Vor 50 Jahren begann in Frankfurt der erste Auschwitz-Prozess. Zwar konnten insgesamt nur wenige Täter vor Gericht gestellt werden, doch führten die Aussagen der Opferzeugen das verbrecherische Geschehen in den Lagern der Öffentlichkeit deutlich vor Augen. Dies betont Werner Renz in seinem Vorwort zur Neuauflage von Bernd Naumanns Prozessbericht.

Frankfurter Auschwitz-Prozess
50. Jahrestag der Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Der Auschwitz-Prozess

Von Werner Renz

Im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und seinen 40 Nebenlagern verrichteten in der Zeit von Mai 1940 bis Januar 1945 circa 8000 SS-Männer und rund 200 SS-Aufseherinnen und »Nachrichtenhelferinnen« (SS-Gefolge) ihren »Frontdienst« für »Führer, Volk und Vaterland«. Anfang 1942 wurde Auschwitz-Birkenau zum Todeslager ausgebaut, ab Frühjahr 1942 rollten Sonderzüge der Deutschen Reichsbahn mit Juden aus ganz Europa nach Auschwitz. Die vom Reichssicherheitshauptamt der SS in Berlin organisierten Transporte waren Züge in den Tod. Alte, Kranke, Mütter mit Kindern wurden von der Ankunftsrampe weg direkt ins Gas verbracht, »arbeitsfähige« Männer und Frauen zur Vernichtung durch Arbeit ins Lager eingewiesen. Mit Beginn der Massenmorde in Auschwitz förderte jeder SS-Angehörige durch seine Tätigkeit die im Todeslager verübte Haupttat: die fabrikmäßige Vernichtung von Menschen.

Etwa zehn Prozent des SS-Personals von Auschwitz wurden strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. In der Volksrepublik Polen hatten sich rund 670 Angeklagte zu verantworten, vor alliierten Militärgerichten waren es ein paar Dutzend. Die meisten der vor amerikanische, britische und französische Tribunale gestellten vormaligen SS-Angehörigen wurden überwiegend für Taten belangt, die sie in anderen Konzentrationslagern (Dachau, Mauthausen, Bergen-Belsen, Natzweiler) begangen hatten.

Vor bundesdeutschen Gerichten standen etwa 60 Auschwitz-Täter, davon 43 SS-Angehörige und 15 Funktionshäftlinge. Neun einstige SS-Männer und fünf ehemalige Häftlinge wurden als Mörder zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die übrigen Angeklagten kamen als »Gehilfen« mit zeitigen Zuchthausstrafen davon, wurden freigesprochen oder die Verfahren endeten mit Einstellung. Zwei Urteile erlangten keine Rechtskraft.

Als Ende der 1950er Jahre erstmals systematische Ermittlungen gegen Auschwitz-Personal durch die Staatsanwaltschaft bei dem Landgericht Frankfurt am Main durchgeführt wurden, konnten über 1000 Namen von SS-Leuten, vorwiegend auf der Grundlage von amerikanischen »Kriegsverbrecherlisten«, ermittelt werden, die verdächtig waren, in Auschwitz Tötungsverbrechen begangen zu haben. Die Frankfurter Strafverfolger hatten in der Regel nur Nachnamen, Dienstrang und Dienststellung. Geburtsdaten und Angaben über den Wohnort fehlten nahezu vollständig.1

Als die Frankfurter Staatsanwaltschaft nach zweijährigen Ermittlungen Mitte 1961 gegen 24 Beschuldigte Antrag auf Eröffnung der gerichtlichen Voruntersuchung stellte, trennte sie gegen weitere 839 Beschuldigte das Verfahren ab und leitete gegen die meisten eine neue Untersuchungssache ein.

Die seit Mitte 1959 unternommenen Anstrengungen der Frankfurter Anklagebehörde, sogenannte Komplexverfahren gegen Auschwitz-Personal durchzuführen, endeten mit einem wenig zufriedenstellenden Resultat. Im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965) standen 22 Angeklagte vor Gericht, von denen zwei im Verlauf des Verfahrens wegen Verhandlungsunfähigkeit ausschieden. Im 2. Frankfurter Auschwitz- Prozess (1965–1966) hatten sich drei vormalige SS-Angehörige zu verantworten.

