Puschkins Eugen Onegin, der Vielgewandte, der Dandy und der Modeheld, hat sich im Royal Opera House in der gleichnamigen Oper von Peter Iljitsch Tschaikowsky wiedergefunden und ist dabei gefilmt worden. Thomas Rothschild beschreibt die danach entstandene DVD aufs Grundsätzliche hin und räumt dabei mit einigen Mißverständnissen auf.

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Der Hecht im Karpfenteich

Von Thomas Rothschild

Es ist gerade ein Jahr her, dass die DVD mit Stefan Herheims Amsterdamer Inszenierung von „Eugen Onegin“ auf den Markt kam. Jetzt folgt die Aufzeichnung der Londoner Version von Kasper Holten. In beiden Inszenierungen spielt nicht nur Elena Maximova die Olga, sondern auch die Bulgarin Krassimira Stoyanova die Tatjana – als Sängerin gewiss eine Idealbesetzung, äußerlich aber von der Figur Puschkins weit entfernt, was auf der Bühne kein Problem ist, wohl aber bei den Großaufnahmen einer filmischen Aufzeichnung.

In London wurde Tschaikowskis berühmteste Oper als Kostümstück inszeniert, als „period play“, und der Ruf von Covent Garden als eher konservativer Institution damit bestätigt. Das muss bei diesem Stoff kein Nachteil sein. Er bedarf keiner Aktualisierung. Anders als die Schicksale der Kindsmörderinnen von Gretchen bis Rose Bernd, die die Dramengeschichte bereichern, hat die psychologische Einlassung auf eine Gefühlskälte, die die Liebe eines verträumten Mädchens zurückweist, keinen Staub angesetzt. Nicht nur Tatjana, auch der Titelheld ist nichts weniger als obsolet. Onegin kommt, ähnlich wie Don Giovanni, in der Sekundärliteratur schlecht weg. Dabei wird übersehen, dass er ja nicht nur der „überflüssige Mensch“ ist, als welcher er in die Geschichte der russischen Literatur eingegangen ist, sondern auch ein moderner Freigeist, als welchen ihn „die Gesellschaft“ ja auch sieht, der mit seinem unkonventionellen Benehmen (er küsst den Frauen nicht die Hand!) eine in veralteten Traditionen befangene Umwelt provoziert. Das Klischee würde verlangen, dass ein Mann die Liebe einer Frau, die diese ihm ganz gegen die damaligen Gepflogenheiten von sich aus gesteht, ausnützt. Onegin hingegen reagiert auf Tatjanas Geständnis mit äußerster Ehrlichkeit. Er bekennt seine Unfähigkeit zur Ehe und beweist einen gegen sich selbst schonungslosen Realismus. Sein „Verbrechen“ besteht darin, dass er die junge, unerfahrene Tatjana nicht liebt und das ausspricht. Er ist ein Dandy, aber er weiß es und macht daraus kein Geheimnis. Auch das Duell mit seinem Freund Lenski ist nicht seine Entscheidung. Es wird ihm von dem eifersüchtigen Pathetiker aufgezwungen. Dieser Onegin ist ein komplexerer und daher bis heute interessanterer Charakter als all die Bösewichte, die die Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts bevölkern.

„Eugen Onegin“ ist eins der wenigen Beispiele einer durchweg gelungenen Dramatisierung eines erzählenden Textes, eines „Romans in Versen“. Allerdings hat Tschaikowski unter Beibehaltung der äußeren Handlung den Charakter der Darstellung völlig verändert. Puschkins Poem zeichnet sich durch Ironie aus. Sein Grundcharakter ist romantisch und zugleich heiter. In Tschaikowskis Libretto ist davon, notgedrungen, fast nichts geblieben – wenn man von dem isolierten Auftritt des Monsieur Triquet (der in Deutschland an Riccaut de la Marlinière aus „Minna von Barnhelm“ denken lässt) mit seinem Couplet absieht. Für den ironischen Blick fehlt der Bühne die Distanz des Erzählers. Die Oper ist, anders als das Poem, extrem sentimental. Ihren Höhepunkt erreicht die Komposition, wenn sie Tatjanas Leiden kennzeichnen soll oder auch wenn Lenski seiner so früh beendeten Jugend nachweint.

Dem hochdramatischen Charakter von Tschaikowskis Oper kommt die Regie Kasper Holtens entgegen. Das Ensemble läuft, insbesondere in der auch in marginalen Details sorgfältig inszenierten zentralen Ballszene, die mit der Herausforderung zum Duell endet und in der Tatjana an den Rand gedrängt ist, schauspielerisch zu Höchstform auf – wobei die typenmäßige Besetzung hilfreich ist: Olga, Onegin, Lenski, die Larina entsprechen äußerlich sehr viel mehr den Vorstellungen des Lesers oder des Opernbesuchers als Tatjana.

Der dänische Regisseur hat, ebenso wie sein drei Jahre älterer norwegischer Kollege Herheim, die Story als „Rückblende“ inszeniert, als Erinnerung der verheirateten Tatjana bei der Rückkehr Onegins, wie dieser verdoppelt er einzelne Figuren durch Tänzer. Ist das Zufall oder Plagiat? Zwingend ist es jedenfalls nicht.

Beim Duell wird Onegin zum erinnernden Subjekt – logisch, denn Tatjana war ja nicht anwesend. Dieses Duell, das Tschaikowski, anders als Schnitzler in der „Liebelei“ oder im „Weiten Land“, auf offener Bühne stattfinden lässt, ist umso ergreifender, wenn man bedenkt, dass der Autor Puschkin später selbst in einem Duell ums Leben kam.

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erstellt am 25.10.2013

Peter Iljitsch Tschaikowski
Eugen Onegin
Opus Arte OA 1120 D (2 DVD)

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