Tribute to Lou Reed 2013

Lou Reed hat sich frühzeitig zur Kunstfigur gemacht, zum coolen Einzelgänger, der die Abgründe des Lebens nicht nur vom Hörensagen kennt. Sein musikbegleitetes Sprechen war die klanggewordene Essenz dieser Stilisierung. Nach seinem Ableben beleben sich die Erinnerungen an den Kult-Künstler. Klaus Walter hat seine aufgeschrieben.

Erinnerung an lou reed

Lou Reed interviewen

Von Klaus Walter – geschrieben im Herbst 2012

In Fachkreisen gilt ein Interview mit Lou Reed als die Königsdisziplin des Pop-Journalismus. Sich einmal im Leben von dem griesgrämigen alten Mann so richtig demütigen lassen. Danach kann einen nichts mehr erschüttern. Reeds Ruf: notorisch übellaunig, herablassend, cholerisch, despotisch. Dem Ruf wird er gerecht an diesem Novembersamstag in Frankfurt. Am Ende des Interviews droht er mir Prügel an. Aber fangen wir vorne an. Der Frankfurter Galerist Werner Lorke, selbst Fotograf, hat seinen Freund Reed für ein paar Tage nach Europa geholt, um seine Fotoarbeiten zu auszustellen. Sie stammen aus Reeds neuem Bildband “Rimes – Rhymes”. Rimes heißt Reime, aber auch Rauhreif, einige der Fotos zeigen hübsche Winterlandschaften mit rauhreifgezuckerten Bäumen. Lorke überredet Reed, mir ein Interview zu geben, ich möge mich bereithalten, am Samstagnachmittag vor der Eröffnung in der Galerie Frank Landau. Die Fragen sollten bitte vorher ans Management gemailt werden, Fragen zu seiner Vergangenheit seien nicht erwünscht. Am Mittag der Anruf, um halb drei könnte es klappen, ich solle mich erst mal dezent im Hintergrund halten, der Künstler habe keine gute Laune, Jetlag usw. In der Galerie bleibt noch Zeit, die Ausstellung anzuschauen, Reed ist noch nicht da. Zwei Dutzend Großformate, farbig und schwarzweiß, Porträts, Straßenszenen, Wolken, geschmackvoll, viel Patina. Dann kommt Reed, mit Lorke, einer Frau und einem Mann, seine Manager, wie sich herausstellt. Es wird laut. Fuckin´Shit, who the Fuck has done this shit? Fucks & Shits in Serie. Reed ist empört über die Hängung, das Licht ist Shit und überhaupt. Man versucht, ihn zu beschwichtigen. Neue Fotos werden ausgepackt, Abhängen, Aufhängen, Rumprobieren. Alle Anwesenden sprechen im Flüsterton, wenn Reed nach seiner Managerin verlangt, dann pfeift er kurz durch die schmalen Lippen und dirigiert sie mit dem Zeigefinger zu sich. Bei unserem ersten Blickkontakt versuche ich es mit einem freundlichen Hello, keine Reaktion. Reed ordert Diet-Coke, er schlurft mit seinen Bildern in der Hand durch den Raum, gebeugt, schmächtig mit Altersbauch, er hebt kaum die Füße, zerzaustes Haar, böser Blick. So geht das ein, zwei Stunden, alles wird neu gehängt, allmählich bessert sich die Laune. Ja, jetzt könnte das Interview losgehen. Reed am Tisch, neben ihm die Managerin, hinter ihm der Manager. „Guten Tag Mr. Reed, freut mich sehr, ich bewundere Ihre Arbeit.“ Stummes Nicken. „Haben Sie keinen Mikrofonständer?“ Nein. Wie anfangen? Ob er in New York unter Sandy zu leiden hatte, das könnte ein Einstieg sein. Er verzieht das Gesicht, die Augen, Schlitze hinter der runden Nickelbrille, genervt: „Oh please, gimme a break.“ Einstieg missglückt. „Haben Sie keine Fotos von dem Sturm gemacht?“ Pause. “Doch.“ “Was für Fotos?” Pause. “Von Sandy.” Man solle besser nicht gleich über Musik reden, sondern über die Fotos, hatte die Managerin geraten. Ist er als Fotograf Autor? So, wie er als Songwriter Autor ist? „Darüber habe ich nie nachgedacht.”
“Können Sie Ihre Arbeitsweise als Fotograf beschreiben?“
“Nicht wirklich.” Die Antworten kommen verzögert, fast tonlos, der schmale Mund gibt selten den Blick frei auf das imposante Gebiss: die untere Zahnreihe schillert dunkel, Anthrazit-Metallic. Wie er seine Fotomotive findet? „Alles, was interessant ist.“ Interessant.
