Der erste Kontakt mit Ina Holitzkas Arbeiten geschieht durch eine schlichte, direkte Ansprache in Form eines „Komm“ oder „Go“. Doch sobald man sich näher mit dem gedanklichen Prozess beschäftigt, der die Künstlerin antreibt, offenbart sich, dass diese Einfachheit jede Menge mit dem Menschsein an sich und der Wahrnehmung, der räumlichen Verortung von Mensch und Objekt in sich birgt. Isa Bickmann folgt der „Wortspur“, die Holitzka ausgelegt hat, in ihrem Katalogbeitrag.

Künstlerporträt – Ina Holitzka

Logos im Denkraum

Von Isa Bickmann

Als Impulsgeber führt die an der Frankfurter Städelschule ausgebildete Künstlerin Ina Holitzka Michael Croissant an, bei dem sie Freie Plastik studierte, und hebt besonders Herbert Schwöbel (Fotografie) hervor. Auch Thomas Bayrle wird genannt sowie Dorothee von Windheim, mit der sie die Lust an der Spurensicherung teilt, Lothar Baumgarten in der Sichtbarmachung von Architektur oder der junge Danh Vo, der das persönliche Umfeld stellvertretend für allgemeine Fragen installativ mit Objekten aufbereitet. Aus diesem Kontext erschließt sich Holitzkas Werk. Sie legt großen Wert auf die Arbeit mit dem Raum und arbeitet oft sehr lange daran. Ohne die Raumbezüge scheint ihr Werk auch gar nicht denkbar. Ina Holitzka offenbart darin eine dem Betrachter oder der Betrachterin gänzlich zugeneigte Haltung. Diese äußert sich nicht nur bei der Einbindung des Rezipienten mittels eines Teppichs (Abb.), den man betreten darf, sie zeigt sich auch in der unmittelbaren sprachlichen Anrede und der Direktheit der visuellen Reize in ihren Werken.

Die geradlinige Ansprache mit Worten ist dabei uneindeutig, so dass sie auf verschiedenen Ebenen verständlich wird: Als Feststellung (NIX GEHT) oder Motivation (GEH’S AN, KOMM NUR, GEH DOCH), als Befehl (LOS KOMM, KOMM MIT), mit einer Spur Verzweiflung (GEH DOCH) oder aggressiv bzw. Mut machend (KOMM NUR). Durch die Kürze und Klarheit dieser Imperative bergen die Sätze eine primäre Kraft in sich, so dass unweigerlich die Sätze aus dem Prolog des Johannes-Evangeliums in den Sinn kommen. „Am Anfang war das Wort … alles ist durch das Wort geworden,/und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. … Und das Wort ist Fleisch geworden …“ (Johannes-Evangelium, Prolog 1,1-18). In den Bibelübersetzungen wurde λόγος in die deutsche Sprache übertragen. Logos ist jedoch mehr als das: Der griechische Begriff beinhaltet zahlreiche Bedeutungen, die über das eindimensionale deutsche „Wort“ hinausgehen. Logos bedeutet: Sprechen; die Rede, Sinn und Vernunft.

Geh's an

Ina Holitzka spielt mit einem solchen Denkraum, den ein Wort oder ein Satz ausfüllen kann. Allein das in mehreren Werkgruppen verwendete „Geh doch“ kann – je nach Tonfall – mal ermutigend, ablehnend, aufmunternd oder als Befehl aufgefasst werden. Im Text würden Satzzeichen den Ton angeben. Holitzka lässt sie weg, setzt ausschließlich Versalien. Sie eröffnet damit eine Bedeutungsvielfalt, die sie als fließend betrachtet. Der „STANDLÄUFER“, jener Teppich, den sie performativ eingesetzt hat, zeugt von dieser Bewegung im Sehen, Lesen und Denken, welche die Künstlerin von den BetrachterInnen einfordert. Ein Beschreiten zwingt zugleich dazu stehenzubleiben oder sich gar rückwärts zu bewegen, weil man beim Gehen nicht lesen kann, ein Umstand, den die Künstlerin zum Ausgangspunkt dieser Arbeit nahm.
Das Begreifen geschieht also im Wechsel von Gehen und Stehenbleiben. Die Füße fühlen dabei die Weichheit des Teppichs. Das Schreiten wird spürbar, so wie es Carl Andre, ein Vertreter der amerikanischen Bildhauerei des Minimalismus, mit seinen quadratisch ausgelegten Bodenarbeiten aus Metallplatten verlangte: Der Raum wird präsent beim Betreten der Platten mittels des metallischen Materials und als Ganzes akustisch erfahrbar durch das Klackern der Platten, wenn man über sie hinweggeht. Andre hat seine Werke im Kunstkontext präsentiert. Holitzka installiert sie nach Guerillaart in kunstfernen Außenräumen, „besetzt“ diese. Erst die Projektdarstellung erfordert eine Einbindung in einen Ausstellungsraum. Mit Fotografien dokumentiert sie diese Aktionen.

