Der Taxifahrer Samîh liebt sein bunt ausstaffiertes Taxi über alles. Um sich die langen Wartezeiten in den vielen Staus zu vertreiben, versucht er, auf jede erdenkliche Art mit seinen Fahrgästen ins Gespräch zu kommen – und dies mitunter auf recht ungewöhnliche Art und Weise.

kurzgeschichte

Samîh

Von Dima Wannous

Das Knattern der Autos betäubte die Ohren, der Stau ließ die Aufmerksamkeit schwinden, das Chaos lärmte bösartig. Innerhalb dieser bizarren Melange aus Menschen, Autos und Lastwagen war Samîh auf der Suche nach einem Opfer, mit dem er sich über das Leben unterhalten könnte. Er suchte bereits eine ganze Weile, doch ohne Erfolg, denn die Menschen waren hungrig und nicht mehr in der Lage, in ein Taxi zu steigen und die fünfzig Lira zu blechen, die sich wegen des dichten Verkehrs noch summieren könnten. Und wenn die Menschen hungrig waren, hieß das für Samîh zweifelsohne gleichfalls Hunger. Ob er satt war oder nicht, das hing nämlich von den Sorgen der Menschen ab, vom Plaudern darüber, vom Nutzen, den man bis zum äußersten daraus ziehen konnte.

Normalerweise ging Samîh um sieben Uhr morgens aus dem Haus, wenn auch die Beamten ihre Wohnungen verließen. Und an den Tagen, an denen Gott die inständigen Gebete seiner Mutter erhörte, kehrte Samîh abends mit aufregenden Geschichten und Schmähungen im Gepäck nach Hause zurück, die ihren Rednern ein unbekanntes Schicksal bescherten. Ein entbrannter Puls, das war, wie Samîh es beschrieb, der Puls der Straße.

»Ich bin dreißig Jahre alt, unverheiratet und wohne mit meiner Mutter zusammen. Meine einzige Schwester ist mit einem kleinen Offizier verheiratet und lebt in einem der planlos hingeklotzten Wohnviertel. Mein Vater starb bei einem Verkehrsunfall auf der Straße Dschabla-Damaskus. Ich habe dieses Taxi gekauft, um die Ehre meiner Mutter zu schützen und sie vor der Bedürftigkeit zu bewahren.« So lautete die Selbstbeschreibung, die Samîh seinen Fahrgästen täglich dutzende Male zu Gehör brachte.

Die Beschreibung von »Hadschar«, Samîhs Auto, das war allerdings eine andere Geschichte. Die Ledersitze waren mit wärmender Schafwolle bedeckt. Ein künstlicher Weinstock hing vom Autohimmel herab, dessen rote und grüne Reben über den Köpfen der Fahrgäste baumelten. Vorne im Wagen hing ein von künstlichem Jasmin umrankter goldfarbener Rahmen mit einem Foto, auf dem Samîh auf dem »Jugendfestival« von Dschabla, das zur Provinz Tartous gehört, eine Silbermedaille entgegennimmt. Auf dem Vorderspiegel saß ein kleines Vögelchen mit verschmutzten ausgeblichenen Federn, das bei jeder starken Bremsung zu zwitschern begann. An allen vier Seiten des Autos wölbten sich grelle Lampen hervor, die das Auge durch ihr aufdringliches Licht schmerzten und deren ausstrahlende Wärme die Kopfhaut schier zum schmelzen brachte. Das Lenkrad sah aus wie eine Girlande, die an ihren eigenartigen und seltenen Plastikblumen zu ersticken drohte. Dies alles war für Samîh der Gipfel der Schönheit. Er liebte sein gelbes Auto und verwöhnte es, etwa wenn er Sprüche darauf schrieb wie: »Folgen Sie mir nicht, ich bin verlobt«, oder »Prinzessin Haschar« oder »Kein Jüngling gilt mir etwas außer Ali, und kein Schwert außer Sulfuqar«.

Samîh war ein sympathischer, vor allem aber ein außergewöhnlicher Mensch. Auf seinen dunklen Augen lag stets ein kleiner Tränenteich. Der oben hervorstehende Knochen seines langen Nasenbeins verlieh ihm zusätzlichen Ernst. Seine von den langen Hamra-Zigaretten und dem Matetee gelblich verfärbten und vernachlässigten Zähne standen beharrlich weit auseinander. Sein Brustkorb war so schmal, dass er geradezu am Rücken klebte. Er war groß gewachsen, sein Haar vorne kurz und hinten lang, was seinen länglichen flachen Hinterkopf betonte.

