Er ließ zur Frankfurter Buchmesse 1973 eine Büchertram fahren; er ließ Literatur-Litfasssäulen aufstellen, veranstaltete Lesungen auf der Baustelle des U-Bahnhof Hauptwache und in der Werkhalle der Firma Messer-Griesheim. Denn Horst Bingel wollte Literatur ohne Dogmatismus in die Gesellschaft tragen. Als er 80 Jahre alt geworden wäre, hielt ihm der Schriftsteller Uve Schmidt eine Geburtstagsrede.

80.Geburtstag von Horst Bingel

Der Bingel, den ich kannte

Eine Charakterskizze

Von Uve Schmidt

Der Bingel, den ich kannte, hätte unter anderen Umständen höchstwahrscheinlich heute nicht hier gesessen, aber ganz gewiss auch nicht als Gastgeber anlässlich seines 80. Geburtstages in einem von Präsentkörben verstopften Eigenheim, sondern womöglich in einem Wanderzirkuszelt auf der prospektiven Baustelle des künftigen Romantikmuseums, denn Horst Bingel war kein Turnschuhspitzenfunktionär, aber ein guter Kerl und Poet dazu.

Ich hoffe, dass sich die meisten von Ihnen an diesen Spruch noch korrekt erinnern als mittelalterliches Knittelversexempel und als Geschäftskarte des Hans Sachs, denn dieser Dreizeiler belustigte nicht nur, sondern ging ein ins urbane deutsche Volksbildungsvermögen als eine moralische Maxime, sowohl die Handwerke als auch die Künste und die in beiden Berufen anzustrebende Meisterschaft gleichermaßen zu ehren in der richtigen Reihenfolge: Zuerst die Erwerbstätigkeit, dann das künstlerische Vergnügen, vor allem aber sollte man „etwas Vernünftiges gelernt” haben. Der reale Hans Sachs brachte es immerhin zum Zunftmeister und Ratsherrn, wenngleich sein Handwerk wenig Renommee hatte späterhin, da die meisten lederverarbeitenden Gewerke als anrüchig galten; die Poeterey hingegen stand in hohem Ansehen, denn sie setzte eine gewisse Gelehrtheit voraus und hatte auch unter Analphabeten ihren oralen Stellenwert. Ich erinnere daran, denn außer dem „Aussterben” der Schuhmacherei als Lehrberuf und Straßenwerkstätte hat sich an den Wirrnissen und Widrigkeiten einer Meistersängerlaufbahn bis heute nichts wesentlich geändert, wenn wir uns der Frage annehmen: Wie kam ein junger musischer Mensch mit literarischen Ambitionen in den 50'er und 60'er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in die Vorauswahl zu den Wartburger oder Nürnberger Lyrikendausscheidungen und damit zu einem Verlagsvertrag? Außer dem „unverlangten Einsenden” von Manuskripten oder dem Anrempeln von Cheflektoren in deren Stammlokalen gab es nur zwei Wege: Das Studium der Germanistik bei einer einschlägigen Kapazität oder die Ausbildung zum Buchhändler in einem Unternehmen, wo man nicht nur ein gut sortiertes Angebot kennenlernen konnte, sondern vor allem dessen Vertreter, welche wussten, welche Verlagsinterna sie mit dem hoch motivierten Ladenschwengel verrechnen konnten. Zumeist langte es schon, wenn der zielstrebige Novize einen älteren Eingeweihten traf, und genau das traf sich in entsprechenden Buchhandlungen, Salons und Kneipen unserer Metropolen und Universitätsstädte, wenn unser junger Mann einem ortsansässigen Literaten oder Branchenkenner gefiel, wie es mir um 5 Uhr früh in EDENS SALOON geschah, als ich dem Berliner Malerpoeten G.B. Fuchs eine Kippe spendierte, man ins Gespräch kam und ich alsbald zu V.O. Stomps nach Stierstadt am Taunus zog, im Herbst 1959 als ordentlich relegierter Student der Freien Grafik von der Hochschule für Bildende Künste in Westberlin, um u.a. den ehemaligen Kunstschüler und Buchhandelsgehilfen Horst Bingel kennenzulernen.

