Die Zeiten der klaren sprachlichen Identität sind vorbei! Mehrsprachigkeit ist alltäglich geworden. In neuen Büchern verabschiedet sich der Germanist Karl-Heinz Göttert von der Muttersprache, plädiert der Sozialethiker Philippe Van Parijs für eine Weltsprache und beschreibt der Slawist Uwe Hinrichs ein phantomatisches Multikultideutsch. Stefana Sabin kommentiert ihre Positionen.

Body of Knowledge, Foto: Alexander Paul Englert
Body of Knowledge, Foto: Alexander Paul Englert
buchkritik

Auf dem Weg zur Mehrsprachigkeit

Von Stefana Sabin

In Brasilien geboren, in Panama aufgewachsen, in Deutschland zum Fußballstar gereift, ist Kevin Dennis Kurányi Rodríguez ein prominentes Beispiel für moderne Transnationalität. Er hat drei Staatsangehörigkeiten und beherrscht ebenso viele Sprachen, und weil er seit einigen Jahren bei Dynamo Moskau spielt, kann er inzwischen ein bisschen Russisch. Seine Kinder, erzählte Kurányi einmal, lernen Englisch in der Schule, sprechen Russisch mit den anderen Kindern, Spanisch in den Ferien und Deutsch zu Hause mit den Eltern.

Kurányi und seine Kinder verkörpern eine Entwicklung zur gelassenen Mehrsprachigkeit, die der emeritierte Kölner Germanist Karl-Heinz Göttert in seinem neuen Buch beschwört. Göttert, Spezialist für Rhetorik und darüber hinaus Autor von historischen Kriminalromanen und Orgelführern, hat schon in seinem Bestseller „Deutsch. Biographie einer Sprache“ (2010) die herkömmliche Verbindung von Sprache und Nation, also von Muttersprache und Vaterland, für überholt und Deutschland zum mehrsprachigen Land erklärt. Nun postuliert er im Titel seines neuen Buchs: „Abschied von Mutter Sprache.“

Denn die globalisierte Welt zerstöre traditionelle Zugehörigkeiten und fördere veränderte Verhaltensmuster, die den neuen Kommunikationsformen gerecht werden. „Man muss sich,“ so Göttert, „von einer ebenso simplen wie verführerischen Lösung verabschieden: dass der Mensch ein einsprachiges Wesen ist, genährt von Vater Land und Mutter Sprache.“ Göttert erinnert daran, dass sich die Welt immer wieder einer Lingua franca bedient hat – Griechisch in der Antike, Latein im Mittelalter, Französisch im 17. Jahrhundert, Italienisch als höfische Sprache im 18. Jahrhundert, Niederdeutsch als Sprache der Hanse – und mit statistischen und linguistischen Argumenten demontiert er nationalistische Tendenzen, die vor der Unterwanderung der Muttersprache durch Fremdwörter, vor ihrem Untergehen in einer Mischsprache oder gar vor Sprachimperialismus warnen. „Das Schmieröl der Weltgesellschaft ist die gemeinsame Sprache,“ und das ist heute Englisch bzw. „schlechtes Englisch,“ wie der britische Linguist David Crystal die neue Weltsprache definiert hat.

Tatsächlich finden 80 Prozent aller englischsprachigen Kommunikationsvorgänge ohne Muttersprachler statt – das heutige Weltenglisch ist, wie seinerzeit Latein im Mittelalter, eine Sprache ohne Volk und ohne Land, eigentlich für die Mehrheit ihrer Sprecher eine Zweitsprache, die neben einer Muttersprache und/oder einem Dialekt gesprochen wird. Dieser sprachlichen Realität versuchen manche staatlichen Maßnahmen entgegenzuwirken, allerdings wenig erfolgreich, wie Göttert immer wieder beteuert. Er vertraut auf die natürliche Lebendigkeit der Sprachen und auf die praktische Kreativität der Sprecher und plädiert für einen gelassenen Umgang mit einer Mehrsprachigkeit, die nicht mehr zu verhindern sei. „Die Welt,“ schreibt Göttert, „wird in unseren allernächsten Nähe mehrsprachiger auch jenseits der Lingua franca.“