Endlich machte Samîh einen Mann aus, der ihm von weitem zuwinkte. Mitte vierzig. Mit einem von Kummer gezeichneten Gesicht, das von vorzeitigem Altern kündete. Er trug eine fahle, alte, Flicken übersäte Jacke. Seine an den Beinen zerrissene Hose, die um die Hüften zu weit war, wölbte sich an den Knien. Die verstaubten Schuhe klafften vorne weit auseinander, als würden sie sich über ihr eigenes Ende lustig machen. Der Mann setzte sich neben Samîh und bat ihn, nach Harasta zu fahren. Daraufhin hob Samîh auf eine Art und Weise, die nicht eines gewissen Stolzes entbehrte, die Schultern und krempelte die Ärmel hoch, so dass eine Tätowierung in Form eines Dolchs auf seinem Arm sichtbar wurde, neben dem geschrieben stand »Ich liebe dich«.

Argwöhnisch blickte Samîh zu dem Mann hinüber:

»Sie arbeiten anscheinend hier in der Nähe als Beamter und haben sich früh aus dem Staub gemacht, weil Sie erschöpft und niedergeschlagen sind?«

»Nein.«

»Dann wohnen Sie sicher in der Nähe, und ihre Arbeitsstelle ist in Harasta, aber Sie haben sich verspätet, weil Sie erschöpft und niedergeschlagen sind?«

»Nein.«

»Was ist denn dann los? Warum tragen Sie die Sorgen der ganzen Welt auf Ihren Schultern?«

»Meine Mutter ist gestern gestorben. Ich bin hierher gekommen, um eine Sterbegenehmigung zu erhalten, damit wir morgen früh für ihre Seele beten und sie beerdigen können.«

»Braucht der Tod jetzt wirklich schon eine Genehmigung?« Samîh sagte diesen Satz so voller Ironie, dass selbst er von seinen theatralischen Fähigkeiten überrascht war. Dann setzte er das Gespräch, ganz von sich eingenommen, fort: »Also ich persönlich kann nicht mehr begreifen, was in diesem Land eigentlich vor sich geht. Wenn man lebt, braucht man eine Genehmigung, und wenn man stirbt, auch; wenn man heiratet und wenn man sich trennt; wenn man Kinder kriegt und wenn man abtreibt; wenn man etwas verkauft oder kauft; wenn man einen Job findet und wenn man entlassen wird. Unglaublich! Das ist doch nicht mehr zum Aushalten.«

Der Mann verharrte in Schweigen, er nickte nicht einmal. Da sah Samîh ihn an und fragte allen Ernstes: »Ist die Frau Mutter eines natürlichen Todes gestorben oder hatte sie einen Herzanfall?«

»Herzinfarkt. Sie ist in der Nacht gestorben. Als wir morgens aufwachten, fanden wir die ausgestreckte, kalte Leiche auf dem Bett.«

»Es gibt keinen Gott, außer Gott. Gottes Segen sei mit ihr. Möge Gott sie und alle miteinander segnen. Verzeihen Sie mir meine Zudringlichkeit, aber meiner Meinung nach ist Ihre Frau Mutter durch den Stress gestorben, der den ganzen lieben langen Tag auf ihr lastete. Ich habe keinen Zweifel daran, dass Ihre Frau Mutter jeden Abend ihren Unmut heruntergeschluckt hat und schweigend schlafen gegangen ist. Sagen Sie mir jetzt nicht, sie war zufrieden. Wer von uns ist denn schon zufrieden, Mann? Ich bin sicher, dass Ihr Gehalt und das Gehalt Ihrer Brüder, wenn Sie Brüder haben, nicht einmal ausreichen wird, um die Beerdigung und die Trauerzeremonie zu bezahlen. Es ist doch wirklich nicht mehr zum Aushalten, Mann.«

Der Mann ließ keinerlei Reaktion erkennen. Deshalb setzte Samîh nach: »Ist doch so, oder?«

»Meine Mutter hat in Wahrheit seit dem Tod meines Vaters keinen einzigen schönen Tag erlebt. Sie wohnte bei uns zu Hause, aber sie vertrug sich nicht mit meiner Frau. Deshalb hat sie mich ständig darum gebeten, sie in ein Altersheim zu geben.«