Wilhelm Burger, der Leiter der Abteilung Verwaltung in Auschwitz, wurde zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, der Angehörige der Lagergestapo, Josef Erber, zu lebenslangem Zuchthaus, der Sanitätsdienstgrad Gerhard Neubert, der an Selektionen im Häftlingskrankenbau des I.G. Farben-eigenen Konzentrationslagers Buna/Monowitz beteiligt gewesen war, zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus. In den Jahren 1967–1968 folgte ein Verfahren gegen zwei Funktionshäftlinge (Josef Windeck und Bernhard Bonitz), die wegen eigenmächtiger Tötungen zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt wurden. Von 1973 bis 1976 fand ein Prozess gegen zwei niedere SS-Chargen (Alois Frey und Willi Sawatzki) statt, die freigesprochen wurden. In den Jahren 1977 bis 1981 hatte sich sodann ein SS-Mann (Josef Schmidt) zu verantworten, der wegen Mordes in einem Fall (begangen im Nebenlager Lagischa) zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde. Eine in der Volksrepublik Polen verbüßte Strafe von sieben Jahren wurde auf die verhängte Jugendstrafe angerechnet. Der Angeklagte verließ den Gerichtssaal, wie er ihn betreten hatte: als freier Mann.

Neben den genannten fünf Frankfurter Auschwitz-Prozessen ist noch das Verfahren (1970–1971) gegen Bruno Karl Beger, Hans Helmut Fleischhacker und Wolf-Dietrich Wolff zu nennen. Beger und Fleischhacker hatten im Auftrag der SS-Wissenschaftsorganisation »Ahnenerbe« circa 100 Häftlinge in Auschwitz ausgewählt und in das Konzentrationslager Natzweiler (Elsass) verbringen lassen, wo sie getötet wurden. Die Skelette der Opfer sollten Teil einer Sammlung werden, die das Anatomische Institut der 1941 gegründeten »Reichsuniversität« Straßburg aufbaute. Der Mitangeklagte Wolff war persönlicher Referent des »Ahnenerbe«-Geschäftsführers gewesen und hatte die Tötungsaktion mitgeplant. Beger wurde zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, das Verfahren gegen Wolff eingestellt, Fleischhacker freigesprochen.

Bewertet man den Ausgang der genannten NS-Prozesse und führt man sich vor Augen, dass viele Ermittlungsverfahren gegen durchaus tatnahe Täter eingestellt wurden, fällt das Fazit nicht gerade positiv aus. Zwar wurde Auschwitz durch die bundesdeutsche Strafjustiz umfassend aufgeklärt, nur wenige am Vernichtungsgeschehen Beteiligte wurden aber belangt. Die geringe Zahl von rund 40 SS-Angehörigen von Auschwitz, die vor bundesdeutsche Gerichte gestellt wurde, ist eine erschreckende Bilanz. 2

Als Hannah Arendt 1966 ihr Vorwort zur amerikanischen Ausgabe von Bernd Naumanns Prozessbericht schrieb, fand sie anerkennende Worte für den Angeklagten Franz Lucas. Mit dem ihr eigenen Gespür schien sie zu erkennen, dass es um den vormaligen SS-Arzt, der nach langem Leugnen am Ende der Beweisaufnahme Selektionen auf der Rampe von Birkenau eingestanden hatte, gar nicht so schlecht stand. Wie von Arendt erahnt, hob der Bundesgerichtshof in seinem Revisionsurteil vom Februar 1969 den Richterspruch gegen Lucas auf. Alle anderen Urteile des Frankfurter Schwurgerichts hatten hingegen Bestand. In der Neuverhandlung sprach das Landgericht Frankfurt/Main im Oktober 1970 den Angeklagten Lucas frei. Seine Einlassung, im subjektiven, irrtümlich angenommenen Notstand (Putativnotstand) den Befehl zur Mitwirkung an den Selektionen ausgeführt zu haben, war ihm zweifelsfrei nicht zu widerlegen.