Der Titel der Ausstellung “Rimes – Rhymes”, Reime, Rauhreif, Reime, die doppelte Bedeutung, was hat es damit auf sich?
„Wegen der Beziehungen der Fotos untereinander.“
„Welche Art der Beziehungen?“
„Rhymes (Rimes).“
„Können Sie das erläutern?“
„Nein.“
„Was ist der wichtigste Unterschied zwischen Songwriting und Fotografieren?“
„Keine Ahnung.“
„Es gibt keine Beziehung zwischen Ihrer Arbeit als Musiker und der als Fotograf?“
“Nein.”
So geht das immer weiter. Bis wir auf Jack Smith kommen. Der New Yorker Avantgarde-Filmer Smith, Warhols Zeitgenosse und Schwester/Bruder in Geist und Fleisch, wird dieser Tage in Frankfurt mit einem Festival gewürdigt. Smith, der Pionier des sogenannten Queer Cinema, zeigt schon in den frühen Sechziger Jahren rauschhafte Bilder von polymorphen Sexualitäten jenseits der Hetero-Norm und löst damit Skandale aus. Bei Lou Reed löst der Name Jack Smith einen Euphorieschub aus. Und einen Redeschwall.
„Ich habe gerade eine Smith-Ausstellung in New York gesehen. Komisch, diese Zeit, damals wurde er verhaftet für seine Kunst, heute läuft sie in einer Galerie in Frankfurt, amazing.“
„Wie war Ihre Beziehung zu Jack Smith?“
„Ich hatte keine.“
„Sie kannten ihn nicht persönlich?“
„Nein, nicht persönlich, ich habe beobachtet, was er tat, ich habe sie alle beobachtet.“
„Was fasziniert Sie an Jack Smith?“
„Man muss nur sehen, wie sie diese Filme gemacht haben mit den Mitteln, die sie zur Verfügung hatten. Wie sie die Kamera einsetzen, was sie mit den Farben machen, mit den Kostümen, mit dem Licht.“ Reed schwärmt, das Eis ist gebrochen. Also, die Gunst des Augenblicks nutzen und Antony ins Spiel bringen. Der Sänger mit der Engelsstimme ist ebenfalls Fan von Jack Smith und einer der großen Protagonisten des queeren Pop von heute. Also verbinden wir Antony und Fotografie mit einem Zitat: “We live together in a photograph of time.” Reed: „Wer hat das gesagt?“ – „Sie kennen ihn.“ „Wer?“ – „Antony.“ “Oh, Antony, he´s an amazing singer.” Ja, Antony ist ein erstaunlicher Sänger, Reed hat ihn protegiert, manchmal singt der Junge die Songs des Alten. „Was empfinden Sie, wenn Antony Ihre Lieder singt, mit dieser femininen Stimme, die so ganz anders ist als Ihre? Ist das ein musikalisches Crossdressing, eine Verkleidung der Geschlechter?“
Reed, angeekelt: “What? No! Nicht im Entferntesten.“ Warum so gereizt? War nicht Lou Reed „der Typ, der Heroin, Speed, Homosexualität, Sadomasochismus, Mord, Frauenhass und Selbstmord mit Würde und Poesie und Rock’n’Roll versehen hat.“ So hat es der Kritiker Lester Bangs mal formuliert, Zeit seines Lebens war er Reed in Hassliebe verbunden. Heute reagiert Reed, der „Transformer“, der Pionier der abweichenden Sexualität auf Genderfragen so aggressiv indigniert wie manch ein 12-Jähriger auf die Frage: bist du schwul oder was? Lou Reed ist sauer, auch egal: „Haben Sie sich eigentlich nie als queeren Künstler verstanden?“
„As a queer Artist? You want the interview to end now?” Der Ton wird schärfer.
Nein, ich möchte nicht, dass das Interview abgebrochen wird. Dann sollte ich gefälligst nicht mehr solche Fragen stellen. “Don´t ask me questions like that or next time I´ll hit you.” Hat er wirklich schlagen gesagt? Der Mann ist siebzig, gebrechlich, könnte mein Vater sein, einen Kopf kleiner, 40 Pfund leichter. Und der droht mir Prügel an? Nächste Drohung: Nicht mehr solche Fragen oder: “You can fuck yourself!“ Dann wolle er bestimmt auch keine Fragen über die Bedeutung seiner jüdischen Herkunft für seine Kunst…“No!“ Reed steht auf. Vielen Dank für das Gespräch. „You won´t hit me, you asshole!“, kann ich mir nicht verkneifen. „Wie weit willst du das noch treiben?“, gibt er zurück. Und verschwindet mit Entourage.

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erstellt am 29.10.2013

Lou Reed
Lou Reed

Ein Lou-Reed-Interview 1974