»Na klar, und wie sollen Sie sie in ein Altersheim geben? Erstens ist das viel zu teuer, und zweitens verwerflich. Die Verantwortlichen in unserem Land haben doch keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, einen angenehmen und hübschen Ort für die betagten Menschen zu schaffen. Die Alten brauchen eine wunderschöne Natur, besondere Aktivitäten und gesundes und gutes Essen. Meinen Sie nicht auch?«

»Sicher. Aber ich habe sie aus sentimentalen Gründen nicht ins Altersheim gegeben. Ich hing sehr an ihr und konnte sie nicht einfach so wegwerfen.«

»Verzeihen Sie, aber laut Psychologie haben Sie jetzt das Wort 'wegwerfen' nicht einfach so aus Zufall gesagt. Das bedeutet also, dass Sie zugeben, dass die Altenheime in unserem Land so etwas sind wie Müllkippen.« Der Mann nickte unbeteiligt. Es verging eine Weile, dann suchte Samîh nach einer neuen Möglichkeit.

Er schaute den Mann mit einem mitleidig-boshaften Blick an und sagte: »Wenn Ihre Frau Mutter aus Kummer über den Verlust Ihres Herrn Vaters gestorben ist, dann versuchen Sie jetzt nicht, mich davon zu überzeugen, dass Ihr Vater aufgrund eines natürlichen Todes verschieden ist. Er war bestimmt ein unglücklicher, von ständigen Sorgen geplagter Mensch.«

Der Mann pflichtete Samîh mit einem Kopfnicken bei, setzte aber hinzu: »Ehrlich gesagt hat mein Vater vier Jahre lang gegen diese Krankheit angekämpft – möge Gott uns vor ihr schützen.«

Verwundert zog Samîh seine Augenbrauen hoch: »Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche, mein Herr«, entgegnete er, »aber ich verstehe wirklich nicht, wie Ihr Herr Vater die Krankheit ganze vier Jahre lang hatte ertragen können. Seien Sie mir nicht böse, ich bitte Sie, aber wenn wir Gesunden uns schon nicht an dieses ungerechte Leben klammern, wie kann dies dann ein Kranker tun?«

Der Mann schien zusehends verärgert. Vermutlich war er Samîhs Drängen überdrüssig. Erst gestern war seine Mutter verstorben und ihre Leiche lag noch immer im Kühlschrank des Krankenhauses von Harasta – obgleich es doch der Respekt gegenüber den Toten gebot, sie zu beerdigen. Doch Samîh hielt keinen einzigen Augenblick inne und setzte unverzüglich seine Beschäftigung fort, von der er und seine Familie lebten. Er hob seine Hand und berührte dabei aus Versehen das Vögelchen, das vom Vorderspiegel baumelte, so dass es ein durchdringendes Zwitschern von sich gab. Dann landete Samîhs Hand ohne Vorwarnung auf der Schulter des armen Mannes, der dadurch aus seinen Gedanken an den Tod und die Einsamkeit gerissen wurde. Aufgeschreckt durch diese unerwartete Geste blickte der Mann Samîh fragend an, und Samîh setzte seine Rede fort, als wäre nichts gewesen:

»Ich arbeite jetzt seit drei Jahren als Taxifahrer, und das Radio ist mein einziger Kontakt zur Außenwelt. Einmal habe ich mich wirklich über ein Programm in Radio 'Sawa' gewundert, das hieß 'Ihre Gesundheit und Sie'. Ich habe da gehört, wie sie sagten, dass die Krankheit, an der Ihr Herr Vater erkrankt war, Gott schütze uns davor – ich meine vor der Krankheit, nicht vor Ihrem Herrn Vater – in jedem Körper steckt, aber nur bei mangelnden Abwehrkräften ausbricht. Und die Abwehrkräfte schwinden, das wissen Sie genau, durch Kummer und Sorgen und Katastrophen. Was ich damit meine, ist, kurz gesagt, dass Ihr Herr Vater – Gott sei seiner Seele gnädig – wegen der Sorgen und dem Gram und der Armut erkrankte und vielleicht wegen dem Leid und der Verzweiflung und dem Elend, so dass seine Abwehrkräfte schwanden, und alles kam, wie es kam.«

Es schien, dass Samîhs Worte den Kummer des Mannes noch vergrößerten, so dass ihm nichts anderes übrig blieb als zu schweigen. Es war dies eines der seltenen Male, bei denen es Samîh wirklich schwer fiel, ins Herz seines Kunden vorzudringen und dessen Sorgen aufzustöbern, die wie eine Seidenraupe an den Adern klebten. Doch er würde nicht aufgeben. Seine Mutter wartete zu Hause, aber die Menschen waren hungrig und nicht mehr in der Lage, die fünfzig Lira für ein Taxi zu berappen, die sich wegen des Verkehrsstaus leicht summieren konnten.

