das halbe wort

Vesna Lubina

Verwechsle niemals die/ den Erzähler/in mit der/dem Verfasser/in des Textes, so heißt es in der Literaturwissenschaft… Gegenstand der Diskussion war an dieser Stelle schon häufiger die Frage, wie sich eine bestimmte Herkunft in den geschriebenen Texten abbildet. Tut sie es überhaupt? Inwiefern spielen Sozialisation, Erfahrungen, Erlebnisse eine Rolle in den Texten von Schriftsteller/innen? Vesnas Eltern sind bosnische Einwanderer, sie hat unter anderem in New York studiert, sie wohnt nun in Kalifornien, sie war einst Redakteurin für ein Online-Magazin, das sich mit isländischer Kunst beschäftigte. Wenn man noch die Tatsache nimmt, dass sie aus dem Ruhrgebiet nach Konstanz gezogen ist, dann geht ja gar nicht mehr Multi-Kulti. Spiegelt sich dies nun in ihren Texten wider? Vielleicht in ihren Gedichten “homecoming” und “folklore”? Die hören sich doch so an, als ob… Ich weiß es nicht. Ich muss diese Fragen nicht beantworten. Was ich jedoch sagen kann: das Gedicht “folklore” berührt mich noch mehr als die anderen Texte, ohne zu wissen, wieso dies der Fall ist. Oder doch: Ich fühle mich an meine eigene Kindheit erinnert, an meine eigenen Erinnerungen – und das obwohl ich keine Verwandte mit einem Webstuhl hatte (bei mir wären es wohl eher eine Ikonenmaler und Ikonen) …

Jannis Plastargias

gedichte

Von Vesna Lubina

verschlusstechnik

was auf papier tropft, was wiederholt wird
als eine art siegel, und man hält sich
fern davon es könnte
krankheiten übertragen

früher ein händedruck auf
etwas geschworen, bei wem
und wessen namen man in den mund nimmt (wessen nicht)

wovor man sich verschwiegen zeigt, zu welchen sachverhalten
man sich besser nicht äußert und keinen kommentar abgibt
zu den prognosen, den vorhersagen oder auch

dem wetter: an welchen orten es gerechtfertigt ist
ein donnerzeichen auf sein dach zu malen
und wo es verlacht wird

wie gewächse sich im im sturm verbiegen vor allem nahe der küste, wo der wind das wasserelement gegen gesteinsmassen wirft und das ergibt später schöne strukturen, wie entgegen ihrer eigentlichen natur: dinge, die die leute
für sich behalten

folklore

als meine tante mir ihren webstuhl nicht vermachte
weil man wo sie herkommt keine testamente verfasst

wurde das zickzackmuster auf den kissen im wohnzimmer
das ich besuchte zum relikt, jetzt suche ich ähnliche muster

in anderen stoffen im geschäft

handelsgeheimnis

klapperschlange in der tasche am handelsposten
bei diamondback hill es ist winter
zwischen warnschildern zwei schritte
hinterm ortsansässigen der sich besser
auskennt in festem schuhwerk über absperrungen
steigen an einem sonntag wird es gewesen sein die sonne
setzt sich hinter den berg es bleibt
nicht mehr viel licht schon verschwinden
die schienen unter neuschnee die übergänge
zwischen hell und dunkel werden abgekürzt
man stellt sich gleich um
auf eine völlig andere situation die tasche
und alles von innen nach außen kehren die jacke
auf den boden werfen drauf treten wiederholt
nachsehen, der mann
dreht sich um und ist keine hilfe die schilder
leisten geringen beitrag aber das echo
schallt von einem berg zum nächsten und schnell
bringt man sich außer reichweite die sicherheit
der fluchtbewegung eine professionalität
die uns alle nochmal retten wird

unternehmungen im bedeutungslosen leben 

wir werden uns wiederfinden. auf augenhöhe werden wir 
auf einander treffen und in die arme fallen, die hand geben,
auf ein von beiden parteien unterschriebenes dokument verweisen. 

wir teilen die höhe des mietbetrags durch zwei, unter umständen
gelingt das nicht jeden monat. wir werden dann aufgaben finden, 
rollen annehmen, auch jene die uns nicht ganz passen
oder zustehen.

wir gehen dorthin, wo keine konkurrenz besteht.
wo man einen beim wort nimmt (auch dem wollen manche entrinnen), 
wo nachbarn unter einander brennholz tauschen (eiche brennt am längsten)
und den rest für sich behalten. and the rest shall remain unsold.

homecoming

alles oberhalb des betons hat eine funktion,
jede noch so bizarre ausbildung von flügel und auch das meiste
was überflüssig scheint und nicht mehr zeitgemäß

dies sind meine fabriken,
die offenstehen am sonntag für spaziergänger aus der umgebung,
die mit anhang und mit dreck an den stiefeln hereinspazieren, die sich
maschinerie ansehen, das kind den schalter betätigen lassen,
dann geht das geschrei los und man ist begeistert.

draußen
wird rasen in vierecken gestapelt auf der
ladefläche des pickup trucks, die legt man hinterher
auf dem grundstück aus, einer tritt es fest, dass es wächst

was hier so produziert wird,
und du vielleicht im nächsten leben
ein cheerleader

siehe auch

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erstellt am 08.11.2013

Vesna Lubina
Vesna Lubina

Vesna Lubina, geboren 1981 in Witten, studierte Philosophie, Literatur-Kunst-Medien, Religionswissenschaft und Literarisches Schreiben in Konstanz, Tübingen und New York. Sie lebt in den Santa Cruz Mountains, California.

2011 Literaturförderpreis NRW. 2010 Aufenthalts- und Arbeitsstipendien des Künstlerhauses Edenkoben und des Landes NRW. Nominiert für das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium und den Georg-K.-Glaser-Förderpreis 2010.

Veröffentlichungen bisher in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt u.a. Edit 61 (2013), Westfalen, sonst nichts? ([SIC]+parasitenpresse 2012), Jahrbuch der Lyrik 2011 (DVA), Freie Radikale Lyrik (luxbooks 2010).

vesnalubina.com