Marcel Ophüls' Dokumentarfilm »Das Haus nebenan« von 1969 trug in Frankreich wesentlich zur Eröffnung einer Debatte über die Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten im eigenen Land bei. Nun ist »Das Haus nebenan« auf DVD erschienen. Thomas Rothschild über einen Film, der den Zuschauer nicht zur Ruhe kommen lässt.

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Der Anti-Knopp

Von Thomas Rothschild

Eigentlich würde er viel lieber Spielfilme drehen wie sein Vater Max Ophüls. Man hat ihm dazu wenig Gelegenheit gegeben. Dafür wurde er einer der bedeutendsten Dokumentaristen der Filmgeschichte. Auf die Frage, ob er lieber Spielfilme machen würde als Dokumentarfilme, antwortete Marcel Ophüls: „Natürlich! Ich arbeite lieber mit Catherine Deneuve als mit alten Nazis.“ Als ihm die Münchner Kammerspiele aber anboten, eine Theaterregie zu übernehmen, schlugen sie ihm, wenig sensibel, Schnitzlers „Reigen“ vor. Dann eben doch Dokumentarfilme. Man will, bei aller Liebe, nicht bloß als der Sohn eines berühmten Vaters gelten.

Mit „Das Haus nebenan“, dessen französischer Originaltitel sehr viel poetischer „Le chagrin et la pitié“ („Das Leid und das Mitleid“) lautet, etablierte sich Marcel Ophüls 1969 im Pantheon der Dokumentarfilmer. Zugleich hat Ophüls mit diesem Film in Frankreich wesentlich zur Eröffnung einer Debatte beigetragen, wie sie in Österreich erst Jahre später die Waldheim-Affäre auslöste, und die Louis Malle fünf Jahre später mit seinem Spielfilm „Lacombe Lucien“ fortgeführt hat: über die Kollaboration mit den deutschen Nationalsozialisten im eigenen Land. Die Legende vom Volk, das geschlossen hinter der Résistance stand, war mit diesen Filmen ebenso zerstört wie später die Mär von Österreich als erstem Opfer Hitlers. Dass Ophüls' Film in Frankreich zwiespältig, ja feindselig aufgenommen wurde, kann nicht verwundern. Diese Wahrheiten wollte man nicht sehen und hören (und so ist es nur logisch, dass sich das Französische Fernsehen nicht an der Produktion beteiligt und den Film auch nicht ausgestrahlt hat). In Deutschland wiederum, so man den Film überhaupt wahrgenommen hat, fürchteten einige Wohlmeinende nicht ohne Grund, er könne jenen, die die Verbrechen der Nazis herunterspielen, relativieren wollten als Entlastung dienen: Seht her, auch anderswo, selbst in Frankreich gab es einfache Menschen und Politiker, die so dachten und handelten wie die Deutschen. Das Argument, wer keine Uniform oder wenigstens ein Armband oder eine Mütze trage, könne nicht als Partisan anerkannt werden, sondern sei schlicht ein Meuchelmörder, hört man nicht nur (1969!) von einem Deutschen im Film, sondern auch heute noch an Stammtischen und in anonymen Leserbriefen.

Und in der Tat: zur Hälfte widmet sich „Das Haus nebenan“ jenen Kollaborateuren in der Bevölkerung und in der Politik des Vichy-Regimes, deren Haltung sich nicht grundsätzlich von der deutscher Nationalsozialisten unterschied. Mit ihnen teilten sie den Antisemitismus, den Antibolschewismus, die Bereitschaft, den „Gegner“ zu vernichten und zu ermorden, den Traum von einem Großeuropa, dessen westlicher Brückenkopf Frankreich sein sollte.