Der Mann, der mir als „unser Hobi” vorgestellt wurde, war der Größte unter allen Adlaten des Vauo und später der Größte unter den jemals amtierenden Bundesvorsitzenden des Deutschen Schriftstellerverbandes und obwohl er sich schlecht hielt (d.h. seine leicht gebeugte Haltung verkürzte ihn um einige Zentimeter), wirkte er geradeaus hünenhaft vermittels einer Pudelmütze (Modell Kremlglocke) und einem Paar mächtiger Filzstiefel, dazwischen tintenblaue Pluderhosen und eine lange, moosgrüne Cordsamtjacke, was keine russophile Kostümierung war, sondern sein saisonaler Hausdress, denn man erwartete einen sibirischen Winter und der von insgesamt 3-5 Personen bewohnte Stammsitz der EREMITENPRESSE (ein primitives Fachwerkgemäuer) ruhte auf uralten, ebenerdig verlegten Dielenbrettern, quasi Sargdeckeln über dem Welteiskern. Allein Bingel präsentierte sich als standesbewußter Realist. Während der fatalistische Trotzkopf Stomps winters wie sommers alte Nadelstreifenanzüge auftrug und seine nackten Zehen auf verschneiten Wegen ums Haus sehen ließ, vermummten seine Mitarbeiter sich gemäß dem Vorbilde Bingels, seine erste stumme Lektion in Sachen Kriegskindererfahrung: „Tragt, was die Natur gebietet, ertragt, was die Natur gestattet!” Also lag Bingel auch tagsüber im Bett, denn nur die Druckerei wurde beheizt und Bingels Behausung befand sich entgegengesetzt von dieser Wärmequelle, und so redigierte er wach & wirkmächtig in einer Art Brutburg aus fellgefüttertem Fußsack, Frau-Holle-Plumeau, diversen Häkeldecken und Kissen aller Formate als Chefredakteur die STREIT- ZEITSCHRIFT, ein von Stomps erdachtes, verlegtes und produziertes Periodikum im handbreiten Hochformat, deren jede Nummer einem Thema gewidmet war, so dass Bingel in den Heizperioden (d.h. in den Wochen seines Winterlagers) quasi den kompletten Jahrgang zusammenstellen konnte, was ihn davor bewahrte, in der übrigen Zeit sein verheißungsvolles Leben als Passivraucher und Pseudotrunkenbold zu verkürzen; vorstellbar frönte Bingel einer geheimen Rohkostpassion, wie wir vermuteten, denn er vermied gemeinsame Mahlzeiten, lud niemals zum Essen ein und brachte nie etwas Essbares mit, geschweige berauschende Getränke, wenngleich er nicht müde wurde, am Telefon seinen „pantagruelischen Dauerdurst” zu verwünschen und die Trankopfer zu kritisieren, womit er seine Weinkennerschaft andeutete und die gesellschaftliche Gewöhnung an gargantueske Gelage, vor allem in Luxemburg, dem Elsass und der Schweiz, weil man sich dort mit den Köchen und Sommeliers unterhalten konnte. Dennoch oder gerade deshalb war seine parteipolitisch und geopolitisch grenzüberschreitende Rührigkeit überaus erfolgreich, eben weil er die Drinks in die Mingvasen und Kübelpalmen kippte, weil er keine Weibergeschichten hatte, keine Verkehrsstrafen und keine Kontakte zur SPRINGER- Presse, nichts mit Tieren, Kellnern und Naziakten, kurz ein gutes unbescholtenes Leben. Wer Horst Bingels Affinität zu Regenschirmen erinnert, darf sich denken, dass Hobi auch mal mit dem falschen Wetterdach eine vegetarische Nachtbar verließ, und Bingel den Niedergang, schließlich den Ruin des Heinrich-Heine-Verlags anzukreiden, wäre zwar legitim, aber überhaupt nicht nötig, denn Hobi war weder ein Kaufmann, noch ein Fachmann, sondern ein virtueller Frühstücksdirektor und Optimist. Und ein Poet dazu! Wer einen Lyriker als Talentscout mit Prokura bestallt, macht nicht den Bock zum Gärtner, sondern den Abstinenzler zum Kampftrinker, und so geschah es Hobi. Gleichwohl war ihm klar, dass das Kapital seiner vielfaltigen Beziehungen (von der Freimaurerloge bis zu den Spitzen der FDP, der er tatsächlich beitrat) sich nicht vermehrte, wenn er es nur für sich oder lediglich zum puren Selbstzweck einsetzte; in der Tat ging er sehr klug damit um und hinterließ nach dem krankheitsbedingten Ende seiner „aktiven Zeit” jede Menge Mitwisser seiner direkten und indirekten Entwicklungshilfen und Wohltaten. Typisch für ihn war, nie über passendes Kleingeld zu verfügen, wenn unter durstigen Literaturproduzenten der Schlapphut herumging, er aber immer einen Tipp hatte, wo die nächste und preisgünstigste Einkaufsmöglichkeit bestand, wenn nicht gar eine spendable Quelle sprudelte. Ja, er kannte die verschiedenen Brünnlein und die großen Gesundheitsbäder und er scheute sich auch nicht, von der Werbung als diskretem Arbeitgeber zu munkeln, wo er für ein paar flotte Sprüche ä la Persil bleibt Persil schnell ein paar Tausender verdiene. Ob Bingel à la Bazon Brock wirklich die regionale Wirtschaft Südhessens werblich und unternehmensphilosophisch aufmischte, darf bezweifelt werden, doch sein Ruf als großer Beweger nahm zu und wuchs, denn seit er im Feuilleton der FAZ gedichtet hatte WIR SUCHEN HITLER und dort eigens eine Protestbriefpoststelle eingerichtet werden musste, um die Hitlersuche und „die Auswüchse modernster Lyrik” zu regulieren, hatte sich Hobi als Federkielspitze der deutschen lyrischen Neutöner empfohlen und als Schriftleiter, Herausgeber und Conferencier etabliert. Ansonsten lasen wir von ihm wenig, zumeist Kurzes und Schmales, gleichsam Lesezeichen, während unsere Großschriftsteller immer dickere Romane und unsere Poeten immer längere Gedichte schrieben. Gleichwohl blieb Hobi im Gespräch, vor allem als Gesprächsleiter und Gesprächsverkäufer und in dieser Rolle erinnerte er mich an gewisse amerikanische Showproduzenten, die selbst weder singen, noch tanzen können, aber als Könige des Broadway galten und jederzeit einer Taschenpfandung zum Opfer fallen konnten. Obwohl Bingel in seinen Kurzbiographien lange Aufzählungen lieferte über seine westeuropäischen Wanderjahre und die dabei ausgeübten Jobs als Jugendherbergsvater, Fischereiaufseher, Plantagendispatcher, Schafzähler und Steinbruchwächter habe ich ihn niemals bei irgendeiner körperlichen Tätigkeit ertappt, ich bezweifele sogar, dass er jemals Weihnachtsgeschenke eingepackt hat, was allerdings selbst in Buchhandlungen seinerzeit unüblich war, und obschon er in seinen Annalen wissen lässt „Malerei und Bildhauerei studiert” zu haben, muss ihn ein teuflisches Abkommen daran gehindert haben, jemals wieder bildnerisches Werkzeug und Material nur anzurühren. Über seine Heimatregion sprach er nie, genauer, Kindheit und Jugend waren für ihn chez nous kein Thema, so wie alles über Frauen, Fußball und Fernsehfunk verpönt war auf Schloss Sanssouris sowieso, aber beim Hobi auch im Café Laumer. Tatsächlich drehten sich in den 60er Jahren unsere Gespräche immer nur um das Eine: Wie kommt man ohne SPD-Parteibuch zu einer Einladung der GRUPPE 47!? Horst Bingel meinte, die Sozis würden ja nicht mal einen eignen Literaturpreis vergeben und für andere Referenzpapiere seien wir zu spät geboren, ein Fingerzeig, den ich freilich erst vor einigen Jahren kapierte… Damals dachten wir uns, dass der seltsame Herr Bingel vielleicht viel älter ist, als angegeben und/oder womöglich ein Doppelleben führt. Heute weiß ich: Unser Hobi war eine zeitlos multiplexe Goldrandexistenz.