Ende 1970, ungefähr fünf Jahre nach der Urteilsverkündung im 1. Auschwitz-Prozess, waren von den 17 verurteilten Angeklagten bereits elf auf freiem Fuß. Nur die fünf zu lebenslangem Zuchthaus verurteilten SS-Leute Wilhelm Boger, Franz Hofmann, Oswald Kaduk, Josef Klehr und Stefan Baretzki sowie der Funktionshäftling Emil Bednarek saßen noch in Strafhaft. Bis auf Hofmann, der als Schutzhaftlagerführer eine wichtige Funktionsstellung im Vernichtungslager innehatte, waren die übrigen Angeklagten untere Chargen, die meist eigenmächtig gemordet hatten. Die Hauptverantwortlichen für den von Hannah Arendt sogenannten Verwaltungsmassenmord, die auf Befehl ihrer verbrecherischen Staatsführung den Holocaust exekutiert hatten, waren längst freie Männer oder aber niemals belangt worden.

Wie der Jurist Jürgen Baumann mit kritischem Blick auf die sogenannte Gehilfenrechtsprechung der bundesdeutschen Gerichte gegen NS-Verbrecher feststellte, waren die Deutschen der Strafjustiz ein Volk von Gehilfen, die einem als Haupttäter qualifizierten Verbrecher, Adolf Hitler, vorgeblich nur gefolgt waren. 3

Bilanziert man die justizielle Aufarbeitung der NS-Vergangenheit durch die Justiz der Bundesrepublik Deutschland, ist Baumanns Feststellung uneingeschränkt zuzustimmen. Weniger als 200 Angeklagte in NS-Prozessen wurden wegen Mordes zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. »Mörder unter uns« gab es weder für die Justiz noch für die meisten Bundesbürger.

Die Erkenntnis Arendts, Politik und Justiz hätten das deutsche Verbrechen an der Menschheit in seiner Präzedenzlosigkeit niemals begriffen und mit einem gänzlich untauglichen Instrumentarium, dem zur Tatzeit geltenden Individualstrafrecht, die Massenverbrechen geahndet, ist unbestritten. Noch 1966 forderte Karl Jaspers 4 den Gesetzgeber auf, tatbestandsgemäße Sondernormen zu schaffen, die die angemessene Ahndung der Verbrechen des untergegangenen Unrechtsstaats gewährleisten. Statt eine offen ausgewiesene rückwirkende Bestrafung der NS-Täter 5 zu ermöglichen, entschieden sich Politik und Justiz für eine halbherzige und unzureichende Handhabung des Problems und sprachen damit aller Gerechtigkeit Hohn. Die sogenannte Bewältigung der NS-Vergangenheit durch das Strafrecht ist misslungen, weil der »Gesetzgeber […] die erforderliche rechtspolitische Weichenstellung verweigert« 6 hat. Die selektive Ahndung der NS-Verbrechen mit untauglichem Instrumentarium dürfte, einmal vorausgesetzt, ein »öffentliches Interesse an der Verfolgung« (§ 153 StPO) habe überhaupt bestanden, das Normvertrauen der Deutschen schwerlich gestärkt haben. Die von vielen beschworene »Bewährung der Rechtsordnung« dürften die NS-Prozesse mit ihren zumeist milden Strafen kaum bezweckt haben.

Dennoch ist mit Blick auf die öffentliche Wirksamkeit einiger großer NS-Prozesse das Fazit nicht gar so verheerend. Die von Opferzeugen in schmerzvoller Wiedererinnerung geschilderten Verbrechen führten denjenigen Deutschen, die nicht geschichtsvergessen im Wirtschaftswunderland die Vergangenheit ruhen ließen, eindrücklich das Vernichtungsgeschehen in Lagern, Ghettos und an Erschießungsgruben vor Augen.

