Was passiert, wenn man nach dem besten Buch noch ein besseres schreibt? Brigitte Kronauer hat einen genauen Blick auf die Gegenwart geworfen und ihre Beobachtungen mit heiterer Gelassenheit in ihren Roman „Gewäsch und Gewimmel“ einfließen lassen. Otto A. Böhmer bewundert das Buch.

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Brigitte Kronauer: Gewäsch und Gewimmel

Von Otto A. Böhmer

Als wir der Büchner-Preisträgerin Brigitte Kronauer zu ihrem runden Geburtstag (2010) ein Würdigungsständchen brachten, war hier (u.a.) folgendes zu lesen: „Brigitte Kronauer, wir dürfen das so ungeschützt sagen, steht einzigartig da in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Was sie macht, macht kein anderer; sie erzählt, unaufgeregt und ergiebig, sie horcht Sprache aus bis in letzte Winkel, lässt Momente aufschimmern, gibt ihnen Halt; ja, sie betreibt sogar ihre eigene Schule des Sehens, in dem der zweite, der durchdringende Blick gelehrt wird, der das Wesentliche sucht hinter jeglicher Erscheinung. Daß diese großartige Schriftstellerin jetzt angeblich 70 (!) geworden ist, kann keiner, der sie kennt, glauben. Wir glauben es auch nicht, gratulieren aber von Herzen und wünschen viel Gutes für die nächsten siebzig Jahre.“ Glauben wollten wir damals auch nicht, dass Brigitte Kronauer noch bessere Bücher schreiben würde, als sie vorher schon abgeliefert hatte, aber damit liegen wir nun, wie sich zeigt, komplett daneben. Die Autorin kann nämlich, nachzulesen in ihrem neuen Buch Gewäsch und Gewimmel, immer noch zulegen, was ihre Verächter (doch, die gibt es auch!) ärgern dürfte, ihren Verehrern indes Sorge bereitet, denn wer zuvor schon nach Kräften verehrt hat, kommt mit der Bewunderung kaum noch nach.

Der Titel von Kronauers Roman klingt zunächst etwas irritierend, scheint er doch eine Stimmungslage anzusprechen, die vor allem den elitäreren Zeitgenossen befällt, wenn der sich, meist schlecht gelaunt, von höherer Warte aus über das menschlichen Tun und Treiben beugt, das er für eine Massenveranstaltung mit peinlichem Mitteilungs- und Verbreitungsdrang hält. Wer davon nicht belästigt werden möchte, hat keine echte Alternative; ihm bleibt nur sein angeblich besseres Wissen und der wehrhafte Rückzug vor den Zumutungen von Unterdurchschnitt und Wahn. Brigitte Kronauers Roman ist jedoch alles andere als menschenunfreundlich, im Gegenteil: Eine heitere Gelassenheit zeichnet ihn aus, eine mal komische, mal wehmütige Kenntnisnahme der irdischen Bemühungen, zu denen wir uns immer wieder aufraffen, weil das Leben nun mal, inmitten der Selbstvermarktung, die wir mit unserem Gewäsch und Gewimmel betreiben, prekär und lebenswert ist. Viele Personen kommen in diesem Buch zu Wort, sie erzählen, fast immer in hellen, anrührenden Miniaturen, Geschichten vom Glück und vom Scheitern, von Hoffnungen und Enttäuschungen, vom Altwerden und Jungbleiben, von den Irritationen und Rätselspielen, denen unsere wackere Wahrnehmung und das Nachdenken über die ersten und letzten Dinge des Daseins ausgesetzt sind. Zufluchtsort all dieser Personen ist die Praxis der Bewegungstherapeutin Elsa Gundlach, einer noch jungen Frau mit großem Herzen und, letztlich, nicht ganz unerschöpflichem Interesse an ihren Patienten, die bei ihr, unter dem lösenden Zugriff heilender Hände, ins Reden kommen und mehr von sich erzählen, als sie für richtig halten. „Für Elsa …ist“ ihr „Kabinettchen immer gefüllt. Sie sieht sie alle dasitzen, den noblen Herrn Brück und die kleine Ilse, Herrn Fritzle (Rosennarr, Schachspieler, auch ehemaliger Holzkaufmann, der im Ratzeburger Goldachter dabei war), Jan Sykowa mit dem großen Kopf, den fröhlichen Bergwanderer Herbert Wind, den tapfer kämpfenden Alex und die verschlossene Eva Wilkens, die rotzfreche Katja, Martha Bauer, Herrn Pratz, berühmt und launisch, und die anderen, deren Namen sie vergessen oder gerade nicht parat hat. (…) Elsa sieht sie vor sich mit ihren Verspannungen und Verkrampfungen … Sie zeigen sich mit Reifen und Theraband, auf dem großen Ball wie der Baron Münchhausen durch den Raum hüpfend (etwa der Geistliche Clemens Dillburg) und auf dem Rücken … Elsa sieht die Wehleidigen und die Ehrgeizigen, die, die resignieren und die, die durchhalten werden.“ Wenn die jeweilige Therapiestunde vorbei ist, muss sich Elsas Kundschaft wieder im Alltag bewähren, der, wie wir wissen, nicht nur der Feind der Liebenden ist, sondern auch die Dichterin Brigitte Kronauer zu Beschreibungen anregt, in denen sich der Leser wiederfindet, dem gar nichts anderes übrig bleibt, als sich mit dem Personal, das da vor ihm aufmarschiert, anzufreunden, auch wenn ihm manches zunächst etwas befremdlich vorkommen mag. Und noch etwas erlaubt der Roman dem Leser: Er darf sentimental sein, sich amüsieren, Freundschaften schließen und Abneigungen pflegen, er kann sich seine Lieblinge aussuchen und solche, die beträchtliches Talent entwickeln, ihm auf die Nerven zu gehen – genau so wie im wirklichen Leben, das zur Redewendung geworden ist, sich aber locker zu behaupten weiß, und sei’s eben nur im wiederkehrenden Auftrieb von Gewäsch und Gewimmel. Zu den Lieblingen, die man findet, gehören beispielsweise die meist munteren Ruheständlerinnen Herta und Ruth, die sich darauf verstehen, Bosheiten auszutauschen, bevorzugt gegen andere, aber, da ihre langjährige Freundschaft gelegentlich in Abneigung umschlägt, gern auch der Freundin eins mitgeben: „Liebe Herta, – stimmt es, dass Dein Vater Leiter einer ländlichen Volksschule war, ein Rektor, der sich aber nicht ganz korrekt verhielt? Ist es wahr, dass er sich von einem befreundeten Bürowarenhändler regelmäßig die Lieferung großer Mengen Schreibmaterialien quittieren ließ, ohne dass die jemals beim Kollegium oder den Schülern angelangt sind? Und ist das bloß deshalb nicht öffentlich geworden, weil er schon mit 44 Jahren an einem Gehirnschlag gestorben ist? Ganz herzlichst Deine Ruth“