Verortungen im Gehen und Kommen

Die Künstlerin benutzt gerne das Wort „Verortung“. Ihre Installation im Neuen Kunstverein Aschaffenburg 2008 (Abb.) beinhaltete die Raumerkundung, die Werkgenese und die Präsentation im Raum. Der knarrende alte Boden, in den sich die Zeit eingegraben hat, sollte in das Werk integriert werden. Dünnes Seidenpapier wurde auf dem angefeuchteten Holz ausgelegt. Die Dielen hinterließen darauf nach der Trocknung ihre Spuren in Form und Farbe. Aus den später mit Abstand zur Wand angebrachten Papierabformungen wurden die Worte LOS KOMMKOMM NURKOMM MITKOMM HEIM und NIX GEHTLASS GEHNGEH DOCHGEHT DOCH ausgeschnitten und als Positivform daneben aufgehängt. Die Leerstellen der Buchstaben werfen – beim Vorübergehen – veränderliche Schatten auf die Wand. Objektwahrnehmung, Bildfläche, Licht, Schatten, Farbe bezeugen die Beweglichkeit der künstlerischen Idee.
Aus der Werkgruppe SIMILI PARZELLEN entstehen lichthaltige Fotografien dieser „Wortbilder“, die am Computer bearbeitet werden. Holitzka hat sie SIMILI POESIS genannt. Eine Weiterführung erfährt dieser Werkkomplex durch auf Bütten frei gemalte Farbflächen, in die wiederum Buchstaben-Cut-outs eingefügt wurden. Diese fotografiert die Künstlerin mitsamt ihren Schatten und entwickelt am Rechner erneut komplexe Bildformen, die an die Spiegelungen von Rorschach-Tests erinnern: SIMILI FLEX und SIMILI SUPER FLEX. Dieses Fließen, diese Flexibilität, die in allem verborgen liegt, öffnet Ina Holitzka hinein in einen neuen Denkraum über die einfache, von Schrift getragene Information hinaus.

Das Wort ist Bild bei Ina Holitzka keine graffitiähnliche Einbindung in die Bildfläche. Vielmehr unterstützt diese, z.B. durch ein Polyestervlies, den Eindruck, die Worte seien in die Wand eingemeißelt. Das Wort steht im Zentrum. Es ist Ausgangspunkt für ein Spiel. Die Text-Bild-Relation geht nicht zu Lasten der semantischen Bedeutung, sondern hebt sich in den neueren Fotoserien zugunsten der am Computer bearbeiteten Bilder auf. Die Künstlerin präferiert eine einfache appellative Sprache, die sie in der Futura, einer klaren serifenlosen Schrift, umsetzt. Holitzkas Werk zielt auf ein schnelles Verstehen und ein langes Nachfühlen. Auch die Nachbearbeitung deutet an, dass ihr Œuvre komplex ineinander verwoben ist. Es bilden sich Denkachsen über die verschiedenen Aussagen hinweg. Sie erfassen dabei auch verschiedene Werkgruppen.
Ina Holitzkas Schaffen vermittelt sich über reduzierte Raum- und Wandinstallationen. Das einzelne Objekt tritt – auch wenn es sich um eine eher verspielt wirkende Filzarbeit handelt und auch wenn die Künstlerin in den öffentlichen Raum eingreift – durch Konkretheit und Begreiflichkeit auf. Das Anschauliche des Bildes ist sofort präsent, der geistige Faktor des Wortes dehnt sich aus.

Kommentare


Gabriela Ristow-Leetz - ( 07-11-2013 04:16:55 )
Ina Holitzkas Arbeiten bereichern seit ein paar Jahren mein Leben und ich erfreue mich jeden Tag an ihren Arbeiten in den Räumen meines Forums Körper, Seele und Geist. Sie sind wunderbar dort verortet. Ich kann nur jedem einen Besuch ihrer Austellung "on the run" empfehlen.

Brigitte Kottwitz - ( 09-11-2013 11:10:31 )
Dieser Gang zu "on the run" lohnt sich und geht nicht in die Kategorie vergehlich. Hat viel Spass gemacht!

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erstellt am 05.11.2013

Ina Holitzka: Super-Flex.7, 2010, Inkjet-Print auf Alu-Dibond

Ausstellung

Ina Holitzka – ON THE RUN

Bis 28. November 2013

Im 33 Meter langen Flur des Frankfurter Kulturamtes

Kulturamt Frankfurt am Main
Brückenstraße 3-7, 1.OG Flur links
60594 Frankfurt am Main
Mo.-Fr. 10 bis 17 Uhr

Ina Holitzka: Installationsansicht Kulturamt Frankfurt, 2013

Katalog

Ina Holitzka

QUO VADIS continued…

Texte von Isa Bickmann, Beate Kemfert, Ludwig Seyfarth, Roland Wengenmayr und Ina Holitzka
Katalog deutsch und englisch
Flexcover, Fadenbindung, Farbschnitt. 96 Seiten
ISBN: 978-3-943619-21-8

Bestellung über:
KANN-Verlag, Frankfurt am Main

Ina Holitzka: Standläufer, 2010

Ina Holitzka, SIMILI POESIS, GEH DOCH II, 2009, Foto-Objekt, Inkjet-Print auf Alu-Dibond

Ina Holitzka, SIMILI-FLEX, NIX GEHT, 2010, Foto-Objekt, Inkjet-Print auf Alu-Dibond

Ina Holitzka, Installationsansicht Neuer Kunstverein Aschaffenburg, 2008

Ina Holitzka: „GO.GO“ & „COME“
Limitierte, unikatäre Auflagen-Objekte, 2 Motive je 15 Exemplare Papercut-out, Acryl auf Bütten, Nägel, Zertifikat, Montage-Anleitung, erhältlich über www.holitzka.com