Kunst als Erfahrung für alle Sinne: brasilianische Künstler entwickelten seit den fünfziger Jahren eine Affinität zu begehbaren Rauminstallationen. Eugen El hat die beiden in Frankfurt laufenden Ausstellungen zu diesem Thema besucht.

ausstellungen

Erfahrungsräume.

Brasilianische Kunst in Frankfurt

Von Eugen El

Zu Yoko Onos Musik kann man ebenso tanzen wie auch Klavier spielen. Exzentrische Kleider anprobieren darf man und barfuß durch Sand laufen. Dazu höhlenartige Räume, Stofflandschaften, die alle Sinne ansprechen: Selten war die Kunst so einladend wie derzeit in zwei Frankfurter Ausstellungshäusern.

Dort lässt sich die Entwicklung der brasilianischen Kunst seit den fünfziger Jahren und ihre Affinität zu Rauminstallationen studieren. Im Museum für Moderne Kunst (MMK) ist das umfangreiche OEuvre von Hélio Oiticica (1937-1980) zu sehen, während die Schirn Kunsthalle einen Bogen von Oiticicas und Lygia Clarks frühen Installationen zu den komplexen Raumkonstruktionen der brasilianischen Gegenwartskünstler schlägt. Die Oiticica-Retrospektive im MMK ist die erste ihrer Art in Deutschland. Organisiert wurde sie – ebenso wie die Schau in der Schirn – aus Anlass des Brasilien-Schwerpunktes der diesjährigen Frankfurter Buchmesse.

Die Ausstellung im MMK beginnt mit Oiticicas Arbeiten aus den späten fünfziger Jahren: abstrakte Kompositionen und Farbstudien. Diese Periode seines Schaffens scheint von den europäischen Avantgarden der Zwischenkriegszeit, insbesondere vom Bauhaus, beeinflusst zu sein. Danach werden Oiticicas Kompositionen immer dynamischer. Die Formen suchen nun nach einer Balance, scheinen gleichzeitig aus dem zweidimensionalen Tafelbild herauszudrängen. Seit 1959 entstehen bemalte Skulpturen, die das Spiel der Formen erkunden und keinen Sockel brauchen: Sie werden an dünnen Schnüren an der Decke aufgehängt und geben vor zu schweben. Oiticica beginnt mit diversen Materialien zu experimentieren. Deren taktile Eigenschaften stehen im Mittelpunkt der neuen Arbeiten, die wiederum an die Materialstudien des Bauhaus-Vorkurses denken lassen.

In den sechziger Jahren beginnt Oiticica ganze Räume zu bauen, die er als ein Objekt begreift. Man könnte von Erfahrungsräumen sprechen. Der Betrachter ist zur Teilnahme aufgerufen, er soll nicht mehr passiver Rezipient der Kunstwerke sein. Doch scheint einigen dieser betretbaren, bespielbaren Arbeiten eine intellektuelle Dimension zu fehlen. Ohne Kenntnis des Kontextes verkommen sie zum Kinderspielplatz. Andere Installationen wiederum funktionieren als skulpturale, ästhetische Räume. Der Ausstieg aus dem Tafelbild bringt also einige Probleme mit sich. Das verwundert nicht, denn die Frage nach der Partizipation in der Kunst ist bis heute virulent.

An Oiticicas Pionierleistung knüpft die Ausstellung „Brasiliana“ in der Schirn an. Hier sind mehrere, bis auf eine Ausnahme betretbare Rauminstallationen jüngerer brasilianischer Künstler zu sehen. Sie alle wurden maßgeblich von Hélio Oiticica und Lygia Clark (1920-1988) geprägt. Die beiden Klassiker sind mit jeweils einer Arbeit ebenfalls in der Ausstellung vertreten.

Eine der gelungensten Arbeiten stammt vom 1964 geborenen Künstler Ernesto Neto. „Life ist a River“ heißt seine jüngst entstandene Installation, die aus zusammengenähten, bunten, von der Decke herunterhängenden Stofflandschaften besteht. Der so entstehende Raum erinnert an ein aufgespanntes Zelt. Dazu sind in sackartigen, hängenden Gebilden die Gewürze Kümmel, Kurkuma und Nelken untergebracht, die ein intensives Geruchserlebnis auslösen. Daran vorbeizukommen ist so gut wie unmöglich: Diese Installation ist im wörtlichen Sinne berauschend. Ihre organischen Formen tragen zur psychedelischen Atmosphäre bei. Für seine Installation „Parada dos Quasolitos“ hat Henrique Oliveira (geb. 1973) Sperrholz verwendet, das oft auch in Favelas, den brasilianischen Armenvierteln, zum Einsatz kommt. Entstanden ist ein klaustrophobischer Raum, der an eine Höhle oder eine expressionistische Filmkulisse denken lässt. Oliveiras wie auch Netos Arbeit könnte man auch im Zusammenhang mit den nicht erst seit Zaha Hadid in der Gegenwartsarchitektur verbreiteten organischen Strukturen sehen.

Zum Schluss kann man sich in eine der Hängematten legen, die zu Hélio Oiticicas Projekt „Cosmococas“ gehören. An die Wände werden Porträtfotografien projiziert, deren Konturen mit Kokain nachgezeichnet sind, dazu läuft Rockmusik. Diese Arbeit erinnert an die drogengeschwängerten Exzesse der siebziger Jahre. Im erläuternden Wandtext der Schirn Kunsthalle ist etwas verschämt von „diversen körperlichen Erfahrungen“ die Rede.

Dass die Kunst in Brasilien seit den Fünfzigern eine komplexe Entwicklung durchlaufen hat, lässt sich in den beiden Frankfurter Ausstellungen sehr gut nachvollziehen. Die Ursprünge dieser Entwicklung kommen ebenso zum Vorschein wie ihre problematischen Seiten. Doch auch die selbstbewusste Vitalität der brasilianischen Gegenwartskunst wird sichtbar. Die Erfahrungsräume sind inzwischen zu einem kulturellen Exportartikel geworden.

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erstellt am 01.11.2013

Hélio Oiticica in seinem Atelier in Rio de Janeiro, ca. 1965 Foto © Projeto Hélio Oiticica

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Hélio Oiticica, Metaesquemas, 1958. Installationsansicht MMK Museum für Moderne Kunst, Foto: Axel Schneider © MMK Museum für Moderne Kunst

Henrique Oliveira, Parada dos Quasólitos, 2013. Installationsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013. Foto: Norbert Miguletz

Hélio Oiticica / Neville D’Almeida, Cosmococa CC5–Hendrix War, 1973/2013 Installationsansicht Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2013 © Schirn Kunsthalle Frankfurt Foto: Norbert Miguletz