Der Jazzposaunist Nils Wogram hat mit der Gründung seines eigenen Labels nWog gezeigt, wer in seiner Musik das Sagen hat. Mit seinem neuen, mittlerweile sechsten Album „Riomar – Root 70 with strings“ zeigt sich Wogram nun von seiner romantischen Seite. Tobias Premper sprach mit dem Zürcher Musiker.

Jazz – Interview

Mr. Romantic

Herr Wogram, viele Hörer halten Ihre neue CD „Riomar – Root 70 with strings“ in den Händen, aber Sie sind natürlich schon weiter gegangen.

Guter Punkt, stimmt. Aber wir spielen die Musik auf unser Tour ja jetzt auch live. Trotzdem, und das ist das Coole, es geht immer weiter. Wenn man etwas aufnimmt, ist es kein Abschluss, sondern eine Art Manifestierung einer Idee, die festgehalten wird. Und live hält diese Manifestierung über einen langen Zeitraum an, so an die ein bis fünf Jahre oder sogar noch länger.

Ist die Zusammenarbeit mit den Streichern ein Aufnahmeprojekt oder haben Sie mit den Musikern schon vorher live gespielt?

In diesem Fall war das ein Aufnahmeprojekt. Ich habe gar nicht damit gerechnet, dass wir wirklich live spielen, weil das eine große Band mit sieben Leuten ist, die auch in New York und London leben. Ich dachte, dass wird vielleicht ein großes Konzert, aber dass wir richtig auf Tour gehen, damit habe ich nicht gerechnet. Dann gab es aber reges Interesse daran, und eine Mäzenin hat uns finanziell unterstützt, damit die Musiker jeden Abend bezahlt werden, wir einen Busfahrer haben und was da alles dranhängt. Es wäre sonst unmöglich gewesen, eine Clubtour zu finanzieren.

Und davor standen zusätzlich bestimmt auch noch Kosten für die Aufnahmen.

Da reisen sieben Musiker aus aller Welt nach Köln an, werden sechs Tage in Apartments untergebracht, sie essen und bekommen eine Gage. Ohne die Co-Produktion mit dem Deutschlandfunk, der Studio und Tontechniker zur Verfügung gestellt hat, hätte ich das nur schwer realisieren können. Außerdem hat sich die Stadt Zürich mit einem Kulturetat noch daran beteiligt. Ich bin sehr froh, nicht alles aus eigener Tasche bezahlen zu müssen, denn darunter kann auch schnell das Privatleben und die Familie leiden. Insgesamt habe ich aber trotzdem die Hälfte aus den Einnahmen meines eigenen Labels „nWog“ selber bezahlt.

Wie war Ihr Konzept beim Komponieren für Band und Streicher?

Ich habe an einen bestimmten Sound gedacht, von dem ich wusste, dass die Musiker den auch spielen können. Deshalb habe ich jedem Streicher ein richtiges Feature gegeben, eine Einleitung oder eine Melodielinie, zum Teil auch mit Raum zum Improvisieren. Größtenteils ist die Musik aber ausnotiert. Mir war von Beginn an klar, wer welches Instrument bedienen wird, wer welche Stärken hat und natürlich, was ich persönlich an dem Instrument mag. Mit der Beschränkung auf drei Streicher bleibt außerdem der Klang lebendig und transparent.

In den letzten Jahren gibt es verschiedene Crossover-Ansätze von Jazzmusikern, in Bereiche der Neuen Musik vorzustoßen.

Mir ist das in den letzten Jahren auch aufgefallen, wobei das natürlich nichts Neues ist, das kommt in Wellen. Ich hatte mein Projekt schon vor längerer Zeit geplant, und dass es jetzt stattfindet, ist Zufall. Ich sehe „Riomar“ aber nicht als E-Musik oder Crossover, sondern als romantische Jazzplatte mit Einflüssen aus Blues, Folklore und Filmmusik. Ich höre mir gerne E-Musik an, wenn sie streng komponiert ist, von Leuten, die ihr Handwerk wirklich verstehen. Aber ein Stück von Stockhausen zu improvisieren ist schlecht und einfach Quatsch. Ich mag's lieber, wenn die Stärke der improvisierten Musik rauskommt: Spontaneität und Lebendigkeit. Wenn man sich dessen beraubt, dann wird die Musik blutleer. Andererseits kann man natürlich Neue Musik als Inspirationsquelle nehmen und anfangen zu improvisieren, das funktioniert.

Sehen Sie Ihre Stärken eher in der Improvisation oder der Komposition?

