Am 14. August 2013 explodierte in Rakka eine Autobombe. In dieser Stadt im Nordosten Syriens hat vor Monaten die Al-Kaida nahestehende Gruppierung »Islamischer Staat in Irak und Syrien« die Herrschaft übernommen und einen Kalifatsstaat errichtet. Der Aktivist und Bürgerjournalist Muhammad Nur Matar wird seit dem Tag des Anschlags vermisst. Amer Matar, Journalist und Bruder des Vermissten, hielt sich zu jener Zeit in Rakka auf und beschreibt die bange Suche seiner Familie.

Aktueller Beitrag über das Leben in Syrien

Eine Leiche legt Zeugnis ab

Von Amer Matar

Eine einzige Leiche lag noch dort. Niemand konnte sie erreichen. Die Gruppe »Der islamische Staat im Irak und in Syrien« (ISIS) verbot Ambulanzfahrzeugen, jenen Ort zu befahren, an dem das mit Sprengstoff beladene Fahrzeug explodiert war. Zwei Gruppierungen – »Der islamische Staat im Irak und in Syrien« und eine Brigade namens »Die Enkel des Propheten« – kämpften um die Herrschaft über die Stadt.

Eine einzige Leiche lag noch dort. Wenn es nicht die Leiche meines Bruders wäre, dann wäre es die des Bruders eines anderen.

Mein Bruder, der 1993 geborene Muhammad Nur Matar, ist ein Medienaktivist aus Rakka. Er arbeitet mit der Organisation »Al-Schari – Die Straße für Medien und Entwicklung« zusammen und war unter anderem an der Realisierung des Kurzfilms »Hier schlug der Alptraum ein« beteiligt. Es ist ein Film über den Niedergang einer Scud-Rakete in Rakka und die Suche der Menschen nach den Opfern. Link zum Film

Meine Mutter wartete auf eine Nachricht über ihren jüngsten Sohn, der das Haus verlassen hatte, um den Kampf zwischen den beiden Gruppierungen zu filmen. Doch er kehrte nicht zurück. Sie trat auf den Balkon hinaus und begann zu weinen, auf dass Gott ihre Trauer sehen und ihren Sohn retten möge. »O Herr!«, betete sie mit lauter Stimme und bot Gott ihre Tränen dar.

Einen Hinweis über die dort noch immer liegende Leiche erhielten wir indes nicht.

Nur die verbrannte Leiche seiner Kamera fand das Team der Ambulanz. Wir fühlten uns in unserer Überzeugung bestätigt, dass der dort liegende Körper mit den abgeschnittenen Gliedmaßen Muhammad Nurs Leiche sei … Eine einzige Leiche mit noch immer unbekannter Identität reichte aus, uns weinen und glauben zu lassen, dass mein Bruder uns für immer verlassen hatte.

Als ISIS im Morgengrauen einwilligte, die Leiche von der Straße zu bergen, und wir feststellten, dass es nicht mein Bruder war, wurde alles anders.

Nun hieß es, die Kühlräume der Krankenhäuser aufzusuchen und die kalten metallenen Schubladen herauszuziehen, in denen die Toten auf jene warteten, die sie identifizieren würden … Auch dort fanden wir ihn nicht. Und noch immer blickte meine Mutter hinauf zu Gott in der Hoffnung, dass auch er sie sehen möge.

Nachdem wir erfolglos die Kühlräume abgesucht hatten, erfuhren wir, dass noch immer einige Leichenteile am Ort der Explosion lagen. Im Kalifatsstaat sterben die Menschen nicht im Ganzen, ihre Einzelteile werden nicht in nur e i n e m Grab bestattet, und der Geruch ihrer Leichen steigt nicht nur von e i n e m Kühlraum auf. Da meine Mutter sich nicht dazu in der Lage sah, nach Fingern zu suchen, die sie vielleicht erkennen würde, oder nach einer Leiche, die s e i n Karohemd trug, machte sich meine Tante auf den Weg. Sie fand zwar keinen Hinweis auf meinen Bruder, aber der Geruch des Blutes, das von den Leichenteilen, rann, klebte ihr an den Fingern und in den Lungenflügeln … Selbst das Atmen fällt schwer im Kalifatsstaat, und nach jeder Autobombe ist es unbedingt erforderlich, sich die Nägel zu schneiden.

Nichts als die tote Kamera hatten wir gefunden. Ist es eigentlich im Kalifatsstaat erlaubt, auch Apparate in der Erde zu bestatten? A u f Deiner Erde – mögest Du gepriesen sein – darf der Muslim jedenfalls den Muslim töten, und der Weg zu Dir, lieber Gott, ist dank der sprengstoffbeladenen Autos äußerst kurz.

Innerhalb eines Tages erhielten wir etliche widersprüchliche Hinweise. Einmal hieß es, mein Bruder bestehe nur noch aus einzelnen Fetzen, ein anderes Mal, ISIS habe ihn verhaftet, weil er sich bei den Feinden Gottes, der Brigade »Die Enkel des Propheten«, aufgehalten habe, vor deren Stützpunkt neben dem Bahnhof von Rakka ISIS eine Autobombe gezündet hatte.

