Michael Kunert ist ein Künstler, der zuerst scheu erscheinen mag, doch scheut er sich nicht, kontroverse Dinge auszusprechen. Kunerts Stadtlandschaften und die Figuren, die diese bevölkern, lassen an die Weimarer Republik, an Max Beckmann denken. Die Kälte der Stadt und ihr maschineller Betrieb sind allgegenwärtig in Kunerts Malerei. Männer mit steifem Hut, bei denen man nicht weiß, ob sie Bürger sind oder Agenten einer wachsamen Macht: Diese Figuren könnten dem Film Noir entsprungen sein. Oder auch unserer Gegenwart, die fast unbegrenzte Möglichkeiten der Überwachung bietet. Michael Kunerts Bilder erinnern uns an die Gleichzeitigkeit der Sinneseindrücke, die uns in der Stadt begegnet. Verschärft noch durch die potenziell permanente mobile Kommunikation, die unsere Wahrnehmung der Welt geradezu zersplittern lässt.

Anlässlich Michael Kunerts Ausstellung bei der Frankfurter Galerie Art Virus sprach Eugen El mit dem Leipziger Maler über seine Kunst, deren Entstehungsbedingungen und Möglichkeiten, über Zeitenwenden und über die Krisen der Gegenwart.

Michael Kunert im Gespräch

„Magischer Realismus, warum nicht“

Lieber Michael Kunert, die Gestalten, die Ihre Bilder bevölkern, scheinen oft einer anderen Zeit zu entspringen. Ihre Stadtlandschaften erinnern an Grosz, an die Neue Sachlichkeit. Warum blicken Sie zurück? Gibt es bestimmte Stimmungen, die Sie nur in der Vergangenheit finden?

Ich denke nicht, dass ich in meiner Malerei die Vergangenheit bemühe, auch wenn die Umsetzung der Ideen etwas antiquiert wirkt. Sicher hängt das mit den sogenannten Vorbildern zusammen, die einen immer begleiten. Die Neue Sachlichkeit und der mitschwingende Surrealismus ist mir ein Boden, in den ich meine eigene Welt hineinpflanze. Aber ich muss auch sagen, dass mir das 20. Jahrhundert besser als Bearbeitungsstoff liegt als die formlose neue Zeit. Ein Bild ist auch immer Vergangenheit, ähnlich wie ein Roman, denn es ist abgeschlossen und damit Geschichte.

Was vielleicht noch dazugehört, sind die Filme von Buñuel, Fellini und Godard, aber auch der Film Noir, der in mir den Eindruck hinterlässt, als hätte ich in dieser Zeit schon ein anderes Leben gelebt. Ich würde sogar sagen, dass diese Filme der fünfziger und sechziger Jahre mit ihrem Personal mich nicht weniger beeinflusst haben als die Neue Sachlichkeit. Hopper oder Beckmann liegen vielleicht immer in Reichweite, doch will ich ihre Art nicht zur meinen werden lassen. Auch Comics sind für mich eine Inspiration, wie die Filme von Tim Burton.

Sie bezeichnen die Gegenwart als formlos. Meinen Sie damit auch, dass in der Kunst kaum noch Bilder im ursprünglichen Sinne gemacht werden?

Das denke ich nicht. Im Gegenteil, es werden momentan viele Bilder gemalt, ob informell oder figürlich. Alle Gebiete werden bearbeitet. In Leipzig zum Beispiel gibt es eine besondere Tradition der figürlichen Malerei. Die Ausbildung an der Hochschule dort war streng akademisch, sie bezog sich auch auf die Malerei der Weimarer Republik. Auf deren sozialem Blick baute auch die DDR-Kunst auf. Natürlich hat man schon nach neuen Ausdrucksformen gesucht und sich Freiheiten herausgenommen. Insbesondere in den neunziger Jahren wurde alles ausprobiert im Osten. Erst später hat man die Figürlichkeit für seine Themen neu entdeckt.

Ist es das Gefühl der Krise, des ständigen Umbruchs, des Bodens, der uns unter den Füßen weggezogen wird, das Sie wieder an die Zwanziger denken lässt?

