mein Glück.“

Da wird die Nähe körperlich spürbar. Und doch geht etwas hinaus über das Leibliche, über das Biographische. Das wird verständlich erst, wenn man Härtlings Werk kennt und seine Voraussetzungen. Immer: konkrete Erfahrungen. Wenn er, zum Beispiel, an Atemnot leidet, spüren wir, seine Leser, die Bedrückung. Seine Schmerzen übertragen sich. Auch seine Ängste, aber vor allem auch seine Kraft, diese Ängste zu bannen, im Gedicht, in der Sprache.
Ich fürchte, Peter Härtling weiß immer, wovon er, immer glaubhaftig, spricht.

Da lässt sich viel von ihm lernen. Aus seinem Leid. Zu unserem Glück.

Aber, das sollte auch in einem Glückwunsch an ihn nicht vergessen werden: Das, was er ist, was aus ihm geworden ist, das ist nur er nur geworden, weil seit, sage und schreibe, über 60 Jahren eine Frau an seiner Seite steht: Ihr sind seine, sicher für sie gelegentlich schmerzlichen „Erinnerungen“ gewidmet. Ihr ist zu danken, dass wir ihn haben: Mechthild Härtling, seiner Frau.

Mein Glückwunsch geht auch an sie. Der geht aber auch an uns. Peter Härtling ist eine der großen Gestalten der Literatur unserer alten Bundesrepublik. Er hat uns nicht nur die Literaturgeschichte in die Gegenwart (zurück)geholt und seine historischen Erfahrungen in Literatur transformiert. Er hat auch ein Beispiel gegeben. Deshalb gilt mein Glückwunsch natürlich vor allem natürlich ihm, unserem Peter Härtling.

Kommentare


Beate Tiranno-Rötzel - ( 25-11-2013 10:57:29 )
Sehr gelungener Glückwunsch von M. Lüdke.
Ich habe lang nichts mehr von ihm gehört od. gelesen. P. Härtlings Kinderbücher sind unübertroffen. Besonders " Benn liebt Anna" war als Schullektüre sehr beliebt und hat mir als Lehrerin im Sexualkundeunterricht sehr geholfen.

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erstellt am 13.11.2013

Peter Härtling
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