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Wie sag' ich's meinem Kinde, was Akusmatik ist und was die Musik von Marco Dibeltulu damit zu tun hat? Es geht um Kino für die Ohren und um eine Erklärung von Bernd Leukert.

mp3

Ein zeitgenössischer Blick …

… auf elektronische Musik im Netz

Von Bernd Leukert

Die akusmatische (vom griechischen akousmatikoi) Musik kennt Entwicklungen, die auf theatralische Mischformen zulaufen. In Frankreich nennt man das „Cinéma pour l’oreille“, in Italien „Radiofilm“, in Deutschland manchmal „Kino für die Ohren“ oder „Ohrenkino“. Gemeint ist aber nicht musikbegleitetes Hörspiel oder Originalton-Dokumentation, sondern ein Kunstgebilde, das Instrumentalmusik, Geräusche, musique concrète, Originalton, elektronisch generierte Klänge, Sprache und vieles andere musikalisch miteinander verknüpft, in eine stereophone oder mehrkanalige Räumlichkeit hineinversetzt und dort – wie auf einer grenzenlos verwandelbaren Bühne – inszeniert. Das paradoxe Ziel ist das nichtnarrative Erzählen: Wir vernehmen also auf mancherlei Weise einen vertrauten Erzählgestus, müssen uns die Geschichte aber selbst dazu finden. Oder auch nicht. Marco Dibeltulu hat jetzt ein Album herausgebracht, das uns mit einigen Facetten dieses Erzählens bekannt macht. Marco Dibeltulu, der 1971 im sardischen Alghero geboren wurde, studierte Komposition, Chorleitung und elektronische Musik in Cagliari. Sein Album „Sguardo Contemporaneo“ gibt es nur im Netz im mp3-Format.

Schon das erste Stück, „Contrasti armonici“, ist in der ersten Hälfte betont szenisch konzipiert: Die beweglichen und in sich bewegten Klangobjekte toben – Lebewesen gleich – im Raum herum. Der zweite Teil ist dagegen mit seinen farbig schwebenden Klängen statisch angelegt und verzweigt sich erst gegen Ende in Glissandi, reichert sich dann an, bis er hart ausgebremst wird. Wilder geht es in den „Passaggi di stato“ zu. Hier finden wir Arbeitsgeräusche in der Akustik riesiger Hallen, die Agogik wird vom Fallen, Rutschen, Aufprallen, Zerschellen von Metallen oder Steinen geprägt – der Kanadier Gilles Gobeil hat diese industrielle Bewegungsdramaturgie einst etabliert – unterbrochen von bearbeiteten Perkussionsteilen, einem elektronischen Pulsieren, Rauschen und Zwitschern und durchzogen von Bordunen und drones. In ähnlichem Ambiente entfaltet sich „Una sola moltitudine“, mit dem Unterschied, dass da mit menschlichen Äußerungen gestaltet wird: mit Schnaufen, Singstimmen, Sprech- und Schrittfragmenten und schließlich, im ‚Luogo di pace’ mit rezitierter Poesie. Auch in „Microclima II“ kommt viel zusammen: Schwebeklänge, instrumentale und elektronische Effekte, dazu aber Anekdotisches: Gesprächsfetzen, plötzlich ein Männerchor und die Klänge der Launeddas, die eine kleinere Version des altgriechischen Aulos sind. Beschreibbar ist diese Musik nicht wirklich. Vor allem die komponierten Intensitäten, die klanglichen Überraschungen, die kunstvollen Montagen, also die Musikalität der Stücke lassen sich nur abstrakt benennen. Gar beim Titelstück, „Sguardo contemporaneo“, dem zeitgenössischen Blick, bei dem sich pulsierende Sequenzen überschneiden, Geräusche zu Schreien werden, glockenartige Falten über Liegeklänge, Fahrt- und Flattereffekte legen und eine traumhafte Spannung aus diesem artifiziellen Erzählen entsteht, fehlen einem die Worte. Doch das Hören ist es wert.

Hörprobe: Marco Dibeltulu – Nello Spazio Sommerso (Sguardo Contemporaneo)

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erstellt am 08.11.2013

Marco Dibeltulu
Sguardo Contemporaneo
MP3, Label: Miraloop Diamonds

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