Das Indian Vibes Festival in Frankfurt feiert in diesem Jahr sein fünfjähriges Bestehen mit einer Hommage an 100 Jahre indisches Kino. Die Frankfurter Enthusiasten des indischen Kinos würdigen die junge Geschichte des Independent Films auf dem Subkontinent. Das Programm macht Lust auf die drei Abende südasiatischer Filme. Clair Lüdenbach hat mit der Initiatorin des Festivals, Petra Klaus, gesprochen.

Trailer »Ship Of Theseus«

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Jenseits von Bollywood

Interview mit Petra Klaus

Fünf Jahre „Indian Vibes Festival“ in Frankfurt und 100 Jahre indisches Kino. Was ist das Besondere am Independent Film auf dem indischen Subkontinent?

2009 entstanden die ersten Filme, die kein reines Art-House Kino waren, sich aber auch nicht mehr unter Bollywood subsumieren ließen. Das war nicht mehr ,Song and Dance' mit kitschigen Geschichten, sondern jetzt kamen Filme, die sich eher mit der Realität befassten, wie sie aktuell in Indien besteht und mit der sich gerade junge Leute, die neue Mittelschicht oder auch ein urbanes Publikum auseinandersetzen. Es ist einfach ein neuer Film-Typus entstanden, der einen neuen Look hat, realistisch ist und nicht mehr die Augen vor Slums oder den unangenehmen Seiten Indiens verschließt, sondern sich damit auseinandersetzt. Die Gesellschaft steckt gegenwärtig in riesigen Umwälzungen. Diesen Herausforderungen stellen sich diese Filme – thematisch, inhaltlich und auch von der Filmsprache her.

Es ist interessant, dass Sie sagen, diese Bewegung hat erst 2009 angefangen. Sehen sich die Filmemacher nicht in der Nachfolge von Filmemachern wie Satyajit Ray aus Bengalen?

Nicht unbedingt. Ich habe jetzt nicht so viele Referenzen darauf gefunden. Sicher kennen ihn alle, aber sie sagen nicht, dass sie diese Tradition fortsetzen. Allerdings erkennen wir eine gemeinsame Wellenlänge, wenn wir Regisseure, Filmemacher und Produzenten treffen, wir haben sehr ähnliche kulturelle Ansichten. Es geht nicht um die reine Art-House Geschichte, sondern um andere Ziele.

Das sind?

Zum Beispiel kann man das sehr gut an dem Film sehen, der jetzt herausgekommen ist: „Ship of Theseus“, der nur noch unter SOT in Indien firmiert. Das ist ein sehr anspruchsvoller, philosophischer Film. Der setzt sich einmal mit Transplantation auseinander, mit Tierrechten, mit Umwelt und mit Organhandel. Also sehr komplex, sehr philosophisch. Der Film ist unheimlich gut gerade beim jungen Publikum angekommen. Ich beziehe mich mal auf einen post des Regisseurs, der schreibt: Die Leute in Indien haben Hunger nach neuen kulturellen Herausforderungen. Sie wollen nicht einfach nur eingelullt werden, sondern sich wirklich dem stellen. Ein Film, in dem es, wie der Regisseur sagt, um Schönheit, Tod, Sinn des Lebens und Auseinandersetzung geht.

Wo ist das Zentrum dieser Filmemacher?

Schon aufgrund der Größe der Stadt ist es Mumbai. Dort gibt es eine Szene, die sich untereinander kennt. Sie besteht aus einer jungen Generation von Filmemachern, die oft im Ausland studiert hat, die westliche Einflüsse kennengelernt hat, aber natürlich nicht nur nach einem westlichen Muster Filme macht, sondern sich schon von den uralten Bollywood-Traditionen abkehrt und einfach ihr Ding durchzieht, – die Stimmung ist ähnlich wie hier, als es eine Aufbruchsstimmung in den 1960er/70er Jahren gab.

Ist das vielleicht auch eine Gegenreaktion gegen Bollywood?

Ich kenne solche Reaktionen nicht, die lauten: „Wir machen jetzt gegen Bollywood”. Es gibt jetzt eine neue Energie, meinte ein Filmemacher, das heißt, es gibt eine Aufbruchsstimmung, in der man sich gegenseitig „energetisiert”.

Indien ist ein sehr kommerziell orientiertes Land. Wie finanzieren sich die Filmemacher?

Das ist nicht genau zu sagen. Die Filmemacher haben es schwer. Wir hatten vor ungefähr drei Jahren einen Film, der hieß „I am“. Das war der erste Film, der sich in Indien über Crowdfunding finanziert hat und zwar sehr gut finanziert hat. Schwierig ist der Vertrieb der Filme. Die Vertriebswege sind äußert beschwerlich, weil man oft einen Slot ganz spät Abends erhält, zur Geisterstunde, wenn kein Publikum mehr kommt. Die Filmemacher müssen praktisch kämpfen, dass ihre Filme ins Kino kommen. Darum haben sie sich auch zusammengeschlossen. Es gibt eine Plattform von mittlerweile sehr vielen Regisseuren, die sich gemeinsam für den Vertrieb ihrer Filme einsetzen und eine Resolution aufgesetzt haben. Das funktioniert ganz gut.

Wie ist es hier in Frankfurt? Welche Leute kommen zu diesem Festival?

Das Festival heißt „New Generation“. Wir haben es bewusst so genannt, um das Thema mit der neuen Generation aufzugreifen. Wir haben ein gemischtes indisch-deutsches Publikum. Das wollen wir auch. Das entspricht unserem Verein. Vor drei Jahren zeigten wir den Film „Kerala Café“, die Hälfte des Publikum war damals keralesisch. Anwesend waren kleine Kinder, State Bank Angestellte mit Samtkragen oder auch eine alte Dame im Sari. Es gibt auch ,Third Generation Asians' hier, die sehr gerne kommen, und natürlich film- und indieninteressiertes deutsches Publikum. Es ist sehr gemischt.

Trailer zu »Ustad Hotel«

Das Gespräch führte Clair Lüdenbach

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erstellt am 22.10.2013

Filmstill: Beyond Bollywood

indischer film

New Generations – Independent Indian Filmfestival

Freitag, 1. bis Sonntag, 3. November 2013

Orfeos Erben, Hamburger Allee 45, Frankfurt am Main

Das „New Generations – Independent Indian Filmfestival” feiert seinen fünften Geburtstag und präsentiert Höhepunkte aus dem neuen südasiatischen Kino. Eröffnet wird das Festival mit Anand Gandhis Debütspielfilm „Ship of Theseus”, der vom jungen Publikum in Indien begeistert aufgenommen wurde. Zum 100-jährigen Jubiläum des indischen Kinos zeigt „New Generations” vier Independent-Filme, die sich mit dem Medium selbst auseinandersetzten („Celluloid”, „Der Vorführer”, „Beyond Bollywood”, „The Human Factor”). Die Filme „Jadoo” und „Ustad Hotel” handeln von der indischen Kochkunst.

Am Freitag, den 1. November lädt das Indian Vibes DJ-Team zusammen mit Freunden ab 22 Uhr zur „New Generations”-Festivalparty in den Ponyhof nach Frankfurt-Sachenhausen ein. Special guest ist Sir Mowglee a.k.a. Roger Edward Francis von der Mahatmakarma-Crew aus Darmstadt.

Weitere Informationen

Beyond Bollywood Trailer from Manas Malhotra on Vimeo.

Filmstill: Ustad Hotel

Filmstill: Der Vorführer