Dass sein erstes Gedichtbändchen, welches by der ERIMITENPRESSE erschien, ausgerechnet Kleiner Napoleon hieß, ist wahrlich bezeichnend: In der Tat war Korbach sein Korsika, Stierstadt bei Frankfurt am Main sein Paris, Stuttgart sein Moskau und das Westend sein souveränes Elba. Ja, er war ein kleiner Napoleon, doch im Gegensatz zu anderen Strategen und Eroberern verspritzte er auf den Schauplätzen und Gefechtsfeldern seiner publizistischen und privaten Papierkriege jener Jahre kein echtes Blut, sondern nur seine verzaubernde enzianblaue Füllfedertinte und, so viel ich weiß, kam es nie zu Kollateralschäden unter Kollegen dort, wo er auf seinem Schimmel antrabte. Und wo wirklich scharf geschossen wurde folgte er dem Vorbild eines anderen Militärs und Geschichtenerzählers, dem Freiherrn von Münchhausen: Er ritt auf einer Kanonenkugel ins unfreundliche Lager, strahlend wie Hans Albers und geschichtenmächtig wie der Flunkerbaron entschärfte er seine Lage als der Schelm mit dem reißfesten Schöpfe. 1962 schrieb ich in einer Rezension über Herbert Heckmanns epischen Erstling Das Portrait. „ Seine Parabelprosa steht in der Ahnenreihe Jesus, Äsop, La Fontaine und Kurt Kusenberg und nach ihm ist nun Horst Bingel angetreten, uns nachdenklich zu stimmen als Neuerer der kleinen mysteriösen Form.” Zitatende. Heute beurteile ich ihn weniger feinkariert; unverkennbar verkörperte Bingel in jeglicher Beziehung den klassischen Märchenonkel, der sich rechtzeitig vor dem Hessischen Kinder- & Landfrauenfunk ins Wilde Kurdistan des Literaturbetriebs gerettet hatte, um uns zu zeigen, was eine Barke ist. Zweifellos war der oberflächlich betrachtet blasse Bingel eine ungewöhnliche schillernde Persönlichkeit genialischer Strukturierung oder, wie Rüdiger Safranski in seinem Bestseller über Goethe feststellt, dass jener „sich deutlich anmerken ließ, wenn seine ihn stets umgebende merkwürdige Heiterkeit alle Welt wissen ließ, wie weit man damit kommen kann, wenn man es als Lebensaufgabe annimmt, derjenige zu werden, der man ist”. So ein Typ war der Hobi, und, so Safranski weiter über Goethe, „er ließ immer nur soviel Welt in sich hinein, wie er produktiv verarbeiten konnte. Er überließ es anderen, einen geschlossenen inneren Zusammenhang auszuklügeln und folgte primär seinen Instinkten.” Soll man das bedauern oder gar beanstanden, wenn derjenige kein gefürstetes Universalgenie war oder gewesen wäre?