Zur anderen Hälfte aber zeigt der Film den Widerstand in seiner Vielfalt, auch in seinen fragwürdigen Aspekten. Immerhin: was da dokumentiert wird unterscheidet sich schon gründlich von einer Geschichtsschreibung, die für den Widerstand in Deutschland selbst fast ausschließlich die paar aristokratischen Offiziere des 20. Juli vorzuweisen hat. Marcel Ophüls konzentriert sich auf die Umgebung von Clermont-Ferrand (daher der Untertitel: „Chronik einer französischen Stadt im Krieg“). Die sympathischsten Figuren sind zwei Bauern, Brüder, die in der Résistance gekämpft und einen hohen Preis dafür bezahlt haben. Apropos sympathisch: einige Personen des Film sind ziemlich unerträglich. Überraschend sympathisch aber ist Anthony Eden, der mehrmalige britische Außenminister und kurzzeitige Premierminister, der im Auftrag Churchills die Verhandlungen mit der Pétain-Regierung führte. Erstaunlich, wie einnehmend, nachdenklich und klug Politiker erscheinen können, wenn sie nicht mehr im Amt sind, wenn sie einem Filmemacher Auskünfte geben und nicht um Wählerstimmen werben müssen. Eine Klasse für sich ist Pierre Mendès France, der übrigens eine äußerliche Ähnlichkeit mit Egon Bahr aufweist. Er war gewiss eine der interessantesten und auch integersten Persönlichkeiten in der Politik des 20. Jahrhunderts, und er wird auch für den Film von Marcel Ophüls zum zentralen und vertrauenswürdigen Zeugen.

Marcel Ophüls arbeitet bereits in „Das Haus nebenan“ mit einer Kombination aus Archivmaterial und Interviews. Dabei bleibt er als Person noch stärker im Hintergrund als in seinen späteren Meisterwerken. Seine Ironie, die ihn wohltuend von Claude Lanzmann unterscheidet und die sich vor allem des Kontrasts von Bild und Ton bedient, ist hier bereits erkennbar, aber als Stilmittel noch nicht so massiv eingesetzt wie etwa in „The Memory of Justice“ („Nicht schuldig?“). Auch seine ungewöhnliche Fähigkeit, aus Gesprächspartnern Bekenntnisse „herauszukitzeln“, die diese lieber verheimlichen würden, kommt hier noch sparsam zum Einsatz – dann aber umso wirkungsvoller, etwa bei dem Kaufmann namens Klein, der ein Inserat in die Zeitung setzen ließ, in dem er darauf hinwies, dass er kein Jude sei.

Marcel Ophüls hat einmal an entlegener Stelle geschrieben: „Seit vierzig Jahren habe ich versucht die feigen Neutralisten anzugreifen, die sich auf ihre angebliche Toleranz berufen, um ihre eigene Feigheit und geistige Faulheit zu verbergen. Seit vierzig Jahren habe ich versucht den Begriff ‚Objektivität’, dieses stumpfsinnige Alibi für Mangel an Stellungnahme zu bekämpfen.“ Und er zitiert Jean-Luc Godard, der einmal gesagt hat: „Die Objektivität? Das ist fünf Minuten für Hitler und fünf Minuten für die Juden.“ „Objektiv“ in diesem Sinne ist „Das Haus nebenan“ gewiss nicht. Aber der Film ist, im englischen Verständnis des Wortes, „fair“ (wie es ganz vorbildlich auch Anthony Eden in seinen Antworten auf die Fragen von Marcel Ophüls ist). Er lässt selbst jenen, mit denen Ophüls nicht sympathisiert, nicht sympathisieren kann, ihre Würde. Und gerade deshalb ist der Film spannend wie ein Spielfilm. Er lässt einen nicht zur Ruhe kommen. Auch nach seinem Ende nicht.

Der Film ist jetzt 44 Jahre alt, aber nicht die Spur veraltet. Man möchte sich wünschen, dass er im Schulunterricht zum Standard gehörte. Darf man erwarten, dass ein deutscher Gymnasiast, ja selbst ein Student der Geschichte bei Vichy mehr assoziiert als allenfalls Mineralwasser? Schade, dass es offenbar nicht möglich war, für den deutschsprachigen Markt bei den deutschen Aussagen das französische Voice-over und die (aus dem Französischen rückübersetzten) deutschen Untertitel zu entfernen und den Originalton wiederherzustellen. Die Sprechweise liefert eine zusätzliche Charakterisierung der Befragten. Sie ist so nur fragmentarisch zu erahnen.

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erstellt am 31.10.2013

Das Haus nebenan
Dokumentarfilm von Marcel Ophüls
D/F/CH 1969
s/w, 240 Minuten auf 2 DVDs
absolut MEDIEN/arte EDITION 4009

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