Einen eigenwilligen „Falstaff“ hat Andrea Moses an der Oper Stuttgart inszeniert. Auch wenn der Premierenapplaus die Regisseurin bestätigte, gelingt es Thomas Rothschild, Schwachstellen der Stuttgarter Inszenierung aufzudecken.

opernkritik

Ohne Bauch

Verdis „Falstaff“ in Stuttgart

Von Thomas Rothschild

Andrea Moses, die flippige Hausregisseurin der Stuttgarter Oper mit dem Dauerproblem, sich neben Jossi Wieler und Sergio Morabito profilieren zu müssen (was keine leichte Aufgabe ist), geht „Falstaff“ vom Ende her an. Da verlässt der Titelheld halb verbittert, halb resigniert die Bühne, während die anderen jubeln, als hätte der dann tatsächlich erstaunliche Premierenapplaus bereits eingesetzt. Sie haben dem alten Epikuräer, der Weiber nicht weniger schätzt als das Fressen und Saufen, übel mitgespielt. Er kann einem schon leid tun, dieser Outsider, der sich nicht an die Regeln der ordentlichen Spießerwelt hält, ein Sir zwar, aber als Charakter dem Hanswurst näher als den aristokratischen Opernhelden, mehr Papageno als Tamino, mehr Leporello als Don Giovanni.

Aber „Falstaff“ ist, was man auch an Ambivalenzen und Tiefenstrukturen in ihm suchen und finden mag, erst einmal eine Komödie. Und die profitiert von Typen, die übrigens bei Shakespeare, bei dem sich der Librettist Attigo Boito bedient hat, noch nicht einmal der Komödie bedürfen, um ihren dramaturgischen Sinn zu erfüllen. Der Stuttgarter Falstaff Alberto Dohmens ist nicht dick, nicht ordinär und nicht komisch. Er ist ein melancholischer Gentleman, der sich in diese Oper verirrt hat. Ein Falstaff aber, der nicht dick ist, gleicht einem Othello, der nicht schwarz, einem Shylock, der nicht Jude ist. Nicht einmal in erster Linie, weil er und die anderen ständig von seinem Bauch sprechen (den kann man sich als Zuschauer zur Not auch vorstellen, ohne ihn zu sehen), sondern weil der Bauch das reale und das symbolische Zentrum der Figur und der Komposition der Story ist. Wenn Falstaff nicht mehr ist als „einer wie du und ich“, dann mag das für ein psychologisches Drama reichen: für eine Komödie ist es zu wenig.

Gestehen wird es doch ein: die komödiantische Dimension der Geschichte ist ziemlich platt, auch und gerade im Vergleich mit anderen Stücken Shakespeares und erst recht in unserer Zeit. Zwei Mal wird dem selbstverliebten Falstaff, der sich für unwiderstehlich hält und doch in einem hellen Moment erkennt, dass er zu dick und alt (sprich: impotent) geworden ist, ein Streich gespielt. Vor der Pause wird er in einem Wäschekorb in den Gully geworfen, nach der Pause wird er von allerlei Waldgeistern und -feen geplagt und gezwackt. Bei dieser Gelegenheit wird dem ungeliebten Dr. Cajus unter dem Schutz der Verkleidung eine falsche „Braut“ zugeführt. Na ja. Für diesen zweiten Teil hat der Bühnenbildner Jan Pappelbaum eine Mischung aus Walpurgisnacht und Sommernachtstraum für die romantisierenden Kostüme von Anna Eiermann bereit gestellt. Im ersten Teil werden aus verschiebbaren Holzwänden diverse verschachtelte Räume gebaut, die nichts von der Sinnlichkeit ausstrahlen, von der das Stück immerhin handelt.

Zu Beginn sitzt Falstaff in einer Art Spelunke. In einer Inszenierung, die nicht zögert, zwischen die Verdi-Originale den Schlager „Azzurro“ zu montieren, könnte sie ruhig Hernando's Hideaway heißen, und die Blues Brothers fielen hier nicht auf. Dann aber geht es zu den besseren Kreisen, an deren Frauen sich der Schwerenöter vergreifen möchte, und die müssen – um des Kontrasts willen, wir haben kapiert – in Gymnastikunterwäsche herumturnen: einer jener Moses-Einfälle, die sich durch völlige Beliebigkeit auszeichnen. Ebenso gut könnten die Damen bei einer Modeschau sitzen oder im Promenadencafé. Die Gags sind auswechselbar.

Das alles wäre nur ärgerlich, gäbe es nicht ein von der Regie unabhängiges Orchester. Und das läuft unter dem Dirigat von Slyvain Cambreling zu Hochform auf. Manche halten ja Verdis letzte Oper für seine musikalisch beste, und das Staatsorchester Stuttgart hat das Zeug, diese These zu bestätigen. So kraftvoll und zugleich differenziert in den Klangfarben möchte man Verdi immer hören. Unter den Sängern fielen Simone Schneider als Alice Ford und Atalla Ayan als der jugendliche Liebhaber Fenton auf. An Albert Dohmen, der in erster Linie als Wagner-Sänger bekannt ist und der nun als Falstaff in Stuttgart debütiert, waren große Erwartungen geknüpft, die er nur zum Teil erfüllen konnte. Lag es an ihm, oder war auch er verwundert über die Rolle, die ihm die Regie zugemutet hat? Vielleicht ist es ja gar nicht Falstaff – vielleicht ist es der Sänger Dohmen, der am Schluss ein wenig beleidigt von der Bühne geht.

Andrea Moses freilich wird ihre Inszenierung als Erfolg verbuchen, und der Beifall am Ende wird sie in dieser Überzeugung bestätigen. Wir müssen uns also wohl weiterhin auf ihre eigenwilligen Deutungen, wenn es denn welche sind, einstellen. Dass sie dabei auch den Nagel auf den Kopf treffen kann, hat sie mit „La Cenerentola“ bewiesen. Bei Aschenputtel fehlt einem auch kein Bauch.

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erstellt am 22.10.2013

“Falstaff” in der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

Falstaff
Von Giuseppe Verdi
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling, Till Drömann
Regie Andrea Moses
Dramaturgie Wilfried Buchholz, Moritz Lobeck

Oper Stuttgart

“Falstaff” in der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

“Falstaff” in der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

“Falstaff” in der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer

“Falstaff” in der Oper Stuttgart. Foto: A.T. Schaefer