Er schaute den Mann an und sagte vollkommen ungerührt: »Wissen Sie, mein Herr, dass ich das Radio nicht ausstehen kann, aber dass ich, wie ich Ihnen schon sagte, seit geraumer Zeit gezwungen bin, ihm zuzuhören, weil es mein einziges Fenster zur Welt ist. Aber ehrlich gesagt, 'Radio Damaskus' kann ich nicht ausstehen. Ich hasse diese dämlichen Moderatoren, die einem vorkommen, als wären sie aus der Steinzeit. Und diese uralten Lieder, die längst ausgestorben sind, öden mich an. Selbst die Nachrichten bei denen sind gefälscht und frei erfunden. Stimmen Sie mir zu?« »Ich stimme Ihnen in allem zu«, erwiderte der Mann, »aber ich bitte Sie, ein bisschen Tempo zuzulegen, denn ich habe es eilig.« Samîh krempelte sich erneut die Ärmel hoch und drückte aufs Gas. Der Wagen schoss los, und das Vögelchen begann wegen des Tempos zu lamentieren. Aber keiner wollte kapitulieren. Nicht das Vögelchen und nicht Samîh. Ernsthaft fuhr Samîh fort: »Aber Radio 'Sawa', das ist was anderes. Die haben anständige Nachrichten, mein Herr, die drücken den Puls der Straße aus. Die sagen die Wahrheit über die Unterdrückung, der wir täglich ausgesetzt sind. Und sie haben unentwegt die Nachrichten über die armen Gefangenen im Auge. Sie wissen natürlich, dass 'Radio Sawa' zum amerikanischen Satellitensender 'al-Hurra' gehört. Selbst der Fernsehsender ist anständig und berichtet objektiv. Verzeihen Sie meine Aufdringlichkeit, ich weiß genau, dass Ihre Frau Mutter erst gestern gestorben ist und dass sie mit der Beerdigung und der Trauerzeremonie beschäftigt sind. Aber Ihre Frau Mutter ist gestern gestorben, also am Samstag. Am Freitag war sie also noch bei Ihnen. Haben Sie zufällig 'al-Hurra' geschaut?« Der Mann hob den Kopf. »Ich habe mit meiner Mutter zusammen gesessen – möge Gott der Seele Ihrer Mutter und unserer aller Seelen gnädig sein – und 'al-Hurra' gesehen«, fuhr Samîh fort. »Es gab ein Programm mit einem syrischen Oppositionellen und einem Regierungstreuen. Sehen Sie diese Objektivität? Ein Oppositioneller und ein Regierungstreuer. Aber ehrlich, mein Herr, der Oppositionelle war viel überzeugender als der Regierungstreue. Der Oppositionelle verfügte über Argumente und eine Logik, während der Regierungstreue ein richtiger Skandal war, oder eine Katastrophe, wenn Sie so wollen. Wie ein Papagei hat er die Slogans nachgeplappert, die er auswendig gelernt hat. Und Sie erzählen mir nun, dass Ihr Vater gestorben ist und Ihre Mutter auch. Mein Herr, ich beneide die Toten mittlerweile. Zumindest sind sie ihre Sorgen los und müssen diesem dämlichen Papagei nicht mehr zuhören.«

Der Mann stimmte voll und ganz zu. Jedem Wort, das Samîh sprach, wollte er zustimmen, doch nur unter der Bedingung, dass dieser sich ein wenig beeilte, weil doch seine Mutter einsam im Kühlschrank wartete.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Aus dem Kurzgeschichtenband »Tafasîl / dt. Details«. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Vereins »Kulturgenossenschaft«.

Kommentare


Hartmut Fähndrich - ( 02-11-2013 12:36:20 )
Ein weiterer Text von Dima Wannous (Auszug aus ihrem Roman "Ein Stuhl" findet sich unter:
http://www.hartmutfaehndrich.ch/Seiten/laufEinleitung_2.htm

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erstellt am 23.10.2013

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