Im Netz findet Göttert die Bestätigung seiner These von dieser gelassen integrativen Mehrsprachigkeit: Das „Nebeneinander von globalen und nationalen, von kosmopolitischen und regionalen Tendenzen“ gilt ihm als „normaler Vorgang der Modernisierung.“ Aber zu dieser Modernisierung gehört auch, wie Göttert ausgiebig und leider umständlich beschreibt, die Etablierung des Englischen als „Leitwährung“ der heutigen Migrantengesellschaft – und also die gleichzeitige Degradierung der anderen Sprachen und Dialekte zu „Reservewährungen.“ So sind die Sprachen eben nicht „gleich wichtig“, wie er auch immer wieder behauptet, sondern eine ist wichtiger als alle anderen.

Diese Ungleichheit der Sprachen, also die Ungleichheit zwischen einer Weltsprache Englisch und allen andern Sprachen, würde eine Weltsprache, die alle sprechen, beseitigen, behauptet der belgische Sozialethiker Philippe Van Parijs in seinem flüssig übersetzten Buch „Sprachengerechtigkeit.“ Van Parijs, der den Hoover-Lehrstuhl für Ökonomie und Sozialethik an der Université catholique de Louvain und eine Gastprofessur für Philosophie an der Harvard-Universität inne hat, plädiert für eine Weltsprache, die die wirtschaftliche, politische und intellektuelle Kommunikation erleichtert und allen den Zugang zum Arbeitsmarkt und zu den Ressourcen der Welt ermöglicht. „Wir brauchen eine Lingua franca, und zwar nur eine einzige,“ schreibt Van Parijs, „wenn wir in der Lage sein wollen, effiziente und faire Lösungen für unsere gemeinsamen Probleme in europäischem und globalem Maßstab auszuarbeiten und umzusetzen.“

Van Parijs beschreibt drei Ungerechtigkeiten, die überwunden werden müssen, damit die Welt (sprach)demokratisch werden kann: die Last des Englischlernens für Nichtenglischsprachige, die besseren Chancen Englischsprachler auf dem zu­nehmend transnationalen Arbeitsmarkt und die zunehmende Bevorzugung der „Muttersprache einer Untergruppe der europäischen bezie­hungs­weise der Weltbevölkerung.“ Wenn es gelingt, diese drei Ungerechtigkeiten zu beseitigen, „kann man es ohne Empörung oder Verbitterung ak­zeptieren, dass sich Europa und die Welt zunehmend aufs Englische verlegen.“ Die Weltsprache, so Van Parijs, würde Sprachengerechtigkeit hervorrufen und nebenbei für einen demokratischeren sozialen Umgang sorgen.

Dass die Ausbreitung des Englischen nicht aufzuhalten ist, betonen sowohl Göttert als auch Van Parijs – und belegen mit unzähligen Statistiken und Beispielen, die den Lektürefluss erschweren, einen Sachverhalt, den niemand in Frage stellt. Dagegen kann man beider Vorstellung von einem Nebeneinander der einen Weltsprache und den Nationalsprachen, die gegebenenfalls geschützt werden sollen, in Frage stellen. Denn beide scheinen nicht, oder nicht genug, zu bedenken, dass auch die koopera­tiv­ste bzw. integrativste Zwei- oder gar Mehrsprachigkeit zu einer schleichenden, aber stetigen Beeinflussung der Einzelsprachen durch die Weltsprache und schließlich zum deren Untergang führt – und damit den Zugang zu der Kultur, die sie jeweils gespeichert hatten, verschließt. Auf Dauer würde eine allgemeine, gesellschaftlich sanktionierte Zweisprachigkeit von Weltsprache und Nationalsprache bedeuten, dass alle gewichtigen Themen in Englisch verhandelt werden und die anderen Sprachen – ob Nationalsprache oder Dialekt – nur noch für die sogenannten F-Bereiche, also für Familie, Freunde, Freizeit und Folklore, überbleiben. Schon jetzt lassen sich ganze semantische Bereiche in nichtenglischen Sprachen nicht mehr ausdrücken. Das mag im ökonomischen Sinn gerecht sein, wie Van Parijs behauptet, aber würde zugleich eine kulturelle Verarmung nach sich ziehen.