Man glaubt ja nur, Parallelen zu sehen. Wir haben nicht die gleiche Situation wie nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Die Demokratie musste neu aufgebaut werden. Aber auch heute wird das Politische schnell verdrängt, und das finde ich bedenklich. Es gibt Massenevents, Parties, Public Viewing. Die Menschen wollen maximale Geborgenheit und Spaß. Dazu kommen der Übermut und die Spekulationen. Dieses Gefühl, auf einem Pulverfass zu leben, erinnert mich an die 'Goldenen Zwanziger'. Doch das zeigt sich für mich nicht in der Kunst, denn uns geht es viel zu gut im Vergleich zu den Zwanzigern. Eine Massenarmut steht uns hoffentlich nicht bevor, und das ist auch gut so.

Ist die Kälte der Großstadt und ihr maschineller Betrieb Ihr Thema?

Ohja, ich bin durch und durch Städter. Die Reibung in der Stadt hält nicht nur fit, sie macht einen auch nervlich fertig. Aber das ist ja der Motor, der mich durch sie und in sie hinein treibt und deren Absonderlichkeiten zu Ideen führen, die manchmal etwas über die Stränge schlagen, denn in ihr ist alles möglich, wie in meinen Bildern. Das Leben in der Stadt ist durch die Beengtheit nur schwer auszuhalten. Der Mensch nervt, und das ist es, was mich hinschauen lässt. Denn in der Stadt empfinde ich mich als Beobachter. Das funktioniert nicht auf dem Land. Deshalb ist die Stadt ein guter Standort für meine Malerei! Harmonische Bilder im Stadtleben sind schon schön, aber mich interessiert meist das Dahinter, ohne jemanden vorzuführen oder zu verurteilen, im Gegenteil.

Gibt es Städte, die sie besonders inspirieren oder besonders abstoßen?

Städte haben in meiner Arbeit schon immer eine Rolle gespielt. Am Anfang war es Leipzig. In den letzten Jahren der DDR habe ich eine Reise nach Paris unternommen, die Stadt, die überhaupt in Frage kam mit ihrer Mischung aus Tradition, Kultur und Lebensart. Davor habe ich infolge einer Island-Reise ein paar Jahre lang expressiv-landschaftlich gearbeitet. Paris kam dann so gigantisch über mich herein, dass ich die Stadt wieder für meine Arbeit zurückgewinnen konnte.

Manche Ihrer Bilder lassen auch an jüngere Vorbildern wie z.B. David Hockney oder Francis Bacon denken. Gibt es weitere Zeitgenossen, deren Werk Sie stark geprägt hat?

Bacon ist für mich noch immer eine große Inspiration des Derben, ein Spiegel, eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Bacon schien in seinem Leben ein extremer Chaot. Seine Bilder dagegen sind sehr aufgeräumt! Hockney mochte ich sehr in seiner Frühphase, daraus habe ich vielleicht auch das Reinschreiben in die Malerei bezogen. Beckmann und Hopper halten mich noch immer in ihrem Bann, aber auch Munch und Magritte.

Gab es auch schon in der DDR-Zeit die Möglichkeit, Künstler wie Hockney oder Bacon zu rezipieren? Wenn nicht, war es dann eine Bereicherung für Sie, sich mit diesen Malern beschäftigen zu können?

In der Bibliothek der Hochschule gab es viele Publikationen aus dem Westen. Man konnte auch die „art“ lesen. Auch das Fernsehen bot die Gelegenheit, so etwas zu sehen. Auf der Leipziger Buchmesse bekam man außerdem Einblicke in diverse Kunstbände. Sie waren in der Internationalen Buchhandlung zu kaufen, zu hohen Preisen.

Die Ausstellungen in den Museen waren schwach: das Land hatte kein Geld. Erst nach der Wende konnte man viele Dinge endlich im Original sehen. In Paris sah ich zum Beispiel die ganzen Monets, Soutines, Modiglianis. Das hat mich schon bereichert, wie eine gute Mahlzeit. Wichtig waren für mich auch die Marmorplastiken von Rodin im Rodin-Museum. Sie haben vielleicht wieder die Form in meine Arbeit zurückgebracht.