Für mich ist es wichtig, dass ein Stück eine ganz spezifische Stimmung hat, und wenn die Musiker sich damit auch wirklich identifizieren und das ausleben, dann wird auch im Geist des Stückes darüber improvisiert und nicht einfach irgendwas gespielt. Ich habe das Gefühl, dass das im Zuge der Abstraktion ein bisschen verloren gegangen ist, vielleicht auch dort, wo es mehr um den Solisten als um das Stück geht. Das muss zurückkommen: der Geist des Stückes, der auch in der Improvisation vorhanden ist.

Was inspiriert Sie beim Komponieren?

Ganz verschiedene Dinge. Ich mache mir Notizen zu Inspirationsquellen, über Orte, Situationen, Texte oder Lektürezitate, die mir etwas suggerieren. Die Idee zum Stück „Vacation without Internet“ kam mir durch eine Anzeige, in der eine Firma eben genau dafür warb: Ferien ohne Internet. Anschließend habe ich mir überlegt, wie so ein Stück klingen muss, mit einer fröhlichen, leichten Stimmung. Ich arbeite aber nicht nur außermusikalisch, sondern auch konkret an technischen Herausforderungen, die mich interessieren, an Melodien oder Tempi. „Seeing the old in the new“ ist durch Filmmusik von Serge Gainsbourg inspiriert, bei der ich eine Stimmung aufgegriffen habe und diese dann versucht habe, in einem eigenen Stück zu verarbeiten.

Komponieren Sie unterwegs, auf der Rückbank eines Taxis, oder zu Hause in Zürich?

Ich komponiere aus der Erinnerung heraus und auch durch einen Filter. Das heißt, eine Idee kommt manchmal Monate oder auch Jahre später zurück. Das ist nicht so überdreht, dass man nicht sofort ein Stück aus einer bestimmten Situation machen will.
Ein Freund von mir ist vor vier Jahren gestorben, und ich schreibe ihm erst jetzt ein Stück, ich weiß nicht, warum das passiert, das braucht einfach seine Zeit, um durch den Körper und den Geist zu gehen und dann kommt es raus.

„With Strings“ war früher ein Strategie im Plattengewerbe, mehr Hörer zu erreichen. Haben Sie sich solche Alben vorher angehört und wenn ja, welche ertragen Sie davon am wenigsten?

Wenn es musikalisch funktioniert von meiner Seite aus alles legitim. Charlie Parker zum Beispiel hat sich damals riesig darüber gefreut, mit einem Streichorchester zu spielen, und er spielt wirklich göttlich und vor allem überraschend auf dem Album, überhaupt nicht romantisierend. Gut, die Streicher sind kitschig, aber die Arrangements sind gut gemacht, hollywoodmäßig eben. Clifford Brown dagegen ist eher ein bisschen klebrig, ach, insgesamt kommen wohl alle anderen Aufnahmen, die in diese Richtung gemacht worden sind, nicht an Charlie Parker ran. Und was ich nicht haben kann, ist Fahrstuhl-Jazz, der so richtig schleimig ist, trieft und die übelste Seite des Kommerzes und Kapitalismus zeigt.

Gab es konkrete Vorbilder für Ihr Album?

„Charlie Parker with strings“ war definitiv ein Vorbild. Ich wollte diese melancholische Stimmung haben. Gute Tipps kamen auch von Freunden, ich habe Mendelssohn gehört, Händel auch. Es gibt Momente auf dem Album, wo das aufflackert, wie der Anfang von Lisboa, der ist sehr klassisch. Von der Grundstimmung haben mir als Vorbilder auch zwei Alben von Miles Davis gedient: „Sketches of Spain“ und „Kind of Blue“.

Die Neugierde steigt. Gibt es schon ein neues Album, von dem wir noch nichts wissen?

Das nächste Album ist tatsächlich schon eingespielt, aber noch nicht gemastert. Die Besetzung ist ein Posaunenquartett. Mir macht das mittlerweile auch nichts mehr aus, dass ich heute etwas aufnehme und erst ein Jahr später veröffentliche. Für mich ist nur wichtig, dass der Prozess von der Aufnahme bis zur Fertigstellung des Projektes schnell geht, also innerhalb eines Monats, dann steckt da Energie drin. Dann ist da auch wieder Platz und Zeit, damit sich neue Gedanken entwickeln und reifen können. Das ist wichtig fürs Komponieren.

Das Gespräch führte Tobias Premper

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erstellt am 12.11.2013

Nils Wogram. Foto: Corinne Hächler
Nils Wogram. Foto: Corinne Hächler

Nils Wogram
Riomar – Root 70 with strings
nWog Records, 15 Euro

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