Inwieweit die Migrantensprachen die Standardsprache verändern und wie sich diese Veränderungen auf den Kontakt zwischen Standardsprache und Weltsprache auswirkt, versucht der Leipziger Slavist Uwe Hinrichs aufzuzeichnen. Auch für Hinrichs ist Deutschland längst ein Mehrsprachenland – ein Land also, in dem neben Deutsch viele andere Sprachen gesprochen werden. Unter dem Einfluss dieser anderen Sprachen, meist Migrantensprachen, verändert sich die Standardsprache Deutsch „schneller und nachhaltiger“ als je zuvor, behauptet Hinrichs. Ausgehend von einem Artikel, den er im Frühjahr 2012 im Spiegel veröffentlich hatte, gibt Hinrichs in seinem Buch „Multi Kulti Deutsch“ einen Überblick über diese „nachhaltige“ Veränderung der deutschen Sprache.

In leichtverständlicher, wenn auch glanzloser Prosa beschreibt Hinrichs die Kontakte zwischen den verschiedenen Sprachen in Deutschland und führt in die Eigenarten des Türkischen, Arabischen, Russischen, Polnischen, Jugoslawischen (unter diesem politisch überholten Begriff fasst er das Serbische, Kroatische und Bosnische zusammen, die nur Varianten voneinander sind) und anderen Balkansprachen. Unter der Überschrift „Migrantendeutsch“ stellt Hinrichs die Varianten des Deutschen vor, die, angefangen beim Gastarbeiterdeutsch der 1970er Jahre, in den Migrantenmilieus entstanden sind: Türkisch-Deutsch, Russisch-Deutsch, sog. „Kiezdeutsch“.

Aber den Beweis dessen, was der Untertitel „Wie Migration die deutsche Sprache verändert“ postuliert, bleibt Hinrichs schuldig. Denn seine Beispiele für „Veränderungen im Deutschen“ sind zufällig, jedenfalls nicht symptomatisch und schon gar nicht systematisch. Unflektierte Formen wie „dem Präsident“ gibt es seit langem und haben nichts mit dem Einfluss von Migranten zu tun – vielleicht nehmen sie zu, und das wäre dann eine mit Migrantensprachen, die keine analoge Flexion kennen, „kongruente“ Entwicklung, aber auch diese Kongruenz wäre erstmal zu beweisen. Ausdrücke wie „mehr interessanter“, die „Finanzmarkte“ oder „der Radio“ kommen vielleicht vor, denn mündlicher Sprachgebrauch ist voller Fehlleistungen, aber mit einer Veränderung des Standards hat das in den wenigsten Fällen etwas zu tun. Solche Fehlleistungen mögen in den Migrantensprachen Parallelen haben – ihre Wurzeln haben sie dort nicht.

So ist die Sprache, in der ein reger Präpositionenaustausch stattfindet, die Endungen rabiat verschwinden und eine lustige Artikelkonfusion herrscht, weniger ein reales Multikultideutsch, wie Hinrichs behauptet, als ein Phantomdeutsch, das in der Werbung geschickt benutzt wird, aber keineswegs die Standardsprache verändert. Denn die Standardsprache erträgt den Beschuss von Migrantensprachen ebenso gut wie den Einfluss der Weltsprache.

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erstellt am 29.10.2013

Karl-Heinz Göttert
Abschied von Mutter Sprache
Deutsch in Zeiten der Globalisierung
Gebunden, 368 Seiten
ISBN: 978-3-10-029715-0
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013

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Philippe Van Parijs
Sprachengerechtigkeit – für Europa und die Welt
Aus dem Englischen von Michael Adrian und Nikolaus Gramm
Gebunden, 445 Seiten
ISBN: 978-3-518-58595-5
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013

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Uwe Hinrichs
Multi Kulti Deutsch
Wie Migration die deutsche Sprache verändert
Klappenbroschur, 304 Seiten
ISBN 978-3-406-65630-9
C. H. Beck, München 2013

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