Ist es vor allem Beckmanns Frankfurter Zeit in den zwanziger Jahren, die Sie fasziniert? Kennen Sie seine Bilder im Städel Museum?

Beckmann war für mich schon immer sehr wichtig. Ähnlich wie Bacon ist er ein langjähriger Begleiter. Die großen Beckmann-Ausstellungen im Jahr 2010 in Frankfurt und Leipzig habe ich gesehen. In Halle gab es vor einigen Jahren eine Ausstellung seiner Grafiken. Beckmann ist ein hervorragender Zeichner! Die Ausstellung in Halle hat mich beflügelt, als ich gerade eine Talsohle in meiner künstlerischen Arbeit durchlebte. Danach konnte ich noch einmal loslegen. Es ist Beckmanns rotzfreche Figürlichkeit, die ich interessant finde. Manchmal stimmen die Proportionen einfach nicht. Dass man die Figuren schwarz umrandet, das hätte man uns in der DDR nie erlaubt.

Sie greifen immer wieder zur Schrift zurück – welche Funktion haben die Schriftzüge in Ihren Bildern?

Die Schrift unterstreicht für mich den Einfall, die Grundidee. In den neunziger Jahren tobte ich mich ja im Informel aus. Ich versuchte die Grenzen der Malerei über ihre Ränder zu treiben, indem ich collagierte und Schriftzüge einklebte, um meine Inhalte noch besser rüberzubringen. Sicher ist es ein Wagnis mit der Schrift, da einem das Plakative vorgeworfen werden kann, aber das ist mir egal. Ich kann auf das Wort im Bild nur schwer verzichten.

Auch Neo Rauch arbeitet oft (zumindest in den früheren Werkphasen) mit Schrift. Ist das durch die Leipziger Herkunft bedingt oder kommt die Schrift bei Rauch woanders her?

Nein, in dieser Hinsicht gibt es keine Leipziger Tradition. Neo Rauch und ich sind eine gewisse Strecke zusammen gelaufen. Wir waren ziemlich befreundet, haben auch einige Reisen unternommen, uns über die Schultern geschaut. Ich habe schon immer Schrift verwendet. Neo Rauch hat es irgendwann auch gemacht. Doch inzwischen haben wir uns aus den Augen verloren.

In Ihren Bildern bauen Sie Bühnen. Haben Sie einen besonderen Bezug zum Theater?

Ich habe erst spät die Perspektive für meine Bilder entdeckt. Da ich in den neunziger Jahren den Raum im Bild durch entsprechende Farben baute, war der Raum ein Farbraum. Das genügt mir heute nicht mehr. Das Informel hält auch seine Grenzen bereit, es wird irgendwann nur noch Soße. Für meine Gedanken brauchte ich einen perspektivischen Raum, in dem meine 'Rollenspiele' besser stattfinden können. Das Theater, die Oper können durchaus große Anregung sein. Gerade das Licht- und Schattenspiel in den vom Regisseur gebauten Bildern finde ich sehr spannend.

Skizzieren Sie eine Komposition vorher auf Papier oder entstehen Ihre Gemälde gleich auf der Leinwand?

Es gibt Ideen, die ich gleich aus dem Kopf auf die Leinwand bringe. Es gibt aber auch kleine Zettel, auf denen eine Skizze von irgendetwas von unterwegs dann ganz groß ins Bild tritt. Zeichnen kann ich leider nicht, da fühle ich mich unfrei.

Inwiefern fühlen Sie sich in Zeichnung „unfrei“? Liegt es an der Beschaffenheit dieses Mediums?

Eine Leinwand kann man ja immer wieder übermalen. Wenn man hingegen auf einem Blatt radiert, ist die Zeichnung versaut. Man kann zwar bewusst unsauber arbeiten, doch das will ich nicht. Beiläufig gelingen mir manchmal gute Zeichnungen, wenn ich geistig abwesend bin. Mittlerweile habe ich die digitalen Möglichkeiten für mich entdeckt. Ein unfertiges Bild fotografiere ich und bearbeite, verändere es dann am Rechner. Es entsteht eine digitale Collage. Das ist zweifellos ein Fortschritt der neuen Zeit.

