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Walt Disney steht im Mittelpunkt einer Oper von Philip Glass, die im Januar 2013 in Madrid uraufgeführt wurde und nun auf DVD vorliegt. Thomas Rothschild zeigt, inwiefern man Disney als „perfekten Amerikaner“ bezeichnen kann und was ihn mit Philip Glass verbindet.

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Der perfekte Amerikaner

Von Thomas Rothschild

Am 22. Januar dieses Jahres wurde am Teatro Real in Madrid eine Oper von Phil Glass uraufgeführt, die nun, neun Monate danach, bereits auf DVD vorliegt. „The Perfect American“ handelt von Walt Disney und basiert auf dem biographischen Roman von Peter Stephan Jungk, der im Original „Der König von Amerika“ heißt.

Roman und Oper zeigen einen Mann, der einerseits für zahlreiche Menschen auf der ganzen Welt zum Idol wurde, dessen Filme eine Bekanntheit erreicht haben wie allenfalls noch die Filme von Charlie Chaplin. Mit dem Namen Disney war und ist bis heute die Vorstellung vom Zeichentrickfilm eng verbunden. Andererseits war der Mann, den jedes Kind mit Mickey Mouse, Donald Duck, Schneewittchen und Bambi assoziiert, ein eitler, machtbewusster, von Komplexen gebeutelter Reaktionär und so, wenn man will, tatsächlich der „perfekte Amerikaner“. 1966, kurz vor seinem Tod, sagt er voraus, dass Ronald Reagan, den er vom Demokraten zum Republikaner gemacht hat, einmal Präsident der USA werden würde. In der Oper tritt neben Andy Warhol auch Abraham Lincoln als sprechender oder vielmehr singender Automat auf. In der Auseinandersetzung mit ihm gibt Disney seine durch und durch rassistischen, gewerkschafts- und menschenfeindlichen Ansichten preis.

Peter Stephan Jungk erzählt seinen Roman aus der Perspektive eines Zeichners, der behauptet, die Figuren, die Disney zugeschrieben wurden, erfunden zu haben, erst bestohlen und dann entlassen worden zu sein. Diese Perspektive lässt sich auf der Bühne nicht beibehalten, aber dieser Dantine tritt als Figur auf – meisterhaft verkörpert von Donald Kaasch, der aussieht wie Harry Rowohlt.

Das Libretto von Rudy Wurlitzer folgt einer Dramaturgie der offenen Form. Szenen werden lose aneinander gereiht und ergeben in ihrer Summe einen Rückblick auf Stationen aus dem Leben eines Erfolgsmenschen, der sich (darin Citizen Kane vergleichbar) nach dem Ort seiner Kindheit zurück sehnt. Der Regisseur Phelim McDermott nutzt die Möglichkeiten des modernen Theaters, um die eher epische Handlung visuell attraktiv zu machen. Ständig herrscht Bewegung, auch wenn die Personen wie in einem Traum in Zeitlupe zu schreiten scheinen, der Raum verwandelt sich bei offenem Vorhang, ausgiebig werden Filmprojektionen eingesetzt, was bei diesem Thema nahe liegt.

Was sich Glass musikalisch hat einfallen lassen, ist eher schlicht. Die minimalistischen repetitiven Muster, die ihn einst populär machten, kommen zwar noch stellenweise vor, haben aber ihre Faszination verloren. An „Einstein on the Beach“, „Satyagraha“ und „Echnaton“ kommt „The Perfect American“ nicht heran. Gerard Mortier hat einmal mehr sein geschicktes Händchen bewiesen, als er Dennis Russel Davies einlud, das Orchester des Teatro Real zu dirigieren. Er ist der Glass-Dirigent par excellence. Aber auch er kann über die seichten Einfindungen des Komponisten nicht hinwegtäuschen. Vielleicht hat es ja auch seine tiefere Bewandtnis, wenn just er diesen Stoff gewählt hat: Phil Glass und Walt Disney verbindet eine unüberseh- und -hörbare Affinität zum Kitsch.

Mit Christopher Purves als Walt Disney, David Pittsinger als dessen Bruder Roy, Marie McLaughlin als seine Frau Diane, Rosie Lomas in der Doppelrolle der gespenstischen Erscheinung Lucy und des krebskranken Knaben Josh und Zachary James als Lincoln und als Feuerbestatter steht der Koproduktion mit der English National Opera ein kongeniales Ensemble zur Verfügung. Den Chor und eine Schauspielergruppe lässt der Regisseur als Zeichner in Disneys Company oder als Fantasiefiguren auf der Bühne herumgeistern. Mickey Mouse und Donald Duck sind nicht dabei. Wir wollen zu seinen Gunsten annehmen, dass das an seinem Konzept und nicht an fehlenden Lizenzen lag.

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erstellt am 04.11.2013

Philip Glass
The Perfect American
DVD
Opus Arte OA 1117 D

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