In Stuttgart kann man derzeit abstrakte Choreographien von Marco Goecke, Hans van Manen und William Forsythe erleben, und das an einem Abend.

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Stuttgarter Schritte

Von Thomas Rothschild

Drei Exemplare des „abstrakten“ Balletts an einem Abend, drei choreographische Handschriften: Gemeinsam haben sie, dass sie sich auf menschliche Körper im fast leeren Raum beschränken. Lediglich sich senkende und hebende Hintergrundflächen in unterschiedlichen monochromen Einfärbungen in einem Fall und, ebenfalls im Hintergrund, drei Klappstuhlreihen im anderen kommen hinzu und, nicht zu vergessen, eine kluge, differenzierte Lichtregie, die mal nur die Konturen der Körper, dann ihre dreidimensionale Ausdehnung erkennen lässt.

Am nächsten kommen dem klassischen Ballett „Frank Bridges Variations“ von Hans van Manen zur Musik von Benjamin Britten. Sie wurden bereits 2011 in Stuttgart aufgeführt und jetzt für den dreiteiligen Abend mit dem schönen Titel „FORT//SCHRITT//MACHER“ wieder aufgenommen. Die Variationen werden auf zwei Paare – die Publikumslieblinge Maria Eichwald und Marijn Rademaker und Alicia Amatriain und Evan McKie – sowie eine Sechsergruppe von Solisten und Halbsolisten aufgeteilt. Es herrschen gleitende Bewegungen vor, ein traditionelles Verständnis von Eleganz und Schönheit.

Dem gegenüber wirken „Workwithinwork“ von William Forsythe, das 1998 in Frankfurt am Main uraufgeführt wurde und jetzt in Stuttgart seine Erstaufführung erlebte, sowie „On Velvet“, das einer der beiden längst über eine Fangemeinde verfügenden Hauschoreographen, Marco Goecke, zur Uraufführung brachte, „moderner“. Beide Stücke zeichnen sich durch groteske Elemente aus, durch verzerrte Körperhaltungen und -konfigurationen und, vor allem bei Goecke, durch nervöse Bewegungen, namentlich der Arme. Mochte man bei Forsythe wähnen, Bilder von Oskar Schlemmer seien zu Leben erwacht, so durfte man bei Goecke eher an zu schnell abgespielte Stummfilme denken oder auch an das Theater eines Marthaler. Bei Goecke scheinen sich die Extremitäten zu verselbständigen. Der Körper verharrt oft in Bewegungslosigkeit, als ruhender Pol zwischen den flatternden Händen, wo Forsythe und van Manen die Bewegung aus der Mitte des Körpers heraus ansetzen. Das ist unorthodox, faszinierend und doch auch schon vertraut für die Beobachter von Goeckes Karriere. Es fällt nicht schwer, vorauszuahnen, dass diese Karriere in naher Zukunft der von Christian Spuck gleichen dürfte, der von Stuttgart als Ballettdirektor nach Zürich ging.

Bei allen drei Stücken spielte die sorgfältige Auswahl der Musik eine nicht zu unterschätzende Rolle. Luciano Berios „Duetti per due violini vol. 1“, von Wolf-Dieter Streicher und Luminitza Petre im Orchestergraben virtuos interpretiert, eignen sich vorzüglich für die autonome, jede Illustration meidende Choreographie Forsythes, für seine Konzentration auf wenige, dafür aber umso eindringlichere Elemente. Für „On Velvet“ verwendet Goecke „Segue – Musik für Violoncello und Orchester“ des zeitgenössischen österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud, das von einer unbekannten Mozart-Melodie ausgeht – oder handelt es sich etwa um eine Mystifikation? – und sie auflöst, bis sie in Edward Elgars „March of the Mogul Emperors“ mündet. Zu den zahlreichen auch witzigen Überraschungen in Goeckes Choreographie gehört es, dass das Crescendo dieses Marsches, das geradezu nach dem kompletten Ensemble zu „schreien“ scheint, einem ins Nichts auslaufenden Solo unterlegt wird.

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erstellt am 10.11.2013

David Moore, Ludovico Pace, Marijn Rademaker, Fabio Adorisio und Arman Zazyan in On Velvet (Choreographie: Marco Goecke), Foto: Stuttgarter Ballett

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FORT//SCHRITT//MACHER

Choreographien von Marco Goecke, Hans van Manen und William Forsythe

Stuttgarter Ballett

Angelina Zuccarini, Hyo-Jung Kang und Brent Parolin in workwithinwork (Choreographie: William Forsythe), Foto: Stuttgarter Ballett

Marijn Rademaker in On Velvet (Choreographie: Marco Goecke), Foto: Stuttgarter Ballett