Zum Abschluss meiner Betrachtungen möchte ich Sie mit einer filmischen Fundsache erfreuen, dem Abspann einer Dokumentation, die am 8. Juni dieses Jahres nachts um halb 11 Uhr auf Phoenix gezeigt wurde, nämlich das Opus Fritz Bauer – Tod auf Raten. Der Film schloss mit einer Danksagung an die überschaubare Anzahl von Personen, welche als Freunde, Weggefährten, Kollegen oder Sonstige über Fritz Bauer kenntnisreiche Auskunft gegeben hatten und somit diesen dankenswerten kritischen Nekrolog ermöglichten. Kraft seines Nachnamens stand Horst Bingel an vorderster Stelle und ihm folgten sehr viele, die ich nicht kannte und etliche, die ich kannte, aber bis zu den Letztgenannten – dem Ehepaar Ingrid & Gerhard Zwerenz – war kein einziger Schriftsteller der Sparten Lyrik und erzählende Prosa, kein Romancier und kein Dramatiker dabei. Selbst wenn es dafür eine einfache Erklärung gibt, besagt dieses bloße Faktum, dass der Dichter Horst Bingel auch ein guter Deutscher war.

Herzlichen Glückwunsch, lieber Hobi!

Zum 80.Geburtstag von Horst Bingel am 6. Oktober 2013 im Mousonturm zu Frankfurt am Main vorgetragen.

Hochstädter Lyriknacht 2013 in Erinnerung an Horst Bingel in der Evangelischen Kirche von Maintal-Hochstadt.

Ein Video-Clip von © Coco Hackel, Faust Kultur

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erstellt am 22.10.2013

Horst Bingel. Foto: privat
Horst Bingel. Foto: privat
zur person

Horst Bingel

Geboren 1933 in Korbach, gestorben 2008 in Frankfurt am Main.

Bingel verbrachte seine Kindheit in Thüringen und im Ruhrgebiet. 1947 zog er nach Hessen. Von 1954 bis 1956 studierte er Malerei und Bildhauerei an der Staatlichen Zeichenakademie in Hanau.

Von 1957 bis 1969 war Bingel Redakteur und später auch Herausgeber der Streit-Zeit-Schrift. 1965 gründete er das Frankfurter Forum für Literatur. Er gab mehrere Lyrik- und Prosaanthologien heraus. Bingel war außerdem Mitglied des P.E.N. Von 1971 bis 1978 leitete er den Verband deutscher Schriftsteller, abwechselnd auf Landes- und Bundesebene.

Seit 1960 lebte Horst Bingel als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main.

www.horstbingel.de