Die Zeugnisse der Überlebenden, dokumentiert in zahllosen Vernehmungsprotokollen und in Aussagen vor Gericht, geschildert in sorgfältigen und kenntnisreichen Berichten wie die von Bernd Naumann, stellen einen Quellenbestand dar, aus dem die Holocaust-Forschung grundlegende Erkenntnisse gewinnen kann.

Die Täter, meist ungeschoren geblieben oder durch milde Strafen salviert, sollen aber nicht ungenannt bleiben. An sie und ihre Verbrechen zu erinnern, ist neben dem gebotenen Opfergedenken dringliche Aufgabe. 7

2012 verstarb der letzte der Angeklagten. Während die Auschwitz Verbrecher überwiegend mit niederen Strafen davon kamen und oftmals noch vor der Rechtskraft ihrer Urteile aus der Untersuchungshaft freigelassen wurden, haben ihre Opfer das Todeslager in ihrem Leben nach dem Überleben nie wirklich verlassen. Zeitlebens gezeichnet und versehrt mussten sie erfahren, dass die Verbrechen weitgehend ungesühnt blieben.

   1 Vgl. die Beschuldigtenliste vom 18. Januar 1960 mit 599 Namen. Unter den angeführten SS-Männern und -Frauen finden sich auch wenige Funktionshäftlinge (StA Frankfurt am Main, 4 Ks 2/63, Bd. 23, Bl. 3741–3806).
   2 Für die DDR sieht die Bilanz noch schlechter aus; siehe Henry Leide, NS-Verbrecher und Staatssicherheit. Die geheime Vergangenheitspolitik der DDR, Göttingen 2005.
   3 Siehe Jürgen Baumann, »Beihilfe bei eigenhändiger Tatbestandserfüllung«, in: Neue juristische Wochenschrift, Jg. 16 (1963), H. 13, S. 561.
   4 Karl Jaspers, Wohin treibt die Bundesrepublik? Tatsachen, Gefahren, Chancen, München 1966, S. 62.
   5 Gerhard Werle, Thomas Wandres, Auschwitz vor Gericht. Völkermord und bundesdeutsche Strafjustiz, mit einer Dokumentation des Auschwitz-Urteils, München 1995, S. 39.
   6 Gerhard Werle, »Der Holocaust als Gegenstand der bundesdeutschen Strafjustiz«, in: Neue Juristische Wochenschrift, Jg. 45 (1992), H. 40, S. 2535.
   7 Siehe Ernst Klee, Auschwitz. Täter, Gehilfen, Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2013.

Vorwort aus: Bernd Naumann: Der Auschwitz-Prozess. Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt am Main 1963-1965. Seite I-V (Auszug). Mit freundlicher Genehmigung © CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2013

Werner Renz studierte Germanistik und Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die Geschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse sowie die Geschichte des Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Er betreut das Archiv und die Bibliothek des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt am Main.

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erstellt am 27.10.2013

Bernd Naumann
Der Auschwitz-Prozess
Bericht über die Strafsache gegen Mulka u. a. vor dem Schwurgericht Frankfurt am Main 1963-1965
Aktualisierte Neuausgabe mit einem Vorwort von Werner Renz
Broschur, 342 Seiten
ISBN: 978-3-86393-049-3

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Das Fritz Bauer Institut wurde 1995 gegründet und hat seinen Sitz im IG Farben-Haus auf dem Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt. Es versteht sich als eine interdisziplinäre, unabhängige Forschungs-, Dokumentations und Bildungseinrichtung zur Erforschung und Dokumentation der Geschichte der nationalsozialistischen Massenverbrechen – insbesondere des Holocaust – und deren Wirkung bis in die Gegenwart. Das Fritz Bauer Institut wird von Prof. Dr. Raphael Gross geleitet.

Der Namensgeber des Instituts, Fritz Bauer (1903–1968), hat als hessischer Generalstaatsanwalt hat den Frankfurter Auschwitz-Prozess initiiert.

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