Der heimliche König im Gewäsch und Gewimmel ist der erfolgreiche Schriftsteller Pratz, ein vorbildlich eitler Schreiberling, der auf längst abgelegte Glanzleistungen zurückblicken kann, zugleich aber miterleben muss, dass sein einmal zementierter Ruhm keine nennenswerten Kratzer mehr abbekommt, denn seine Fangemeinde steht zu ihm, und der Literaturbetrieb möchte einen wie ihn nicht missen. Entsprechend ist die Weltsicht, die „the one and only Pratz“ pflegt; an seinen Verleger schreibt er: „Immenstadt. Was kotzen sie mich an, diese weiblichen und männlichen Klageweiber der Literatur, diese Preisgeldesel, die sich mit prall von Zaster gefüllten Taschen immer weiter ohne Scham zu Fachleuten in Leid und Verfolgung ausrufen! (…) Ich selbst habe beim Kassieren wenigstens keine Tränen vergossen. In diesem Sinne eisern: Pratz. (…) P.S.: Sie haben mir auf Ihre schlaue, gerissene, ruchlose Weise die meisten Preise verschafft … Trotzdem sind Sie ein Arsch! Ich habe mich durch Sie, von Bücherherbst zu Bücherherbst gründlicher, verarschen und verderben lassen. Nochmals: Pratz, ebenfalls Arsch.“

Brigitte Kronauers Gewäsch und Gewimmel ist ein wunderbares Buch, ein Kompendium der Weltweisheit, das den Witz kennt und die stille Verzweiflung und von Höhenflügen berichtet, die, angesichts hiesiger Haftungsbedingungen, gar nicht gut gehen können, was uns aber nicht schrecken sollte, denn manchmal, in ausgesuchten Momenten, wächst uns eine seltsame Siegessicherheit zu, die es – erfolglos, versteht sich – festzuhalten gilt. Und, nicht zu vergessen: auch als Lehrbuch für poetische Naturbeschreibungen aller Art lässt sich Kronauers Roman lesen: „Mit dem September begann die Zeit der maßlosen Räume über den Weiden und dem hochstehenden Mais hier draußen, gleißend unter finsterem Himmel, der Wind tobt in den Eichen. Es ist ein großer Anblick, wenn sich unter dem Sommer die nächste Jahreszeit regt. Ich kenne die Signale. Erste Strähnen in den Bäumen und ein dauerhaft goldener Schein, unabhängig vom Licht. Die Dämmerungen schieben sich sachte, sacht nach vorn.“

In Brigitte Kronauers Schillerrede, die sie im Oktober 2010, zwei Monate vor dem eingangs erwähnten runden Geburtstag hielt, heißt es: „Es muß in der Kunst etwas Sich-Entwickelndes geben, etwas Fortschreitendes, Eroberndes. Die Gattung Roman ist etwas, was der Autor mit jedem frischen Projekt überprüfen muß, ohne ein Gramm nur aus Höflichkeit oder Geschäftsmäßigkeit mitgeschlepptem Ballast.“

Drei Jahre später können wir sagen: Wohlan, es ist gelungen.

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erstellt am 29.10.2013

Brigitte Kronauer
Brigitte Kronauer

Brigitte Kronauer
Gewäsch und Gewimmel
Roman
Gebunden mit Schutzumschlag, 615 Seiten
ISBN: 978-3-608-98006-6
Klett-Cotta, Stuttgart 2013

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