Der Konflikt zwischen den »Enkeln des Propheten« und ISIS hatte einige Monaten zuvor seinen Auftakt genommen, weil beide ihre Herrschaft über die Stadt sowie ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse, ihre Handelsgüter und die Ölquellen ausbreiten wollten. Auf diesen bewaffneten Konflikt konnte die Bevölkerung nur mit Demonstrationen reagieren und fordern, dass die Kämpfe eingestellt würden oder die Gruppen die Stadt verließen. Doch die Demonstranten wurden von ISIS beschossen.

Auf einer anderen – letzten – Demonstration in der Stadt am Tag der Autobombe wurde ISIS aufgefordert, das Team der Ambulanz die Leichen bergen zu lassen. Doch auch diesmal reagierte ISIS mit Beschuss aus Gewehren und RPG-Granatwerfern.

Seitdem gab es keine einzige Demonstration mehr in der Stadt. Zu groß ist die Angst, entführt und getötet zu werden. Nachdem sogar Pater Paolo und einige ausländische Journalisten verschwunden waren und zahlreiche Zivilisten und Militärs entführt wurden, verglichen einige Aktivisten ihre Stadt bereits mit dem Bermuda-Dreieck.

»Der islamische Staat in Irak und Syrien« kontrolliert inzwischen alles. Sie haben ihre schwarze Flagge auf dem Fahnenmast der Stadt gehisst und erneut die Decke der Angst über die Herzen der Menschen gebreitet. Manch einer fürchtet sich nun bereits wieder vor der Benutzung des Telefons und vor den Nachbarn.

Mein Bruder Muhammad Nur, den wir seit der Explosion vor einigen Tagen vermissen, war bereits Mitte Juli 2013 schon einmal von ISIS verhaftet worden, weil er sich mit seiner Kamera während des Protests einer Frau gegen die Verhaftung ihres Ehemannes vor ihrem Stützpunkt aufgehalten hatte. Sie sperrten ihn ein und ließen uns wissen, er sei verhaftet worden, weil er die Gebetsregeln nicht korrekt beherrsche! Als er einige Tage später wieder frei kam, hatte er, was die Folter und den Umgang mit den Gefangenen betrifft, die gleichen Erfahrungen gemacht wie jene, die die Gefängnisse des syrischen Geheimdienstes von innen sahen.

Heute hört man in Rakka Worte der Reue. Selbst Aktivisten beklagen die Auswirkungen der Revolution auf die Stadt, die sich zu Beginn des Jahres 2013 vom Assad-Regime befreite. Doch sowohl die oppositionelle syrische Koalition wie auch alle anderen, von denen die Menschen in Rakka eine Unterstützung bei der Organisation ihres Alltags erwartet hatten, haben die Stadt im Stich gelassen.
Worte, in denen ein Tadel mitschwingt, schmerzen sehr, besonders wenn sie von der eigenen Familie ausgesprochen werden, die einen früher mit dem Satz »Alles für die Freiheit« ermutigt hatte.

Heute morgen weckte uns die Stimme meiner Mutter, die geschwängert war vom Entsetzen der Nachrichten aus den Kühlräumen. Es war bekannt geworden, dass neue Leichen im Nationalkrankenhaus von Rakka eingetroffen sind.

Also machten wir uns wieder auf den Weg, wie wir uns jeden Morgen aufmachen zu einer Reise zu den Kühlräumen und zu zahlreichen widersprüchlichen und verlogenen Informationen.

Rakka, im August 2013

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Etwa zehn Tage später erfuhr die Familie, dass Muhammad Nur Matar nicht bei der Explosion umgekommen, sondern erneut von ISIS verhaftet worden war. Ein frei gekommener Mitgefangener überbrachte die Nachricht. Es fehlt aber bis heute jeder gesicherte Hinweis über seinen Gesundheitszustand. (Larissa Bender)

Siehe auch:
SCHWERPUNKT SYRIEN

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erstellt am 06.11.2013

Amer Matar, Foto: Larissa Bender

porträt

Amer Matar

Amer Matar (geb.1986), Studium der Publizistik an der Universität Damaskus. Seit 2005 schreibt er für die internationale arabische Presse und war zu Beginn der Revolution in Syrien Korrespondent für den Fernsehsenders Al-Arabiya. Der Dokumentarfilm »Azadî« (kurdisch für Freiheit), eine Gemeinschaftsproduktion über die Rolle der Kurden in der syrischen Revolution, wurde 2011 auf dem arabischen Filmfestival Rotterdam ausgezeichnet. Zusammen mit anderen Journalisten-Kollegen gründete er die Organisation Al-Schari (Die Straße) für Medien und Entwicklung, die die Ereignisse während der Revolution dokumentiert. Er wurde zweimal inhaftiert, floh nach Jordanien und dann weiter nach Deutschland. Von März bis September 2012 war er Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und seit Oktober 2012 Stipendiat des Pen-Zentrums Deutschland.
Auf Deutsch erschien von Amer Matar erstmals ein Text in dem von Larissa Bender 2012 herausgegebenen Sammelband »Syrien – Der schwierige Weg in die Freiheit«, Verlag J.H.W. Dietz Nachf.

Muhammad Nur Matar, Foto: privat
Muhammad Nur Matar, Foto: privat

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