Wie kommt Ihre Farbwahl zustande?

Die Farbe ist in meinem Kopf, ich kann die Palette kaum ändern. Auch wenn ich bei Beckmann, Hopper oder Magritte von ihren Farben beeindruckt bin, kann ich sie für mich nicht übernehmen. Ich lebe in meinem eigenen Farbkreis mit entsprechenden Vorgaben. Ich arbeite ja auch überhaupt nicht nach der Natur.

Machen Ihre Bilder eine Serie aus, in der das gleiche Thema bearbeitet wird, oder sind es Einzelwerke mit eigenständigen Aussagen?

Es gibt eine zentrale Idee, die ich versuche zu modellieren. Dabei entsteht ein Kreis von 'Verwandten', die in ihrer Gesamtheit das Thema ausbauen und beschreiben und können nach Fertigstellung auch als Serie verstanden werden.

Beschreibt der Begriff „Magischer Realismus“ Ihren Stil?

Magischer Realismus, warum nicht. Ich hatte noch etwas anderes, aber das fällt mir gerade nicht ein.

Sind Ihre Texte ein Bestandteil Ihrer Kunst?

Der Text ist für mich eine zweite Möglichkeit des künstlerischen Ausdrucks. Die Texte haben nicht so sehr mit den Bildern zu tun, als mit mir oder dem Leben als Maler/Künstler in seinen Verworrenheiten.

Es gibt Dinge, die man nur mit einem Bild sagen kann, genauso, wie ein Text vieles präziser äußern kann als ein Bild.

Ja, das sehe ich genauso.

Woran arbeiten Sie gerade?

Gerade wollte ich aufhören zu malen, aber da lagen noch ein paar Restideen auf meinem Arbeitsplatz herum, die sich immer wieder in Erinnerung brachten. Das, woran ich immer wieder arbeiten kann, ist der Raum, in dem etwas stattfindet, der einen erdrückt und einen beherbergt, damit bin ich noch nicht fertig.

Welches künstlerische Projekt würden Sie in der nächsten Zeit gerne anpacken?

Die Zukunft ist für mich nur Schaum. Wenn ich etwas anpacken will, dann tue ich es und komme am besten mit der Gegenwart klar, weiter wage ich mich nicht vor. Und ja, ich will mein Schreiben vorantreiben. Die Wortfetzen in den Bildern sehe ich als Signal. Es wird sich zeigen.

Das Gespräch führte Eugen El

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erstellt am 11.11.2013

Michael Kunert
Michael Kunert

Michael Kunert Das Lied von der Erde, 2013. Acryl auf Leinwand, 140×80 cm

biografie

Michael Kunert

Geboren 1954 Leipzig. Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig von 1978 bis 1983.
Zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen. Arbeiten in öffentlichen und privaten Sammlungen in Frankfurt a. M., Berlin, Leipzig, Reykjavik, u.a.
Michael Kunert lebt und arbeitet freischaffend in Leipzig.

michael-kunert.com

Michael Kunert Denker, 2013. Acryl auf Leinwand, 100×70 cm

ausstellung in frankfurt

Michael Kunert: Begegnungen im Zwielicht

Eröffnung: Donnerstag, 14. November 2013, 18:30 Uhr

Ausstellung bis 31. Januar 2014

Art Virus Ltd. Bergesgrundweg 3, Frankfurt a.M.

Michael Kunert Die Frau am Fenster, 2011. Acryl auf Leinwand, 100×70 cm

Michael Kunert Der Richter und sein Hund, 2011. Acryl auf Leinwand, 140×80 cm

Michael Kunert Rain dogs, 2010. Acryl auf Leinwand, 120×70 cm

Michael Kunert Der Schlaf, 2004. Acryl auf Leinwand, 110×110 cm